Ein Hauch von Magie

22.07. – Soeben habe ich den Damm erreicht, passiere den ersten Bogen und laufe in gerader Richtung; jenen Weg der allgegenwärtigen Schönheit, der sich scheinbar in der Verlängerung leidenschaftlich mit dem Horizont vereinigt und an manchen Tagen im Jahr eine Himmelsleiter bis zum Boden offenbart – als Einladung in die Unendlichkeit. Noch habe ich das Ende des Pfades nicht erreicht, als rechts oberhalb von mir eine Art Rascheln zu vernehmen ist, welches schnell wieder verstummt. Ruhe. Plötzlich höre ich ein lautes Krachen, ähnlich einem brechenden Ast und in dem just wiederkehrenden Knistern in den Baumkronen läßt sich ein gewaltiger Flügelschlag ausmachen. Bereits beim ersten Geräusch suchten meine Augen die Bäume ab, doch nun sollte ich die Quelle erspähen – ein riesiger Seeadler verließ die Wipfel und flog direkt vor mir gen Himmel davon. Ein derart gewaltiges Exemplar habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Zutiefst beeindruckt blieb ich stehen und beobachte, wie er sich am Firmament mehr und mehr entfernte – bis er endgültig verschwand. Ergreifend.

23.07. – Während meines Rückweges unterbrach ich den Lauf an einem zentralen Punkt des Dammes und begab mich zum Wasser. Der Himmel bot sein schwärzestes Antlitz feil, gleichwohl blieb jedwedes Naß aus. Enttäuschte Hoffnung. Umso ungehaltener demonstrierte der Wind seine uneingeschränkte Macht und trieb die dunklen Wolken unbarmherzig vor sich her. Indes sich die Seewellen bescheiden heraushielten und nur verhalten in das Naturschauspiel einstimmten. Ich blickte auf den weitläufigen See hinaus, die Wellen plätscherten leise an das Ufer – in der Ferne ankerte eine weiße Yacht, sie bot somit einen leuchtenden Kontrastpunkt und nicht allzu weit vom Ufer beschäftigte sich ein Fischer in einem alten Kahn mit seinen Reusen. Vor meinem geistigen Auge erschien die Begebenheit aus dem Jahr 2008, wo ich während eines Nebellaufes auf Charon traf, der mich zu einer Überfahrt über den Fluß Styx in die Unterwelt verleiten wollte; klirrende Ketten – Geisterstimmen im Nebel. Ich weiß, es ist der gleiche Mann von damals, der sich vermutlich seiner damaligen Erscheinung nicht einmal bewußt war.

Welch greifbare Ruhe! Das beruhigende Plätschern des Sees dominiert die stille Atmosphäre des melancholischen Momentes. Ich schwelge in Erinnerungen und diverse Ereignisse seit diesem grandiosen Nebellauf enttarnen sich abrupt in meinen Gedanken und verflüchtigen sich ebenso schnell wieder. Welle um Welle erreicht den Strand, der leise Wind liebkost mich von allen Seiten und das Leben zieht mit jedem Atemhauch von der Zukunft in die Vergangenheit. So stehe ich am Ufer und lasse meinen Geist ungehindert schweifen und gebe mich ganz den Gefühlen hin; die dahin ziehenden Wolken, mein mentales Ich und die Gefühle verbinden sich in Harmonie und Zufriedenheit und manifestieren sich im Dasein des geschätzten Augenblickes. Was ist wirklich wichtig im Leben? Alles ist unbedeutend, nur dieser eine Moment ist von Bedeutung, denn er ist das machtvolle Leben – konzentriert in diesem Bruchteil der konstruierten Zeit. Und so folgt Welle um Welle, Gedanke um Gedanke, die sich im Nichts auflösen, bis ich die friedvollen Sekunden bewußt beende, mich umdrehe und den Lauf fortsetze – doch weiterhin mit melancholischen Erinnerungen und Gedanken.

25.07. – Der heutige Lauf war noch jung, ich durchquerte den ersten Wald und hörte ein geräuschvolles Getöse, welches von links immer näher kam. Daß es sich um Piepmätze handelte, war mir zwar sofort klar, allein die Art konnte ich nicht sogleich definieren. Ich mußte nicht lange ausharren, denn zwei Nachwuchsbuntspechte rasten spielend durch den Forst und veranstalteten ein Theater, als ob nicht zwei Spechte, sondern 20 den Wald unsicher machten. Sie schienen noch sehr jung und jagten sich gegenseitig; einer versteckte sich rechts von mir, während sich der andere an einem Baum festhielt und mich groß ansah. Nach der kurzen Pause jagte er dem anderen wieder nach und die lautmalerische Unterhaltung begann von vorn. Unbändige Lebensfreude.

26.07. – In der formidablen Ausdehnung des Himmels kreisten der riesige Seeadler und ein Rotmilan, den ich in letzter Zeit vermehrt beobachten durfte. Der erste Raubvogel etwas weiter entfernt, der zweite vollzog seine Runden in der Nähe. Mein Lauf führte mich über eine Wiese, die vor kurzem gemäht wurde, so daß sie nun wieder passierbar ist. Ich laufe an einem Hochstand vorbei, der nicht der allgemein üblichen Norm entspricht und eher klein ist – oberhalb sitzt ein edler Bussard, der majestätisch jede Bewegung mit seinen scharfen Augen verfolgt. In nur fünf Metern laufe ich an diesem prächtigen Greifvogel vorbei und rede ihn – natürlich – sofort an. „Naaa, meine Schöööne!?“ – Der Kopf des Bussards dreht sich und behält mich im Auge, er flüchtet jedoch nicht. Dieses wunderbare Prachtexemplar strahlt eine stolze Eleganz aus, die ihresgleichen sucht. Einmal mehr begeistert, setze ich meinen Weg fort. Erhabener Stolz. –

Vier magische Momente aus den vergangenen Tagen, die für mich mein Täglichlaufen par excellence symbolisieren. Ich bin zutiefst dankbar, ungeachtet aller Herausforderungen, daß mich das seltsame Spiel des Lebens zu einem Täglichläufer bestimmt hat. Denn, wie viel ärmer wäre ich, wenn ich nur unregelmäßig meine geliebte Natur im Laufschritt aufsuchen würde – und nicht täglich? Langjähriges Täglichlaufen ist bei aller widersprüchlichen Natürlichkeit nur eines, ein Gefühl – ein Hauch von Magie. Man kann es nicht versuchen oder verstehen, nein, man muß es empfinden, lieben und leben. Bedingungslos – aber auch temporär mit Zweifeln. Täglichlaufen kann jeder. Aber wer meinen Artikel nachvollziehen möchte, der muß das Täglichlaufen und die Natur wahrhaftig lieben. Von Herzen. Tief aus dem Innern heraus.

28 Antworten to “Ein Hauch von Magie”

  1. Ein wunderschöner Beitrag von dir, vollgestopft mit deinen Empfindungen und Erlebnissen. Du kannst das so wunderbar in Worte fassen, sodass man das alles vor seinem geistigen Auge hat.

    Schon gestern beim Lesen hab ich mir gewünscht diese Momente manchmal mit dir teilen zu können. Garade im Moment wäre es vom Vorteil.

    Wieviel ärmer wären wir, würdest uns du nicht an deinen Erlebnissen teilhaben lassen. Danke dir!

    Früher noch zu Hause, da gab es viele Tiere, Vögel usw, aber jetzt in der Stadt? Nichts. Schade eigentlich. Geniesse es, solange du die Möglichkeit dazu hast.

  2. Das waren nur wenige Beispiele aus den vergangenen Tagen. Eigentlich müßte ich täglich bloggen, um der Natur und meinem Täglichlaufen auch wirklich gerecht zu werden. Aber das ist nicht möglich.

    Die Natur ist eben einzigartig – ich hoffe, daß ich sie in der Form noch lange genießen darf.

    Ich danke DIR – für Deinen steten Zuspruch. *verneigt sich*

    Eine Stadt ist eben kein Wald. Ich bin froh, daß die Wälder nicht weit von hier entfernt sind, wenngleich die Straße dahin mehr oder weniger unsäglich ist.

  3. Würdest du jeden Tag bloggen, wäre es nichts besonderes mehr. So ist das schon gut.

    Darum möchte ich endlich weg aus der Stadt, aber es ist halt nicht so einfach.

  4. Besonderes ist es eh nicht, nur unbedeutende Gedanken und Erlebnisse – die wie ich sind: Staub im Wind.

    Ich weiß, aber wer weiß schon, wie sich die Zukunft entwickeln wird.

  5. Es sind deine besonderen Erlebnisse und ganz bestimmt nicht unbedeutend!

    Wir werden sehen, was noch so kommt.

  6. Doch. Das ganze Leben ist ein unbedeutendes triviales Spiel.

    „…in diesem trivialen Kreislauf der endlichen Unendlichkeit.“

  7. Guten Morgen, Marcus-

    eine Flut von Erlebnissen- und so wunderschönen!

    Ich kann es gut nachempfinden- wenn ich hier auch seltener auf solche Tiere treffe, da ich ja nur am Waldrand entlang laufe…

    Im Wald ist es noch viel intensiver… die Ruhe spürbarer.

    Vielen Dank fürs Teilhaben lassen- und ich wünsche Dir noch ganz viele solcher tollen Erlebnisse. Es gehört auch dazu, dass man die Antennen dafür hat. Manche sehen den Wald vor Bäumen nicht 😉

    Liebe Grüße- von Ines

  8. Nur eine kleine Auswahl von Erlebnissen, liebe Ines – selbst diese wenigen Beispiele sind schon recht umfangreich geworden.

    Die Ruhe des Waldes verdichtet sich nicht selten zu einer gefühlten Greifbarkeit. Ich liebe das zutiefst; kein menschliches Wesen stört. Absolute Einsamkeit.

    Ja, man sollte die Augen schon aufmachen, um die wahren Schönheiten des Lebens zu erkennen. Allerdings, die wahrhaft schönen Dinge des Lebens kann man nicht mit den Augen sehen, sondern mit dem Herzen. Nur mit dem Herzen. 🙂

  9. Running Otto Says:

    Hey Marcus, was andere mit Videos und Fotos nicht schaffen machst du locker mit Worten. Unglaublich! Das ist ganz grosses Kino! Als ob man dabei gewesen wäre, so plastisch lässt du uns teilhaben. Der einzige Blog, wo mich die Laufberichte mitreissen.

    Thx dafür.

    Mach dein Streak weiter, um so mehr Berichte darf ich mit Freude erwarten.

    MfG

  10. Besten Dank für Deine Zustimmung, Otto. Doch das waren nur wenige Beispiele. Meine richtigen Laufberichte sehen noch ein wenig anders aus. Heute handelt es sich nur um eine Zusammenfassung.

    Meine Laufphilosophie lebe ich solange wie möglich – das versteht sich von selbst. 🙂

  11. Lieber Marcus,

    es ist einfach immer wieder ein höchster Genuss, Deinen wunderbar formulierten Laufen leserisch folgen zu dürfen! Und wie immer empfinden wir währenddessen sehr ähnlich, ja nahezu identisch, was mir immer wieder das Gefühl vermittelt, direkt neben Dir selbst an Deinen Erlebnissen teilzuhaben. Wunderbar.

    Danke, lieber Marcus!

  12. Lieber Steffen,

    dann bist Du der Schatten gewesen, der mir dann und wann folgte. 😉 Allerdings hätte es in dem Fall regnen müssen, da mir scheint, Du ziehst selbigen im besonderen Maße an – ich hingegen mehr die Sonne.

    Aber so ist das, man kann sich das Wetter nicht aussuchen, nur akzeptieren.

  13. „Aber so ist das, man kann sich das Wetter nicht aussuchen, nur akzeptieren.“ und genau das ist das das Gute dieser Welt, das man es eben nicht in der eigenen Hand hat, egal in welcher Hinsicht!
    Nein, es so zu nehmen wie es ist und IMMER etwas positives daraus zu ziehen und gutes darin zu sehen, das ist die wahre Erfüllung.

  14. Ja, wem das gelingt – in schlechten Dingen oder in Herausforderungen das Positive zu entdecken – was immer da ist – der lebt zufriedener. Wie wahr.

    Wenn ich mir das Wetter aussuchen könnte, dann bekäme ich großen Ärger. Ich sage das R-Wort jetzt nicht. Auch das S-Wort nicht. 😀

  15. Och, mit mir bekämst Du keinen Ärger, dessen kannst Du Dir gewiss sein!

  16. Als leidenschaftlicher Regenläufer versteht sich das von selbst. Wir würden das Wetter schon nutzen. 🙂

    Das hier ist sehr treffend (wenn auch schon öfter zitiert):

    Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?“

    Der Schäfer: „So, wie ich es gerne habe.“

    „Woher wißt Ihr, daß das Wetter so sein wird, wie Ihr es liebt?“

    „Ich kann nicht immer das bekommen, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt, immer das zu mögen, was ich bekomme. Deshalb bin ich ganz sicher: Das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“

    Was immer geschieht, an uns liegt es, Glück oder Unglück darin zu sehen.

    (Anthony De Mello)

  17. Dem ist nichts hinzuzufügen!

  18. Maximal das hier:

    😀

  19. Hallo Marcus,
    tolle Begegnungen hattest Du in den letzten Tagen. Das können fast nur einsame Läufe gewesen sein, sonst wäre das wohl nicht möglich. Wenn ich früh genug unterwegs bin, sehe ich auch viel mehr, als am Nachmittag. Es gefällt mir auch gut, wie Du Deine Erlebnisse in Worte zu fassen magst.
    Liebe Grüße
    Kornelia

  20. In der letzten Zeit waren meine Läufe in der Tat relativ einsam – zumindest zu Beginn. Das kann von mir aus gerne so bleiben, da ich das sehr schätze.

    Dazu noch ein kräftiger Regenguß, wie gestern Abend – aber das ist Wunschdenken.

  21. Hallo Marcus,

    wie so oft ein Artikel mit Tiefgang, toll zu lesen, Danke! Mir ist es gestern ganz ähnlich gegangen, ich entdecke gerade wie sehr mich das Laufen auch in anderen Lebensbereichen beeinflusst: http://iblog.torstenglorius.de/2010/07/27/ein-perfekter-tag/

    LG Torsten

  22. Das Täglichlaufen ist wie eine Kletterpflanze – es breitet sich immer mehr aus (Wirkung), die Ranken entführen uns und tangieren viele Lebensbereiche. Schön, oder?

    Ich möchte es nicht missen.

  23. Hallo lieber Marcus,

    deine Erlebnisse sind soo schön und soo beeindruckend. Du kannst die Natur aus vollen Zügen genießen – so wie es nur sehr wenigen Menschen möglich ist. Einen Seeadler aus nächster Nähe beobachten zu können – das ist einfach gigantisch schön, wie überhaupt alle deine Erlebnisse. Es ist ein Genuß, dies zu lesen.
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!
    Viele liebe Grüße
    Petra

  24. Ja, liebe Petra, das hätte ich mir auch nie träumen lassen. Und dann gleich so ein riesiges Exemplar – ich war, nein, bin total begeistert. Schade, daß ich diese wunderbaren Greifvögel nicht auf Bildern festhalten kann. Ich vermute, daß sie flüchten, wenn ich anhalte und mit einer Kamera hantiere. Das würde ich als Seeadler auch so machen. 🙂

    Genieße den (Restsonntag)!

  25. Lieber Marcus, Die Momente die du da beschreibst sind allesamt wunderbar und einzigartig. Ich freue mich mit dir, denn auch ich dars in einer änlich wunderbaren Umgebung laufen wie du. Wir können froh sein dass wir das Glück haben in einer natürlichen Umgebung zu leben und sie täglich genießen zu dürfen ohne uns Gedanken machen zu müssen was wir am nächsten Tag essen oder wo wir schlafen. Dafür sollten wor dankbar sein und uns demütig vor Mutter Natur verneigen. Vögel wie Seeadler Oder Andere selten Greifvögel wird es vermutlich nicht mehr lange in freier Wildbahn zu sehen geben und so sind wir vermutlich eine der letzten Generationen die die Ehre hat sie in ihrer ganzen Pracht bewundern zu dürfen. Ich finde es traurig das wir es so weit getrieben haben das solche Tiere vom Aussterben bedroht sind.
    Dennoch wünsche ich dir weiterhin viel Freude bei deinen täglichen Läufen. Und auch wenn ich hier zur Zeit etwas wenig aktiv bin möchte ich dich wissen lassen dass ich alles was sich heir tut so weit ich kann auch verfolge.

    Liebe Grüße

    Marcel

  26. Man darf nur den einzelnen Moment genießen, in dieser Sekunde gelingt es vielleicht die Zeit für einen Bruchteil des Lebens anzuhalten. Den Augenblick leben und genießen. An die Konsequenzen unseres menschlichen Handelns auf diesem Planeten darf ich gar nicht denken, wenngleich ich derlei schon oft thematisiert habe. Wir werden uns nicht ändern, entsprechend die Fahrt in den Abgrund, die immer schneller wird…

    Genieße das Leben!

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