Von Rehen und Regen

Die letzten Tage enttäuschen nicht. Nein, im Gegenteil, nicht so wie anno 2009. Damals dominierten unerfüllte Sehnsüchte, energisch zurückgewiesene Regensinnlichkeit. Bar jeder Zuversicht. In diesem Jahr durfte ich bereits 15 Regenläufe absolvieren – im gesamten vergangenen Jahr nur 19. Welch besondere Gnade! Und sogar vier in Folge – in drei Tagen. Dies läßt hoffen. Auf mehr. Auf viele weitere traumhafte Regenläufe. Nach meinem Lauf am Montag sinnierte ich nicht lange; ich wechselte die Garnitur, zog meine neuen Laufschuhe an und warf mich erneut dem erfrischenden Naß mit einem Lächeln entgegen. Den zweiten Lauf begründete ich damit, daß ich die Schuhe einlaufen müßte, was zwar stimmte, aber doch nicht primär als Legitimation verantwortlich zeichnete. In Wahrheit zogen mich die geliebten Regenmächte einmal mehr in ihre Welt, eine nasse Einladung, die ich als Täglichläufer nicht ablehnen konnte – und wollte. Der Wind peitschte mir die gelobten Wassertropfen bravourös in mein Antlitz, sie rannen herab und vereinigten sich auf dem Boden mit Abermillionen ihrer Art. Täglichlaufen im Regen – eine natürliche Synthese voller Liebe und Leidenschaft, eine Kombination, die eine lächelnde Zufriedenheit generiert. Auf einen aktuellen Regenlaufbericht verzichte ich an dieser Stelle, zu persönlich waren meine Gefühle, mein Empfinden.

Als ich gestern die Schafweide passierte, verharrte eine Ricke vor mir auf dem Weg, die sogleich im Wald verschwand. Ich lief weiter und genoß das kühle Naß, welches unbeirrt zart lieblich und dennoch sehr bestimmt seinen Weg auf die Erde bahnte. Vor wenigen Tagen ließ mich ein Rehbock auf zehn Meter an sich heran – und das zweimal. Am Dienstag sollte ich den Grund für dieses scheinbar zutrauliche Verhalten erfahren. Auf der Wiese sah ich erneut das Reh, welches sich leicht duckte und mich wachsam beobachtete. Wenige Meter davor stand ein Rehkitz und sah mich neugierig an. Durch dieses Erlebnis wurde mein Lauf jählings unterbrochen, ich mußte anhalten und das süße Rehbaby beobachten. Nachdem ich es einige Sekunden lang ansprach – und das Kitz sich sicher fragte, was der nervende Täglichläufer eigentlich von ihm wolle – setzte ich meinen Weg fort. In diesen Sekunden dachte ich nur, DAS ist Täglichlaufen. Täglichlaufen. Regen. Natur. Zufriedenheit und Genuß auf höchstem Niveau. Unbeschreiblich schön, diese – meine Welt.

Später, auf dem Rückweg begegnete ich wieder der Ricke – an der gleichen Örtlichkeit, was ich nun als ungewöhnlich interpretierte. Meine Augen suchten die Grundstücke in unmittelbarer Nähe ab und jetzt erkannte ich die Ursache für ihr Verhalten. Zwei kleine Rehkitze sprangen im Garten umher und fiepten immer wieder. Ebenso das Mutterreh auf dem Weg, ein klägliches Fiepen – da die Familie durch einen Zaun getrennt war. Herzzerreißend! Ich wollte helfen und konnte dennoch nichts tun. Die Tore ließen sich leider nicht öffnen und nach einiger Zeit trat ich den Heimweg an. Anschließend schlugen die Versuche den Eigentümer zu informieren fehl – auch der Kontakt mit der Forstverwaltung scheiterte. Doch vielleicht sollte es so sein; denn die Kleinen sind von allein auf das Grundstück gekommen, ergo sollten sie mit einiger Ruhe und der mütterlichen Unterstützung selbiges auch verlassen können. Möge es gelungen sein! Schließlich soll man auch aus dem Nest gefallene Piepmätze nicht irrtümlich „retten“, da man in der Majorität das Gegenteil damit erreicht.

So wie der Mai verging, begann der Juni. Relativ frisch, stürmisch und mit viel Regen. Ich wünsche mir eine Fortsetzung auf dem Pfad zum 200. Regenlauf – auf die letzten zehn Jahre bezogen. So wie ich es von Herzen liebe – als mein exponierter Weg in die Erfüllung. Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet. (Heinrich Heine).

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19 Antworten to “Von Rehen und Regen”

  1. Einen wunderschönen verregneten guten Morgen wünsch ich dir!

    Dir gefällt es, mir nun nicht mehr. Es ist einfach zuviel des Guten. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich die Terrasse in der wärmenden Sonne nutzen durfte. Entweder ist es kalt oder wie seit Wochen, es regnet. Ich bin ja nur froh, dass wir hier nicht Gefahr laufen, dass wir überschwemmt werden. Hier gibt es auch 50 % Ernteausfälle bei den Erdbeeren. Für die Bauern schlimm.

    Aber trotzdem freut es mich für dich, wenn du solche Läufe geniesst und es ist schön zu lsen 🙂

    Ich hoffe, dass die Kitze den Weg zur Mama wieder gefunden haben. Nicht auszudenken, wenn da so ein freilaufender Hund auf die los geht. Ich denke dabei an Mama Schaf, die ihre Zwillinge deshalb verloren hat.

    Wird es heute der 201. Regenlauf bei dir? Hier könntest du ihn geniessen, wenn nicht sogar davon schwimmen *gg*

  2. Merci, den wünsche ich Dir ebenfalls! Möge er von Sonne dominiert sein – ungeachtet meines Themas hier. 😉

    Wie Du ja weißt, bezieht sich meine exponierte Regenliebe auf den Laufzeitpunkt – danach kann von mir aus die Sonne scheinen. Ja, irgendwann nervt es, wenn es nur noch regnet. Aber wer weiß, bald ist es über Wochen nur noch heiß, dann meckern auch wieder alle. Man ist nie zufrieden. Letztendlich ist das Wetter irrelevant – es ist nicht änderbar, wozu also jammern?

    Die Kitze waren auf dem Grundstück, von daher kann kein Hund gefährlich werden. Und die Mutter würde flüchten. Ich vermute, daß die Familie wieder vereint ist. Zumindest hoffe ich das.

    201. Regenlauf? Nein, derzeit stehe ich bei 192. Ein wenig fehlt mir noch.

  3. Nachtrag: Einmal goß es so extrem, da sagte ich zu einem Ehepaar, „das ist schon Schwimmen, kein Laufen mehr“ – die lachten so laut, daß es im Wald schallte. 😀

  4. Ach, dann hab ich das falsch verstanden mit dem 200. Regenlauf *gg*.

    Natürlich können wir das Wetter nicht ändern und das ist auch gut so. Aber Schneefall am 2. Juni? Regen ohne Unterlass? Es macht trübseelig und nervt.

    Hunde können springen. Sie Kitze kamen auf das Grundstück, also gibts auch für die Hunde eine Möglichkeit. War Mama Schaf nicht in ihrem Gehege als das passierte? Hoffen wir das Beste für die lütten.

    Schwimmen wäre nun eher angesagt, als laufen *gg*

  5. Schnee im Juni. Wenn ich an den vergangenen „harten“ Winter denke, paßt das irgendwie. Und, es geht doch auch auf Weihnachten zu. Oder nicht? 😉 Aber ja, Du hast Recht. Ein wenig Sonne wäre durchaus angenehm.

    Die Schafmama lustwandelte auf dem Weg, soweit mir bekannt ist. Auf der Flucht ist sie gestürzt, durch das Glatteis.

    Ich war zwar mal in einem Schwimmverein, aber mich deucht, dies ist nicht mein Element. Das ist mir zu naß. 😉

  6. Bin schon gespannt wie das Wetter bei meinen Eltern ist. Bald werd ich ja sehen, ob auch da der Schnee liegt *g*.

    Arme Schafmama, oft muss ich dran denken! Freilaufende Hunde haben ja die Ziege auf dem Nebengrundstück meiner Eltern zerlegt…

    Kann es sein, dass du dich ein bisschen widersprichst was Wasser angeht? *lach*

  7. Hoffentlich nicht, gell? Aber eine Schlittenfahrt im Juni hat etwas…

    Ich bin ein einziger Widerspruch in sich. Ich bin seit 1999 Täglichläufer und doch sehe ich mich als Antisportler. Noch Fragen?

    Auf das Wasser bezogen, Schwimmen ist nicht meine Welt – Regenläufe schon. 🙂

  8. Keine Fragen *gg*

  9. Guten Morgen, Marcus-

    was für ein faszinierender Lauf!
    Die Liebe, die Du zum Regen hegst ist wirklich schön 🙂
    Ich freue mich sehr für Dich,dass Du so eine Beobachtung der Rehe machen konntest und drücke mit Dir die Daumen, dass die kleinen Racker wieder bei Mami sind und die Besitzer nicht gerade im Urlaub.

    Ich selber bin auch grad von meinen beiden Rackern getrennt (na, Gott sei Dank habe ich 3 Kinder und bin nicht ganz alleine*lach) und nutze die Zeit, abends etwas länger zu laufen…

    Dann hoffe ich, Du wirst dieses Jahr reich beschenkt und kannst weitere, schöne Läufe genießen und beschreiben…

    Einen wunderschönen Tag von Ines!

  10. Brigitte, vielleicht später? 😉

    Das war er in der Tat, Ines! Solch kleine Rehkitze habe ich nun zum ersten Mal gesehen; vor allem auch die Nähe war bemerkenswert. Ich stand unmittelbar davor, wenngleich eine andere Situation mir lieber gewesen wäre – im Hinblick auf die Putzels. Ich gehe davon aus, daß sie nun behaglich den Wald erkunden und demnächst die tödliche Nähe der Menschheit meiden.

    An so eine Trennung muß man sich erst einmal gewöhnen, gell? Aber umso größer die Wiedersehensfreude! 🙂 Und länger laufen, ist doch auch wunderbar.

    Auch Dir einen herrlichen Tag, mit einem Genußlauf!

  11. *lach- mein großer Sohn meinte heute beim Frühstück- was machst Du mal, wenn wir alle ausgezogen sind?
    Naja- wir telefonieren 2x täglich- meine „Putzels“ sind sehr anhänglich – genau wie ihre Mami 😉

    Aber dafür konnte ich die viele Mutterliebe gestern an einem Nachbarskater auslassen- seine Menschen sind schon die 2. Woche verreist und genoß es so sehr, dass ich ihm ausgiebig seine vermißten Streicheleinheiten gab *lach

    Ja- mal wieder länger laufen ist toll!

    Kommst Du an dem Grundstück nochmal vorbei um zu schauen, ob die Kitze in Freiheit sind? Mein Mutterherz macht sich große Sorgen.

    Dein Lauf ist sicher schon vorbei für heute- ich genieße die menschenleere Abendstimmung heute wieder- mal sehen, ob ich naß werde 🙂

    Liebe Grüße- Ines!

  12. Ich finde solche Anhänglichkeit oder nennen wir es lieber Familienbande sehr schön. Derlei ist heutzutage auf dem Rückzug, flächendeckend. Heute ist das fast schon etwas Besonderes – was früher mehr oder minder an der Tagesordnung war. Natürlich auch nicht überall. Genieße es, liebe Ines! 🙂

    Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Vermutlich handelt es sich um einen Brummkater, der sehr liebebedürftig ist. Wenn ich meine Putzels einst streichelte, fragte ich mich, wer mehr Freude daran hat – die Miezekatzi oder doch ich. 😉

    Ich lief heute zweimal an dem Grundstück vorbei und von den Kitzen war keine Spur zu finden. Das gilt auch für die Ricke – niemand mehr da. Ich gehe davon aus, daß sie in Freiheit sind.

    Heute rechnete ich auch, daß die Einsamkeit absolut wäre, worin ich mich irrte. An einer Kreuzung im Wald kamen von drei Seiten Läufer – und trafen sich fast in der Mitte. An der Stelle hätte ich das nie vermutet. Witzig.

    Viel Spaß heute Abend, möge Deine Abgeschiedenheit Realität werden!

  13. Hallo Marcus,

    hier hat es lediglich am Wochenende geregnet und auch am Montag. Doch gestern und heute schien die Sonne und die Temperaturen liegen über 20 Grad. Doch die Regenläufe am Sonntag und Montag habe ich auch sehr genossen. Jetzt ist es nicht mehr so kalt und ich finde den Regen dann sehr angenehm.
    Dein Bericht über die Rehkitze ist sehr schön. Ich hoffe sehr, dass sie wieder zurück zu ihrer Freiheit finden.
    Wünsche Dir noch angenehme Regenläufe .

    Liebe Grüße
    Kornelia

  14. Heute kam zum ersten Mal seit einiger Zeit die Sonne wieder hervor. Bis dato dominierte die Regenwelt. Ich betrachte den Regen per se als sehr angenehm, wobei ca. 05 – 10 C° für mich perfekt wären.

    Die Rehe sind bestimmt wieder in Freiheit, da ich sie nicht mehr antraf.

    Demnächst wird die Magie der Sonne – die Macht des Regens brechen. Der stete Wandel des Lebens. Doch auch schön.

  15. Lieber Marcus,
    die Regenläufe seinen Dir von Herzen gegönnt und mit 15 an der Zahl hast Du mich ja schon fast eingeholt ;-)!

    Welch ein schönes Erlebnis mit dem Rotwild, wirklich beneidenswert. Solche Tierkontake fehlen mir hier fast gänzlich, lediglich die ein oder andere Schafts- oder Kuhherde auf eingezäunten Wiesen erfreuen mein Gemüt. Aber selbst dafür bin ich schon sehr dankbar!

    200 Regenläufe, eine gewaltige Zahl! Ich bin gespannt wann es soweit ist.

    Wenn Dir das Wetter weiterhin hold ist wird es sicherlich nicht mehr all zu lange dauern, gelle?

    Ganz liebe Grüße,
    Steffen

  16. Dieses Jahr schürt die Hoffnung auf mehr. Wenngleich aktuell die Sonne doch sehr bestimmend ist… Aber auch sehr schön!

    Ich will nicht übertreiben, aber Rehe sehe ich nahezu täglich. Und wie bei den Menschen finde ich es immer sehr interessant, die unterschiedlichen Charaktere zu erleben, von panischer Flucht über Neugierde bis hin zu entspannten Begegnungen.

    Die 200 rückt langsam näher, auch ein schönes Jubiläum. Nur schade, daß ich mir derlei zu Beginn nicht notierte.

    Ich wünsche Dir einen angenehmen Feiertag! Hier wird leider nicht gefeiert. 😉

  17. Wie immer ein sehr stimmungsvoller Bericht: wirklich schön! – Dieses Wochenende musst Du auf Deine geliebten Regenläufe verzichten. Aber ich hoffe, Du wirst auch dieses erste Sommer-Wochenende genießen. Ich freu mich jedenfalls sehr darauf, denn ich bin ein bekennender Schönwetterläufer 🙂

  18. Leider, leider Eddy! Aber bei aller Regenliebe – weiß ich doch auch die Sonne sehr zu schätzen. Gestern erlebte ich einen wunderbaren Sonnenlauf und das war einfach nur schön. Erst wenn es in Richtung 30 C° und mehr tendiert, benötigt die Anpassung (körperlich wie mental) ihre Zeit, da ich eigentlich mehr ein Kältefan war und bin. Dennoch, auch der Sommer ist natürlich schön. 🙂

    Ich wünsche Dir ein sonniges Wochenende und viel Freude beim Laufen!

  19. […] eine Begegnung mit einer Ricke, die nicht zu ihren Kitzen gelangen konnte – ein herzzerreißendes Erlebnis. Ein weiteres Ereignis stand ebenfalls im Zeichen der Trauer. Im Rahmen von Forstarbeiten wurden in […]

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