Die Trias der Zufriedenheit: Einsamkeit. Harmonie. Einklang.

Donnerstag. Sie war schon da. Noch bevor ich den beginnenden Tag begrüßte, war sie schon da – die Dunkelheit. Die nächtliche Finsternis verflüchtigte sich zwar bei Tagesanbruch, gleichwohl wurde die vermeintlich helle Zeit von einer tiefen Schwärze beherrscht. Heimlich gesellten sich ohne Vorwarnung trübe Regenwolken dazu. In meinem Vorgängerbeitrag zogen sie wehmütig von dannen, nun sind sie zurückgekehrt. Gewaltige Flotten von Wolkengaleonen präsentierten sich in einer prächtigen Parade – auf facettenreichen Graunuancen basierend – und demonstrierten der entfernten Erde ein kräftiges Regenkonzert. Eine bis in das kleinste Detail abgestimmte Symphonie, welche stakkatoartig die Regentröpfchen in die ehedem sommerliche Welt entließen. Einmalig komponiert – eine Ode an das Leben. Die Einladung dem kunstvollen Werk als Zuschauer respektive Läufer beizuwohnen, nahm ich nur zu gern an. Bei angenehmen 18 C° begann ich mit großen Schritten meinen täglichen Lauf. Sofort prasselte das kühle Naß unaufhörlich auf mich ein. Ich hieß die Nässe willkommen – so wie sie mich auch – wir wurden eins und das Konzert begann. Mein Hohelied auf den Regenlauf.

Ich rechnete mit einer absoluten Einsamkeit in meinem Laufareal, was sich später jedoch als Irrtum offenbaren sollte. Auf Grund der parkenden Autos am Waldrand wußte ich bereits vor einem etwaigen Kontakt, auf wen ich treffen würde. Wenige Minuten später spazierte auf dem Damm im strömenden Regen eine Grußfreundin mit ihrem Hund. Sie strahlte mich an und sagte, „Nun hast Du Dein Lieblingswetter!“. Sie hatte es vortrefflich erkannt! Déjà vu! Die gleiche Frau, der gleiche Ort, fast der gleiche Satz – wie in meinem letzten Regenlaufbericht. Selbst ungewöhnliche Situationen wiederholen sich. Es sollte für heute die einzige Begegnung mit Menschen sein. Glücklicherweise. Tropfen für Tropfen kostete ich jeden Meter der Laufstrecke aus. Während meines Rückweges hielt ich an dem Zugang zum verborgenen Pfad an, um meinen Lieblingsplatz aufzusuchen.

Auf dem engen, geschlängelten Weg dorthin trat exakt das ein, was ich längst befürchtet hatte. Riesige Pfützen eroberten das Terrain. Es regnete bisher nur wenige Stunden und der Zugang war dennoch kaum passierbar. Bei Dauerregen wird der Weg derart überschwemmt sein, daß der Strand nicht mehr erreichbar ist. Heute aber gelang mir noch der hoffnungsfrohe Durchbruch. So stand ich erstarrt am Ufer des im Sturm aufgewühlten Sees, die Regentropfen suchten sich ebenso wie die unbarmherzigen Wellen ihren Weg und ich sah nur schweigend auf das Wasser hinaus – zugleich streichelte mich unablässig der behagliche Wind. Mein Körper glich einer Dampfsäule, während der liebevolle Niederschlag stetig zunahm. Die Zeit vergessend, sämtliches Denken auf ein absolutes Minirum reduziert. Nur noch fühlend. Was ich in diesen Moment fühlte, läßt sich nicht mit Worten beschreiben – vielleicht erfaßt der Terminus „Traum“ am ehesten die mir offerierte Impression. Mit sanfter Gewalt mußte ich mich zwingen, den Lauf fortzusetzen – sonst würde ich wohl jetzt noch an diesem Platz stehen und die dargebotene anmutige Schönheit der Natur genießen.

Bedecktes Land. Leere Weite. Ungestüme Freiheit. Beherrschende Einsamkeit, trotziger Regen und leiser Sturm arbeiteten Hand in Hand und hielten jeden aufmüpfigen Besucher von meiner Welt entfernt, was ich sehr zu schätzen wußte. Die Tiefe des Waldes wirkte durch die konzentrierten Regentröpfchen weitaus finsterer als es sonst die Regel ist. Eine aussichtslose Dunkelheit streckte ihren Arm nach mir aus – ich wehrte mich nicht – sie umarmte mich und zog mich in den schwarzen Wald. Hier intensivierten sich die wohlriechenden Düfte des Forstes, tief sog ich die würzige und belebende Luft ein – die darin geballte Energie war beinahe greifbar, ja sichtbar! Parallel sondierten weitläufige Pfützen die Wege. In der Ferne leuchtete der blaue Regenschutz der Waldarbeiter – und tatsächlich beherbergte selbiger drei Männer mit ausdruckslosen Gesichtern. Ich musterte sie ebenfalls emotionslos mit versteinerter Miene und ließ mich von der Abgeschiedenheit weiterhin forttragen. Sicherlich empfanden sie die heutige Wetterlage nicht mit den Gefühlen wie ich es tat.

Meine hingegen, waren überaus hochfliegender Natur. Das Gros meiner Läufe absolviere ich in relativer Ruhe und Harmonie. Doch jene Läufe, die besonderen Witterungsverhältnissen geschuldet sind, übertreffen diese angenehmen Gefühle um ein Vielfaches. Das Bewußtsein tritt in den Hintergrund, nur die elementaren Empfindungen sind noch von Bedeutung – durch die Welt laufend, mit dem Geist unbewußt fliegend – stürme ich durch die Wälder, nur die grundlegendsten Dinge fühlend. Ein Genuß der Zufriedenheit par excellence.

Alles hat seine Zeit. Und selbst traumhafte Läufe flüchten in die Vergangenheit. Ich beschloß noch eine zusätzliche Runde anzuhängen und lief ausnahmsweise direkt an der Straße entlang. Selbst gewähltes Kontrastprogramm. Alle paar Meter zierten lustige Wahlplakate die Straßenlaternen. Spöttisch dreinblickende Gesichter auf jedem, in Kombination mit diverser Wahlkampfpropaganda. Beispielsweise „Reichtum für alle!“ – Ich sehe die Politiker regelrecht vor mir, wie sie kaum noch vor Lachen gehen konnten, als sie sich diesen Unsinn ausdachten. Auch die Märchen der anderen Parteien sind genauso absurd, ja, höchst lächerlich. Während ich ein Schild nach dem anderen im Laufschritt passiere, frage ich mich, ob die Initiatoren ernsthaft davon ausgehen, daß nur ein einziger Bürger diese unehrlichen Versprechen auch nur im Ansatz glaubt? Das glauben sie doch selbst nicht! Den unrealistischsten Himmel auf Erden versprechend, um nach der Wahlposse die Kollektivamnesie auszuleben. Immer die gleiche Komödie lethargischer Lügengeschichten einer inkompetenten Kaste. Wie langweilig. Den temporären, absurden Gedankenausflug in die Politik schüttele ich nur zu gerne von mir ab, um die restlichen Meter meines Regenlaufes mit voller Hingabe zu genießen.

So endet mein wunderbarer Regenlauf. Ein Lauf, wie er in diesem Jahr bisher viel zu selten aufgetreten ist. Nichtsdestotrotz keimt in mir die leise Hoffnung, daß mich der Herbst diesbezüglich nicht enttäuschen wird. Doch die Zukunft ist noch nicht geboren.

20 Antworten zu “Die Trias der Zufriedenheit: Einsamkeit. Harmonie. Einklang.”

  1. Danke für diese wunderbare Ausführung, beim lesen konnte ich es regelrecht fühlen und spüren. Freue mich schon auf meinen heutigen Lauf im Regen.

    Gruß Heiko

  2. Willkommen auf meiner Seite, Heiko!

    Hoffentlich kannst Du auch wirklich im Regen laufen – wenn ja, so beneide ich Dich! Eben gießt es (reinste Wolkenbrüche), doch leider lief ich heute früh schon. Und als Regen werte ich das nicht.

  3. Hallo lieber Marcus,

    ich habe beim Lesen mit dir gefühlt und mich mit dir gefreut!
    Über deinen kleinen Ausflug in die Politik habe ich mich köstlich amüsiert, vor allem über den Begriff der Kollektivamnesie! 😀

    Viele liebe Grüße
    Petra

  4. Ja, liebe Petra, ich schätze die Regenfraktion unter den (Täglich)läufern hätte das mehr als genossen!

    Der kleine Absatz mußte leider sein. Dabei verabscheue ich diese Kaste. Nun ja. 😉

  5. Guten Abend Spotzl!

    Erst deine Freude über den bevorstehenden Herbst, nun die Freude über einen sooo schönen Regenenlauf – ja, das bist DU.

    Beim Lesen merkt man, wie sehr dir dieser Lauf gut getan hat, wie sehr du solche Läufe ab und an brauchst.

    Hoffentlich ist der Weg zu deinem Strand nicht permanet überflutet, denn genau diesen würdest du wohl sehr oft aufsuchen.

    Ein wirklich schön Bericht, bei dem man fast schon mitlaufen konnte 🙂

  6. Ja, wohldosiert in einer richtigen Intensität. Ständig Regen ist natürlich auch unschön.

    Im Herbst wird der Zugang geschlossen sein. Ich kenne noch andere Wege, die ebenfalls überflutet sind – dort ist kein Durchkommen – so wird das auch mit diesem werden.

    Ja, Du warst dabei – mein Schatten! 🙂

  7. Hihi, ich war immer einen Schritt hinter dir 🙂

  8. Und das bei jeder Geschwindigkeit! 😀

  9. Ich glaube da müsste ich einfach passen *lach*.

  10. Nicht als Schatten! 😉

    Ach, Geschwindigkeit ist eh irrelevant. Obwohl wir uns gemeinsam schon auf einen Kompromiß einigen müßten. 🙂

  11. Hallo Marcus,
    ein schöner Bericht über Deinen Regenlauf. Manche Wege sind dann tatsächlich überschwemmt. Das kenne ich hier auch. Doch wenn ich einmal richtig nass bin, macht mir das auch nichts mehr. Dann platsche ich halt dadurch. Ich weiß jedoch nicht, wie sehr Deine Wege dann überschwemmt sind. Doch durch große Pfützen zu patschen macht auch Riesenspaß! Ich weiß noch, als im Winter die Wege allmählich auftauten. Was war das für eine Schlammschlacht. Es wurde ständig kalt und nass an den Füßen. Der alte Kneipp hätte sicher seine Freude daran gehabt.
    Heute und in den letzten Tagen hatte ich keinen Regenlauf. Ich habe irgendwie immer die Momente erwischt, wo es gerade nicht regnete, obwohl ich es nicht drauf anlegte. Es war reiner Zufall.
    Die Wahlplakate finde ich auch hier fürchterlich. Letzte Woche war noch Kommunalwahl. Auf dem Weg zum See ist an einer Stelle wirklich jeder Baum mit dem gleichen Gesicht versehen, bestimmt 30 Stück hintereinander, auf der anderen Seite das Gleiche. Ist fast schon Psychoterror, finde ich. Naja, da müssen wir wohl durch.
    Wünsche Dir noch ein schönes Wochenende!
    Liebe Grüße
    Kornelia

  12. Im Herbst/Winter steigt generell der Wasserspiegel. Der See kommt näher und übernimmt die Wege – da habe ich keine Lust bis zu den Knien im Wasser zu waten – meine Schwimmzeit ist vorbei. Und wenn es nicht gießt, schon gar nicht. 😉

    In der Regel bin ich derjenige, der die regenfreien Phasen erwischt. Das ist halt Glückssache.

    Von den sinnlosen und unehrlichen Inhalten der Wahlplakate abgesehen, was bezwecken die damit? Nur weil da Mr. X am Baum hängt, wähle ich dennoch nicht diese Partei. Ich verstehe den generellen Sinn nicht. Bei mir ist genau das Gegenteil der Fall, je mehr davon auf mich einprasselt, umso gereizter werde ich.

    Nun ja, nach der Wahl ist vor der Wahl. Die lustige Langeweile wiederholt sich beständig.

  13. Hallo Marcus,
    wie immer von Dir eine wunderbare Beschreibung Deines Laufes.
    MAn kann richtig mitfühlen, und man merkt regelrecht, wie sehr Du den Regen mit all seinen Facetten und Gerüchen herbeigesehnt und regelrecht aufgesaugt hast. Und ich hoffe für Dich, dass Du für Deine sommerlichen Entbehrungen reich belohnt wirst.

    LG
    Steffen

  14. Je seltener der Genuß, desto größer die Sehnsucht! Dieses Jahr enttäuscht bisher – aber noch ist alles offen. Und der Herbst wird sich von seiner schönen Seite zeigen, so hoffe ich. Schön = Regen. 😉

  15. Lange musstest Du dieses Jahr auf so einen Lauf warten.
    Aber so wie es sich anhört, hat sich das Warten gelohnt! 😉

  16. Der Lauf war herrlich, ja – aber bereits der sechste Regenlauf in diesem Jahr.

  17. Hallo Marcus,

    eigentlich wollte ich der Petra einen Kommenatr reinsschreiben, aber erst mal bin ich dem Link zu dir gefolgt und „hängengeblieben“. Also erst mal Gratulation zu diesem Blog! Deine Stimmungsbeschreibungen finde ich absolut gelungen! Genau das ist es doch, was das Laufen so schön macht. Nicht die 3 Sekunden mehr oder weniger über den Marathon – sondern die Gedanken mitlaufen zu lassen und das Drumherum wahrzunehmen. Ich freue mich über Jeden, der das auch so sieht, auch wenn ich zum Thema „Täglichlaufen“ ein bisschen eine andere Meinung habe. Aber da liegen die Ursachen eher in den Erfahrungen, die ich so gemacht habe. Das ist kein Maßstab für andere. Ich wünsche dir weiter so tolle Erlebnisse und das der Streak ewig hält 😉

    Grüße aus dem Thüringer Wald vom Holger

  18. Willkommen auf meiner Seite, Holger! Und vielen Dank für Deine Antwort!

    Wahrscheinlich denkst Du über das Täglichlaufen das gleiche, was ich über Marathon usw. denke. 😉 Auch mein Denken liegt ursächlich in dem Weg begründet, den ich bisher gegangen bin. Doch letztendlich praktizieren wir bei allen Differenzen eine gemeinsame Basis – Laufen. Und das eint uns. Ich bin ebenfalls kein Maßstab und freue mich über andere Läufer, die die gleiche Freude am Laufsport haben. Das zeichnet die wahren Sportler aus, Respekt und Toleranz – wie ich finde.

    Zu meiner Laufserie kann ich sagen, daß es von Vorteil ist, immer nur den heutigen Tag zu sehen. Bisher gelang es mir recht gut, Gesundheit, Zufriedenheit und Täglichlaufen zu vereinen. Wobei das alles aneinander bedingt.

  19. Schön wirklich schöm geschrieben.
    Heute werde ich anch fast drei Wochen auch mal wieder die Laufschuhe schnüren.
    Meine Viruserkrankung ist jetzt 10 Tage her und ich kann wieder laufen.
    Ich ahbe sogar kein gramm zugenommen.
    Habe meine Ernährung umgestellt und fühle mich gut.
    Meine Sehnen und Knochen sind halt noch ein wenig schlapp aber das ist normal nach einer langen laufpause.
    mein bericht kommt die tage.

    liebe grüße
    marco

  20. Viel Freude bei Deinem Lauf, Marco – das Gefühl nach drei Wochen Pause muß unbeschreiblich sein! Aber auch wenn Du kuriert bist, übertreibe es nicht gleich mit einem langen Lauf. Laß es ruhig angehen! Umso schöner wird es und Du riskierst nichts.

    Viel Spaß und alles Gute!

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