Ausgeliefert. Auf Lebenszeit.

Täglichlaufen. Wenn ich auch mein Denken diesbezüglich in zahllosen Artikeln auf meiner Seite en détail erläutert habe, so wird folgender Punkt stets mein Bewußtsein dominieren. Eine Thematik mit der ich mich schon viel zu oft beschäftigt habe. Die Zeit. Immer wieder die Zeit. Das Täglichlaufen hat meine Zeitwahrnehmung auf eine gänzlich andere – konzentrierte Ebene gehoben und das Wissen, daß es sich hierbei um ein künstliches Konstrukt des menschlichen Geistes handelt, tangiert diesen Eindruck mitnichten. Diese bewußte Sensibilisierung begann sich im Endstadium meines ersten Täglichlaufjahres zu offenbaren, fokussiert durch die tägliche Dokumentation. Seither rasen die absolvierten Lauftage/Jahre von der Zukunft in die Vergangenheit – mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die ihresgleichen sucht. Tag für Tag, Jahr um Jahr – man ist der Lebenszeit machtlos ausgeliefert. Äquivalent einem Raubtier, welches uns seit der Geburt liebevoll begleitet und langsam verfolgt – bis es uns dereinst immer schneller jagt, die Liebe sich in Kälte wandeln wird, um uns dann routiniert aus dem Spiel zu nehmen. Hoffnungslos.

Wie bereits vor kurzem in meinem Beitrag Staub im Wind angesprochen, sind wir – die Menschen respektive unser Leben – nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Unendlichkeit. Staub im Wind, ein Hauch im Nichts. Dieser Umstand wird mir nicht nur durch das Täglichlaufen sehr intensiv vor Augen geführt. Auch mein genealogisches Hobby trägt das seine dazu bei. Wenn ich beispielsweise Kirchenbucheinträge lese, in denen Heiraten, Geburten und Todesdaten erfaßt wurden, so ist dies ein zutiefst surreales Gefühl. Ich lese von Hochzeiten, von den Paten, von Feiern, der Geburt geliebter Kinder und nicht zu vergessen – das beständige und unaufhaltsame Sterben am Ende. Die Menschen hinter den Einträgen und Buchstaben lebten, liebten und feierten – sich und das Leben. Beim Studieren dieser Daten verliere ich mich nur zu gerne in den Fragmenten meiner Vorfahren, doch dann schlägt die Einsicht erbarmungslos zu. Wie lange ist das her? Wann lebten jene Personen, von denen ich soeben las? Vor 300 Jahren. Vor 250 Jahren. Vor 200 Jahren. Das Lebensglück längst vergangener Zeiten. Erschreckend. Verging für sie damals die Zeit ebenso rasant?

Eine Laune der Natur hat mich zu einem ihrer Nachfahren bestimmt, hineingeworfen in die menschliche Welt. Eine Welt, die mit gebührlichem Abstand zu einer kümmerlichen, absurden Posse mutiert. Lächerliche Probleme, die uns unablässig beschäftigen und dennoch nicht gelöst werden wollen. Gewolltes Leid, globales Elend, Armut im Überfluß und die verinnerlichte, ja, fast schon genetisch bedingte Gier nach Geld und Kriegen. Zu viele Menschen, die sich und ihr Handeln in der jeweiligen Kaste als wichtig definieren und doch nur kleine, hilflose Marionetten sind – und auf Kosten ihrer Kinder, der zukünftigen Generationen agieren. Zerrbilder ihrer selbst. Großunternehmen, Staaten und Organisationen, die letztlich alle vereint den finanziellen Aspekten unseres monetären Lebens hinterher hetzen, um doch nichts Sinnvolles zu erreichen. Und das wirkliche Sein vergessen. Das wahre Leben ist nicht käuflich zu erwerben – das war es noch nie. Gesundheit, Liebe, Familie, Harmonie und Zufriedenheit. Doch man muß den Wert des Lebens erkennen, bevor man leben kann. Ja, ich existiere in der bizarren Welt der Menschen, die ich nie verstehen werde. Ich schließe mit einem nachdenklichen Gedankenspiel, welches sich nahtlos in das Thema einfügt.

Stellen Sie sich vor, Sie haben bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen: Jeden Tag, stellt Ihnen die Bank 86.400 Euro auf Ihrem Bankkonto zur Verfügung.

Doch auch dieses Spiel hat – genau wie jedes andere – gewisse Regeln. Die erste Regel lautet:

Alles, was Sie im Laufe des Tages nicht ausgegeben haben, wird Ihnen wieder weggenommen, Sie können das Geld nicht einfach auf ein anderes Konto transferieren, Sie können das Geld nur ausgeben. Aber jeden Tag, wenn Sie erwachen, stellt Ihnen die Bank erneut 86.400 Euro für den kommenden Tag auf Ihrem Konto zur Verfügung.

Die zweite Regel ist:

Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sagen: Es ist vorbei, das Spiel ist aus. Sie kann das Konto schließen und Sie bekommen kein neues mehr.

Was würden Sie tun?

Sie würden sich alles kaufen, was Sie möchten? Nicht nur für Sie selbst, auch für alle anderen Menschen, die Sie lieben? Vielleicht sogar für Menschen, die Sie nicht einmal kennen, da Sie das nie alles für sich allein ausgeben könnten? In jedem Fall aber würden Sie versuchen, jeden Cent so auszugeben, daß Sie ihn bestmöglich nutzen, oder?

Wissen Sie, eigentlich ist dieses Spiel die Realität. Schon immer.

Jeder von uns hat so eine derartige Bank. Wir sehen sie nur nicht, denn die Bank ist die Zeit. Täglich bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt und wenn wir am Abend einschlafen, wird uns die übrige Zeit nicht gut geschrieben. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren. Gestern ist vergangen. Jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen, aber die Bank kann das Konto jederzeit auflösen, ohne Vorwarnung. Einfach so.

Was machen Sie also mit Ihren täglichen 86.400 Sekunden? Sind sie nicht viel mehr wert als die gleiche Menge in Euro? Vielleicht sollten wir jetzt anfangen zu leben?

(Unbekannt) – In Teilen von mir modifiziert.

32 Antworten zu “Ausgeliefert. Auf Lebenszeit.”

  1. Als ich deinen Beitrag *vorkosten* durfte, bin ich anfangs ja erschrocken, da ich nicht so recht wusste, was los ist.

    Ein schöner, wenn auch sehr sehr nachdenklicher Beitrag. Ja die Zeit rast nur so dahein. Als ich für dich in einigen Kirchenbüchern nach deinen Vorfahren gesucht habe, ging es mir ähnlich. Tiefe Ehrfurcht vor Menschen, die schon lange zu Staub zerfallen sind. Ich habe mir oft vorgestellt, wie sie wohl gelebt haben. Es war ein schönes Erlebnis.

    Ich versuche die 86.400 Sekunden so gut wie es geht zu nützen, denn zu schnell kann das Konto geschlossen werden.

    Danke Spotzl!

  2. Nichts ist los. Die Zeit ist ein Thema, was mich jedoch immer wieder beschäftigen wird. Gerade in dem Kontext, wenn man so sieht, was unsere Spezies täglich so treibt auf dem Erdball – das ist dermaßen aberwitzig, daß mir die Worte fehlen. Aber das wird sich nie ändern.

    Ich werde demnächst wohl mehr nachdenkliche Texte bringen – das sticht aus dem Laufeinerlei heraus. Ein bißchen kann man ja eruieren, wie sie damals lebten – eine spannende Geschichte!

    So sinnvoll wie möglich nutzen – ja – aber das gelingt nur, wenn es uns auch bewußt ist. Die meisten Menschen leben ohne zu leben.

  3. Ich mag deine nachdenklichen Texte und Gedanken. Auch deine Art das Leben zu leben und auch zu geniessen.

    Mittlerweile ist dein Blog kein reiner Laufblog mehr. Er wird für Leser, die sich nicht ausschliesslich mit dem Laufen beschäftigen, immer interessanter. Bisschen mehr Grips natürlich vorausgesetzt.
    Das Leben hält doch soviel Anderes für uns bereit.

    Deine Interessen beschränken sich nicht ausschliesslich mit dem Laufen, was ich sehr schön finde. Deine Freude nach deinen Ahnen zu suchen, dich in alten Zeiten zu verlieren, ist was besonderes. Du bist kein oberflächlicher Mensch, sondern gehst vielen Dingen auf den Grund.

    Natürlich stellst du auch unsere Gegenwart und Zukunft in Frage… wir machen alles um die Welt nicht mehr lebenswert zu machen. Wir zerstören und machen alles kaputt, was in Jahrmillionen aufgebaut wurde. Unsere Erde wird tagtäglich vergewaltigt.

    Gerade eben bist du in deiner Natur unterwegs, geniesst deinen Lauf! Aber es ist eben nicht alles für dich.

    Danke für einfach Alles!!

  4. Nicht übertreiben, liebe Brigitte! Dennoch herzlichen Dank für Dein Wohlwollen! 🙂

    Wahrscheinlich war es nie ein reiner Laufblog. Sicherlich könnte ich nur darüber schreiben, aber das möchte ich gar nicht. Viele Erlebnisse teile ich hier nur zu gerne, aber manche muß man für sich behalten.

    Auch nochmals herzlichen Dank für Deine erfolgreiche Hilfe damals! Durch die lokale Restriktion wurde ich zwar um meinen Spaß gebracht und Deutschland um das Geld, dennoch bin ich durch Dich an die Daten gekommen.

    Ansonsten stelle ich so ziemlich alles in Frage. Ich bin zu sehr Realist, um dies nicht zu tun. Beispielsweise die Nachrichten – ich bemühe mich, selbige gar nicht zu gucken. Anschließend stehe ich jedes Mal vor einem Wein- oder Lachkrampf – und weiß nicht, was angemessen wäre. Traurig!

    Der einzige Gedanke, der mich wirklich tröstet, ist die Tatsache, daß wenn unsere Spezies längst ausgestorben ist – die Natur genug Zeit hat sich zu regenerieren.

    • Ich übertreibe nicht. Ich kenne dich nur zu gut! Ich bin so frei zu sagen, ich kenne dich besser, als du dich oft selbst *lach*.

      In den alten Büchern bzw. Mikrofilmen zu suchen, war schon etwas besonderes, fast schon ehrfurchtvolles!

      Machen wir das Beste aus unserer näheren Zukunft – mehr können wir eh nicht machen.

  5. Lieber Marcus,

    Dein heutiger Beitrag ist ein echtes Juwel, warum? Genau das sind die Dinge, die die Menschen verdrängen, jeder nimmt sich so wichtig, viele Menschen glauben ihr Leben kontrollieren zu können. Irrtum, die Zeit hat die Kontrolle, wir reagieren und sind nur selten Herr der Lage.
    Ich finde vor allem das Gedankenspiel sehr anschaulich, wir sollten viel häufiger mit diesen Gedanken im Bewusstsein umgehen um diesen Prozess zu begreifen und viel bewusster zu leben, zu geniessen und nicht zu hetzen. Unsere Zeit ist begrenzt, dennoch sollten wir gerade deshalb viel öfter inne halten und mit Ruhe und Gelassenheit unserer Umwelt begegnen, denn nur dann würde uns unser Leben bzw. die verfügbare Zeit wesentlich länger vorkommen. Paradox? Nein, wir haben es einfach verlernt…

    In diesem Sinn

    Bis die Tage

    Salut

  6. Wie wahr, lieber Christian – Kontrolle haben wir nur bis zu einem gewissen Grad, danach entzieht sie sich, was wir aber nicht wahrhaben möchten und somit verdrängen. Der Gedanke ist wohl auch zu erschreckend, daß wir etwas nicht kontrollieren könnten.

    „Wir haben es verlernt.“ – Korrekt! Wenn ich mich an die Erzählungen meiner Großeltern erinnere oder einfach nur uralte Photos ansehe – sofort sieht man, daß damals eine ganz andere Zeit war, eben das, was uns heute fehlt. Ich will jetzt nicht auf die Schiene springen „früher war alles besser“ – das war es nicht, aber doch einiges.

    Mein Lieblingsbeispiel ist immer die einsame Blume am Wegesrand, die sich im Wind neigt. Wer hat die Zeit sie zu beachten und sich an ihr zu erfreuen? Fast niemand. Doch so ist unsere Welt heute.

    Genießen wir den Moment!

  7. ….dennoch sollten wir gerade deshalb viel öfter inne halten und mit Ruhe und Gelassenheit unserer Umwelt begegnen, denn nur dann würde uns unser Leben bzw. die verfügbare Zeit wesentlich länger vorkommen. Paradox? Nein, wir haben es einfach verlernt…

    Lieber Christian! Dieser Satz ist genial. Wir hetzen durch den Tag, glauben nichts schaffen zu können. Oft ist jede Sekunde verplant. Anstatt doch ab und zu genau das zu machen, was du in diesem Satz zum Ausdruck bringst!

    • Ja Brigitte, leider ist dieses Innehalten und Gelassen sein so schwierig, ich schaff es nur selten und eigentlich nur beim Laufen 😉

      Salut

      • Hier schließe ich mich an. Während des Laufens erreiche ich das elementare Innehalten am leichtesten; im Prinzip ohne bewußte Anstrengung. Dann trete ich in eine andere Welt ein – zumindest meistens, nicht immer.

  8. Der Vergleich zwischen dem Bankkonto und dem „Sekundenkonto“ eines Tages gefällt mir.

    Oft existieren und funktionieren wir allerdings einfach nur, ohne wirklich zu LEBEN.
    Das lässt sich natürlich oft nicht verhindern, schliesslich müssen ja zum Beispiel auch die Brötchen verdient werden.

    Aber da wir nicht wissen, wann unser Countdown abgelaufen ist, sollten wir versuchen, so viel wie möglich zu LEBEN. So lange wir noch können.

    In diesem Sinne: CARPE DIEM!

  9. Daß die Brötchen verdient werden müssen, versteht sich, Stefan. Doch das Wie kann man öfter mal in Frage stellen. Jemand sagte einmal, wir müssen das Leben nicht mit Jahren füllen, sondern die Jahre mit Leben. So lange wir können, ja – also pflücken wir den Tag!

    Ein schönes WE!

  10. Das find ich auch gut Christian! Das ist eben dein Ausgleich zum doch harten Alltag.

    Viele Menschen suchen für sich den richtigen Ausgleich um das Leben zu bewältigen.
    Stell dir vor alle würden auf deiner Laufstrecke unterwegs sein *gg*.

  11. „Stell dir vor alle würden auf deiner Laufstrecke unterwegs sein *gg*.“

    Das wäre ja schlimm! Wenn ich mir das so vorstelle, die Wälder voll mit Läufern, die Wildschweine und anderen Waldbewohner flüchten vor der Invasion. 😉

  12. Oha…und wieder einmal hast du so Recht. Viel zu oft verplempern wir Zeit….sinnlos mit irgendwelchem Kram den wir als wichtig erachten. Die Zeit rast dahin. Blicke ich zurück, sehe ich 2 Babys…klein und verhuzelt….schaue ich nach vorn, sehe ich eine erwachsene junge Frau und einen jugendlichen Luftikus. Wo sind die Jahre hin die dazwischen lagen? Weg…nur noch in der Erinnerung und auf Fotos vorhanden.

    Und irgendwie hab ich diese Woche einiges unbewusst richtig gemacht. Nicht das Laufen war wichtig, sondern ein ganz lieber Hausgenosse. Ich habe intensiv Zeit mit ihm verbracht….es war einfach schön.

    Und dir wünsche ich ein schönes WE!

  13. Klein und verhutzelt. Tja, wo ist die Zeit nur geblieben? Aus Kindern werden Erwachsene, die bald selbst Kinder haben – der Lauf des Lebens. Die Zeit vergeht, die Erinnerungen bleiben…

    Wahrscheinlich hast Du es deshalb richtig gemacht, gerade weil es unbewußt war. Bewußt unbewußt – das driftet jetzt zu sehr in die Philosophie ab.

    Genieße das WE, nutze jeden Moment intensiv, Anett!

  14. Brigitte, dubito, ergo sum! 😉

    Ja, das hat seine Faszination. Ich habe mir dann immer versucht Gesichter zu den Personen vorzustellen. Da liest man von Heiraten und dabei sind die Personen seit 200 Jahren tot. Das ist so ein komisches Gefühl.

    Zukunft: Und noch einmal: Dubito, ergo sum!

  15. Hallo Marcus,
    dieser Artikel erinnert mich an mein Lieblingsbuch „Momo“ von Erich Kästner. Auch darin geht es um die Zeit, die die Menschen viel zu sehr nutzen, um nach Geld, Karriere usw. zu streben anstatt wirklich zu leben und Spaß daran zu haben. Dabei hat es Erich Kästner auch noch so liebevoll geschrieben. Ich mag es sehr. Ich mag auch so nachdenkliche Artikel wie diesen hier. Sie erinnern einen daran, worauf es im Leben wirklich ankommt. Im tagtäglichen Stress geht das manchmal ein wenig unter. Immerhin haben wir durch das Täglichlaufen etwas gefunden, was uns hilft, wenigstens einmal am Tag, wenn auch nur recht kurz, inne zu halten, über uns und unser Leben nachzudenken. Das gibt auf jeden Fall jeden Tag Bonuspunkte auf unser Zeitkonto, oder?
    Wünsche Dir ein schönes Wochenende!
    Kornelia

  16. Kornelia, das Buch, bzw. der Inhalt klingt sehr passend. Ich habe es bisher nicht gelesen, weiß aber, daß es mal eine TV-Serie dazu gab, die ich auch nie sah. Mit so einem Wuschelkopf.

    Ich sammele meine Bonuspunkte sehr gerne. Und was ich bisher dafür eintauschen konnte, hat sich mehr als gelohnt. Auch würde ich immer wieder so handeln.

    Ebenfalls ein angenehmes Wochenende, vielleicht hast Du Glück und es regnet während Deiner Läufe!

    Stefan, danke! Ich sollte mal nach dem Autor recherchieren.

  17. Wenn man zu verbissen versucht, jeden Tag jeden letzten Pfennig (bzw. Sekunde) zu nutzen, bleibt aber auch einiges auf der Strecke.
    Ich stimme absolut mit dem „Carpe Diem“ Prinzip ueberein, habe es aber manchmal auch uebertrieben. In jeden Tag soviel Leben wie moeglich reinzuquetschen, soviel wie moeglich zu erleben, erfahren, machen, das kann auf die Dauer auch stressen. Seit ich schwanger bin bin ich gezwungen vieles langsamer angehen zu lassen und inzwischen sehe ich das auch gelassener. Sicher koennte morgen schon alles vorbei sein, aber andererseits lebe ich ja gerade im Moment extrem fuer die Zukunft. Da denke ich mir, dies oder jenes laeuft mir auch nicht weg oder es ist nicht schlimm, mal was zu verpassen. Frueher waere es fast undenkbar gewesen, ein Wochenende lang nichts zu machen. Heute koennen wir besser – nach unserem Sonntagmorgenlauf – oefter mal den ganzen Tag zu Hause rumgammeln und nichts tun.

    Wenn man wie wir immer nur begrenzte Zeit an einem Ort lebt bekommt man ein besseres Gefuehl fuer die Endlichkeit. Da wollen wir schon unsere Zeit an jedem Ort so gut wie moeglich nutzen. Es gibt dann aber natuerlich auch Kollegen, die sich einen Monat vor dem naechsten Umzug daran erinnern, wie wenig sie von der Region gesehen haben und quetschen panisch alles in die letzten Minuten. So wird es uns sicher nie ergehen.

  18. Den Tag angemessen zu nutzen, ist natürlich richtig. Doch bei allem Bewußtsein gilt auch hier der Satz: „Alles, was man übertreibt, wandelt sich in Traurigkeit“. Und den Tag mit zahllosen, geplanten Aktivitäten auszufüllen, ist auch nicht der Sinn des Gedankenspiels. Sich seiner selbst bewußt werden und erst einmal erkennen, was wirklich wichtig ist – wem das gelingt, der hat schon viel gewonnen. Erst dann lebt man. Und das muß nicht zwangsläufig mit Erlebnissen einhergehen, sondern gerade auch im Innenhalten und die Ruhe suchen. Doch letztendlich interpretiert das jeder anders für sich.

  19. Hallo Marcus,

    was Du heute hier geschrieben hast hat mich zu tiefst berührt, auch meine Frau steht den Tränen nahe, warum? Weil am 15.07. ihr Vater nach einem Leberkrebsleiden verstorben ist. Nun, das alleine ist es nicht, was uns so nachdenklich macht, auch nicht der Faktor Zeit, vielmehr aber doch die Tatsache, wie beschämend so mancher mit SEINER doch sehr begrenzten Zeit umgeht und wie sehr man sich durch negative Gedanken und Sichtweisen die schönen Dinge des Lebens verblendet. Auch wir sind der Meinung, lebe jeden Tag, als wäre es Dein Letzter, behandle Deinen Mitmenschen so, als würdest Du ihn heute das letzte mal sehen, genieße alles was Du tust, vielleicht tust Du es nie wieder, und erfreue Dich an den kleinen Dingen des Lebens, den sie sind es, die das Leben so wunderbar lebenswert machen! Dies hat mein Schwiegervater leider nie so gesehen, er war erfüllt von Misstrauen und negativem Denken, in Allem erst einmal das Schlechte sehen, das Glas war immer schon halb leer, und diese Lebenseinstellung wurde ihm dann auch auf tragische Weise zum Verhängnis.
    Wer nicht aus den kleinen Dingen positives ziehen kann, wer sich nicht an einfachen Dingen erfreuen kann, wer nie mit sich und der Welt zufrieden ist, wer dem Leben nicht positiv gegenübersteht und sich somit ein inneres Gleichgewicht und eine tiefgreifende Zufriedenheit verwehrt, der wird niemals die Kraft haben Gegebenes hinzunehmen und an sich selbst zu arbeiten, zu kämpfen und etwas an sich selbst zu verändern. Er wird immer nach Hilfe schreien, doch ihm wird niemand helfen können, denn er hat sich eigentlich schon selbst aufgegeben. Er hat die ihm zur Verfügung stehende Zeit nicht genutzt. Wir haben alles versucht, ihm alles ermöglicht, doch er ist trotzdem von uns gegangen, lange, bevor ihn der Krebs besiegte, er starb an Selbstaufgabe. Furchtbar!

    Durch das Laufen haben wir viel gelernt, wir haben gelernt, endlich wieder auf unseren Körper zu hören, ihn richtig wahrzunehmen, die Umwelt und die Natur wieder zu genießen, zufriedener, ruhiger und ausgeglichener zu sein, im Einklang mit seinem Innersten und seinem menschlichen Umfeld zu sein und die kleinen Dinge des Lebens wieder zu schätzen. Wie wichtig das ist sieht man, wenn die ZEIT abgelaufen ist!

    LG
    Steffen

  20. Da kann ich Euch nur meine Anteilnahme aussprechen! So eine Lebenseinstellung liest sich nicht schön und auch wenn mir eine Bewertung nicht zusteht, muß man sich fragen, warum er so geworden ist? Wieso hat ihn das Leben so gemacht/geformt? Alles hat seine Gründe, nur ist es für Außenstehende manchmal nicht erkennbar.

    Sich selbst aufzugeben, ist immer fatal. Damit lehnt man nicht nur sich selbst ab, sondern auch das Leben. Traurig!

    Dein letzter Absatz ist ein wunderbares Plädoyer für das Laufen, was so auch nur diejenigen verstehen, die das bereits leben. Für andere Menschen ist das unvorstellbar, was wir mit unserem Laufen für uns erreichen.

    Wie wichtig das ist sieht man, wenn die ZEIT abgelaufen ist! Exakt. Eine sehr weise Erkenntnis. Ich danke Euch für Eure traurigschöne Antwort, die auch sehr treffend das Leben widerspiegelt – Freud und Leid.

    Auf Eurem Weg in die Zukunft wünsche ich Euch mehrheitlich positive Erfahrungen!

  21. Auweia, jetzt ist mir aber ein Mißgeschick passiert! Selbstverständlich wurde „Momo“ von Michael Ende und nicht von Erich Kästner geschrieben. Bitte dies zu entschuldigen, ist mir sehr peinlich.
    Gruß
    Kornelia

  22. Ich habe den Fehler nicht einmal bemerkt, da ich das Buch nicht kenne. Also halb so wild! 😉

  23. Das Leben ist ein einzigartiges Geschenk!
    Wir sollten es angemessen würdigen und genießen.

  24. Unser höchstes Gut, doch grau ist alle Theorie.

  25. […] schnell vergeht ein jahrzehnt“ – Viel zu schell! Tempus fugit! Wie war das mit dem […]

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