Elementare Besinnung

Der Morgen zeigte sich von einer zutiefst schrecklichen Seite – blauer Himmel und Sonnenschein. Wie unschön. Zu meiner Beruhigung gastierte das Ensemble der vermeintlichen Sommerschönheit nur temporär, um später eine dramatische Wandlung zu vollziehen. Weißgraue Wolken beharrten auf ihr Recht, setzten selbiges rigoros durch und übernahmen das omnipotente Zepter der allumfassenden Witterung. In brennender Hoffnung auf Regen startete ich meinen täglichen Lauf. Nach wenigen Metern setzte eine kaum wahrnehmbare Verdunkelung in der Wolkendecke ein, nach meinem Eintritt in den ersten Wald wurde dieser Effekt eklatant verstärkt. In der Mitte des Weges bewunderte ich eine weiße Blume, welche kräftig in der Ferne leuchtete. Wieso fiel sie mir früher nie auf? Als ich mich der schönen Pflanze näherte, zerfielen plötzlich ihre Blüten in drei Teile und flogen davon; drei Kohlweißlinge zeichneten verantwortlich für diese herrliche Blume – ein zauberhafter Anblick! Geschuldet einer natürlichen Welt.

Das nächste Erlebnis oder vielmehr ein Fest für die Sinne stellt die kleine Holzbrücke dar. Vor wenigen Tagen wurde der Holzboden erneuert, so daß nun beim Überqueren ein angenehmer Duft von würzigem Holz in die Nase steigt – tiefes Durchatmen ist höchst empfehlenswert. Nach drei Kilometern berühren mich zaghafte – noch vereinzelte – Wassertropfen. Ja, sie offenbaren ihre Schüchternheit. Ich wage nicht auf mehr zu hoffen. Doch manchmal wird ein Traum Wirklichkeit. Innerhalb weniger Minuten alarmierten die nassen Tröpfchen ihre Familien und etablierten damit ein regelrechtes Heer – ich hieß den Sprühregen willkommen. Vor mir erspähte ich eine Grußfreundin mit ihrem Kampfhund; sie strahlte mich an und sagte: „Das ist jetzt Dein Lieblingswetter, oder?!“ – Ich lächelte schelmisch und antwortete, „Wenn es denn regnen würde, ja!“. Zu diesem Zeitpunkt wertete ich das Wetter noch nicht als Regenlauf. Mein Shirt war mehr vom Schweiß als vom Regen durchnäßt und erinnerte noch lange nicht an das von mir so geliebte Wasserkorsett.

Den Himmel beobachtend setzte ich meinen einsamen Weg in den Horizont fort. Kurzzeitig hörte der erfrischende Wolkenbruch auf, um wenige Minuten später zurückzukehren. Immer noch feiner Landregen. Regenlauf? Oder nicht? Das ist hier die Frage! Just in dieser Sekunde verschärften sich die grauen Schatten am Firmament und transformierten sich in schwarze Nuancen. Der illusionäre Regenkünstler bot mir einen nassen Pakt an, den ich nicht ausschlagen konnte. Ich akzeptierte und gestand mir den Regenlauf ein – plötzlich setzte eine Sturmböe ein, strich um mein Gesicht und riß mich willensstark mit sich – vielleicht als Symbol für das soeben vollzogene Bündnis. Der feine Niederschlag wurde durch kräftigen Regen ersetzt; sämtliche Geigen, die vorher den Himmel bevölkerten, entluden sich mit Macht. Ein unaufhörliches Prasseln war die Folge.

Ich reduzierte die Geschwindigkeit und für einen Moment schloß ich meine Augen. Konzentration. Höchste Konzentration auf die elementaren Kräfte – was für ein besinnlicher Augenblick. Tropfen um Tropfen trommelte in einer lange vermißten Intensität zu Boden, rann über die Äste, durch die Baumkronen brechend, suchte sich den Weg auf die Erde, um überall Pfützen zu bilden. Über eine Distanz von einem Kilometer schloß ich wiederholt meine Augen und kostete jede Sekunde davon aus. Welch vollendeter Genuß für mich! Mittlerweile war ich gänzlich durchnäßt, meine Schuhe schmatzten mit jedem Schritt und mein Shirt wechselte den Aggregatzustand des Korsetts in eine Art Ritterrüstung – ähnlich eines Kettenhemdes, nur in einem klebenden Zustand.

Im Wald sangen lauthals mehrere Vögel, Pirol und Eichelhäher waren nicht zu überhören. Die lautmalerische Kulisse kulminierte im grünen und nassen Hain. Geräusche und Klänge intensivierten sich um ein vielfaches. Große Äste, die in den Weg hineinreichen und denen ich normalerweise ausweichen würde, sollten heute ein prickelndes Hindernis darstellen. Ich suchte die Konfrontation und lief direkt auf sie zu – klatschend flogen sie gegen meine Schulter und spritzten ihr Wasser in alle Richtungen. Die kalte Hand des Waldes berührte mich und wollte mich nicht fort lassen. Voller Gefühl rieselte das kostbare Himmelsnaß auf meinem Gesicht und streichelte mein Antlitz im Wechsel mit dem Atem des Windes. Ich wünschte, die Zeit würde anhalten und dieser Augenblick in der Unendlichkeit einfrieren. Das ist das Leben!

Mit einem zufriedenen Lächeln passierte ich die belebenden Wälder mit ihrer atemberaubenden und doch so beruhigenden Kraft und trat den Heimweg an. Augenscheinlich dominierte nun ein Starkregen, meine Sicht schränkte sich leicht ein. Der Autoverkehr brauste an mir vorbei und die weiße Gischt trug die Fahrzeuge mit Heldenmut davon. Partiell stand die Straße unter Wasser, was meiner hochfliegenden Stimmung jedoch nicht trüben konnte. Nachdem mein 162. Regenlauf beendet war, stand ich auf der Straße, ca. eine Minute mit geschlossenen Augen. Regungslos. Mein Geist löste sich augenscheinlich vom Körper und in Gedanken absolvierte ich den Lauf erneut – nur in einer viel höheren Geschwindigkeit. Anschließend spazierte ich sehr langsam im Regen und freute mich auf meine kalte Dusche. Der heutige Lauf war ein Traum, ein wahrhaft gewordener Traum – nichts auf der Welt kann dieses elementare Gefühl von Freiheit aufwiegen. Elementare Besinnung. Manchmal werden Träume wahr.

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20 Antworten to “Elementare Besinnung”

  1. Hallo,
    sorry ich mußte aus technischen Gründen die Weiterleitung meiner Domain ändern, kannst du bitte nochmal den Link anpassen:

    http://harzquerulant.de

    Danke
    Holger

  2. Kein Problem, Holger!

    Kurios, daß Dein Kommentar abgefangen wurde. Na ja, die liebe Technik. 😉

  3. Hallo, Marcus, eeeeeeeeeeeeendlich dein Wetter, hast ja lange genug warten müssen, dein Traum geht in Erfüllung, wirst es wohl verdient haben ! 😉

  4. Natürlich, ich habe mir das längst verdient! 😉

    Nur schade, daß das dieses Jahr so selten ist…

  5. Lieber Marcus,

    da gratulier ich einfach Mal zum grandiosen und für Dich inzwischen seltenen durch Menschenhand nicht beeinflussbaren Ereignis. ich wünsche Dir (und insgeheim auch mir) noch viele solche Regenläufe, ich muss leider weiter darauf warten, wahrscheinlich scheint nachher beim abendlichen Lauf wieder die Sonne 😎
    Ich wünsch Dir ein schönes Wochenende und morgen schick ich Dir ausnahmsweise alle Regenwolken, ich brauch Sonne für eine 100 km Radtour am Neckar entlang 🙂

    Salut

  6. Dankeschön, lieber Christian! Mögen Deine Wünsche erhört werden! 😉

    Anscheinend komme ich nur noch einmal im Monat in diesen Genuß oder noch weniger. Auf Deine Wolken freue ich mich, ich werde sie mit Freuden erwarten! Und Dir sende ich reichlich Sonne, so daß Du Deine Tour ebenfalls mit Freude absolvieren kannst!

    Viel Spaß morgen! 🙂

  7. Hallo Marcus,
    na denn werde ich Dir aus dem Westen wohl auch noch ein paar Wolken schicken, oder? Obwohl die hier sind, sind immer haarscharf an meiner Laufzeit vorbei gezogen. Nur in der Mittagspause wurde ich gestern ziemlich nass 😦 Freut mich aber sehr zu lesen, dass Du heute einen so tollen Regengenusslauf hattest. War wohl ganz in Deinem Sinne. Wünsche Dir, dass Du recht bald wieder in diesen Genuss kommst.
    Liebe Grüße
    Kornelia

  8. Immer her damit! Aber was machst Du dann? Dann bleibt Dir nur die Sonne. Schlimm, oder? 😉

    Theoretisch müßte man seine Läufe dem Wetter anpassen, aber das ist nun mal nicht immer möglich. Ergo, genieße ich diese besonderen Wetterverhältnisse besonders. Solange es nicht zum „Unwetter“ mit Schäden und Verletzten wird.

  9. Hallo Spotzl!
    Von diesem tollen Lauf weiss ich ja schon seit unserem Telefonat. Ich hab mich so richtig für dich gefreut, denn deine Freude über diesen Regenlauf konnte ich aus deiner Stimme entnehmen.

    Es ist so schön wie du dein Laufen praktizierst. Du freust dich über jeden Regentropfen, so wie andere über Medaillien oder noch bessere Laufzeiten. Deine Art gefällt mir viel viel viel viel mehr. Denn DU bist ein zufriedener Mensch und das wirkt sich auch auf deine Umgebung aus, auf die Menschen die dich lieben.

  10. Seltene Ereignisse muß man feiern! 🙂 Aber Dauerregen muß ich auch nicht haben; so wie im vergangenen Jahr – das fand selbst ich unschön. Alles eine Frage der maßvollen Intensität.

    Das ist mein Weg in die Zufriedenheit. Zwar gelingt mir das nicht immer, aber doch mehrheitlich und das ist wichtig. Und wer freut sich nicht über Regentropfen? 😉

    Wer selbst zufrieden ist, wirkt auch entsprechend auf seine Umwelt ein. Das unterschätzt man leicht.

  11. Ein bisschen Grinsen muss ich schon, wenn du dich nach einem Regenlauf noch auf die Dusche freust.
    Hast du nicht förmlich schon beim Laufen geduscht? 😉

  12. Marcus, du hast ihn so wunderschön beschrieben, den traumhaften Lauf, den Regenlauf. Ich empfinde es dir nach und freue mich zuletzt ebenso sehr über den Regen, nur dass ich ihn viel häufiger bekomme als du. Ich war seit einer Woche nicht mehr trocken unterwegs, während dieser Lauf für dich derzeit wohl eine Einzigartigkeit darstellt. Dafür hast du ihn umso mehr genossen.

    Ich wünsche dir, dass du noch etwas mehr von diesem Wetter bekommst!

  13. Stefan, die Dusche ist ja eiskalt. Das kann mir der Regen nicht bieten, derzeit zumindest. 😉

    Hannes, danke! Ich muß Dir gestehen – so sehr ich Regenläufe liebe – aber eine Woche nur Regen wäre nun auch nicht meine Welt. Das wäre dann zu viel des Guten. Alles was man übertreibt, wandelt sich in Traurigkeit – nur kann man sich das Wetter nicht aussuchen.

    Ich wünsche Dir Sonne! Vermutlich reicht Dir der Regen langsam – vermute ich.

  14. Und ich feier mit dir – diesen Traumlauf 🙂

  15. Wunderbar! 🙂 Ich bin gespannt, wann der nächste folgen wird – das dauert wohl wieder einen Monat…

  16. Hallo Marcus,
    ich hatte es heute morgen bei meinem Lauf genau wie du mit allen Wetterkabriolen zu tun, und genau wie du habe ich beim Einsetzen des Regens für eine ganze Weile die Augen geschlossen, die Arme in die Luft gestreckt und die Situaltion einfach nur genossen.

    Es könnte wirklich mehr solch wunderbarer Läufe geben!

    LG
    Steffen

  17. Also darf ich Dich ebenfalls im Club der Regenläufer willkommen heißen? 😉 Bemerkenswert, wie viele Regenfreunde unter den Läufern weilen.

    Interessant auch, daß Du Deine Arme in die Luft gestreckt hast – genau das gleiche habe ich auch gemacht. Ja, solche Läufe sind wahrhaftig befreiend!

    Ein schönes Wochenende mit wunderbaren Läufen wünsche ich Dir!

  18. Hallo Marcus,
    ich hatte gestern Abend ebenso einen super Regenlauf.
    Ich war total durchnässt und habe es trotzdem genossen.
    Allerdings hat es auch unterwegs Gewitter gehabt, darauf war ich nicht vorbereitet!
    Trotzdem Genuss pur.
    Deinem bericht kann ich entnehmen, wie sehr Du das genossen hast.
    Aber es stimmt, wenn es jeden Tag regnen würde, wäre es nicht mehr das Besondere.
    Herzlichen Gruß
    Ika

  19. Das Nasse ist ja gerade so wunderbar, Ika! Ich liebe es einfach! 🙂

    Gewitter ist eher unschön, wenn man die Wahl hat, sollte man den Lauf verschieben oder umkehren. Bewußte Gewitterläufe vermeide ich – aber immer gelingt das natürlich auch nicht – wenn man halt überrascht wird.

    Einen schönen Sonntag!

  20. […] Déjà vu! Die gleiche Frau, der gleiche Ort, fast der gleiche Satz – wie in meinem letzten Regenlaufbericht. Selbst ungewöhnliche Situationen wiederholen sich. Es sollte für heute die einzige Begegnung mit […]

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