Im dunklen Schneereich

Die vergangene Nacht hat die Welt weiß erstrahlen lassen. Am frühen Morgen rieselte noch immer Schnee vom dunklen Himmel, um sich sanft auf der Erde zu betten. Am Firmament unendliche Dunkelheit, ungebrochene Dominanz bedrohlicher Wolken. In den Wäldern waren sämtliche Äste der Bäume mit einem Hauch von Schnee überzogen. Die Waldwege quittieren knirschend jeden einzelnen Schritt mit einem zufriedenen Ächzen. Gedämpftes Leben. Nicht nur ich feiere die Rückkehr der weißen Pracht mit Begeisterung, auch die Vogelwelt stimmt zu einem großen Willkommenskonzert an. Beim Verlassen des einsamen Waldes verfinstert sich der Tag weiter – heimlicher Nebel gesellt sich in die Natur und umhüllt gemütlich die Seenlandschaft.

Der Blick auf den See wird von der künstlerisch begabten Natur umrahmt. Eine leichte Eisschicht, bedeckt mit Schnee – endet an einer imaginären Grenze, um sich in graues Wasser zu verwandeln. Der bewölkte Horizont vereinigt sich in Kombination mit dem Nebel und dem düsteren Wasser zu einer schwarzen Wand, die undurchdringbar erscheint. Aus dem Nichts tauchen immer wieder Enten auf, während andere verschwinden. Selbst die Industrieanlage scheint verloren. Harmonische Ruhe wird zu meinem treuen Begleiter. Bis auf ein älteres Ehepaar werde ich keine Menschen treffen. Die Wege sind unberührt, der Schnee verrät unbarmherzig jedwede Anwesenheit. Später offenbart der Wald seine Bewohner, unzählige Spuren verschiedenster Tiere im Schnee.

2009_januar_damm

Auf dem Damm erspähe ich nur die Fußabdrücke der Graugänse. Schweigend setze ich meinen Lauf in dieser verhaltenen Atmosphäre fort. Plötzlich ertönt von rechts ein Geräusch wie das Starten einer Sylvesterrakete. Sollte ich doch menschliche Wesen übersehen haben? Mein Blick wandert suchend umher, als ich zwischen den Bäumen einen Schwarm kleiner Vögel erkenne, vielleicht 40-60 an der Zahl. Sie bilden einen runden Ball in der Luft und nun vernehme ich einen lauten Piepton, der obwohl noch nicht verhallt – alle Vögel zu einer Richtungsänderung verleitet und just dieser abrupte Schlenker erzeugt durch das dutzendfache Flügelschlagen das Raketengeräusch. Erneut der Piepton und wieder ein Wechsel der Richtung. Im Bruchteil einer Sekunde navigieren diese Vögel mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit in grandioser Synchronisation. Einmal mehr ein phantastischer Beweis für die Perfektion der Natur, welches ich so noch nie gesehen habe.

Nicht weit davon entfernt schallen die lauten Rufe von Rabenvögeln durch das Naturschutzgebiet. Ungefähr zehn ziehen links von mir ihre Kreise und verkünden damit ihre Lufthoheit. In den größten Bäumen, die den Damm flankieren, sitzen jeweils weitere geschätzte 30 dieser düsteren Gesellen; die Baumkronen sind schwarz geworden. Ein in sich stimmiger Tag, dominiert von Dunkelheit. Meine schwarze Laufbekleidung paßt sich den Bedingungen adäquat an. Die Industrieanlagen sind auch während meiner Rückkehr von den Nebelbänken aufgesogen. Mir fällt der Zeitungsartikel ein, wonach vor kurzem publik wurde, daß der Bericht vom letzten Großbrand verheimlicht wurde. Tonnenweise Salzsäure trat damals aus – das erklärt auch die vielen toten Fische, was mich im letzten Jahr verwunderte. Selbst die Ausrüstung und Taschenmesser innerhalb der Kleidung der Feuerwehrleute korrodierten. Derartige Dinge dürfen natürlich nicht an die Öffentlichkeit dringen. Möge sich die Finsternis über diese Industrieanlagen mit ihren unsäglich geldgeilen Besitzern legen.

Die für heute prognostizierte Höchsttemperatur von 02 C° sollte langsam erreicht werden. Überall rinnt kostbares Naß von den Bäumen und Wassertropfen kitzeln mich im Nacken. Das Schilf stand kerzengerade und still wie Zinnsoldaten. Mittendrin ein erhabener Baum, gleich einem Heerführer, der nur das Kommando des Windes abwartet, um sich selbigen zu beugen. Doch er sollte vergebens warten. Die nächsten Meter ohne Biegung nutze ich dazu meine Augen zu schließen und nur auf mich zu konzentrieren. Ich fühlte eine Intensivierung der akustischen Natur, die mich umgab. Eine Aura des Hochgenusses. In der einsamen, verschneiten Winterlandschaft zu laufen, zählt für mich zu den besonderen Momenten im Jahr.

2009_februar_schneehimmel

Jenes Bild zeigt nicht den Sternenhimmel, nein, ich habe in einer Nacht beruhigenden Schneefalls meine Kamera in Richtung Wolken gehalten und dieses Photo erstellt. Weißer Niederschlag in der Nacht. Täglichlaufen bedeutet für mich pures Glück, denn ich darf täglich die Natur beobachten, wie sie sich verändert, wie sie lebt – wie sie ist.

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37 Antworten to “Im dunklen Schneereich”

  1. Ja Spotzl – wie immer ein traumhafter Bericht. Fast könnte man meinen…. aber das weisst du schon!

    Jetzt wirds aber wirklich Zeit für ein Buch von dir – mit Bildern!!

    Danke für den schönen Beitrag! *knutscha*

  2. Dankeschön! 🙂 *knuddelt Dich*

    Ja ja, schon wieder das Buch. 😀

  3. Beim Laufen kann man die Natur immer wieder neu erleben und bewundern. Ein sehr schöner Bericht. 🙂

  4. Danke und willkommen auf meiner Seite, Bernd!

    Ich stimme Dir absolut zu! 🙂

  5. Klar, DAS BUCH – wat mut dat mut… hehehe

  6. *lacht* Im Ernst, die Idee fände ich gut, aber letztlich nicht wirklich sinnvoll.

  7. Türlich ist es sinnvoll! Was denkst du denn? *kopfschüttel*

  8. Das Gegenteil! 😉 Aber lassen wir das. Ich freue mich, wenn Dir der Bericht gefallen hat. Hätte ich gestern einen formuliert, so wären meine Schafe noch eingeflossen. Als ihr Besitzer kam, sind sie wie Hunde ans Tor und machten sich laut bemerkbar. 🙂 Süß!

  9. Hach ist das herrlich! So ein Schaf oder eine Ziege.. das könnte mir schon gefallen. Hühner nehm ich mir mit Sicherheit – Natur und Tiere, das Schönste was es gibt. 🙂

    Mir gefallen deine Berichte immer 🙂

  10. Da hast Du Recht! Ich bin ein großer Schaffreund, zumal sie vor mir nicht mehr flüchten. Na ja, ich mag eh alle Tiere, außer Mücken. 😉

    Danke nochmal! 🙂

  11. Hallo Marcus,
    Deine prosaische und lyrische Wortgewalt beschreibt mal wieder das, was mir gestern nicht gelang 😦
    Ich überlass das auch lieber Dir, bei mir sind die Worte nicht so treffend gewählt, Realist halt 😉
    Danke für die Beschreibung der Natur, Du bist wirklich ein guter Beobachter und ein noch besserer Erzähler

    Salut

    Christian

  12. Genau Christian! Er wills mir nur nich glauben 🙂

  13. Danke Christian, ich freue mich, wenn es Dir gefällt. Ich bin aber auch ein Realist, ein Hardcore-Realist um genau zu sein. 😉

    Wie gesagt, ich gebe nur meine Eindrücke wider… 🙂

  14. Brigitte, bezüglich eines Buches glaube ich das nicht, korrekt.

  15. Hallo Marcus,

    da muss ich Brigitte recht geben…das Buch ist überfällig!! 🙂

    Danke für diesen abermals wunderbaren Bericht deiner Lauferlebnisse und Empfindungen dabei.

    Liebe Grüße
    Eva

  16. na siehst du – Christian sieht es auch so! 🙂

  17. Danke Eva!

    Ich muß abermals widersprechen. Ein Prominenter könnte ein Buch schreiben, aber nicht ein niemand. 😉

    Euer Pfeifen erinnert mich an die Piepmätze heute. 😀

  18. Oh nein, Marcus, ausnahmsweise hast Du Unrecht, ein Prominenter kann schreiben, was er will, Bücher werden von Erzählern geschrieben 😉

    Salut

    *pfeift immer noch*

  19. Lieber Christian,

    da muß ich Dir allerdings zustimmen. Es gibt ja genug Beispiele. 😉

    Musikalisch begabte Läufer, das freut mich. Ich pfeife öfter „Wir lagen vor Madagaskar“ – wie einst mein Opi. 🙂 *anstimm*

    Brigitte, Dein Stichwort. 😉

  20. Ein wunderschöner Bericht. Wie immer. Und wenn ich nicht zu müde wäre, würde ich sogar noch eine Runde Laufen gehen. 😉
    Aber es muss gut sein für heute. Mir müssen deine Erzählungen reichen.
    Ich danke Dir!

  21. Marcus, Marcus, Marcus

    Oh, wie schön – was ich schon sagte, man müsste ein Hörbuch daraus machen, im Hintergrund zarte Musik, eine sonore Männerstimme, die den Text liest, Augen schließen , in Gedanken dabei sein, mit laufen, mit genießen, sich was Besonderes gönnen.

    Danke für diesen winterlichen Ausflug mit dir ! 8)

  22. Gerd, Du hast ja schon ein anstrengendes Programm absolviert. Von daher mehr als verständlich – erhole Dich gut!

    Margitta, ein Hörbuch? Das wird ja immer besser. 🙂 Danke für Eure wohlwollenden Reaktionen! Ich reiche die Komplimente sogleich an Mutter Natur weiter!

  23. Man kommt ins Schwärmen, wenn man Deine Worte liest. Das ist aber heute auch ein unbeschreiblich schöner Tag!

  24. Siehst – alle pfeifen schon!

    Irgendwann bleibt dir nix andres übrig hehehehe

  25. einen schönen abend, marcus 🙂

    ein wundervoller bericht…

    jetzt ist der schnee also auch bei euch… hier hat es erneut geschneit und mein weg am waldrand sah aus wie dein bild oben. da stand ein reh- lief gar nicht weg. nur ein paar meter in den wald-wartete, bis ich kam- lief wieder ein paar meter. eine weile blickten wir uns an und dann hoppelte es davon.

    sowas gefällt mir!

    das nachtschneebild ist auch wunderschön geworden!

    so auf bildern lässt sich schnee ertragen 😉

    ich danke dir für den poetischen ausflug!

    zur fabrik: jeder bekommt das, was er austeilt! daran glaube ich ganz fest.

    habs gut- einen schönen abend- liebe grüsse von athena!

  26. Hallo lieber Marcus,

    was soll ich hier noch dazu sagen – außer *petrapfeiftauch* 🙂
    Ein schöner Bericht, wundervoll geschrieben und ein geniales Winternachschneebild – einfach nur schön….
    Liebe Grüße
    Petra

  27. Ramona, der Tag war wirklich ein Traum. Heute ist es nun wieder glatt. Kaum verschwunden, ist die Glätte wieder da. 😦

    Brigitte, die Zukunft ist noch nicht geboren.

    Athena, danke! Daß ein Reh nicht flüchtet, habe ich auch schon einmal erlebt. Allein dafür hat sich Dein Lauf schon gelohnt, gell?

    Ich hoffe, daß sich Dein Satz auch bewahrheiten wird! Viel Freude im Schnee weiterhin!

    Petra, merci! Wie gesagt, ich bin nur der Bote… Ich hoffe, Dir geht es langsam besser!?

  28. Ja, ja der Märchenwald. Schön sieht es aus, da gebe ich Dir recht. Aber dennoch: ich wollte jetzt keinen Schnee mehr. Ich will meine Schritte wieder dahin lenken, wo ich will und nicht immer überlegen, ob es eisfrei sein könnte. Denn nun, wo es kalt wird, wird es auch wieder lange liegen bleiben. Aber so wie Du es beschrieben hast, da überlege ich mir glatt noch einmal, ob ich es nicht doch wieder ein klitzekleines bißchen schön finden sollte. 😉

  29. Hallo Marcus, wieder einmal mehr ein schöner Bericht. Als am Sonntag der Neuschnee kam, trieb es mich vor dem Schlafen gehen noch einmal auf die Laufrunde, nur um das knirschen des Neuschnee´s zu hören und die tolle Atmosphäre zu spüren. Das gleiche wiederholte ich am Montag Morgen um 4.30 Uhr 🙂 Zum Glück, denn abends war alles wieder grau.
    Jetzt sitze ich in meinem Büro, draußen scheint die Sonne und läßt den Schnee glitzern. Freue mich wieder auf meinen abendlichen Lauf. Ab in die Natur, bei jeder Gelegenheit. 🙂

  30. Lieber Marcus
    lebt ihr eigentlich in sachen Umweltschutz in der Steinzeit, ist den so etwas Möglich, bei uns in der Schweiz musst Du mit Deinem Handy nur ein Foto schissen vom Tatort, und an die Boulevardpresse senden,wenn es dann noch eine Grosse Firma ist bringt es der Blick unser Pendant zum Bild, gross als Titelbild heraus. Wir haben recht strenge Gesetze und Kontrollen. Aber auch bei uns geschehen unsaubere Dinge, aber in der Regel ist der Umweltschutz bei uns sehr gut.
    Liebe Grüsse zentao

  31. Hallo Marcus,
    ja, es geht mir wieder besser – zumindestens mental. Alles andere wird schon wieder!
    Liebe Grüße
    Petra

  32. Silke, noch geht es ja mit dem Schnee. Nicht mehr lange und es wird nur noch glatt sein. Und das gefällt mir nicht.

    Vielleicht gelingt es Dir, in den Märchenwäldern etwas zu Schönes zu erkennen. Letztlich hast Du eh keine andere Möglichkeit. 😉

    Elke, ich verstehe Dich nur zu gut. 🙂 Doch 04:30 Uhr wäre nicht unbedingt meine Zeit, selbst im Schnee. Obwohl die Atmosphäre zu dieser Zeit in den Wäldern einzigartig ist. Ich hoffe, daß ich morgen wieder in den Wald darf. Genieße es, bei jeder Gelegenheit!

    Zentao, das Thema hatten wir einst. Damals sagte ich Dir, daß ich Dich beneide – Ihr seid uns um Lichtjahre voraus. Ich wäre froh, wenn wir schon in der Steinzeit wären. Zumindest meine Stadt ist ein negatives Beispiel sondergleichen. Gestern durfte ich erleben, wie die rechte Baumseite auf dem Damm zerstört wurde. Ich bin gespannt, wie es dort nun aussieht und was das eigentlich soll. Und Presse? Gewisse Ergebnisse werden verheimlicht und als im letzten Jahr ein Großbrand stattfand, wurde ein Redakteur von der Wasserschutzpolizei festgesetzt. Traurig. 😦

    Petra, immerhin ein Anfang! Gerade das Mentale ist nicht zu unterschätzen. Alles Gute weiterhin!

  33. Hallo Marcus, ich hab die Schönheit in der Tat gefunden. Im Forum hab ich es unter „Märchenwald“ ein wenig beschrieben.
    Es schneit übrigens gerade wieder.
    Liebe Grüße
    Silke

  34. Freut mich zu lesen, Silke! Ich werde mir Deinen Bericht gleich angucken. 🙂

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