Die erwachte Welt des Windes

Der kalte Januar wurde von der Vergangenheit absorbiert. Somit ist der Thronwechsel vollzogen und der Februar übernahm ungerührt die Krone der Wintermächte. Die Phase des Glatteises neigt sich langsam, aber sicher dem Ende entgegen. Vereinzelte Wegabschnitte in den tieferen Wäldern lassen sich davon nicht beeindrucken und geben die vereisten Pfade des Waldes bei diesen Temperaturen nicht frei.

Ich folge der Straße, die mich in den Wald führen wird; plötzlich erscheint an meiner rechten Seite ein Radfahrer und bleibt auf meiner Höhe. Der ältere Herr beginnt ein Gespräch, in dem es um meine Bekleidung über Kälte bis zum Täglichlaufen gehen wird. Ich kläre ihn über das Märchen der „geschädigten Gelenke“ beim täglichen Laufen auf. Zum Schluß siegt das Erstaunen und stolz berichtet der Mann, daß auch er täglich 15 bis 18 Kilometer per Rad zurücklegt. Nun lobe ich ihn und beende den Dialog mit dem Satz „Bewegung ist lebensnotwenig“ – strahlend verabschiedet er sich. Unterdessen setze ich meinen Lauf fort und betrete das Heim der Waldbewohner und werde sogleich von einigen Drosseln begrüßt.

Die dunklen Tage in den letzten Wochen verzieren stimmungsvoll die melancholische Winterwelt. Ein Blick nach oben offenbart unzählige Kronen, die in der Melodie des Windes hin und her wiegen. Ich kann ihre lautlose Melodie fast hören. Noch umgeben mich die Bäume und auch ohne ihre Blättergewänder schützen sie mich vor den Winterstürmen wie mit einem Schild.

Die großen Seen haben ihren frostigen Mantel abgelegt. Nur an ihren Rändern und an den kleineren Weihern kann man noch die eisigen Hinterlassenschaften beobachten. Kühle Ostwinde peitschen den See auf, eine Welle nach der anderen schlägt kräftig an das Ufer. Das Eis bebt, ächzt und bricht lauthals durch die leise Sturmwelt. Das Bersten von Eis, ein Geräusch, welches mich dieser Tage fast täglich begleitet. Das eingefrorene Schilf, erstarrt in der Zeit des Lebens taut langsam wieder auf. Umarmt vom säuselnden Wind gibt es jeden Widerstand auf und verbeugt sich tief vor dem Atem des Lebens.

Auf dem Damm angekommen, stechen sofort viele aufgeworfene Erdhügel hervor. Familie Maulwurf gibt sich die Ehre und wetteifert um den Sieg des schönsten Hügels. Begleitet von Windböen setze ich meinen Weg fort. Große, abgefallene Äste und längst tote Bäume flankieren in einer grotesk anmutenden Art meine Laufstrecke. Dazu gesellt sich eine anmutige Einsamkeit, kombiniert mit einer belebenden Stille entwickelt sich in mir das Gefühl in einer urzeitlichen Welt zu laufen. Diese Empfindung wird am Zipfel des Dammes durch einen umgestürzten Baum unterstrichen – quer liegt er am Wasserrand und neigt sich in den See – unter ihm eine auftauende Eisschicht, die den grauen Himmel widerspiegelt. Eine surreale Welt voller Schönheit, die nur auf konzentrierte Gäste wartet und zum Verweilen einlädt.

Während meiner Rückkehr in die zivilisierte Welt taucht vor mir ein Fuchs auf, der mich groß anguckt und ebenso schnell wieder verschwindet. In meinem Kopf tauchen die Wortfetzen eines vor kurzem geführten Gespräches auf – „Laufen ist doch so anstrengend!“ – unweigerlich muß ich lächeln, während meine Augen die von Menschen verlassene Natur beobachten. Mein Lauf war wunderschön, belebend, durchdrungen von den Elementen der Witterung, spannend; voller interessanter Momente, die mich verzaubern. Aber eines war mein Lauf mit Gewißheit nicht – „anstrengend“. Dinge, die man liebt, können nie anstrengend sein.

36 Antworten to “Die erwachte Welt des Windes”

  1. Man könnte meinen, wenn man das liest, der Winter ist schön *gg*. Für mich ist es aber noch immer nicht der Fall.

    Aber es ist herrlich zu lesen, wie du deine Gedanken, Empfindungen und Gefühle in Worte fassen kannst. Darum beneide ich dich ein wenig, denn davon bin ich meilenweit entfernt.

    In Waldnähe zu leben oder an einem See, Fluss oder so ist schön. Nur keine Stadt, das brauch ich nicht. Herrlich!!

  2. Der Winter ist auch schön!

    Ne, da bist Du nicht meilenweit entfernt – Du hast das nur noch nie versucht. Laufe mal und schreibe darüber, was Du siehst. Du kannst das auch.

    Ja, es geht nichts über die Natur. Wer in der Nähe von Wäldern leben kann und darf, hat schon Glück. Ich finde das auch einfach nur herrlich!

  3. Nein, ist er nicht ;), aber ich habe mich mit ihm arrangiert – nützt ja nix *hihi*.

    Ich hatte ja das Glück und möchte es auch wieder haben.

  4. Liebe Brigitte, Du weißt ja, wenn Du einen Feind nicht besiegen kannst, mache ihn Dir zum Freund. Aber wenn Du Dich bereits arrangiert hast… 😉

    Ich schenke Dir einen Sack voll Glück! 🙂

  5. Eigentlich

    – hätte ich mir diesen schönen Beitrag mit sanfter, sonorer Stimme
    vorlesen lassen sollen,

    – leise Musik dazu im Hintergrund,

    – meine Augen sind geschlossen,

    – meine Fantasie nimmt dabei ihren Lauf

    – im wahrsten Sinne des Wortes

    – das hätte dein schöner Text verdient, ihn voll konzentriert und Wort

    für Wort in sich auf zu nehmen.

    Wunderschön, Marcus, Danke ! 8)

  6. Freut mich, Margitta. Ich sollte also ein Hörbuch daraus machen? 😉 Laufen ist wunderschön, gell?

  7. Hallo Marcus, auch von mir ein herzliches Danke-schön für das Entführen in deine wunderbare Laufwelt! Deine Zeilen haben etwas sehr Beruhigendes, sie tun gut! LG Eva

  8. Die Natur ist es, die beruhigt! Ich kleide es nur in Worte… 🙂

  9. eine reise in die natur…
    die so vielfältig ist, wie die menschen verschieden sind.
    schön, dass deine empfindungen gegenüber all dieser herrlichkeiten so wach sind, an denen viele einfach nur vorübergehen… und die maulwürfe buddeln bei dir also auch so frech rum…

    hörbuch wäre gut- dazu ein heisser tee- eingemummelt in eine decke- mein wuffi auf dem schoss und marcus liest mir vor *kicher…

    einen schönen tag und danke fürs mitnehmen…athena!

  10. Genau, Athena! Einer meiner üblichen Laufberichte. 😉

    Nur schade, daß ich die süßen Buddelmeister nicht zu Gesicht bekomme. Die Natur ist in Schönheit eben ungeschlagen, aber Du siehst das ja genauso mit Deinen Läufen.

  11. Ja, bitte. Ein Hörbuch daraus machen. Das ist so poetisch geschrieben. Da fehlt dann nur dr knisternde Kamin, ein Glas Tee oder Rotwein in der Hand und die Augen schließen. Entspannung pur.
    Wunderschöne Worte, die Du da (wieder einmal) gefunden hast. Einen herzlichen Gruß an Dich von
    Silke
    (ich habe gerade einen verlängerten Mittagspausenlauf gemacht, in Berlin gehts leider hektischer zu, an Poesie ist da nur schwer zu denken ;))

  12. Danke Silke! 🙂 Berlin ist nicht ganz das Ambiente, wo diese Gedanken entstehen, da gebe ich Dir Recht. Also gibt es nun schon zwei Hörbuchinteressierte. 😉

    Ich hoffe, Dein Lauf war trotz aller Hektik dennoch entspannend!

  13. Ich finde es auch seltsam, dass das Wort „anstrengend“ so negativ belegt ist. Die schoensten Momente und das groesste Glueck kommen selten „einfach“ oder „leicht“. Dann waeren sie nichts Besonderes.

  14. Die Frage ist, wer das so negativ bewertet. Das sind nicht wir Läufer….

  15. Danke Marcus, das Geschriebene erinnert mich an eigene Gedanken und Eindrücke von meinen Läufen, es bringt etwas zurück.
    Schön, wenn man das Erlebte und Gedachte so in Worte fassen kann.

    Salut
    Christian

  16. Freut mich, Christian! 🙂 Wie gesagt, ich formuliere nur erlebte Eindrücke. Theoretisch möchte ich das gerne täglich machen – nach jedem Lauf – aber die liebe Zeit. 😉

  17. Wieder wunderschöne Bilder geschrieben. Ich hab es regelrecht vor mir gesehen 🙂
    Das mit dem Eis im Wald hat mich letzte Woche auch zweimal vollkommen überrascht, aber ich denke nach den letzten beiden Sonnentagen hier in Zürich (hej ist das schon Frühling!?) sollten die auch langsam alle abgetaut sein. Ich laufe zur Sicherheit jetzt nur Strecken, von denen ich weiss, dass sie frei aber trotzdem schön sind 🙂 Gestern hat auch ein kleines Eichhörnchen auf mich gewartet, um dann kurz vor mir doch noch wegzurasen und heute habe ich den Wasserstart eines grossen Schwans auf der Limmat verfolgt – wunderbares Schauspiel bei super Frühlingswetter (hab ich das schon erwähnt? :p)

    Viele Grüße,
    Jens

  18. Ein wunderschöner Bericht von dem Lauf durch die Natur. Da kann das (gute) Gespräch mit dem Herrn nicht mithalten.

    Wie man so die Tiere auf dem Wege sieht, und das auch noch in der Vielzahl wie bei dir, da fühlt man sich wohl!

  19. Jens, danke! Hier existieren immer noch Stellen mit Eis. Da kommt keine Sonne hin und entsprechend sieht es aus. Nur mag ich meine Routen nicht mehr ändern, daher muß ich da durch. 😉

    Eichhörnchen sind immer goldig – ich mag die. Schwäne habe ich jetzt länger nicht gesehen. Ja, Frühling, Du sagst es. Mein heutiger Lauf steht mir noch bevor, die Sonne scheint, fast 07 C° und die Piepmätze zwitschern. Es ist Frühling! 🙂

    Hannes, wie wahr. Ich ziehe mir die „einsame“ Natur dem Menschen vor. Das ist einfach meine Welt. Eine ehrliche Welt.

  20. Mei…du kannst mit Wörtern umgehen…es ist ne wahre Freude. Weist, wenn ich zum Laufen unterwegs bin, oder spazieren oder mit meinem Hund unterwegs war…ich hab so tolle Gedanken im Kopf. Ich formuliere vor mich hin, eine Idee jagt die andere und wenn ich es aufschreiben will ist alles weg. Der Kopf wie leergefegt. Manchmal macht mich das etwas traurig. Ich bin unfähig die ganzen schönen Geschichten, die mir so unterwegs einfallen, niederzuschreiben.
    Egal…bald bin ich nicht mehr allein unterwegs, da gibts ohnehin wieder mehr zu erzählen *g*.
    Schönen tag wünsch ich dir!!

  21. Schön beschrieben, Marcus! Es ist als wäre ich dabei gewesen. Danke für’s Mitnehmen!

  22. Anett, wenn Du läufst und eine schöne Idee hast, speichere Deinen vorformulierten Text unter einem „Stichwort“ ab. Bezogen auf das Thema und aussagekräftig. Wenn Du dann in Ruhe vor dem PC sitzt, fällt Dir das bestimmt wieder ein. Rekapituliere den Lauf – das ist nicht schwer.

    Stellst Du dann Photos von Deinem Zuwachs ein? Ich hoffe es mal! 🙂

    Ramona, gerne doch!

  23. Hallo Marcus,
    ein schöner Bericht der mir wieder mal die wichtigste Seite des Laufens zeigt. Das Genießen des Laufens.
    Viele Grüße vom Krankenbett. 😉
    Gerd

  24. Nur der Genuß zählt! 🙂 Gute Besserung, Gerd!

  25. Unglaublich, was man so alles über Laufen schreiben kann .. ab und zu lese ich hier ein bisserl mit wenn es mir die Zeit erlaubt.
    Herrlich – Du hast es gut – bei uns ist noch alles glatt – spiegelglatt und ich kann leider kaum die Natur genießen. In den Wald laufen geht gar nicht – alle Feldwege sind wie ein Eissee und abends ab 17 uhr, wirds sogar auf den Radwegen und Nebenstrassen im Dorf glatt. Tatsache nicht übertrieben – gestern hätte es mich fast vor die Haustüre gelegt.
    Beneidenswert

  26. Man kann noch viel mehr über das Laufen schreiben – siehe die anderen Berichte. 😉 Wenn Deine Wälder und Feldwege so aussehen wie bei mir – kannst Du nicht einmal an den Rändern laufen. Deprimierend, oder? Mich hat es hingelegt, da kann man nicht viel machen.

    Ich wünsche Dir Sonne für eisfreie Wege!

  27. Bei uns im Wald ist es auch immer noch wie auf einer Spritzeisbahn. Ich habe mir jetzt vorgenommen, erst wieder im Frühling in den Wald zu gehen. Wir sind da letztes Wochenende so böse überrascht worden. Am Rand laufen ging nicht, da waren Bäume. Wir sind dann einfach langsam übers Eis getrabt, was sollten wir machen. Schön geht aber anders.
    Heute will ich wieder einen 30er heimwärts machen und ich hoffe, es gibt wirklich die vorhergesagten recht milden Temperaturen. Denn der Himmel bewölkt sich gerade so sehr. Regen und Kälte zusammen wäre eine Kombination, die mich dann wohl früher als geplant in den Zug steigen lassen würde.

  28. Der Großteil meiner Strecke ist eisfrei. Wurde ja auch Zeit! Angeblich soll es heute Nachmittag regnen. Hoffentlich kannst Du Deinen 30er realisieren, hier hat es schon leicht getröpfelt.

    Mein heutiger Lauf war eine einzige Katastrophe, widerwärtig und eklig! Mir ist immer noch leicht schlecht. 😦 Aber darüber folgt demnächst ein extra Bericht.

    Viel Spaß bei Deinem Lauf, Silke! 🙂

  29. Hallo Marcus,
    hab es bei Margitta im Blog schon gelesen. Hoffe Dir geht es gut ?

    Gute Besserung ?

    Christian

  30. Danke Christian, das ist lieb von Dir! Alles okay mittlerweile – ich berichte in meinem nächsten Beitrag von dem Lauf.

  31. Moin Marcus,
    es freut mich das du so einen schönen Lauf bekommen hast.
    Ich kann leider zur Zeit nur meine tägliche Streakrunde von 2 km laufen. Meine Mandelentzündung ist noch nicht ganz weg. Aber meine Seele lechtz nach den Naturläufen. Es hat sich in den letzten 2 Wochen soviel in der Natur getan. Ist meine Busardfamilie noch da, was machen die Pferde auf der neuen Weide die am Waldesrand angelegt wurde. Wie hat sich die Natur verändert. Es macht Spass all das täglich beim laufen zu sehen und zu beobachten. Da ist von anstrengung nichts zu spüren. Man kann es schlecht erklären man muß es einfach erleben. Das rate ich den leuten immer. Geht doch einfach raus in die Natur und lauft einfach langsam los. Haltet Augen und Ohren auf. Es macht Spass und erdet einen wieder ein wenig.

    LG
    Marco

  32. Hi Marco,

    absolut meine Meinung! Aber diese Erkenntnis muß man erst einmal gewinnen, vor 15 Jahren hätte ich das auch nicht verstanden.

    Der Vorteil ist für Dich, daß Du die Veränderung in der Natur stärker wahrnehmen wirst – da ich täglich draußen bin und sich immer nur wenig verändert, sehr langsam also, fällt mir das so in dem Sinn gar nicht auf.

    Ich wünsche Dir gute Besserung! Übertreibs nicht mit dem Laufen – sonst wird es nur schlimmer.

  33. Das ist wirklich wieder ein sehr schöner Laufbericht. Danke Marcus, für das Mimitnehmen in Deinen Wald, und das Miterleben Deiner Gedanken.
    Was Du in Worte kleidest, vesuche ich mit Bildern eizufangen.
    Ein Hörbuch würde mich auch interessieren.:-)
    Deine Art zu schreiben ist wirklich schön.
    Liebe Grüße von
    Laufmaus Elke

  34. Danke Elke, das freut mich! 🙂 Obwohl sich ja nichts Spektakuläres während meines Lauf ereignet hat.

    Die Idee eines Hörbuches finde ich recht gut, dennoch war es nur scherzhaft gemeint. 😉

  35. Sicherlich sind Deine Erlebnisse nicht spektakulär, aber die Art, wie Du sie in Worte kleidest. Jeder Mensch, der mit offenen Augen durch das Leben läuft, kann das erleben. Manch einen muß man aber erst darauf aufmerksam machen. Und das erreichst Du mit Deinen Worten. Es macht immer wieder Spaß, bei Dir zu lesen. Vielleicht geht es Dir mit meinen Bildern genau so. Es würde mich freuen. 🙂
    Liebe Grüße von
    Laufmaus Elke

  36. Danke für Deine lobenden Worte, Elke! 🙂 Aber wie gesagt, ich fasse nur in Worte, was die Natur mir bot, damit reiche ich Dein Lob an Mutter Natur weiter. Wenn Du bei „Best of Photos“ reinguckst, kannst Du ein paar meiner Aufnahmen betrachten, die ich für besonders gelungen halte. 🙂

Wortmeldung verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s