Erstarrte Harmonie

Nun ist es also da – das neue Jahr. Erst wenige Stunden alt, doch bereits voller Energie, Mut und Hoffnung. Der erste Januartag bildet für mich immer eine Besonderheit. Die meisten Menschen zollen dem Rausch der Nacht ihren Tribut. Entsprechend leise beginnt der Morgen. Es ist zwar keine vollkommene Ruhe, aber der stillste Tag im Jahr. Mein Lauf startete früh am Morgen, es ist warm geworden; nur noch -02 C° – über Nacht stieg die Temperatur um sieben Grad. Graue Wolken dominieren die endlosen Weiten des Himmels. Nach den ersten Metern erreiche ich eine Brücke, die eine viel befahrene Hauptstraße trägt und werde förmlich von einer ohrenbetäubenden Stille erschlagen. Keine Autos, keine Menschen, keine Geräusche – nichts.

Der Kanal und der sich anschließende See sind von einer Eisschicht überzogen. Die Welt ist weiß geworden. Ich trete in den Wald ein und auch hier setzt sich die Lautlosigkeit fort. Die Wege weiß gekleidet, ebenso die Äste der Bäume – die Natur atmet leise in der verlassenen Einsamkeit. Meine Schritte erzeugen ein beruhigendes Knistern, doch der schlafende Forst wacht nicht auf. Nur leichter Schneegriesel fällt durch die Bäume herab und gleitet zärtlich zur Erde. Stille. Harmonie. Laufen. Pure Konzentration auf mein Inneres. Die Zeit bewegt sich sanft in ihrem Fluß. Als ich den Wald verlasse, umsäuselt mich ein schwacher Wind. Kaum fühlbar. Die Wipfel wiegen sich willensschwach in der Brise. Ich laufe über eine kleine Brücke, mein Blick richtet sich nach links und auf dem zugefrorenen Bach erspähe ich einen Fischreiher. Möge er den Winter gut überstehen.

Vorbei an überfluteten Eiswiesen und durch einen weiteren Wald erreiche ich den Damm. Die Schilfabschnitte, die den Damm flankieren, biegen sich im Wind – der anmutig eine harmonische Melodie der Kälte singt. Soweit mein Blick trägt, erkenne ich einen zugefrorenen See – ohne Wellen. Erstarrt der Atem des Lebens. Eingeschlafen in der Bewegung und nun verharrend im winterlichen Eis. In Ufernähe brüchig aussehende Platten mit Rissen, die sich weit entfernt vom Land in ebene Flächen verwandeln. Auch der Damm hat sich ein weißes Kältekleid angezogen, jedoch leuchtet an einigen Stellen immer noch die grüne Grasfarbe. Geschützt von großen Bäumen traute sich der Winter eine komplette Eroberung nicht zu. Schritt für Schritt genieße ich die winterliche Jahreszeit – entlang abgestorbener Bäume mit ihren Ästen, die kreuz und quer am Wegrand liegen und partiell grotesk wirken. Auf meinem Rückweg begegne ich einem Läufer, der augenscheinlich auch die Ruhe genießen möchte.

In den Wäldern wechseln sich grüne Nadel- mit Laubbäumen ab, an denen noch zahllose nicht abgeworfene braune Blätter zu erkennen sind. In Kombination mit der restlichen weißen Welt ergeben diese Farbspiele einen surrealen Kontrast. Jenseits der Wege werde ich von Drosseln begleitet, die relativ zutraulich umher springen. Mein Blick ist zwar mehr oder weniger auf den Weg nach vorn gerichtet, dennoch bin ich auf mein Inneres und die mich umgebene Stille fokussiert. Ein Status der Konzentration – das Laufen ist nur Beiwerk; findet automatisch statt – ohne Bedeutung. Plötzlich steht ein Ehepaar vor mir, welches mich anstrahlt und mir laute und fröhliche Neujahrsgrüße übermittelt. Sie scheinen aus dem Nichts aufgetaucht und holen mich ohne Rücksicht aus meinen tiefen Gedanken heraus. Ein wenig irritiert bedanke ich mich und trete den endgültigen Heimweg an, vorbei an der Straße, die sich mittlerweile aus ihrer Ohnmacht erhebt.

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein.

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32 Antworten to “Erstarrte Harmonie”

  1. Neues Jahr, neuer Tag, neuer Beitrag! Ein wunderschöner Beitrag. Schön, dass ich diesen Lauf gemeinsam mit dir tätigen durfte 🙂

    Auf ein schönes 2009 und noch unendlich viele schöne Beiträge von dir!

  2. Herzlichen Dank, liebe Brigitte! 🙂

    Ebenfalls ein schönes neues Jahr, vor allem gesundheitlich, gell?

  3. Ich sag danke! Nicht nur gesundheitlich!

  4. Aber die Gesundheit ist am wichtigsten. Alles andere ist irrelevant. Selbst Geld. Gesundheit kann man nicht kaufen.

  5. Das stimmt. Das ist unser wichtigstes Gut!

  6. Das klingt nach einem traumhaften Start in das neue Jahr. Lass es so weiter gehen. Dir alles Gute!

  7. Brigitte, in erster Linie schon.

    Hannes, danke! Traumhaft ist untertrieben – einfach nur herrlich!

  8. Ein schöner Lauf und ein schöner Bericht.
    Ich habe den Morgen auch genossen.
    Aber bei mir waren mehr „Gestalten“ unterwegs.
    Die meisten aber nicht freiwillig.
    Ihre Hunde hatten sie anscheinend genötigt. 😉
    Ein frohes neues Jahr!

  9. Danke, ebenso – Gerd! Das besagte Ehepaar – das waren auch Hundehalter. Es war schon extrem ruhig heute. 🙂

  10. Hallo, Marcus,

    willkommen im neuen Jahr, hier sitze ich und wiege mich in deinen Worten, sehr schön beschrieben – danke dass du dafür sorgst, dass beim Lesen und Mitlaufen nie Langeweile auftritt.

    Ich – jedenfalls – war von Anfang an dabei !

    Und das mit dem freundlichen Ehepaar ist uns heute öfter vorgekommen, allerdings kam es meist von unserer Seite !

    Na dann – auf ein Neues – zusammen mit dir !
    Ich freue mich drauf ! 8)

  11. Danke Margitta, ich freue mich, wenn es Dir gefällt!

    An der Stelle auch noch einmal: Ich wünsche Dir ein angenehmes, neues Jahr! Vor allem Gesundheit, die Dich stets begleitet! 🙂

  12. Wunderbare Worte für wunderbare Momente. 2009 wird das, was wir daraus machen, oder?

  13. Da hast Du Recht, Anja! Hoffentlich positiv…

  14. Ich lief in Gedanken mit Dir mit, Marcus. Bei uns war es genau so still rundherum. Kaum Leute unterwegs. Die Stille wirkte unnatürlich aber schön. Auch bei uns überall Reif auf den Feldern, auf der Wiese. Etwas wärmer als in den letzten Tagen, aber immer noch leicht frostig. Ein schönes Laufwetter!

    Für 2009 wünsche ich Dir alles Gute, viel Gesundheit und Erfolg bei Deinen Vorhaben!

    LG, Ramona

  15. Cooler Beginn des Jahres, selbst wenn ich es doch trotz der Temperatursteigerung von 7° C noch reichlich „frisch“ empfand…

    Ich wünsche dir ein tolles Jahr 2009 und Glück und Zufriedenheit!

  16. Ramona, herzlichen Dank und ebenfalls! Ja, die Stille war schon unwirklich schön, leider erleben wir das nur einmal im Jahr. Heute hat es nun geschneit, bei Dir sicher auch. Viel Spaß im Schnee!

    Martin, alles relativ! 😉 Ebenfalls ein feines Jahr mit schönen Läufen!

  17. Guten Morgen Marcus,

    Bilderbuch-Wetter heute Sonne pur – und der eigentliche Grund, warum ich kurz hier bin, ist dein neuer Header, sehr schön, ich hatte es schon ein paar Mal vor, dir das zu sagen, aber jedes mal wenn ich dann hier bin, werde ich von deinen malerischen Worten abgelenkt !

    Wünsche dir einen wunderschönen Tag ! 8)

  18. Liebe Margitta, herzlichen Dank! Vielleicht stelle ich das komplette Bild hier ein. Relativ frisch, vom 27.12. – 🙂

    Genieße die Sonne, hier ist es mehr als dunkel und sehr verschneit. Es wird also ein Schneelauf für mich heute; auch schön!

    Dir auch einen super Tag!

  19. Kann deine Schilderung mal wieder ganz und gar nachvollziehen. Und da ich die Ruhe (von der scheußlichen Umtriebigkeit der Menschen) so liebe, sind die Morgende und insbesondere die nach alkoholträchtigen Feiertagen meine liebsten Stunden.
    Ein neues Jahr bricht an, und bald wird auch über uns wieder etwas Alltagstrubel hereinbrechen. Sei’s druml, so lange man am Ende von „schönen Stunden“ und „lohnenden Erlebnissen“ denken, sprechen und schreiben kann. Willkommen in 2009!!!

  20. Das ist wohl wahr, der Alltag umarmt uns bereits wieder. Spätestens nach diesem Wochenende hat er uns alle fest im Griff. Neues Jahr, neues Glück – neue Weihnachten usw. 😉

    Das Spiel des Lebens. Auf viele schöne Stunden!

  21. Geschneit? Bei uns leider nicht. Ich mag Schnee, vor allem wenn dabei die Sonne scheint.

  22. Oha, dann liege ich falsch. Aber abwarten, das kommt wohl noch. Die Kältewelle bis -20 C° und Schnee am Wochenende soll ja anrücken.

    Aber so kalt muß es von mir aus nicht werden.

  23. Lieber Marcus
    Schön wie Poetisch Du Deinen Lauf beschreibst mit einer Sprache die an Zen erinnert, es ist eine Freude das zu Lesen. Eine richtige Meditation.
    Dein Beitrag macht Mut aufs neue Jahr.
    Liebe Grüsse zentao

    Ich freue mich auf weiter Laufmeditationen von Dir im 2009.

  24. Lieber Zentao, ich freue mich, wenn Dir der Bericht gefällt, umso mehr, daß Du darin einen ZEN Charakter erkennst. Das freut mich! Danke für Deine Worte! 🙂

    Ich wünsche Dir ein gesundes neues Jahr!

  25. Zitat: Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein.

    Hm, ja… aber hoffentlich noch nicht in diesem Jahr!

    Genialer Schlußsatz! 🙂

  26. Tja, wer weiß schon, wie das Spiel weiter geht. Möge es lang andauern! 🙂

  27. Naja, das Spiel immer wieder von vorn, so wie Du sagtest, aber die Spieler!
    Doch jetzt sag an! Was ist los hier? Spielst Du etwa woanders?? 😮

  28. Immer neue Spieler…

    Inwiefern woanders?

  29. Immer neue Spieler…
    <<< Genau, und die alten verlassen das Spielfeld.

    Inwiefern woanders?

    <<< Na, jedenfalls nicht am Damm und nicht am PC.
    Kaum habe ich mal ein bißchen mehr Zeit, läufst Du vielleicht, aber schreibst nichts. 😉

  30. Wie wahr!

    Ich könnte täglich schreiben, aber wer liest das dann noch? Morgen gibt es einen neuen Beitrag. 😉

  31. Ich natürlich Spotzl! Aber lieber is mir dann doch das Persönliche gell?

  32. Da hast Du Recht, liebe Brigitte! 🙂 Ich wollte auch nur sagen, daß ich mich eigentlich zusammen reißen muß, um nicht täglich hier zu bloggen. 😉

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