Weiße Pracht der Harmonie

Auch der heutige Morgen zeigte sich von seiner dunkelsten Seite. Schwere Wolken dominierten den Himmel, die Temperatur lag bei ca. 01 C° Leichte Schneeflocken tanzten in der Luft und lechzten nach Aufmerksamkeit. Ich war ein wenig unschlüssig, wie meine Laufbekleidung aussehen sollte. Letztendlich beließ ich es im Standardoutfit, soll heißen, schwarze kurze Hose, schwarzes T-Shirt und ausnahmsweise Handschuhe. Als ich vor die Tür trat, überraschte mich ein Schneesturm, denn die ersten Flocken wurden nun von ihren zahllosen Freunden und Familienmitgliedern begleitet. Auf der Brücke, ohne jeglichen Schutz eine perfekte Angriffsfläche bietend, erwischte mich die kalte Faust des Sturmes. Unaufhörlich prasselten kleine Schneekristalle auf mich ein. Gegen den Wind kämpfte ich mich vorwärts; im Gesicht spürte ich viele Nadelstiche und die ersten Tränen verließen meine Augen, die nur noch blinzeln konnten.

Der Weg in den Wald wies vereinzelt glatte Stellen auf, die Konsequenz manifestierte sich in zeitlupenartigen Laufen. Sämtliche Waldpfade waren mehr oder weniger matschig, auch hier gab ein vorsichtiges Tempo den Ton an. Die Umarmung des Waldes schützte mich vor den Mächten des Windes, der Schnee rieselte nur gemütlich durch die kahlen Baumkronen. Gleichwohl hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits in einen halben Schneemann verwandelt. Den Weg der Einsamkeit folgend lief ich durch einen scheinbar verlassenen Forst. Selbst Drosseln oder Eichhörnchen versäumten es sich zu zeigen. Ich ließ den Wald hinter mir und blickte zum Damm hinüber, der jedoch noch weit entfernt war. Ein atemberaubendes Panaroma im Fenster einer prächtigen Winterlandschaft. Eisiger Niederschlag zur Erde schwebend, die Natur in ein weißes Kleid hüllend.

Ich durchquerte das nächste Waldgebiet, passierte die Örtlichkeit, wo ich vor ein paar Tagen zwei Wildschweine traf und eroberte den Damm. Herausgehoben aus der Tiefe umgarnte mich der Schneesturm auf seine eigene zärtliche Art und Weise. Doch er konnte sich noch so viel Mühe geben, ich habe es nur genossen. In der zweiten Kurve war der Boden komplett mit Schnee bedeckt, ein phantastischer Anblick. Ich breitete die Arme aus und konnte nur noch lächeln – mit diesem Lauf begrüße ich den Winter. Vorbei an zahllosen Enten, die den Damm flankieren, lief ich bis zum Ende und kehrte am Brückenhaus um. Von den Vermessungstechnikern, die in letzter Zeit täglich dort zu finden sind, konnte ich heute keine Spur entdecken. Der See, durch die einflußreichen Hände des Sturmes aufgewühlt, schickte Welle um Welle an das Ufer. Vereinzelte weiße Punkte stachen am Horizont hervor – Schwäne, die noch keinen sicheren Hafen erreichten.

Das Hochwasserschutzgebiet bot einen melancholischen, einsamen Anblick. Umhüllt vom Mantel des Winters, kalt und umbarmherzig und ohne Zuversicht. Ein traurig schönes Bild des Lebens. Und gleichzeitig voller Harmonie und Herrlichkeit. Die tanzenden Schneeflocken bilden die perfekte Metapher der menschlichen Existenz. Staub im Wind. Doch dahinter verbirgt sich eine Welt voller Vertrauen und Hoffnung. Diesen Gedanken nachgehend trat ich erneut tief in die Wälder ein. Währenddessen versiegte der unaufhaltsame Schneefall; nur wenige Flocken wollten sich dem nicht beugen und erreichten Ast um Ast den Boden. Die Weite des Waldes ist stets von einer vollkommenen Schönheit beherrscht, doch der Schnee verleiht ihm ein noch würdevolleres Aussehen. Mit vorsichtigen Schritten trete ich den Rückweg an.

Ich trenne mich vom menschenleeren Wald; unterdessen erwartet mich bereits der wieder stärker werdende Schneesturm. Ein Lächeln zaubert sich in mein Gesicht als ich vor mir eine eingemummelte Hundehalterin und Grußfreundin mit ihren Hunden entdecke. Sie hält ihre Emma sofort fest, bevor sie mich verfolgen und unkontrollierbar um meine Füße springen kann. Wenige Meter dahinter taucht auch Lily auf, naß und den Kopf hängend. Nicht zu übersehen, daß sie lieber vor dem Kamin liegen würde, als den Winterwald zu genießen. Später treffe ich noch auf einen Dalmatiner, welchen ich zum ersten Mal begegne.

Zu Hause angekommen, freue ich mich auf meine kalte Dusche, die sich richtig heiß anfühlt. Der heutige Lauf, er läßt sich nicht in Bildern festhalten; meine Worte können einen Einblick vermitteln, der jedoch nur den Hauch des Winters darstellt. Perfekte Harmonie im Gleichgewicht – anders kann ich es nicht beschreiben. Man muß das Laufen lieben. Man muß das Wetter lieben. Jedes Wetter. Wer das versteht, der kann nachvollziehen, daß dieser Lauf glücklich machte. Vollkommenes Glück. Harmonie. Ein Gedicht des Lebens, geschrieben in der Handschrift des Laufens in liebevoller Natur. Ich schreibe diesen Beitrag mit einem Lächeln, denn jedes einzelne Wort läßt mich an diesen Lauf erinnern.

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30 Antworten to “Weiße Pracht der Harmonie”

  1. „Zu Hause angekommen, freue ich mich auf meine kalte Dusche, die sich richtig heiß anfühlt.“

    Also das ist für mich der schlimmste Satz in dem Beitrag. Ich kann sowas absolut nicht nachvollziehen!!!

    Der Rest liest sich so wunderschön, dass ich fast schon meinen müsste, dass der Winter schön ist… Und genau das ist für mich nicht der Fall. Bis zum Frühjahr gehts mir nicht gut, ich mag dieses feuch-kalte und dunkle Wetter nicht. Um mich richtig wohlzufühlen brauche ich Sonne und viel Wärme. Es zieht mich in ein tiefes Loch. Aber lassen wir das.

    Du schreibst so schön!! Danke Spotzl und du weisst ja… HDSSL

  2. Ja, weil Du es nie versucht hast. Das ist eine reine Kopfsache.

    Glaube mir, der Winter ist einfach nur wunderschön! Vor allem, wenn der Schnee erst richtig liegen bleibt, das war ja heute nicht der Fall. Der Frühling ist schnell wieder da, dann geht es Dir auch wieder gut. Vielleicht solltest Du mal wieder laufen? Dann bekommst Du auch eine höhere Lichtdosis ab – das ist nicht unwichtig!

    *drückt Dich*

  3. Ne ne, kalt würde ich niemals duschen, auch mit dir ned :P. Ein heisses Bad ist schon etwas schöner :D.

    Ab dem nächsten Jahr laufe ich auch wieder – versprochen!! Jetzt muss ich erst mal wieder auf die Beine äh Hände kommen :D:D

    *drückt dich auch*

  4. Ja, das bestreite ich gar nicht. 😀 Aber mir geht es ums Abhärten. Von nichts kommt nichts. 😉

    Ich freue mich schon, wenn Du wieder loslegst – damit fühlst Du Dich automatisch besser. Wetten?

    Alles Gute für Deine Hände! *knuddel*

  5. Gut, dass ich mich gar nicht abhärten will *schweissvonderstirnwischt*

    Danke, wird alles gut werden *hoff* 🙂

  6. *lacht* Da hast Du nochmal Glück gehabt! 🙂

    Klar, wird schon werden!

  7. Wunderschöne Zeilen, Marcus. Man muss die Natur, das Laufen, das Leben sehr lieben, um die richtigen Worte zu finden, die das alles widerspiegeln. Ich habe diesen Lauf mit genossen. 🙂

    Was das Kaltduschen anbetrifft, schließe ich mich Brigitte an. Ich bin und bleibe „Warmduscher“. Ich weiß, dass es zur Abhärtung richtiger ist, kalt zu duschen. Aber ich kann und will das nicht. Das muss ich zugeben.

  8. Danke Ramona! Ich liebe das Laufen, muß man auch als Täglichläufer. 🙂

    Ach, Warmduschen ist auch gut. Eigentlich soll man ja kalt aufhören. Aber jeder wie er mag. Ich assoziiere mit Warmduscher nichts Negatives – ganz und gar nicht.

  9. Das muss ein Bild sein – du in kurzer Laufkleidung im Schneegestöber! 🙂 Es freut mich sehr für dich, dass du so einen schönen Lauf hattest und langsam kann ich auch schon einiges davon nachempfinden, denn ich merke, dass Laufen in jeder Jahreszeit ganz anders ist, aber immer seine Reize hat! – Danke für deinen schönen Laufbericht!

  10. Ja, da zählt man gleich als Verrückter. Aber daran habe ich mich gewöhnt. 😉

    Die Natur ist in jeder Jahreszeit schön. Und für mich existiert kein Grund nicht zu laufen. Ich freue mich, wenn Du das ähnlich empfindest!

  11. Lieber, lieber Marcus,

    es ist, als wäre ich heute mit dir gelaufen, du hast alles so lebendig beschrieben, dass es für den Leser keine Kunst ist, sich diesen schönen Lauf auszumalen.

    Ich bin hin und weg und verstehe dich sooooooo gut, wenn ich von deiner Freude über Natur, Bewegung, deinen wachsamen Augen, denen nichts verborgen bleibt, lesen kann und mich in so vielem wieder finde.

    Am meisten jedoch freue ich mich immer wieder darüber, dass es auch andere Menschen gibt, die nicht irgend welchen Zeiten hinterher hetzen, sondern für die das Laufen ein dickes Stück Lebens-Qualität bedeutet.

    Was die Kälte-Resistenz betrifft, so gibt es lt. wissenschaftlichen Tests bei Menschen sehr große Unterschiede, so individuell die Menschen auch sind, und daher habe ich jetzt besonders gut verstanden, dass ich niemals – auch nicht durch Training – zu der Sorte Menschen gehöre, die du verkörperst, aber ich finde es toll, wie du quasi “ halber nackert “ bei eisigen Temperaturen über Wald und Flur ziehst und dich dann noch an einer kalten Dusche labst, dass das kalte Wasser dann warm erscheint, das verstehe ich gerade noch.

    Schön dass es Menschen wie dich gibt ! 8)

  12. Herzlichen Dank, liebe Margitta, dito! Ich weiß, daß Du genauso denkst und darüber freue ich mich. 🙂

    Ja, Laufen bedeutet wirklich Lebensqualität für mich. Mit Zeiten kann ich nichts anfangen. Was bringt es mir, wenn ich 10 KM in 42 oder 40 Minuten schaffe? Nichts. Dann bin ich nur 10 Minuten früher zu Hause und verpasse viele schöne Tiere. Nicht meine Welt!

    Menschen sind verschieden, korrekt. Und auch zwischen Mann und Frau gibt es Unterschiede bezüglich der Hautstruktur. Aber wie oben schon gesagt, jeder wie er mag. Ich bevorzuge halt ein wenig Abhärtung! 🙂

  13. Du wärst zumindest schneller unter der kalten Dusche *brrrr*

  14. *lacht* 😀 Das klingt ja so als ob ich nur wegen der Dusche laufen würde. So extrem bin ich nun auch nicht. 😀

  15. Bei dir weiss man ja nie! hihi
    Du hast ja gar keine Ahnung mehr, wie schön eine heisse Dusche sein kann *kicha*

  16. Mit deinen kurzen Klamotten und dem aktuellen Wetter fange ich schon beim Lesen an zu Frieren. Ich mag es ja auch lieber ein wenig kühler, aber Du setzt dem ganzen noch einen oben drauf. 😉
    Ich wünsche Dir weiterhin so viel Freude bei deinen Läufen.

  17. Und dann läufst Du schon so viele Jahre und trotzdem wird Dir immer noch was geboten, nicht wahr? Schön, dass Du Dich so freuen kannst.

  18. Brigitte, dieser Streak geht in der Tat weitaus länger als meine Täglichlaufserie. 🙂

    Gerd, ich war früher auch ein richtiger Kältefreund. Mittlerweile kann ich darauf gerne verzichten. Optimal finde ich 10 C° und Regen. Wie oben schon steht, alle Jahreszeiten sind auf spezielle Art schön.

    Anja, für den Leser mag es immer gleich klingen – aber für mich ist jeder Lauf neu. Jeder Tag ist anders und jeder Lauf. 🙂

  19. Ich kanns mir trotzdem nicht vorstellen, dass du so gerne kalt duscht. *grusel*
    Aber so verrückt kenn ich dich und … !!

  20. Was heißt gerne – ich tue es, weil ich es so gewohnt bin. Da denke ich nicht weiter nach. Es ist wie es ist.

  21. Es gibt aber Dinge, an die könnte ich mich nieeeee gewöhnen – kalt duschen zb. *gg*

  22. Mich deucht, hier weilt ein Scherzkekserl unter uns. 😀

  23. Ah geh! Wie kommst auf sowas?

  24. ganz unphilosophisch schwäbisch von mir:
    laufen im Schnee
    ist schee …

  25. Brigitte, nur so. 😉

    Martin, die hohe Kunst des Dichtens. Echt schee! 😉

  26. OK! 🙂

    Auf wieviele Waldmännchen bist du denn heute so gestossen? 🙂

  27. 😀 Der ist gut!

    Ich kann heute einen Rottweiler, einen Husky und mehrere Galloways anbieten. Und natürlich meine Schafe. War wunderschön wie immer!

  28. Weisst du was ich an dir noch so liebe? Deine Bescheidenheit, deine Art nicht anzugeben, dich nicht überall wichtig zu machen mit dem was du hast. Schön, dass es noch so Menschen gibt!!

  29. Merci – aber das ist ein wenig viel der Ehre! Was soll ich da antworten? Ich schweige lieber. 🙂

  30. Genau, darauf musst du auch nicht antworten, du weisst es selbst am Besten!

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