Erinnerungen im Wald des Goldes

Folgender Laufbericht bezieht sich auf letzten Donnerstag, nicht wissend, daß die Herrlichkeit der Sonne nur auf einen Tag beschränkt sein würde.

Nach den vergangenen dunklen Tagen, die ihren Ursprung im finsteren Wolkenreich hatten, stellte der heutige Morgen das explizite Gegenstück dar. Blauer Himmel und Sonne erfreuten jeden Erdenbürger, welcher sich mutig in die Natur wagte. In der letzten Zeit war ich in weißer Laufgarnitur unterwegs; um den Kontrast zu erhalten, bevorzuge ich heute die dunkle Ausführung. Gleich im ersten Wald überhole ich einen Walker, welcher freundlich grüßt. Die holzigen Bewohner des Waldes haben zum Herbst mehrheitlich ihr Laub dem Boden preisgegeben. Vereinzelte Bäume trotzen der Jahreszeit mit aller Macht und widersetzen sich. Ihre Blätter leuchten goldgelb in der Morgensonne, die durch die Baumkronen bricht. Goldig schimmern sie entlang der Wege und im Hintergrund des Waldes. Dazwischen bewegt es sich allenthalben wie im schönsten Frühling. Drosseln sind unterwegs, Eichelhäher schimpfen, geschäftige Piepmätze stimmen ihren hoffnungsfrohen Gesang an und bewundern Eichhörnchen, die gewandt die hohen Bäume erklimmen.

Mit der Sonne im Rücken verlasse ich den Wald und treffe sogleich auf eine mir bekannte Läuferin. Obwohl die Sonnenstrahlen blenden, erkennt sie mich und grüßt. Ich setze meinen Weg fort und betrete den zweiten Wald, der mich zum Damm führen wird. Dieser Pfad läuft sich aktuell ein wenig unschön, voller Blätter, die den unebenen Boden egalisieren und selbst die umfangreichen Bauaktivitäten von Familie Schwarzkittel tarnen. Der Beginn des Dammes liegt mitten im Wald, um allzu faule Menschen mit ihren Autos fernzuhalten, existiert eine Schranke, welche heute offen steht. Meine Augen suchen den Horizont ab und erspähen – nichts. Weit und breit keine Menschen, nur ein verlassenes Naturschutzgebiet, in seiner einsamen Schönheit, still und doch mit einer belebenden Ausstrahlung.

Über eine Distanz von 200 Metern ziehen sich am Wegrand fein gewebte Spinnennetze im Gras dahin, glitzernde Wasserpunkte im filigranen und tödlichen Fanggewebe, die die Sonne reflektieren. Am Wendepunkt blicke ich auf den See, der ruhig in der Sonne leuchtet. Vor nicht langer Zeit traf ich dort im Nebel Charon.

2007_oktober_dammende

Plötzlich knackt es im Gebüsch, meine Augen konzentrieren sich auf die vermeintliche Quelle und schon springt ein junges Reh auf den Weg und verschwindet auf der anderen Seite. Ich liebe das düstere Wetter, jedoch muß ich gestehen, daß der heutige Sonnentag natürlich seine besonderen Reize offenbart. Eine phantastische Atmosphäre, die man innerlich regelrecht aufsaugen kann, nein, aufsaugen muß. Ich kann das nur genießen. Mir ist sofort klar, daß ich zwei weitere Kilometer in diesem Areal absolvieren werde. Die hellen Strahlen der Sonne sind auf meinen Armen angenehm fühlbar, doch sobald sich ein Baum mit seinem Schatten dazwischen schiebt, wird es sofort kälter. Während meiner Verlängerung durchquere ich die Wiese und laufe an einem durch Sturm zerstörten Baum vorbei. Ein Ast steht noch aufrecht und just auf diesem hat sich ein Bussard niedergelassen. In einer Entfernung von nur zwei Metern passiere ich und rede ihn, wie üblich an: „Naa, meine Schööööne?“ – Der stolze Blick beobachtet mich, majestätisch und erhaben läßt er mich keine Sekunde aus den Augen. Seelenruhig bleibt der edle Bussard sitzen, er weiß, daß ich keine Gefahr darstelle.

Bevor ich wieder zum Damm zurückkehre, besuche ich drei Galloway-Rinder, welche sich Richtung Wasser aufgemacht haben. Skeptische Blicke, sie sind klein und nicht so zutraulich wie ihre Eltern Aber auch sie flüchten nicht. Langsam trete ich den Rückweg an und beobachte im Sonnenschein mein Laufgebiet. Ich lasse den Blick schweifen und kann mir kaum vorstellen, daß bald Weihnachten sein soll. Ich erinnere mich an die interessanten Erlebnisse in diesem Jahr, die ich fast real vor mir sehe. Lange her. Die Kurve hinter mir lassend folge ich dem Weg, der nun kerzengerade vor mir liegt. Umsäumt von Bäumen, die im Frühjahr eine Allee bilden. Vergangenheit. Ich kann den November nicht leugnen, indes er die Maske des Frühlings trägt. Der See liegt ebenfalls einsam und verlassen unter dem blauen Himmel. Im Sommer übte eine Frauengruppe mit einem Boot zu navigieren – ihr Lachen voller Freude schallt immer noch in meinen Ohren. Doch auch dieser Eindruck ist der Vergangenheit geschuldet. Stattdessen sitzen dort viele Möwen, die man nicht ignorieren kann.

In der Ferne taucht in der natürlichen Stille ein Mensch auf. Ein Hundehalter, mit seinem Rottweiler „Bow“, der mich einst im Sommer umarmte, als sein Herrchen ein Sonnenbad nahm. Ebenfalls nur eine Erinnerung aus früheren Zeiten. Der Dammlauf neigt sich dem Finale zu, als ich wieder den Wald erreiche. Ich unterbreche meinen Lauf und schließe die massive Eisenschranke. Danach folgt eine große Waldrunde und anschließend trete ich endgültig die Heimreise an. Vorbei an einem Schaf, welches offensichtlich ausgebüxt ist und mich treuherzig anguckt.

Nach Verlassen des Waldes nähere ich mich der Straße und erspähe ein Ehepaar auf Fahrrädern. Als kleine Abwechslung erhöhe ich die Geschwindigkeit mit dem Ziel selbige zu überholen. Bevor ich meine Absicht fast realisiere, biegen sie nach rechts ab, womit sich diese Intention in Luft auflöst. Dennoch, umso schneller darf ich die Straße und damit den unseligen Autoverkehr hinter mir lassen. Subjektiv betrachtet, würde ich die Temperatur auf 16 C° schätzen, doch das Thermometer sagt mir 10 C°. Der Lauf, ein Traum voller Erinnerungen im Sonnenschein – Frühling gleich und das mitten im November. Das Jahr, das Leben im Fluß der Zeit umarmt uns fest umschlungen und zieht uns mit. Zu Beginn nur leicht, um später zu einem reißenden Strom zu werden. Erlebtes verblaßt zu einem Schimmer der Vergangenheit, doch manche Erinnerungen bleiben präsent und werden auch nach Jahren noch ein Lächeln erzeugen. Dieser Lauf war ein Lauf des Lächelns.

20 Antworten to “Erinnerungen im Wald des Goldes”

  1. Ein sehr schön Laufbericht (aber das ist bei dir nichts Neues) mit sehr melancholischen Gedanken. Gerne hätte ich dich dabei beobachtet oder begleitet. Bloss hätte ich die ganze Strecke kaum mithalten können. Bzw. hättest du gehen müssen (zwecks Nachzappel).

    Wie herrlich muss die Gegend sein, in der du laufen darfst.

    Ich wünsche dir noch viele solcher Traumläufer! *hdl*

  2. Ja, die Gegend ist schon herrlich. Klein aber fein. 🙂

    Die KM hättest Du schon geschafft, man kann ja auch langsam laufen, gell? *drückt Dich mal*

  3. Klein aber fein und wenn du läufst Dein 🙂

    Na du hättest richtig Freude dran *hihi*

  4. Marcus, Marcus, Marcus,

    wenn ich beim Lesen nicht die Augen öffnen müsste, würde ich in Gedanken alles sehen, was du mit deinen ausgewählten Worten vortrefflich beschreibst.

    Hier ist ein Mensch, der mit allen Sinnen und noch viel mehr unterwegs ist, hier ist ein Mensch, an dem sich so manch anderer eine große Scheibe abschneiden könnte – in einer Welt, in der die meisten nichts mehr sehen, fühlen, hören, sondern nur wie die Aas-Geier unterwegs nach “ Beute “ sind.

    Gut dass es auch die andere Seite noch gibt, dafür danke – auch für diesen wunderschönen Ausflug in dein Terrain ! 8)

  5. Brigitte, genau! 😀

    Ach, wieso – ist doch schön gemeinsam laufen.

    Margitta, für mich ist das die wahre Welt. Von Geld habe ich nichts, aber tierische Eindrücke bleiben ein Leben lang, bzw. die Erlebnisse beim Laufen. Geht Dir sicher ähnlich. 🙂

  6. Marcus, der Poet unter den Läufern mit seinen unglaublichen Geschichten!
    Vielen Dank, dass du uns an deinen Läufen in dieser Form teilhaben lässt!
    Liebe Grüße – Reinhard

  7. Nicht übertreiben, Reinhard! 😉 Doch schön, wenn es Dir gefällt. 🙂

    Ich würde gerne täglich Berichte verfassen, aber das wäre wohl zu langweilig für die Leser…

  8. Ein poesievoller Lauf!
    So wie es auf deinem Bild den Anschein hat, ist es mit dem Herbst bei uns schon weiter fortgeschritten. Die Bäume tragen nur noch wenig von ihrem farbigen Laub. Und wenn diese Woche der erste richtige Frost kommt, wird auch dieses fallen.
    Dann kommt der Frost und der Schnee. Die nächste Jahreszeit die wir in uns aufsaugen können. 😉
    Ich wünsche Dir noch viele solcher Läufe!

  9. Gerd, das Bild ist schon ein Jahr alt. Aber ich war heute auf Photosafari, ergo gibt es bald aktuelle.

    Gutes Aufsaugen, gell? 😉

  10. Marcus, danke – beim Lesen hast du mich heute (noch mehr als sonst) mitgenommen auf deinen Lauf; es liest sich so schön und ruhig und harmonisch, dass ich gerne mitgelaufen wäre in deinen Sonnentag! 🙂

  11. Ja, das war auch sehr harmonisch. Heute war zwar auch Sonne, aber zu stürmisch.

    Mehr als sonst? Woran lag es?

  12. Woran das „mehr als sonst“ lag? An dem herrlichen Tag bei dir…ich bin nicht so der Mensch fürs Novembergrau und für das stürmische norddeutsche schon gar nicht (liegt wohl in meinen badischen Wurzeln 🙂 )

  13. Sepp (OberpfalzLäufer) Says:

    „Im Sommer übte eine Frauengruppe mit einem Boot zu navigieren – ihr Lachen voller Freude schallt immer noch in meinen Ohren. Doch auch dieser Eindruck ist der Vergangenheit geschuldet. Stattdessen sitzen dort viele Möwen, die man nicht ignorieren kann. “

    Amüsant, die Natur beschreibt vieles sehr original !
    Danke Marcus!

  14. Eva, Du wirst Dich aber wohl oder übel an das Norddeutsche gewöhnt haben, oder? 😉 Ja, ein schöner Sonnentag ist toll. Ich möchte gerne bei 25 C° laufen, jedoch dauert das noch eine Weile.

    Sepp, nichts geht über die Natur. 🙂

  15. Wandelbegleiter Says:

    Da war sie wieder, „die Herrlichkeit der Sonne“.
    Lassen wir sie in unser Herz.

    Vielen Dank für die Herrlichkeit dieses ganz besonderen Laufberichtes.
    Einmal lesen reicht mir nicht.
    Geschrieben „im Fluss der Zeit“ und wie aus einem Guss.
    Noch mehr davon und die magische Anziehungskraft Ihrer Naturbeschreibungen verlangt nach einem Realitätsabgleich.

    Vielleicht haben Sie einmal darüber nachgedacht auch etwas auf Papier zu bringen. Sprich, Ihre Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen in einem Buch zu veröffentlichen.

    Ich wünsche Ihnen noch viele zufriedene „Läufe des Lächelns“.

    Mit lächendeln Grüßen
    WB

    P.S. Wo gibt es weiße Laufbekleidung ?

  16. Lieber Wandelbegleiter, vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Nach einem Realitätsabgleich wären Sie mit Sicherheit enttäuscht. Nicht, weil die Realität meinen Berichten nicht entsprechen würde, nein, weil ich mit meinen Texten die Wirklichkeit nicht korrekt mit Worten beschreiben kann.

    Auch sind es immer nur wenige Eindrücke, die ich verarbeite. Über ein Buch dachte ich bisher nicht nach, vermutlich würde das auch nicht den Massengeschmack treffen und wäre somit eher uninteressant.

    Eine helle, kurze Hose und ein weißes T-Shirt sorgen für den Kontrast. 😉 Ich bin diesbezüglich ein Minimalist.

    Ebenfalls lächelnde Läufe! 🙂

  17. Wandelbegleiter Says:

    Lieber Blacksensai,

    vielen Dank für Ihre offenen Worte.
    Ihre Bescheidenheit in Ehren, eine Tugend die ich sehr schätze.
    Aus meiner Sicht ist es gar nicht so entscheidend die Wirklichkeit korrekt zu beschreiben.
    Was von Ultraistgut bereits so treffend beschrieben wurde
    (wenn ich beim Lesen nicht die Augen öffnen müsste, würde ich in Gedanken alles sehen), dazu das Auslösen von Emotionen und positiven Leserreaktionen, das alles bewirken Ihre Worte.
    Dazu Ihre Fotos, ausgewählte Gedichte und die für Sie schönsten Antworten Ihrer treuen Leser würden ein einzigartiges, „lebendiges Buch“ entstehen lassen.

    Die Entscheidung wie, wann und ob überhaupt liegt jedoch bei Ihnen.
    Lassen Sie sich bitte Zeit, wägen Sie ab und achten Sie auf Ihre Träume in den nächsten Tagen.
    Sicherlich werden Sie die richtige Antwort für sich finden.

    Meine Partnerin und mein Sohn werden demnächst ihre ersten Bücher in den Händen halten.
    Was die Gedichte meines Sohnes betrifft, würde ich Ihnen diese bei Interesse gerne zukommen lassen.

    Herzliche Grüße und ein erholsames Wochenende

  18. Ich muß gestehen, die Idee eine Art „Buch“ zu kreieren, mit Texten, Photos und ausgewählten Antworten, klingt in der Tat sehr reizvoll. 🙂 Zumindest für wenige Leser wäre das eventuell ebenfalls interessant. Danke für die Inspiration! Wer weiß, was die Zukunft bringen wird.

    Faszinierend zu lesen, daß Sie mit der Erschaffung eines Buches bereits die Vollendung erreicht haben. Vielleicht können wir uns darüber näher austauschen.

    An Gedichten habe ich stets Interesse. In meinen Augen eine hohe Kunst derart literarisch zu wirken.

    Genießen Sie den sonnigen Sonntag!

  19. hallo, marcus-

    ich muss mich den vielen meinungen einfach nur anschliessen.

    ein bildband mit deinen wundervoll und vortrefflich beschriebenen läufen, würden viele menschen ein wenig in die natur zurückholen.

    sie könnten sich dabei wieder auf das wesentliche besinnen und wären sicher angeregt, sich mal wieder an dem zu freuen, was uns am wertvollsten ist- die natur. nicht ein neues kleid- ein neues paar schuhe- eine handtasche oder ein neues auto.

    den duft, die musik der natur.

    schön, wie du es beschreibst! im herbst sind wir doch mehr aufs „abgeben“ eingestimmt. wir merken, wie natur federn lässt und viele ecken rufen schöne erinnerungen wach…

    merci- liebe grüsse von athena 🙂

  20. Ja, Athena, die Idee gefällt mir auch gut. Allerdings ist sie auch schwer realisierbar.

    Menschen wieder auf die Natur zu sensibilisieren? Da bin ich skeptisch. Der Großteil der Menschheit würde sich lieber an einem 20-Euro-Schein erfreuen, als an einer Meise. Das ist Fakt.

    Wenn sich jemand näher für diese Laufberichte interessiert, der kann ja auch in den älteren nachlesen. Und die nächsten werde ich wohl auch in diesem Stil verfassen – entsprechende Erlebnisse vorausgesetzt. 🙂

Wortmeldung verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s