Geisterstimmen im Nebel

Der zweite Tag in Folge, der mit Nebel beginnt. Ich liebe nicht nur Regenläufe, sondern auch Nebelläufe – als logische Konsequenz startete ich meinen Lauf am frühen Morgen. Dichter Nebel, 09 °C, Windstille – mein Atem ist sichtbar. Das wirkliche Ausmaß des Nebels kann ich erst ermessen, als ich über die Brücke laufe und nicht einmal mehr das Wasser erspähen kann. Perfekte Bedingungen für einen Genußlauf par excellence. Ich erreiche den ersten Wald und bin sofort begeistert von dieser gedämpften und ruhigen Atmosphäre. Verlassen von Menschen umarmt mich der Forst mit Einsamkeit. Der Waldboden übersät mit unzähligen Spinnennetzen, durchsetzt mit feuchten Tropfen. Lebhafte Wuschelputze, auch bekannt als Eichhörnchen springen munter umher, augenscheinlich ohne Angst. Mit dicken Eicheln im Gesicht erklimmen sie ihre Bäume.

Der Wald liegt hinter mir, mein Blick wandert nach links – Richtung Damm. Doch welcher Damm? Verschluckt vom Nebel beobachte ich ein tiefes Nichts. Aus dem Nichts tönen die Rufe der Graugänse und auch ein Fischreiher stimmt hin und wieder in dieses Konzert ein. Besonders drollig eine Ente, wahrscheinlich tief versteckt im Schilf: „Baack!“ Baack!“ Baaaack!“. Ich habe sie „Donald“ getauft und jedes Mal muß ich laut lachen, wenn ich sie höre. Der nächste Wald deutet sich im Dunst an, sofort passe ich meine Geschwindigkeit an die Bodenbegebenheiten an. Partiell sieht der Weg wie ein Schlachtfeld aus. Als ob ein Zug Panzergrenadiere mit ihren SPZs durchgerauscht wären. Familie Schwarzkittel hat ganze Arbeit geleistet. Meine Schritte sind fast lautlos, nur die abgefallenen Blätter erzeugen ein leises Knistern. Der Waldweg zieht sich hin, ein phantastischer Anblick, umhüllt vom Morgennebel. Plötzlich verschwimmt am Ende meines Sichtfeldes der Nebel. Eine wahrnehmbare Bewegung. Wie aus einer anderen Welt materialisiert sich eine Person und schält sich aus dem Schutz der Dunkelheit.

Eine mir unbekannte Läuferin hält auf mich zu. Ich bin sehr überrascht, da meine Erwartung auf Menschen zu treffen gegen Null tendierte. Wir grüßen uns und jeder verschwindet wieder in seiner eigenen Nebelwelt. Ihre Kleidung erstaunt mich, bei diesen Temperaturen nur ein ärmelloses Oberteil. Offenkundig betrachten noch mehr Menschen niedrige Gradzahlen als Option zur Abhärtung. Ich bin beeindruckt. Mein Weg führt mich zum Damm, welcher gänzlich umschlossen von einer Nebelglocke auf mich wartet. Auch hier kann ich das Wasser nur erahnen. Viele Vögel durchbrechen lautmalerisch die Stille, jedoch sind es nur Geisterstimmen, bis auf ein paar Drosseln ist niemand zu sehen. Ein Baum knarzt und erzeugt ein Geräusch wie im Gruselschloß. Für einen Moment schließe ich meine Augen und konzentriere mich auf die Vogelstimmen. Mein Gefühl gaukelt mir den Frühling vor, langsam steigende Temperaturen, Sonne und Blütenpracht. Doch mein Verstand weiß um das Gegenteil.

Ich fühle mich als ein Teil der Natur und weiß bereits zu diesem Zeitpunkt, daß dieser Lauf, der für mich schönste des Jahres überhaupt sein wird. Nur ein Nachtlauf im tiefen Schnee mit Schneefall hätte die Möglichkeit ihn zu übertreffen. Am Ende des Dammes vernehme ich das Klirren von Ketten. Mein Blick eilt der Drehung des Körpers voraus und dort, wo Wasser sein müßte, erkenne ich schemenhaft ein Kahn mit einer hoch aufgerichteten Person. Verharrend und ohne Bewegung. Ich kann nicht einmal sehen, ob sie mich anblickt. Sofort erinnert mich dieses Bild an Charon, der mir eine Überfahrt über den Fluß Styx in die Unterwelt anbieten will. Da ich keine Münze für eine derartige Reise bei mir führe und natürlich weiß, daß es nur ein Fischer ist – der Mann möge mir den Vergleich verzeihen – trete ich den Rückweg nach Hause an. Dennoch, die Welt für eine Kamera in diesem Augenblick!

Mittlerweile bin ich komplett durchnäßt, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Selbst meine Arme sind naß wie bei 30 °C. Während meiner großen Waldrunde fallen mir Spuren im Sand auf. Kräftige Abdrücke. Ich sollte mich dem Fährtenlesen widmen. Langsam aber sicher nähere ich mich der Zivilisation, der erste Hundehalter grüßt freundlich. Kurz darauf erneut zwei Menschen, die mich mit einem strahlenden Lächeln begrüßen. Nach insgesamt 15 Kilometern beende ich meinen heutigen Lauf. Noch auf der Straße ziehe ich mein Shirt aus und gebe den seltsamen Anblick einer menschlichen Dampfsäule ab.

Der heutige Lauf wird unvergessen bleiben. Für mich war es der wunderbarste Lauf in diesem Jahr, pure Harmonie. Ohne Anstrengung im Laufschritt die Natur genießen, versteckt im Nebel, mit tierischen und interessanten Begegnungen. Einzigartig. Laufen kann jeder. Aber wer den Artikel nachvollziehen möchte, der muß das Laufen lieben. Dieser Lauf war das absolute Glück.

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28 Antworten to “Geisterstimmen im Nebel”

  1. Hallo Marcus,

    für solche, eigentlich mühelose Läufe, lohnt sich sogar ein ganz Jahr Training. Aber das gute ist ja, ähnlich schöne Läufer erlebt man ja doch immer mal wieder. Sei es durch schöne Läufe durch die Natur, durch Treffs mit anderen, sympathische Läufern.

    Viele Grüße an die Ente Donald. :)l Unsere Enten am Teich gehen nicht einmal mehr zur Seite. Sie glauben, ich hätte Angst vor ihnen, weil ich immer extra einen großen Bogen um sie laufe.

    LG
    Klaus

  2. Wie wahr, Klaus! Danke, ich richte die Grüße aus. 😉 Die Laute von Donald sind wirklich zu goldig. Aber Du kennst das wahrscheinlich – auch wenn Du einen Bogen läufst.

    Angst? Wer weiß, vielleicht willst Du sie nur vor Deinen Waschbärenfreunden schützen? 🙂

  3. Da solche Läufe sehr selten sind muss man sie einfach genießen.
    Der Herbst ist die Zeit für diese Läufe.
    Für mich die schönste Zeit des Jahres.

  4. Der Lauf bildete wirklich eine Besonderheit! Ich präferiere derzeit lieber den Frühling. 🙂

  5. Dachte ich‘ s mir doch, dass die blaue Blume auch im Nebel und sogar bei Schnee und Eis blüht. 🙂
    Als musikalische Untermalung – wenn ich es mir denn als Film vorstelle – fiel mir der „Boss“ ein: „My beautiful Reward“. Bei der Gruselszene herrscht natürlich absolute Stille – bis auf das etwas schnellere und kaum höbar lautere Atmen des Helden. 😉

  6. Bei Nebel, Schnee und Eis blüht die blaue Blume in der schönsten Form überhaupt. 🙂

    Gut beschrieben! 😉 „Eingefrorene Dynamik“. Wieso hat man nie eine Kamera zur Hand, wenn es wirklich interessant wäre? Das Photo wäre grandios geworden.

  7. Nabend Spotzl! Du solltest Romane schreiben. Der Bericht war so lebendig, so herrlich, so toll geschrieben, dass ich jeden Meter mir dir mitlief! Wie schön muss es für dich gewesen sein.
    Ich lief heute auch, aber nur durch Wien und durch die Tut Anch Amun Ausstellung, die übrigens ein Traum war. Wenn man sich vorstellt, dass diese Ausstellungsstücke über 3000 Jahre alt sind, so bekommt man Ehrfurcht.

  8. Ja, vielleicht schreibe ich eines Tages einen Laufroman. 😉 Nur, wer liest das?

    Deine besuchte Ausstellung ist mehr als interessant. Da beneide ich Dich ein wenig. Aber so alte Dinge haben mich auch schon immer fasziniert. Anschauliche Archäologie ist schon spannend, gell? 🙂

  9. Hallo Marcus, was für ein Zufall. Auch bei uns war heute Morgen Nebel. Da ein Tag voll Arbeit auf mich wartete, lief ich ebenfalls schon am Morgen. Es war herrlich. Die frische Luft und das neblige Drumherum war einfach nur schön und meine Strecke wurde länger als geplant. Eine schöner Herbstbeginn!

    LG, Ramona

  10. Freut mich sehr für dich, dass du heute so einen wunderschönen Lauf hattest! Davon zehrt man dann doch wieder eine ganze Weile…- aber der Nebel hat auch unschöne Seiten: wir mussten gerade 100 km durch eine ganz dicke Nebelsuppe mit dem Auto nach Hause fahren – das war einfach nur schrecklich!

  11. Ramona, wenn sich unsere Landschaften schon oft ähneln, sind folglich auch die Wetterverhältnisse gleich, gell? 😉

    Eva, da wirkt wieder das Schema des Rollentauschs. Als Autofahrer hätte mir der Nebel natürlich auch nicht gefallen. Mir fiel auch auf, daß sehr viele Fahrer ohne Licht fuhren. Bei der Dichte des Nebels mir unverständlich.

  12. Sepp (OberpfalzLäufer) Says:

    Jedes Wort die diese Stimmung umschreibt, habe ich auch schon erlebt.
    So schön ist „Laufen“, man muss es nur wollen!

  13. Korrekt Sepp!

    So schön ist “Laufen”, man muss es nur wollen! – Der Satz gefällt mir. Den unterschreibe ich sofort!

  14. Das mit Charon dem Fährmann, finde ich ein schönes Bild, wircklich schade das Du keine Kamera dabei hattest. Es gibt ja so ganz kleine die auch für einen Lauf geeignet wären, so beim Laufen siehst Du sicher ganz tolle Bilder. Ich laufe eben etwas langsamer und habe meine Kamera immer dabei. (Siehe auf Blog zentao „alles hat seine Zeit“ meine neuesten Fotos von meinem letzten Lauf. „Geisterstimmen im Nebel“ hast Du toll geschrieben, da war immer eine Gewisse Spannung, was kommt nächst? Wie ein Kapitel aus einem Roman.
    Liebe Grüsse zentao

  15. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Ebenfalls danke für den Hinweis „Alles hat seine Zeit“ – ich werde Dich gleich besuchen. 🙂

    Daß Dir mein Beitrag gefallen hat, freut mich. In Zukunft werde ich das fortführen, entsprechende Erlebnisse vorausgesetzt. Charon habe ich heute wieder gesehen, allerdings im schönsten Sonnenschein ohne Nebel. Er hat an der Stelle seine Reusen. Das gestrige Bild hätte wirklich aus einem Film sein können.

    Eine kleine Kamera mitzuführen, ist wirklich eine Überlegung wert. Wie oft habe ich das Fehlen einer Kamera beim Laufen schon bedauert.

  16. Ach ja, die Liebe zum Laufen – mit allen Sinnen aufmerksamst durch die Natur:

    – sehen
    – riechen
    – fühlen
    – hören
    – schmecken

    nichts ist dir entgangen, alles hast du wunderschön in Worten eingefangen !

    Danke ! 8)

    Nebel – das hatte ich in diesem Herbst noch nicht, dafür heute wärmende Sonne und lieblichen Wind – auch schön !

  17. Sonne und lieblichen Wind kann ich heute ebenfalls anbieten. Dafür war der Nebel verlustig… 😉

  18. Danke, lieber Marcus für Dein sensibles, einfühlendes und wahr-nehmendes Anteil-schenken.

    Wie gut, dass Du Deine Kamera nicht dabei hattest. Ist es nicht so, dass die wirklichen Erlebnisse, Erinnerungen doch zutiefst im Herzen sind, sich einwurzeln. Unsere weiteren Schritte prägen.

  19. Ich freue mich, daß Dir der Bericht gefällt! 🙂 Ja Elke, auch Deine Worte sind wahr. Aber dieser Lauf war eine seltene Besonderheit, so „nachhaltig“, daß er für immer in meiner Erinnerung bleiben wird. Gerne hätte ich ein Bild vom „Fährmann Charon“ hier eingestellt, das hätte den Artikel stimmungsvoll unterstreichen können.

  20. Du hast Recht, Nebel ist schon sehr cool. Als ich noch bei meinen eltern wohnte war mein Schulweg oft nur ein paar Meter weit zu erkennen.

    Aber Nächte im Schnee sind wohl ernsthaft das Größte. Wenn man das Eis des Flusses knacken hört, weil es sich weiter ausdehnt, und sonst Stille herrscht. *wehmütig erinner*

  21. Ja, da hast Du vollkommen Recht! Das Knacken des Eises ist genial. Am Damm, wo ich laufe, kommt das auch immer wieder vor.

    In der Nacht im Schnee laufen, ist auch super. Allerdings, die Chancen für Schnee sind wohl nicht mehr so berauschend.

  22. Es ist eine einzige Freude…wenn man sieht, dass es noch Menschen gibt,
    die die deutsche Sprache in ihrer ganzen Schönheit beherrschen und mit ihr
    spielerisch und schön umzugehen verstehen !
    In Zeiten der „Verenglischung“ einfach klasse !

    Gerd

  23. Danke Gerd! Ich stehe dieser Verenglischung auch sehr skeptisch gegenüber. Zumal vieles sachlich inkorrekt ist. Und dieses Denglisch mag ich gar nicht.

    Daher betreibe ich auch kein Streakrunning, sondern Täglichlaufen. Wozu sich einer anderen Sprache bedienen, wenn die deutsche so vielfältig ist?

  24. Ja, genau deshalb habe ich den Vorschlag gemacht, auf den Hemden
    den Zusatz „Täglich-Läufer“ mit aufzudrucken, damit auch alle
    Nicht-Eingeweihten wissen, worum es geht.

  25. Die Geschichte mit den Hemden habe ich nur am Rande verfolgt. Ich stimme Dir zu, mit Täglichläufer weiß gleich jeder, was gemeint ist.

  26. […] Ein ruhiges, gleichmäßiges Geräusch in der Einsamkeit. Ich erinnere mich an meine Begegnung mit Charon. Doch niemand ist zu sehen. Allein. Jäh werden meine Gedanken durch einen lauten Schrei […]

  27. […] besonderer Lauf der kuriosen Art für mich, wenngleich ich diese Kategorie einst mit einer anderen Intention […]

  28. […] zu einer Überfahrt über den Fluß Styx in die Unterwelt verleiten wollte; klirrende Ketten – Geisterstimmen im Nebel. Ich weiß, es ist der gleiche Mann von damals, der sich vermutlich seiner damaligen Erscheinung […]

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