Leben

Mein Wetter. Dunkel, der Himmel voller Wolken, schwacher Wind, 5 C°, Nieselregen liegt in der Luft. Man sieht den Atem. Am Ende werde ich 13 Kilometer laufen. Ich bin nicht einer menschlichen Person begegnet – die Einsamkeit gehörte mir. Dem regnerischen Wetter der letzten Tage entsprechend zeigten sich die Waldwege von ihrer unschönen Seite. Mein lieber Opi hätte gesagt: „Ach, du ahnst es nicht!“. Matsch, Schlamm und riesige Pfützen, die eine Einladung zum Hinfallen an jeden Läufer boten. Die Krönung des Ganzen bildete ein Traktor, der mir vor ein paar Tagen auf dem Damm entgegen kam, dabei – warum auch immer – mehrere Eisengitter hinter sich herzog. Der Weg nun, eine einzige Katastrophe.

Das Hochwasser zieht sich immer weiter zurück, dennoch kann man die überfluteten Wiesen noch „Schwanensee“ nennen, sind doch noch überall weiße Punkte in der Ferne zu erkennen. Und selbst mitten auf dem Damm erspähte ich einen Schwan, der es sich dort gemütlich gemacht hatte. Da der Damm nicht sonderlich breit ist, blieb mir nicht viel Freiraum zum Ausweichen. Ich redete den Schwan an und lief in einer langsamen Geschwindigkeit in einem Meter Entfernung an ihm vorbei, während er mich wachsam beobachtete. Er rührte sich keinen Millimeter. Über diesen Vertrauensbeweis erfreut, lief ich weiter. Eine Erfahrung in dieser Form ist neu für mich – bisher traten Schwäne, wenn auch langsam, immer den Rückzug an. Auf meiner Rücktour ereignete sich das gleiche Prozedere. Seltsam. Ich hoffe, er ist nicht krank oder verletzt. Am Ende des Dammes scheuchte ich einen Fasan auf, ein possierliches Kerlchen.

Seit einiger Zeit „zischeln“ mich die Graugänse oft an und meckern besonders laut. Eine Gans verfolgte mich sogar in einer Entfernung von fünf Metern für ungefähr 20 Meter, während sie mich ausschimpfte, aber stets ihre Höhe einhielt. Für dieses Verhalten existiert eigentlich nur ein Grund, der mir heute bestätigt wurde. Im Wasser erblickte ich Familie Graugans mit ihrem Nachwuchs, ca. sieben Kleine an der Zahl. Ich unterbreche meinen Lauf eher ungern, aber dieser Anblick war so herzig, daß ich mit Freuden stehen blieb. Einfach zum Knuddeln, nur die Gänse sahen das anders und flüchteten. Später sah ich eine Ente, von einer Art, die mir unbekannt ist und ich zum ersten Mal überhaupt erblickte.

Der heutige Lauf mit den vielen Tierbegegnungen war unbeschreiblich schön. Wir Menschen bildeten früher ein Teil der Natur, bis wir diese Verbindung lösten und die Natur fortan bekämpften. Ein Krieg, den wir immer weiter perfektionieren. Es existieren einige Beweggründe, die erklären, warum ich laufe. Ich hatte heute besonders stark das Gefühl ein Teil der Natur sein – wieder zu ihr zu gehören. Wahrscheinlich klingt es seltsam und ist schwer nachvollziehbar, aber dieses Gefühl ist der Hauptgrund, warum ich täglich dort laufe. Vor kurzem schrieb ich über die vor Kraft und Energie nur so strotzenden Wildschweine, ich übertrage den Satz auf die Natur. Sie hat vor LEBEN nur so gestrotzt – und ich war dabei – ein Teil von ihr. Ein Genuß. Ein wahrlich besonderer Lauf.

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16 Antworten to “Leben”

  1. Herrlich! Ich bin mal wieder mit dir mitgelaufen! Danke für den wunderschönen Bericht. Schade, dass du keine Bilder gemacht hast! *knuuuutscht*

  2. Nicht nur Du , Brigitte, ich war auch dabei, habe alle Tiere gesehen, gehört, respektiert und aufmerksam Deinen Text, Marcus , gelesen.

    Beim Anblick einer solchen Grau-Gans-Familie kann man nur stehen blieben, es wäre eine Sünde, diesen kleinen putzigen Jungtiere nur einen flüchtigen Blick zu gönnen.

    Danke fürs Mitnehmen ! 8)

  3. Danke für Eure Kommentare! Wenn Ihr zwei mitgelaufen wärt, so wären keine 13 KM zusammen gekommen, sondern sicherlich mehr. 🙂

    Du weißt ja, eine Kamera während des Laufes schleppe ich nicht mit.

  4. Ich kann Dir folgen.. schön geschrieben.

  5. Schöne Laufbeschreibung. Leider hat man nicht immer so eine Ruhe und Einsamkeit. Vor allem bei uns in der Ecke. Da muss ich schon um 6:00Uhr aus den Federn. Obwohl ich ja diese frühen Läufe liebe!
    Kommen jetzt zu den protokollierten „Hundeangriffen“ noch die Angriffe der Graugänse 😉

    Gruß Gerd

  6. So frühe Läufe mag ich eher nicht. Das waren auch keine Angriffe von den Gänsen – die sind harmlos. Und Hundeangriffe hatte ich, zum Glück, schon länger nicht mehr. Ich hoffe, es bleibt so!

  7. Toller Bericht, da kann man wirklich in Gedanke mitlaufen 🙂
    Diesmal hast Du aber Deinen Foto zu hause gelassen.
    Schönes Wochenende und viele Grüße jessica

  8. Danke Jessica,

    ebenfalls ein schönes Wochenende! Ich habe noch nicht einmal die Bilder vom letzten Mal veröffentlicht, die noch ausstehen. Daher mache ich keine neuen.

  9. Lieber Marcus,

    Du wirst es im Forum gelesen haben, ich bin sehr traurig über Deinen Entschluss, auf der anderen Seite weiß ich ich Dich hier und kann mit Dir in Zukunft weiterhin “ plaudern “ und mich austauschen, vielleicht sehen wir uns auch wirklich einmal in natura. Mein Angebot zu einem Besuch bei uns steht.

    Wir würden uns sehr freuen, wenn Du irgendwann bei uns auftauchen könntest, denke mal drüber nach !

    Bis bald 8)

  10. Liebe Margitta,

    herzlichen Dank für Deine Worte – hüben wie drüben. Mein Blog bleibt in jedem Fall erhalten. Und danke für Dein Angebot – ich denke darüber nach. 🙂

    Einen schönen Sonntag!

  11. Klaus_x Says:

    Trotzdem wäre es schade, so schöne „zeitlose“ Laufberichte nur noch hier lesen zu können. :(((

    Der Bericht war trotzdem schön. Schwäne kenne ich auch nur ausweichend…. oder richtig giftig angreifend, wenn sie ihre Kleinen für bedroht halten. Ist eine spannende Sache, wenn man bei einer Flussfahrt mit dem Paddelboot durch ein Schwanenrevier muss. Da wird man schnell zum U-Boot.

  12. Also lieber Marcus ich bin auch ganz „BAFF“ über Deinen Entschluss das Forum der Täglichläufer zu verlassen. Ganz nett konsequent von Dir.

    Wenn ich sowas von Dir mitbekomme beeindruckst Du mich sehr mit Deinem „graden“ Charakter.

    OK, wir waren bei der Sache „Copyright“ nicht einer Meinung, aber das denke ich ist auch für Dich kein Problem mehr. Für mich war es nie eines.

    Ach ja und schreiben kannst Du wirklich schön.

    Laufen möchte ich jedoch lieber hier bei uns im Bergischen Land um unsere geliebte Eschbach-Talsperre 😉

    Du bist ein Typ ❗

  13. Hi, Marcus,

    bin froh, dass Du die Größe besitzt, einzusehen, dass Mensch auch mal voreilig handeln kann, das ist echte Größe, und dafür eine extra große Anerkennung!

    Gott bin ich froh !!
    Schönen Sonntag-Abend, bin stolz auf Dich ! 8)

  14. Klaus, daß Schwäne abwehrend reagieren, kenne ich von einigen Beispielen – ich selber habe das noch nie erlebt. Aber gut so, daß sie ihre Kleinen beschützen.

    Lutz, mittlerweile habe ich den Rückzug vom Rückzug eingeläutet – also nix mehr mit verlassen…

    Margitta, ich danke Dir. Aber ich habe nur eine Fehlentscheidung korrigiert. Euch allen eine schöne (Lauf)woche! 🙂

  15. OK, wenn Du dann die Situation für Dich als einen Fehler erkannt hast ist auch diese Entscheidung voll i.O.

    Ist schon blöd, wenn man sich über jemanden aufregt, dann kommt es auch schon mal zu solchen Entscheidungen. Mach Dir nichts draus. Sowas passiert ja öfters mal und wird irgendwann zu Routine 🙂

    Lauf weiter, dann trampelst Du Dir den „Mist“ schon aus dem Sinn ❗

    Viel Spaß dabei…

  16. Eh nicht Lutz – niemand ist perfekt. Der „Ärger“ ist schon längst abgelaufen – gestern sogar zweimal. Doppelt hält besser. 😉

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