Den Weg gehen – VII. Alte Stärke.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Rückschau. am 21. Oktober 2009 von Marcus

Der Auftakt des vergangenen Monats begann zwar noch im Zeichen der unzulänglichen Schwäche, doch ich konnte bereits den genesenden Aufwind spüren. Ein heikles Stadium der körperlichen Gesundheit stellt diese Übergangsphase dar. Subjektiv betrachtet – nahezu wiederhergestellt – der Körper will in bewährte Muster zurückkehren, darf respektive sollte nicht. Sich in Zurückhaltung üben und die Intensität beschränken, ist der weisere Weg. Und so nahm ich mein Standardprogramm nicht sofort wieder auf, sondern näherte mich langsam den einst etablierten Rahmen an. Obwohl die Widrigkeiten sich augenscheinlich in Luft auflösten, benötigte mein Körper mehrere Tage, um die reguläre Form aufzubauen. Nun heiße ich die gewohnte und geschätzte Konstitution erneut in alter Stärke willkommen.

Was bot der siebte Monat in diesem Jahr? In den letzten Wochen wurde der herbstliche Jahreswechsel mit voller Inbrunst vollzogen. Die Temperaturen fielen während meiner Läufe von 18 C° auf 04 C°. In den ruhigen Wäldern verabschieden sich nach und nach die grünen Kleider und die Farben des Herbstes dominieren uneingeschränkt – ein buntes Potpourri im dramatischen Wandel der grünen, roten und gelben Welt in der von mir geliebten Natur. Welch formidabler Anblick! Demungeachtet erreichten mich die ersten kalten wie liebevollen Ausläufer der winterlichen Legionen, die uns immer näher kommen. Vor nicht langer Zeit trauerte ich wehmütig dem Sommer hinterher, doch jetzt freue ich mich auf die kalten Tage. Die kühle, belebende Luft ist ein einziger Genuß; einmal eingeatmet, führt der prosperierende Odem der Wintermacht zu einer Stärke, die sich unverzüglich auf das Laufen auswirkt. Der aufgenommene Sauerstoff verteilt sich im Blut und setzt eine lange vermißte Macht frei. Meine geliebte Kälte – Du bist zurück! Die innere Kraft scheint übermächtig, sie manifestiert sich in großen Schritten, die Geschwindigkeit erhöht sich – greifbare konzentrierte Energie, fühlbar. Ein überhöhtes Empfinden mächtiger Dynamik und immenser Willenskraft, nichts und niemand kann mich während meiner Läufe in natürlicher Freiheit aufhalten. Ungebrochenes, knisterndes Temperament.

Der in die Vergangenheit aufgebrochene Monat offerierte eine gehaltvolle Alternation. Ein langjähriger Hundefreund von mir, der Rottweiler Bow – einst fester Bestandteil meiner täglichen Laufeinheit wird mich nicht mehr begleiten – er verstarb leider. Das gewohnte Bild hat sich einmal mehr verändert, ja, es ist ärmer geworden. Auch meine Schafherde verschwand urplötzlich. Glücklicherweise ist mir nun ihr aktueller Aufenthaltsort bekannt; demnächst werden sie ihr gewohntes Zuhause wieder beziehen. Anfang Oktober blockierte ein umgestürzter Baum den Damm, temporär gelang es mir, Täglichlaufen mit Klettern zu verbinden. Das Hindernis wurde jedoch schneller beseitigt als ich es mir in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hätte. Für einen weiteren Höhepunkt des Monates zeichneten die Hochlandrinder verantwortlich, die sich selbst in den Stand der Freiheit erhoben, um ungehindert ihre Welt zu erkunden.

In dieser Woche stand auf der Wiese in Dammnähe ein Reh und beobachte mich neugierig. Ich blieb stehen und wir guckten uns an, selbst als ich es ansprach, flüchtete es nicht. Wenige Minuten später lief ich an einem edlen Bussard vorbei, der erhaben auf einem Pfahl thronte – die Entfernung betrug drei Meter. Ein wahres Prachtexemplar! Diese beiden Momente verkörpern für mich mein Täglichlaufen par excellence. Den Blick auf die natürliche Welt gerichtet, nicht auf die menschliche. Im Geist während des Laufens völlig versunken, in das innere Reich der Harmonie – was jüngst dazu führte, daß ich spazierende Freunde gänzlich ignorierte. Erst als ich sie längst passiert hatte, wurde mir mein Fauxpas bewußt. Ich kehrte um und korrigierte lächelnd meine Taktlosigkeit, die mir auch sofort verziehen wurde. Das sind meine liebsten Läufe. Wenn sich der Geist scheinbar vom Körper trennt und sich auf eine andere Ebene erhebt – durch die Welt fliegend – im Einklang mit sich selbst.

19.09.2009 06 KM – bei den Schafen angehalten
20.09.2009 09 KM – Erkältung beendet
21.09.2009 10 KM
22.09.2009 10 KM – langes Gespräch mit einer Bekannten
23.09.2009 11 KM – Gespräch mit Grußfreund
24.09.2009 12 KM
25.09.2009 12 KM
26.09.2009 09 KM
27.09.2009 12 KM – Jagdspiel zwischen Bussard und Möwe
28.09.2009 13 KM – Radfahrerin überholt
29.09.2009 13 KM
30.09.2009 13 KM – Gespräch mit Hundehalterin, Hund aggressiv
01.10.2009 11 KM – wunderbarer Regenlauf
02.10.2009 13 KM – Radfahrerin überholt, Baum umgestürzt
03.10.2009 13 KM
04.10.2009 13 KM – Schranke geschlossen; Gespräch Grußfreund
05.10.2009 15 KM – Melancholischer Lauf
06.10.2009 13 KM
07.10.2009 15 KM
08.10.2009 12 KM
09.10.2009 13 KM – Gespräch mit Grußfreundin
10.10.2009 08 KM
11.10.2009 13 KM – drei Fasane aufgeschreckt
12.10.2009 13 KM
13.10.2009 13 KM – Gespräch mit Grußfreund, Hochlandrinder frei
14.10.2009 13 KM
15.10.2009 14 KM
16.10.2009 14 KM
17.10.2009 14 KM
18.10.2009 14 KM – Täglichlaufen: 08 Jahre und 07 Monate

Der Sinn des Lebens

Veröffentlicht in Elementares, Fauna am 17. Oktober 2009 von Marcus

Was ist der sagenumwobene Sinn des Lebens? Eine der elementarsten Fragen, wenn nicht gar DIE essentiellste Fragestellung überhaupt, welche sich die Menschen schon immer stellten. Fast jeder zerbrach sich darüber den Kopf; große Philosophen und Gelehrte, Dichter und Denker. Die Basis eines fundamentalen Disputes, der nie für alle befriedigend beantwortet werden kann. Dabei ist die Antwort simpel, die Erkenntnis einleuchtend – natürlich kanalisiert sich die Beantwortung in der persönlichen Weltsicht, eine individuelle Betrachtung der eigenen Existenz. Der Mensch wird geboren – einfach so – heutzutage in der Regel durch die Vereinigung zwei sich liebender Wesen. Er gibt anschließend ein temporäres Gastspiel auf diesem Planeten ab; in unserem unendlichen Universum der unaufhörlichen Weite. Der Ferne. Des Nichts.

Er lebt, kann selbst jedoch keinen Einfluß auf sein entstehendes Dasein nehmen und wird nach einem begrenzten Augenblick, an dem er am wundervollen Leben partizipiert – für immer in den vergänglichen, unwiderruflichen Sog des ewigen Nichts gezogen werden. Der Sinn des Lebens? Das Leben hat keinen Sinn. Irrelevant, was der menschliche Geist zu interpretieren vermag. Wobei unsere Gattung sehr kreativ im Ersinnen von Rechtfertigungen ist, um unsere triviale Existenz hochtrabend zu legitimieren; wir versuchen sehr engagiert unser beschränktes Agieren als sinnvoll erscheinen zu lassen. Das müssen wir auch, denn die nüchternde Wahrheit wäre zu deprimierend. In der Arterhaltung respektive Fortpflanzung offenbart sich der einzige Sinn allen Lebens. Vereinigung. Geburt. Leben. Tod. Ohne tieferen Sinn. Bedeutungslos. Ein natürlicher Kreislauf. Alles, was wir in diesem Zyklus konstruieren, als da wären – Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Kriege, Krisen – die gesamte Grundlage unserer Zivilisation – dient nur als ablenkende Alibifunktion, um eine scheinbar sinnvolle Tätigkeit zu kreieren und damit dem Leben den Anschein von Sinn zu verleihen.

Bei der Majorität der derzeit noch herrschenden Spezies ist das sogenannte „Kindchenschema“ psychologisch fest verankert. Hierbei handelt es sich um verschiedene Körpermerkmale, die einen Schlüsselreiz etablieren und den Pflegeinstinkt direkt ansprechen. Eine wunderbare Schutzfunktion der Evolution; unabdingbar, um die Grundlage einer langfristigen Aufzucht zu bilden und damit die Eltern an den Nachwuchs zu binden und das Überleben zu gewähren. Dieses Verhalten bewirkt, daß wir menschliche Babys, aber auch Arten übergreifend Jungtiere und Nachwuchs als niedlich deklarieren. So beispielsweise auch der folgende Hochlandrindernachwuchs, den sich Anett als heutiges Thema ausgesucht hat. Ich weiß, daß die explizite Auswahl eine Herausforderung für Dich war und Du Dich beinahe für den Regenlaufbericht entschieden hättest – dies kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Die kleinen Putzels sehen ein wenig wie Teddybären aus – während die älteren eine Karriere als Haarmodel anstreben.

Zu Beginn dieser Woche wunderte ich mich über massive Spuren in meinem Laufareal, vorrangig auf der Dammstrecke – Familie Schwarzkittel wollte ich die Abdrücke allerdings nicht zuschreiben. Bis ich dann diverse, ich formuliere es als „Hinterlassenschaften“ sah, wurde mir alles klar. Offensichtlich konspirierten die Hochlandrinder mit der verschollenen Schafherde, die ihrerseits großmeisterliche Experten der Flucht waren. Seit ein paar Tagen haben also die Rinderherde ihre Umzäunung durchbrochen und sie spazieren – wieder einmal – frei im Hochwasserschutzgebiet umher. Vor exakt einem Jahr lebten sie die allseits gelobte Freiheit und damals begegnete ich einem großen Bullen – direkt vor mir. Ich bin gespannt, ob erneut ein derart naher Kontakt zustande kommen wird. Wenn ich auch schon andere Geschichten hörte, so betrachte ich die gutmütigen Putzels als harmlos. Welch goldiger Anblick, wenn sie ihren Nachwuchs Wagenburgartig in die Mitte nehmen und beschützen. Ein wunderbares Beispiel für den wahren Sinn des Lebens. Schnörkellose biologische Reproduktion. Oder wie es Tolstoi stilvoller formulierte, „Der Sinn des Lebens ist die Vermehrung der Liebe auf Erden“.

Elementare Verhältnismäßigkeit

Veröffentlicht in Abhärtung, Elementares am 12. Oktober 2009 von Marcus

Herbstliche Frische. Angenehme Luft. Kalte Sturmböen. Liebevolle Regentropfen. Dunkle Wälder. Ein von Wolken dominierter Horizont. Graue Tage in Serie. Mein Lieblingswetter! Und der Winter naht. Er ist schneller da – als manche Menschen sich vielleicht eingestehen wollen. Nun ist die Zeit gekommen, in der ich weniger durch meine tägliche Präsenz im Stadtbild Beachtung finde, sondern mehr auf Grund meiner Bekleidung. Mein Standardoutfit – wie auf den folgenden Bildern zu sehen – präferiere ich bis ca. -05 C°. Sinkt die Temperatur weiter ab – ersetze ich mein T-Shirt durch ein langes Oberteil. Handschuhe trage ich jedoch schon ab 0 C° – die Hände sind ein neuralgischer Punkt und entsprechend empfindlich.

2009_Juni_Regenlauf
2009_januar_schneelauf

Die Kommentare der Passanten in der kalten Jahreszeit verraten viel über ihr Denken. Das Gros der ungläubig dreinblickenden Beobachter wundert sich, äußert Unverständnis und sie fragen sich, wie ich das nur ertragen kann? Oder warum tue ich mir das überhaupt an? Sie verstehen meine Intention, mein natürliches Handeln nicht. Doch ich verstehe sie ebenfalls nicht. Warum finde ich diese exponierte Beachtung? Und warum ernte ich derart viele Bemerkungen, daß ich ein Buch schreiben könnte? Abhärtung war schon immer ein Bestandteil in meinem Denken, noch vor meiner Zeit als Läufer. Im Rahmen meines Täglichlaufens verbanden sich beide Aspekte, die wunderbar miteinander konvergieren. Den unabänderlichen Wandel der Jahreszeiten mit einem täglichen Lauf zu würdigen, bedingt das persönliche Wohlbefinden eklatant. Beispielsweise reagiert der Körper auf gravierende Temperaturschwankungen weniger sensibel, wobei dies individuell im Grundsatz von Mensch zu Mensch verschieden ist. Ein tägliches Geschenk an Körper und Geist.

Ich sehe jetzt dick eingemummelte Menschen mit Winterjacken, Mützen und Handschuhen – wie weiland vor einem Jahr. Dabei haben wir erst Oktober! Gestern traf ich einen Läufer in langer Bekleidung und Handschuhe. Dies mag angenehm warm sein. Aber ist das bei 10 C° adäquat? Was tragen diese von mir beschriebenen Menschen bei 0 C°? Oder bei Minusgraden? Erwärmt sich der Körper des Läufers nicht? Sie agieren unbesonnen, da die übertriebenen Wärmemaßnahmen ihr Primärziel konterkarieren. Der Körper ist an nichts mehr gewöhnt, er verweichlicht und wird schwach, weil er schlichtweg nicht mehr gefordert wird. Die Folge kanalisiert sich in Erkältungen und Grippenwellen, die vermieden werden wollten – durch Winterkleidung bei 15 C°. Die Menschen haben keinen Zugang mehr zu den elementarsten Dingen des Lebens. Anstatt den Körper zu trainieren, pflegen sie ihn dank übertriebener Maßnahmen krank.

Heutzutage sind groß angelegte Langzeitstudien vonnöten, um anschließend zu eruieren, daß Bewegung für den menschlichen Körper gesund ist – eine Erkenntnis, über die die Menschen sich vor 200 Jahren köstlich amüsiert hätten. Gleichwohl muß man heute forschen, um festzustellen, was eigentlich jedes Kind weiß, respektive wissen sollte. Nicht viel anders verhält es sich mit der sogenannten Abhärtung. Das Wissen um angemessene Kleidung scheint abhanden gekommen zu sein. Freilich ist mein Pfad der Abhärtung in Kombination mit Täglichlaufen ein Sonderweg, den niemand in der Form beschreiten wird, ja, auch gar nicht soll. Doch letztendlich sollte eine gewisse Verhältnismäßigkeit gewahrt sein. Wenn ich meinen Körper im Herbst mit Winterkleidung verhätschele, brauche ich mich anschließend nicht wundern, daß ich im Winter krank werde und die Kälte schwer bis gar nicht ertragen kann. Unser Körper ist weitaus widerstandsfähiger als die meisten Menschen auch nur im Ansatz erahnen, doch sie werden es nie erfahren, da sie ihn nicht fordern und somit auch keine Grenzen verschieben werden. Sie sind Gefangene ihrer selbst. Ihres Denkens. Und so setzt es sich fort. Die Passanten starren mich ob meiner kurzen Bekleidung an – und ich wundere mich weiterhin, wie man im Herbst Winterkleidung tragen kann. Jedoch bin ich vermutlich derjenige, der sich wohler fühlt.

Alles hat seine Zeit

Veröffentlicht in Meine Schafe am 7. Oktober 2009 von Marcus

Eine Ära endet. Am 30.09.2009 sah ich sie zum letzten Mal. Die grandiosen Hauptakteure zahlreicher Artikel – meine geliebten Schafe. Auf Grund von zwei Regentagen in Folge dachte ich zuerst, sie schützen sich in ihrer Behausung vor dem nassen Wetter, denn Regen mochten sie noch nie – so erklärte ich mir ihr Verschwinden. Doch auch bei Sonnenschein und Trockenheit – sind sie nicht mehr da. Also entsprach das Gerücht der Wahrheit, welches mir vor einigen Monaten zu Ohren kam. Leider fand ich keine Gelegenheit mich mit dem Schafsbesitzer auszutauschen, um ihn persönlich zu befragen. Aber dies ist auch nicht mehr nötig, die Realität trügt in diesem Fall nicht. Leider. Ihre Abwesenheit löst wehmütige Gefühle in mir aus. Seit Anbeginn meiner Laufentwicklung waren sie die treuesten Zeugen meiner Aktivität. Sie gehörten einfach dazu, mein Täglichlaufen und das damals noch unregelmäßige Laufen sind fest miteinander verwoben. Sie stellten den ersten Höhepunkt meiner Laufstrecke dar. Täglich fragte ich mich, wo werde ich sie heute treffen? Welche Streiche hecken sie nun wieder aus? Und Tag für Tag begrüßte ich sie, „Naaa, ihr Putzels!?“ oder „Wie geht es euch heute, ihr süßen Wutzels?“.

Wenn ich mich an die Anfänge erinnere, sehe ich sie vor mir flüchtend. Im Laufschritt an ihrem Zaun vorbei und sie rannten ebenfalls – ängstlich davon. Im Laufe der Jahre hat sich das komplett gewandelt. Sie blieben neugierig stehen und wenn ich sie anredete, antworten sie auch oft, freilich verstand ich sie nie wirklich. Und wenn sie von ihrer Weide flüchteten – darin waren sie meisterliche Experten – und sich auf dem Weg befanden, durfte ich in einer Distanz von zehn Zentimetern vorbei laufen; manchmal wichen sie auch gar nicht aus. Sie vertrauten mir. Vor kurzem verließ ich den Wald und lief direkt auf die kleine Schafherde zu, welche einmal mehr ihrer Ausbruchleidenschaft nachgingen und sich an den abgefallenen Eicheln gütlich taten. Die Sonne blendete, sie erkannten mich nicht sofort und sprangen schnell in Richtung Waldrand. Als ich näher kam, blieb ein Schaf stehen und guckte, wer da eigentlich auf sie zukommt, es erkannte mich, drehte um und bewegte sich wieder auf den Weg – alle anderen folgten artig. Mittlerweile ließen sie sich sogar von mir streicheln. Gewachsenes Vertrauen.

Wie oft blieb ich stehen und beobachtete sie! Die Putzels waren nicht nur knuffig im Aussehen, sondern auch sehr goldig in ihrer herzigen Art. Etwa, wenn ihnen Futter gebracht wurde und sie aufrecht mit erhobenen Vorderpfoten am Zaun standen, drei nebeneinander. Ein süßer Anblick, der mich zum Lachen brachte. Vorbei laufen? Unmöglich! Fuhr ihr Besitzer vor – liefen alle augenblicklich zum Tor, selbst wenn er sich noch im Auto befand. Oder wenn sie den Rücken an einem Baum oder Ast schubberten, sich also kratzten, um ein juckendes Bedürfnis abzustellen. Einmal standen im Winter acht Schafe nebeneinander an einer Hecke und fraßen an selbiger – ich lief vorbei und sie drehten nur leicht den Kopf, um anschließend synchron weiter zu essen. Im März dieses Jahres gestattete mir mein ehemaliger Lehrer sogar ein Babyschaf auf den Arm zu nehmen – zwei Tage war es zu dem Zeitpunkt alt.

2009_Maerz_Babyschaf

Alles hat seine Zeit. Die Ära der Schafe ist nun vorbei. Die Weide leer, verlassen. Niemand mehr da, der neugierig guckt. Niemand, der flüchtet. Geschichte. Oder mich „jagt“. Keine lustigen Erlebnisse in der Zukunft. In meinen Laufberichten werde ich sie nicht mehr antreffen. Vergangenheit. Ihre Futterkiste direkt am Zaun läuft über, offensichtlich sind die Nachbarn bisher nicht informiert. Jetzt ist es ein seltsames Gefühl dort entlang zu laufen; mein geistiges Auge projiziert sie weiterhin auf die Weide. Die kleine Schafherde war eine eminente Bereicherung meines Laufens – ein täglicher Höhepunkt – der jetzt nicht mehr existiert. Durch ihr Fehlen wird mein täglicher Lauf ein bedeutendes Stück ärmer, einer langjährigen Vertrautheit und lieb gewonnenen Tradition beraubt. Nie hätte ich damit gerechnet, daß sie eines Tages mich nicht mehr begleiten werden. Es ist, wie es ist. Ich wünsche ihnen von Herzen, daß sie in liebevolle Hände gekommen sind und noch lange leben werden. Vielleicht erfreuen sie nun andere Läufer – an einem anderen Ort. In meinen Erinnerungen werden sie weiterhin ein Lächeln erzeugen. Ich danke ihnen für die schönen Jahre, für die wunderbaren Begegnungen. Diese Seite widme ich „meiner“ Schafherde – ich werde euch vermissen!

2009_Oktober_Erinnerung_Schafe

Gefallene Liebe. Gefallenes Leben.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufalltag. am 4. Oktober 2009 von Marcus

Sie war schon da. Noch bevor ich kam. Lange vor meiner Zeit. Zu Beginn nahm ich sie nicht bewußt wahr. Ich sah nur die Gesamtheit, nicht die einzelnen Teile. Seitdem lächelte sie mich an, doch ich lief immer vorbei. Vor einigen Monaten begann es. Sie bewegte sich und kam mir näher. Unmerklich, fast schon heimlich. Stück für Stück, unaufhörlich. Irgendwann fiel sie mir auf – ganz plötzlich. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte ich mich auf sie, ja, sie gefiel mir. Hoch gewachsen, eine stolze Haltung und sehr schön anzusehen. Von Tag zu Tag kamen wir uns näher. Ich freute mich sie jeden Tag zu sehen, wenngleich sie sich langsam veränderte. Die anfängliche Zurückhaltung wich einer latenten Zudringlichkeit, immer stärker. Vergangenen Mittwoch kamen wir uns so nah wie nie zuvor – unser Treffen hatte etwas Bedrohliches an sich. Am Donnerstag folgte ein weiteres Stelldichein. Bei unserer Begegnung streichelte sie liebevoll über meine Haare, nicht wissend, wie gefährlich sie wirklich ist. Ich vertraute ihr, ich ließ sie gewähren und sie ließ mich gehen. Dies war unser letztes Treffen in all ihrer Herrlichkeit. Am Freitag ist sie gefallen – gefallene Liebe. Für immer. Verloren.

Nun, man könnte sich jetzt fragen, wovon ich schreibe. Von einer schönen Frau? Natürlich. Meine Zuneigung galt einer Baumdame. Ein großer Baum, welcher auf der rechten Seite den Damm flankierte, einer von vielen. Es gab einmal eine Zeit, da stand sie aufrecht, hoch in den Himmel gewachsen – stolz und unnahbar. Irgendwann begann eine Entwicklung, die zu einer leichten Neigung führte. Selbst für mich, der täglich diesen Ort passiert, entzog sich die Veränderung zu Beginn. Doch eines Tages fiel mir die Neigung auf, ich konnte sie nicht mehr übersehen. Seitdem beobachtete ich den wunderbaren Baum konzentriert. Die Angst vor dem aufrechten Leben trieb die Baumdame in die Besessenheit sich auf die Seite zu legen. Unaufhaltsam. In ihren letzten Tagen erzeugte sie fast ein Dach, welches sich in drei Metern Höhe quer über meinen Damm ausbreitete. Das baldige Ende war jetzt nur eine Frage der Zeit.

Am Mittwoch hatte der Baum noch zwei Meter bis zum Boden zu überwinden. Ohne Probleme konnte ich durchlaufen. Innerhalb weniger Stunden senkte sie sich um weitere fünf Zentimeter, nun berührten die Blätter zärtlich meinen Kopf. Der Anblick war für mich leicht surreal, jedoch faszinierend – wenngleich die Bedrohung ein ungutes Gefühl in mir auslöste. Die Gefahr war nicht zu leugnen. Als ich am Freitag den Damm erreichte und die erste Biegung absolvierte, erspähten meine Augen das natürliche Hindernis. Wohlan, sie war gefallen. Nimmermehr wird sie erhaben die Welt unter sich betrachten können. Für einige Zeit wird der umgeknickte Baum den Weg blockieren, die Blätter verfärben sich und fallen ab. Zahllose Spaziergänger werden Äste abbrechen, um ein leichteres Vorbeikommen sicherzustellen. Bis irgendwann Personen erscheinen, die mit Sägen bewaffnet den Baum in seine Bestandteile auflösen werden und ihn entfernen; so als ob er nie existiert hätte.

Nicht viel anders unser menschliches Dasein. Wie dieser Baum werden wir klein geboren, wachsen neugierig in die Höhe und sind – hoffentlich – stark, um einen temporären Augenblick am Leben zu partizipieren. Bis dereinst der menschliche Körper zerfällt – ebenso der Geist – und wenn der finale Existenzpunkt erreicht ist, fallen wir ebenfalls danieder. Und lösen uns auf. Vergessen und nicht vermißt. Wie der Baum. Staub im Wind. Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Der Lauf der Endlichkeit.