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Für nichts

Veröffentlicht in Laufphilosophie, ZEN bei August 12, 2008 von blacksensei

Letzten Samstag führte ich in illustrer Runde ein Gespräch mit Nichtsportlern, in dem es partiell um mein Laufen ging. Ich erläuterte meine Philosophie in einigen Facetten, die jedoch nicht wirklich realisiert wurde. Schließlich MUSS man als Läufer mit seinem Tun doch gewisse Absichten verfolgen, wie beispielsweise Abnehmen, tolle Zeiten erreichen oder einfach nur Marathonteilnahmen – so der allgemeine Tenor. Sonst sei es sinnlos, ja, nicht erstrebenswert. Die Natur zu genießen und die pure Freude am Laufen wurden ohne höherwertige Ziele nicht akzeptiert. Wie kann man sich das nur antun und dann noch täglich? – einfach so!? Wie langweilig!

Als der Schüler seinen Meister, der regelmäßig Zazen praktizierte, zum ersten Mal traf, fragte er ihn: „Wofür praktizieren Sie Zazen?” Der Meister antwortete: „Für nichts”. Alle Anwesenden dachten sich: „Für nichts. Das ist nicht interessant” und liefen davon. Nur ein anderer Meister war völlig beeindruckt und sagte sich: „Für nichts - das ist bemerkenswert! Den ganzen Tag praktiziert er für nichts – das interessiert mich.” Es hat einmal einer gesagt: „Ich denke, also bin ich” und die ganze Zivilisation ist dem gefolgt. Ich sage jedoch: „Ich denke nicht, also bin ich.” „Ich habe nichts, also bin ich.” Der Sinn liegt darin kein Objekt zu haben, kein Ziel zu verfolgen. Dieses Nichts-Haben und Nichts-Wollen wird zuletzt zum wahren Erfolg, zum Höchsten im Leben.

Eine weise Zen-Geschichte. Höchst simpel und zugleich unendlich komplex. Sie paßt wunderbar zu meiner Laufphilosophie. Einfach nur täglich in die Natur gehen – dort laufen, beobachten, hören, riechen, lächeln und genießen. Konzentration auf sich selbst. Empfindung. Den Regen fühlen – wie er im Gesicht herunter rinnt und sich der Umarmung des Sturmes hingeben oder gedämpften Schrittes im Nebel laufen oder bei Nacht einsam die Ruhe aufnehmen und selbst zur Ruhe werden, begleitet von den Waldbewohnern, die mich wieder in die Natur aufnehmen. Ohne überwältigende Ziele im Hintergrund. Für nichts. Ich habe meinen Weg gefunden. Und gleichzeitig freue ich mich über Menschen, die andere Wege der Bewegung gehen. Wenn auch die Konzeptionen differenzieren, Laufen verbindet.

Dreißig Speichen umringen die Nabe.
Wo nichts ist, liegt der Nutzen des Rades.

Aus Ton formt der Töpfer den Topf.
Wo er hohl ist, liegt der Nutzen des Topfes.

Tür und Fenster höhlen die Wände.
Wo es leer bleibt, liegt der Nutzen des Hauses.

So bringt Seiendes Gewinn,
doch Nicht-Seiendes Nutzen.

(Laotse)

Wenn ich auch für nichts laufe, ist der Nutzen einleuchtend. Gesundheit, Umweltsensibilisierung, Erkennen von unscheinbaren Dingen, beispielsweise Blumen am Wegrand, Zufriedenheit und Wohlbefinden und noch weitere zahllose Aspekte, die sich aus dem Nichts in Positives kristallisieren. Ein natürlicher Weg für mich. Warum meine Intention so selten verstanden wird, kann ich wiederum nicht nachvollziehen. Aber das interessiert mich nicht wirklich, weil es irrelevant ist. Das Leben hat Recht. Immer. Und irrt nie. Ein Glück.

ZEN – Laufen befreit den Geist

Veröffentlicht in ZEN bei Januar 31, 2008 von blacksensei

Es kommt selten vor, aber jetzt ist es wieder soweit. Der Damm, auf dem ich im Hochwasserschutzgebiet täglich meine Runden drehe, macht seinem Namen alle Ehre und ist nun von zwei Seiten mit Wasser umgeben. Der Wasserstand ist stark erhöht, die Wiesen überflutet, selbst die Weide „meiner“ Schafe ist geflutet. Ich werde heute eine Radtour durchführen und den, durchaus schönen, Anblick in Photos festhalten und demnächst hier veröffentlichen.

Mein heutiges Thema ist gänzlich anderer Natur. In den Weblogs zweier von mir geschätzten Menschen, Athena & Margitta, wurde bereits mehrfach das Thema ZEN behandelt. Die stets weisen Beiträge sind für mich sehr inspirierend, so daß ich heute ebenfalls eine ZEN-Anekdote, von einem mir unbekannten, Autor publiziere.

 

Die Tasse im Geist

Es existiert eine ZEN-Begebenheit über einen Professor, der in Japan lebte. Er war eine Autorität auf allen Gebieten, angefangen von der Mathematik bis zur Historie. Das einzige, worüber er nichts wußte, war ZEN. Fest entschlossen, ZEN in die Errungenschaften seiner Bildung einzureihen, besuchte er einen ZEN-Meister, der auf einem Bauernhof am Rande der Stadt lebte.

Der Meister, der ehrwürdige Nan-in, bat ihn ins Haus und reichte Tee, wie es üblich war. Er füllte die Tasse des Professors, bis sie voll war – doch dann goß er weiter und der Tee floß über den Rand der Tasse, über den Tisch und verteilte sich auf dem Boden.

Der Professor betrachtete dies eine Weile, doch dann konnte er sich nicht länger zurückhalten. “Die Tasse ist voll! Es wird nichts mehr hineingehen!”

“Genau!” Erwiderte Nan-in. “Dein Geist ist wie diese Tasse. Er ist so voller Ideen und Meinungen, daß darin kein Raum für mich ist, dir ZEN zu zeigen.”

 

Eine schöne, weise Anekdote. Unser Geist ist dem des Professors gar nicht so unähnlich. Wir wurden in unseren Kulturkreis hineingeboren und alles, was uns fremd erscheint, fällt uns sichtlich schwer, in unseren Geist zu lassen. Sich neuen Dingen zuwenden, ihnen nicht ablehnend gegenüber stehen und sie zu akzeptieren, stellt für die meisten Menschen eine Hürde dar. Zum Glück besteht die Möglichkeit unser Denken aktiv zu beeinflussen und sie zu überwinden. Im Laufen besteht für mich eine Option selbiges zu verwirklichen. Währendessen konzentriere ich mich auf die unscheinbaren Dinge, beobachte gespannt die Waldbewohner und die Zweige, die sich im Wind biegen. Ich achte auf Details und „sauge“ die Natur auf. Für mich ein Weg, auch den Alltag mit anderen Augen zu sehen – eben bewußter. Laufen befreit den Geist.