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Täglichlaufen. Acht Jahre & Sechs Monate. Cui dislet meminit.

Veröffentlicht in Täglichlaufen im Fokus, Täglichlaufen. Philosophie. am 18. September 2009 von Marcus

Am vergangenen Sonntag führten verschiedene Ursachen zu einer konzentrierten Überlastung meiner körperlichen Systeme, die adäquat mit einer temporären Notabschaltung reagierten. Ich konnte vier Gründe identifizieren, die kausal dafür verantwortlich zeichneten. Jeder für sich genommen, stellte keine Bedrohung dar. Doch in der Summe addiert, war die Konsequenz nur allzu logisch. Es war ein sorgloser Fehler, keine Verknüpfung zu etablieren. Einen jener Gründe – zolle ich nun den angemessenen Tribut und übe mich in distanzierter Zurückhaltung. Das Augenmerk sollte hierbei auf den Terminus Distanz liegen. In den letzten Tagen bemühte ich mich um schonende Gesundheitsläufe; ich absolvierte nur verkürzte Strecken und auch mein Vorprogramm habe ich merklich reduziert.

In Fesseln gelegte Kraft. Innere Energie. Unbändig und vollem ungestümen Zorn und dennoch brutal in Ketten gezwängt. Es fiel und fällt mir eklatant schwer, diese Selbstbeschränkung durchzuhalten. Doch das Wissen um die Alternative ließ mir keine andere Wahl – jene wage ich nicht zu präferieren. Dessenungeachtet gelang es mir den akuten Widrigkeiten zum Trotz mit dem heutigen Lauf von sechs Kilometern mein Halbjahresjubiläum zu verwirklichen. Somit erhöht sich das unbedeutende Nebenprodukt meiner Täglichlaufphilosophie auf –Acht Jahre und Sechs Monate– täglichen Laufens. Jeden Tag. Ausnahmslos.

Endlich wieder zurück auf meinem Damm! Nur noch bis zum nächsten Baum, ein paar Meter bis zur kommenden Biegung. Die Augen geschlossen; die Sonne fühlend, wie sie die spätsommerlichen Baumkronen durchbricht und mein Antlitz kitzelt. Doch ich kehre um, noch bin ich vorsichtig. Das bisher unzugängliche Tor, welches den Weg in das neunte Jahr freigibt, wurde heute mit einem lauten Knarzen aufgestoßen – wenngleich selbiges derzeit leicht eingerostet erscheint. Umso größer der Stolz, daß mein Willen und meine Selbstdisziplin geneigt sind, mein Denken im Fortbestehen weiterhin zu unterstützen. Ich gestehe, dafür bin ich extrem dankbar. Denn Täglichlaufen ist wahrhaftig ein Geschenk, in erster Linie meines Körpers an mich selbst – und umgekehrt. Die Ebene, auf der die Vorstellung ihren Ursprung hat, auch nur einen Tag zu pausieren, habe ich seit langem verlassen. Natürlich währt nichts ewig, alles hat seine Zeit – für mich das gewichtigste Argument, die Endlichkeit meiner Laufkonzeption täglich zu feiern – mit einem entsprechenden Lauf in der von mir so geliebten Natur. Den Genuß so lange zu leben, wie er realisierbar ist.

Als Sinnbild dieser Symbiose habe ich folgenden Baum ausgewählt. Irgendwann war er da. Er war ganz klein und reckte sich neugierig gen Himmel, er wuchs edel in die Höhe und ging scheinbar eine symbiotische Verbindung mit dem steinernen Gebilde ein. Äquivalent mein Täglichlaufen. Wie das Gebäude konnte auch ich die Entwicklung des Täglichlaufens, respektive des Baumes weder planen noch bewußt beeinflussen. Das hätte ich auch gar nicht gewollt. Wie auch? Erstens nahm ich das zu Beginn nicht in der Form wahr wie ich es heute tue und zweitens wurde ich dadurch ein anderer Mensch. So wie sich der Baum liebevoll an das Gebäude schmiegt, gehört das Täglichlaufen ebenfalls zu mir. Beide bilden eine harmonische Einheit, doch ist der Nutzen für mich weitaus bedeutender – als es das Baumgebilde möglicherweise in meinem Beispiel erfährt. Der Bund ist zeitlich begrenzt – irgendwann wird er auseinander fallen, ja, muß auseinander brechen – denn so ist der Lauf des Lebens. Die Kunst liegt in der Wertschätzung solange er besteht. Und ihn nicht erst zu achten, wenn meine natürliche Konzeption ihr Ende gefunden hat.

Gerade im Kontext der erlebten Schwierigkeiten, die automatisch damit einhergehen. Stets sprach ich davon, wie fragil das gesundheitliche Konstrukt ist und einmal mehr wurde mir das vor wenigen Tagen eindrucksvoll demonstriert. Freilich hätte ich mich gänzlich der vernünftigen Ruhe hingeben können. Oder mal eben so auf der Stelle laufen und das als Täglichkaufen betrachten, was es durchaus geben soll. Aber wo läge da der Ernst? Der gelebte Sinn meines Denkens? Bliebe dann nicht mein Stolz, meine Freude über das Erreichte auf der Strecke? Die Ehrlichkeit zu mir selbst? Der Triumph über mich selbst? All die gemeisterten Herausforderungen würden ihrer Würde beraubt. Trotz partieller Probleme, die hin und wieder auftreten, ja, auftreten müssen – darf man nicht verzagen und sollte seiner Konzeption treu bleiben. Natürlich in einem vertretbaren Rahmen, welcher der Gesundheit geschuldet sein sollte – was selbstredend wiederum eine individuelle Geschichte ist. Das ist jene Selbstdisziplin, die durch das Täglichlaufen ebenso eingefordert wie forciert wird. Beides bedingt einander. Die Grundlage dessen, worauf der Wert des Täglichlaufens in meinen Augen basiert. Mehrheitlich genießen, aber wenn die Zeit reif ist – auch Härte zu sich selbst zeigen. Jahrelanges Täglichlaufen ohne mentale wie körperliche Herausforderungen ist eine reine Illusion. Ein stetes Ringen mit sich selbst ist vonnöten, um dem Stil seine individuelle Legitimation zu verleihen. Cui dislet meminit.

Hierbei definiere ich die gezählten Jahre wie Tage einmal mehr als Beiwerk. Die Zahlen an sich sind irrelevant. Es geht nicht um ein Zählen oder Vergleichen. Sondern um die Erkenntnis, daß es möglich ist, täglich zu laufen. Jeden Tag. Heute. Immer nur heute. Als ein Sieg über sich selbst. Gegen seine eigene Unzulänglichkeit aus Überzeugung. Wenn man denn will. Wenn man in dem Stil seine Zufriedenheit findet. Wenn es statt Zwang Liebe ist. Wenn man die Ritualphase überwunden hat. Über eine Verinnerlichung hinaus ist. Ja, auch wenn es ein schweres Wort ist – beinahe schon unangemessen, handelt es sich doch nur um banales Laufen – wenn es zu einer Art Lebenseinstellung geworden ist. Die Einsicht dieser beschriebenen Gratwanderung ermöglicht mir das Täglichlaufen zu leben. Wie lange noch? Nur heute. Immer nur heute.

Die Vergangenheit ist ohne Leben, die Gegenwart fast vergessen und die Zukunft ist noch nicht geboren. Die Fortführung kann in jeder Sekunde ihren Schlußpunkt finden. Aber das stolze Gefühl, wie die vergangenen Jahre bravourös in das unendliche Nichts eingezogen sind – mit all ihren prächtigen und harten Erlebnissen, mit Lachen und Weinen, im Licht und Schatten als eine Verkörperung von Freud und Leid bilden für mich trotz allem ein schönes Gefühl, welches ich nicht missen will. Gerade auch die Widrigkeiten tragen das ihrige dazu bei. Zu wissen, daß ein unsportlicher Mensch acht Jahre und sechs Monate jeden Tag laufen kann, ist ein großartiges Gefühl. Ich weiß nicht, ob ich neun Jahre erreichen werde. Ebenso weiß ich nicht, ob ich morgen laufen werde – laufen kann und laufen darf. Zahllose Faktoren entziehen sich meinem Einfluß. Einst rechnete ich nicht einmal mit zwei Jahren. Gleichwohl bestimmte das kuriose Leben mich vom Antisportler – der glücklicherweise immer noch in mir existiert – zum Täglichläufer. Und so werde ich auch weiterhin meine tägliche Runde drehen; mal weiter – mal kürzer. Die intensivste Ruhephase des Tages – als ein Hort der inneren Zufriedenheit und vollkommenen Harmonie. In natürlicher Ruhe. Über Jahre. Es ist möglich.

Täglichlaufen und ich. Eine diffizile Einheit, die ich von Zeit zu Zeit kritisch hinterfrage und in Verbindung mit Zweifeln betrachte. Eine konstante Neubewertung ist für mich obligat. Das Fazit konzentriert sich in der Frage, was die richtige Entscheidung für mich und meinen Körper ist. Bisher fielen die Antworten für mich – nach reiflicher Überlegung – evident aus, wenn das auch bei Außenstehenden nur Unverständnis auslöst. Aber wie könnte mich auch jemand verstehen, der diesen Weg der Höhen und Tiefen nicht täglich gemeinsam mit mir gegangen ist? Wahres Verständnis setzt die gleiche Erfahrung voraus. Ich maße mir nicht an, von anderen Menschen Verständnis zu erwarten. Das Leben hat Recht.

Ich werde auch in der Zukunft mein tägliches Laufen praktizieren. Solange sich die etwaigen gesundheitlichen Hürden überwinden lassen, werde ich es tun. Die Meßlatte, bei Hindernissen aufzuhören, hat sich in den absolvierten Täglichlaufjahren signifikant erhöht, die Grenzen sind andere als noch vor fünf oder sieben Jahren. Eine unabdingbare Folge meiner Entwicklung. Der menschliche Körper mag zwar schwach sein, gleichwohl ist er widerstandsfähiger und stärker als sich die meisten Menschen dies überhaupt vorstellen können. Um mein Denken zu verdeutlichen, schließe ich mit einer Anekdote. Und ich lasse mich überraschen, welche Erlebnisse auf dem endgültigen Pfad in das neunte Jahr auf mich zukommen werden. Ich bin bereit. Täglichlaufen. Ein großartiges Gefühl. Und es wird immer wunderbarer, sobald ich in die Vergangenheit zurückblicke. Mit einem zufriedenen Lächeln blicke ich zurück. Täglichlaufen. Mein Weg. Nichts ist jemals einfach.

Die Lektion des Schmetterlings

Eines Tages erschien eine kleine Öffnung in einem Kokon. Ein Mann beobachtete den zukünftigen Schmetterling mehrere Stunden lang, wie dieser kämpfte, um seinen Körper durch jenes winzige Loch zu zwängen. Dann plötzlich schien er nicht mehr weiter zu kommen. Es schien, als ob er so weit gekommen war wie es ging, aber jetzt aus eigener Kraft nicht mehr weitermachen konnte. Er war am Ende. Scheinbar. So beschloß der Mann, ihm zu helfen: er nahm eine Schere und schnitt den Kokon auf.

Der Schmetterling kam dadurch sehr leicht heraus. Aber er hatte einen verkrüppelten Körper; er war winzig und hatte verschrumpelte Flügel. Der Mann beobachtete das Geschehen weiter, weil er erwartete, daß die Flügel sich jeden Moment öffnen, sich vergrößern und sich ausdehnen würden, um den Körper des Schmetterlings zu stützen und ihm Spannkraft zu verleihen. Aber nichts davon geschah. Stattdessen verbrachte der Schmetterling den Rest seines Lebens krabbelnd mit einem verkrüppelten Körper und verschrumpelten Flügeln. Niemals war er fähig zu fliegen. Totes Leben. Fern der Freiheit.

Was der Mann, in seiner Güte und seinem Wohlwollen nicht verstand war, daß der begrenzende Kokon und das Ringen, das erforderlich ist, damit der Schmetterling durch die kleine Öffnung kam, der Weg der Natur ist, um Flüssigkeit vom Körper des Schmetterlings in seine Flügel zu fördern. Dadurch wird er auf den Flug vorbereitet sobald er seine Freiheit aus dem Kokon erreicht. Manchmal ist das Ringen genau das, was wir in unserem Leben benötigen. Wenn wir durch unser Leben ohne Hindernisse gehen dürften, würde es uns lahm legen. Wir wären nicht so stark, wie wir sein könnten, und niemals fähig zu fliegen.

Ich wünschte mir Kraft. Und mir wurden Schwierigkeiten gegeben, um mich stark zu machen. Ich wünschte mir Weisheit. Und mir wurden Probleme gegeben, um sie zu lösen und dadurch Weisheit zu erlangen. Ich wünschte mir Mut. Und mir wurden Hindernisse gegeben, um sie zu überwinden. Ich wünschte mir Liebe. Und mir wurden besorgte, unruhige Menschen mit Problemen gegeben, um Ihnen beizustehen. Ich wünschte mir Entscheidungen. Und mir wurden Gelegenheiten gegeben.

Ich bekam nichts, was ich wollte – aber ich bekam alles, was ich brauchte.

(Autor unbekannt) – in Teilen von mir modifiziert.

Magische Momente

Veröffentlicht in Flora, Pro Natur, Täglichlaufen. Philosophie. am 13. Mai 2009 von Marcus

Den menschlichen Organismus mit einem täglichen Lauf zu würdigen, skizziert nur mein körperliches Handeln. Die nicht sichtbare Philosophie dahinter ist diffiziler. Ich sehe mich als Naturläufer. Mich zieht es hinaus in die unendliche Weite der facettenreichen Natur, in die unergründlichen Wälder – Laufen bei jeder Witterung, zu jeder Tageszeit; den Elementen ausgesetzt sein – in den Horizont laufen. Fühlen. Ich genieße die Freiheit, die sich mir bietet; nicht selten habe ich das Gefühl, als ob ich dort zu Hause wäre. Im Einklang mit sich selbst und der Natur ist es für mich der Weg zur Ruhe.

2009_Mai_Mittelwiese

Am Montag raschelte es im Wald, ich blieb stehen und sah in die großen Augen eines nur wenige Meter entfernten Rehs. Erst nachdem ich es anredete, verschwand das Reh langsam im Unterholz. Gestern durfte ich einen ca. 30 Zentimeter großen Schwarzspecht beobachten – ein prächtiges Tier, welches mich ungefähr eine Minute an seinem Leben teilhaben ließ. Jene magischen Momente sind es, die mein Täglichlaufen definieren. Willkommen in meiner Welt!

2009_Mai_Rhododendron
2009_Mai_Zierlauch

An die Natur

Die Menschen altern und wandeln zuletzt
als Greise gebückt, unkenntlich fast.
Doch Du, Natur, Du bleibst dieselbe
in gleicher Frische Jahr um Jahr.
Auf Deinem Antlitz ändert sich nichts.
Nicht Falten und Furchen lässest Du schau´n,
Allen Sterblichen ihrer Jugend, bleibst Du ein Bildnis.
Du und Erinnerung. Leiden im Prangen. Keine Schmach.
Schön bist Du so, wie Du es warst.
Seit zahllosen Tagen, wann längst ich zerfallen,
preist Dich ein andrer.

(Friedrich Hermann Frey)

Das, was ist

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Philosophie., ZEN am 10. Februar 2009 von Marcus

Stille. Leiser Wind, nur ein säuselnder, wacher Hauch auf meinem Antlitz. Die untergehende Abendsonne gespiegelt in einem See aus Eis. Ein rotes Leuchten. In der Ferne das Brechen von Eisschollen, ein stimmungsvolles Ächzen. Faszinierende Wolken, angetrieben vom Odem des Lebens. Einsamkeit. Im Zentrum meiner Selbst nur Ruhe und Harmonie. Folgendes Bild vor meinen Augen.

2009_februar_see

Kilometer für Kilometer, Schritt um Schritt – glücklicher Genuß par excellence. Im Laufschritt den Horizont erobernd, immer weiter, die endlosen Wolkenfelder einholen – ein Wagnis ohne Hoffnung, ohne Erfüllung, ohne Bestätigung; gleichwohl voller Liebe und Leidenschaft. Höchste Konzentration auf das elementare Sein – sämtliche menschlichen Kleinigkeiten ausgeblendet, vergessen im Staub der Vergangenheit. Besinnung auf das Wesentliche. Jener Moment bedeutet Leben, genau jetzt findet das Leben statt. Mein Leben. Alles andere ist irrelevant. Wenige werden mich verstehen, doch für mich ergibt das einen vollkommenen Sinn. Wer meine Gedanken nachvollziehen kann, der weiß, was Laufen für mich bedeutet. Die Macht des Laufens, eine Kraftquelle ohnegleichen – Körper und Geist bilden eine ausgeglichene Einheit. Das, was ist.

Nutze den Augenblick und besinne Dich – auf Dich selbst. Lasse los. Und lebe!

2009_februar_damm

Einst kamen Suchende zu einem Zenmeister. „Herr“, fragten sie „was tust Du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie Du.“ Der Alte antwortete mit einem Lächeln: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: „Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was Du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also Dein Geheimnis?“

Es kam die gleiche Antwort: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend fügte der Meister nach einer Weile hinzu: „Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr eßt. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das wahre Leben statt. Laßt Euch auf diesen nicht meßbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.“

(ZEN-Anekdote)

Für nichts

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Philosophie., ZEN am 12. August 2008 von Marcus

Letzten Samstag führte ich in illustrer Runde ein Gespräch mit Nichtsportlern, in dem es partiell um mein Laufen ging. Ich erläuterte meine Philosophie in einigen Facetten, die jedoch nicht wirklich realisiert wurde. Schließlich MUSS man als Läufer mit seinem Tun doch gewisse Absichten verfolgen, wie beispielsweise Abnehmen, tolle Zeiten erreichen oder einfach nur Marathonteilnahmen – so der allgemeine Tenor. Sonst sei es sinnlos, ja, nicht erstrebenswert. Die Natur zu genießen und die pure Freude am Laufen wurden ohne höherwertige Ziele nicht akzeptiert. Wie kann man sich das nur antun und dann noch täglich? – einfach so!? Wie langweilig!

Als der Schüler seinen Meister, der regelmäßig Zazen praktizierte, zum ersten Mal traf, fragte er ihn: „Wofür praktizieren Sie Zazen?“ Der Meister antwortete: „Für nichts“. Alle Anwesenden dachten sich: „Für nichts. Das ist nicht interessant“ und liefen davon. Nur ein anderer Meister war völlig beeindruckt und sagte sich: „Für nichts – das ist bemerkenswert! Den ganzen Tag praktiziert er für nichts – das interessiert mich.“ Es hat einmal einer gesagt: „Ich denke, also bin ich“ und die ganze Zivilisation ist dem gefolgt. Ich sage jedoch: „Ich denke nicht, also bin ich.“ „Ich habe nichts, also bin ich.“ Der Sinn liegt darin kein Objekt zu haben, kein Ziel zu verfolgen. Dieses Nichts-Haben und Nichts-Wollen wird zuletzt zum wahren Erfolg, zum Höchsten im Leben.

Eine weise Zen-Geschichte. Höchst simpel und zugleich unendlich komplex. Sie paßt wunderbar zu meiner Laufphilosophie. Einfach nur täglich in die Natur gehen – dort laufen, beobachten, hören, riechen, lächeln und genießen. Konzentration auf sich selbst. Empfindung. Den Regen fühlen – wie er im Gesicht herunter rinnt und sich der Umarmung des Sturmes hingeben oder gedämpften Schrittes im Nebel laufen oder bei Nacht einsam die Ruhe aufnehmen und selbst zur Ruhe werden, begleitet von den Waldbewohnern, die mich wieder in die Natur aufnehmen. Ohne überwältigende Ziele im Hintergrund. Für nichts. Ich habe meinen Weg gefunden. Und gleichzeitig freue ich mich über Menschen, die andere Wege der Bewegung gehen. Wenn auch die Konzeptionen differenzieren, Laufen verbindet.

Dreißig Speichen umringen die Nabe.
Wo nichts ist, liegt der Nutzen des Rades.

Aus Ton formt der Töpfer den Topf.
Wo er hohl ist, liegt der Nutzen des Topfes.

Tür und Fenster höhlen die Wände.
Wo es leer bleibt, liegt der Nutzen des Hauses.

So bringt Seiendes Gewinn,
doch Nicht-Seiendes Nutzen.

(Laotse)

Wenn ich auch für nichts laufe, ist der Nutzen einleuchtend. Gesundheit, Umweltsensibilisierung, Erkennen von unscheinbaren Dingen, beispielsweise Blumen am Wegrand, Zufriedenheit und Wohlbefinden und noch weitere zahllose Aspekte, die sich aus dem Nichts in Positives kristallisieren. Ein natürlicher Weg für mich. Warum meine Intention so selten verstanden wird, kann ich wiederum nicht nachvollziehen. Aber das interessiert mich nicht wirklich, weil es irrelevant ist. Das Leben hat Recht. Immer. Und irrt nie. Ein Glück.

Feinfühlig und verletzlich

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Philosophie. am 19. Juli 2008 von Marcus

Ein Sonnenuntergang im Juni. Natur. Leben. Stille. Einsamkeit. Laufen. Eine wunderbare Kombination! Einfach nur laufen, seinen Gedanken nachhängen – am Horizont dieser Anblick – weit und breit nichts, was mich in meiner Konzentration stören könnte. Keine Menschen, keine Autos, keine Maschinen – nur die Natur in ihrer unendlichen Schönheit. Man wird selbst zur Ruhe – Laufen als Katalysator um einen Zustand des Genusses zu erreichen. Meine Laufphilosophie.

Wer lebendig sein möchte,
muß feinfühlig und verletzlich sein.
Eins bedingt das andere.
Wer hart,
wer unempfindlich ist,
ist seelisch nicht vorhanden
und fristet hinter seinen
Mauern, Zäunen und Panzerungen
ein hohles Leben.

(Hans Kruppa)