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Einsame Weite der Ruhe am endlosen Horizont

Veröffentlicht in Photos, Täglichlaufen. Laufberichte. am 4. November 2009 von Marcus

Nun ist mein zehnjähriges Täglichläuferjubiläum bereits eine Woche alt; es ist zu einem endlichen Teil der gelebten Geschichte geworden. Von unsichtbaren Händen in das allmächtige Reich der Vergangenheit hinfort getragen. Und so dreht sich das wertvolle Rad des Lebens weiter, die Zeit und ich laufen ehrfürchtig in eine noch nicht geborene Zukunft, die uns mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit besuchen wird, lächelnd für einen Augenblick anhält – um endgültig in das nebulöse Nichts zu verschwinden. Seit Anbeginn der Zeiten.

Der zwielichtige November heißt uns von Herzen willkommen. Dunkle Tage, die nicht wirklich hell werden. Kalte Sturmböen, auf denen Gevatter Regen zauberhaft durch die Welt reitet. Er wütet maßlos; verschlingt mit aller Macht, was sich ihm in den Weg stellt und umhüllt es mit seiner nassen Liebe. Eine trostlose, graue Zeit – bar jeder Hoffnung. So scheint es. Doch der allzu offensichtliche Schein trügt. Die „ungemütliche“ Witterung sorgt dafür, daß oberflächliche Menschen der wahren Erkenntnis fernbleiben. Nur wer mit offenen Armen und freudigen Herzens das Kommende akzeptiert, sich dem Unerwarteten bedingungslos öffnet, wird die Verkörperung der prächtigen Natur verstehen, sie lieben lernen und seinen Frieden mit sich und dem Leben schließen. Er kehrt zu der Quelle seiner selbst zurück.

Meine Lieblingszeit ist gekommen, wenn die Wälder von Menschen gemieden werden. Das Gros der Bäume hat sein Blätterkleid längst abgeworfen und somit die Wege reichhaltig geschmückt. Rotes, gelbes und braunes Laub staffiert die Pfade behaglich aus. Ein leises Rascheln und Knistern ist der Dank für eine behutsame Überquerung. Die einstmals kräftigen Blätter sind mittlerweile welk geworden, verkümmert liegen sie auf der Erde; hier und dort ragen sie wie angespitzt aus dem Boden, um von Regenwürmern in ihr erdiges Reich überführt zu werden. Durch das fehlende Blattwerk erhöht sich die relative Sichtweite im finsteren Forst. Nur den eigenen Herzschlag hörend, laufe ich in aller Stille in die einsame Leere des trüben Waldes. Zahllose Drosseln springen im Unterholz umher, aufgeschreckt suchen sie das Weite. Im Gegensatz zu den mutigen Eichelhähern, die laut schimpfend ihren Unmut kundtun. In der Ferne hämmern fleißige Spechte ohne Unterlaß. Kleine Eichhörnchen lugen hinter großen Stämmen hervor und wundern sich über meine schwarze, vergängliche Präsenz in ihrem Heim.

Ich erreiche den Damm und nach der ersten Biegung erspähe ich – nichts. Abgeschiedenheit. Genau wie ich es liebe. Die von mir so geschätzte Einsamkeit ist mein größter Verbündeter. Gleichwohl ist dieses Jahr anders. Nicht nur der eben erlebte Moment, nein, das gesamte Jahr stellt ein Novum dar. So eine abstrakte Einsamkeit, die regelrecht greifbar ist, habe ich noch nie erlebt. Zwar begegne ich nahezu täglich diversen Personen, als da wären Grußfreunde, Läufer, Walker, Bekannte und Hundebesitzer. Insgesamt betrachtet, hat sich ihre Anzahl jedoch merklich reduziert. Die gelobte Vereinsamung meines Laufareals schreitet voran. Einerseits begrüße ich das sehr, andererseits fehlen sie im gewohnten Bild. Aber das ist das Leben: Menschen kommen. Menschen gehen.

Die dunkelgraue Dominanz der gemalten Wolkenschattierungen setzt sich am Horizont fort und vereinigt sich leidenschaftlich mit dem aufgewühlten Seewasser. Nur der unablässige Bewegungsdrang der rauschenden Wellen enttarnt die jeweiligen natürlichen Elemente – fast bin ich geneigt anzunehmen, es handele sich um eine einzige, kalte Wand. Früher hielt ich selten während meiner Läufe an, doch jetzt kommt das immer öfter vor – zum Ufer spazierend, regungsloses Verharren und auf den See hinaus blickend; der Welle um Welle sein kaltes, klares Wasser an den Strand spült. In dieser weiten Abgeschiedenheit der harmonischen Ruhe lauschen, um das Lied des Lebens zu hören, welches mir der säuselnde Wind vertrauensvoll in mein Ohr flüstert. Nun beschließen die Wolkenheere eine offene Formation und lassen uns Erdenbewohner an ihrem kühlen Naß teilhaben. Ein sanfter Nieselregen setzt ein, der für heute mein treuer Begleiter sein wird. Das ungestüme Wasser sucht sich unaufhaltsam seinen Weg, es rinnt mein Gesicht hinunter, tränengleich perlt es zu Boden und löst sich wieder auf. Tief in mir fühle ich eine belebende Stärke, die sich zögerlich entwickelt, eine geschätzte Kraft von Freiheit, die sich sogleich auf meinen Lauf projiziert.

Das geliebte Laufareal liegt verlassen danieder, nichts bewegt sich. Oder irre ich mich? Vereinzelt leuchten noch grün gekleidete Bäume auf, die sich trotzig der Jahreszeit widersetzen, dennoch! – auch hier demonstriert der Sturm seine Macht und abgetrennte Blätter verlassen für immer ihren angestammten Platz in der Natur. Sie segeln flüsternd herab – wie der stilvolle Tanz der Gezeiten. Plötzlich höre ich ein freudiges Heulen – ähnlich einem Wolf. Beagle Bruno trottet auf mich zu; mit seinem Besitzer führe ich ein kurzes Gespräch. Er winkt leicht mit seinem Regenschirm und fragt mich grinsend, wieso ich so naß wäre. Ich lache und verabschiede mich mit den Worten, daß ich langsam los muß, bevor die Sonne hervor bricht. Doch nicht ohne vorher Bruno zu streicheln, der mich zitternd vor Kälte anguckt. Meine gewohnte Geschwindigkeit aufnehmend, verlasse ich im strömenden Regen den Damm, blicke ein letztes Mal in Richtung des im Wind sich biegenden Schilfes und verliere mich in den Wäldern. Die Intensität der Finsternis vermehrt sich unabänderlich; wohin ich blicke, werde ich Zeuge von der engagierten Aktivität zahlloser Wildschweine. Vermutlich liegen sie im Unterholz versteckt, beobachten mich und fragen sich, wann ich endlich wieder verschwinde.

Ich laufe weiter, mein Körper findet den Rückweg von allein – meine Gedanken schweifen längst in andere Sphären. In vergangenen Zeiten, in alten Erinnerungen und einst absolvierten Läufen mit ihren besonderen Erlebnissen. In direkter Front tauchen die zurückgekehrten Schafe auf, die einmal mehr ihrer Fluchtleidenschaft nachgehen. Später überhole ich schnellen Schrittes einen Radfahrer, der mich entsetzt anstiert, sei es wegen der „Schmach“, weil ein Läufer an ihm vorbeizieht oder ob meiner kurzen Bekleidung, die per definitionem so gar nicht in das allgemeingültige Wetterbild zu passen scheint. Und so endet mein Lauf – ein melancholischer Lauf in einer dunklen Welt voller Ruhe und greifbarer Einsamkeit. Ein Lauf nur für mich, nur für meine eigene Zufriedenheit – geboren in Frieden, Einklang und Harmonie.

Der traurigheitere Abgesang des Sommers

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufberichte. am 2. September 2009 von Marcus

Schönheit. Ein zwiespältiger Tagesbeginn, gekrönt von Disharmonie. Die Himmelsmächte verharren in ihrer gespannten Unschlüssigkeit, debattieren höchst uneins und gestatten dem unbeständigen Wandel das so begehrte Witterungszepter. Der Himmel wird partiell von einem wunderbaren Blau beherrscht, gleichzeitig ist es streckenweise bedeckt und die Wolken bemühen sich unablässig die strahlende Morgensonne zu verbergen, sie nicht aus ihrem unzugänglichen Verließ am Horizont zu entlassen. Für mich als stiller Beobachter ein grandioses Naturschauspiel – ähnlich einem brüchigen Lavastrom, der sich erobernd in die Welt ergießt. Pulsierende Felder, die in der beschaulichen Weite atemlos schlagen, gefühlvoll mit sich ringen und die Helligkeit von Mutter Sol doch nicht bezwingen können. Plötzlich ist der Moment gekommen, wo die Fesseln der Wolken aufgesprengt werden, Lücken entstehen mit einem lauten Schweigen im Schachbrettmuster des gelobten Himmelsgewölbes und die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg und berühren sanft die Erde. Das unendliche Tor über uns ward vollends aufgestoßen und die leuchtende Kanonade von Helios entzieht sich jedweder Bändigung – die ungebeugte Kraft der sengenden Hitze wird den Tag dominieren und die zutiefst verletzten Wolkenschiffe ziehen wehmütig von dannen.

Reminiszenz. Allein dieser flüchtige Augenblick wird den Lauf in meinem Gehirn zu einer besonderen Erinnerung werden lassen – er ist nicht mit Gold aufzuwiegen, wieder einmal. Nun schreiben wir bereits September; der Auftakt des Herbstes läßt sich mit allem Wohlwollen nicht mehr leugnen. Ja, das Jahr ist auf dem Weg in die Vergangenheit, es wird nur in unserem Kopf weiterleben und dereinst verblassen. Viele Raben mit ihren so eigentümlichen Lauten treten vermehrt auf – als Sendboten des kalten Winters. Die Wege in den Wäldern und auch mein Damm verwandeln sich langsam aber sicher in ein Reich der Spinnennetze. Spinnweben allenthalben. Für mich ein nicht zu unterschätzender Indikator, ob direkt vor mir jemand den gleichen Pfad beschritt – die Natur kann verräterisch sein, sofern man ihre Signale zu deuten versteht.

Respekt. Spinnen! Igitt! Eklig und widerwärtig! Ja, korrekt – genau das denken die Spinnen über uns Menschen auch. Nur mit dem Unterschied, daß wir wirklich gefährlich sind – im Gegensatz zu den harmlosen Arachniden. Vergessen wir also den Unsinn, sie sind wunderbare Lebewesen, die vor uns weitaus mehr Angst haben als wir vor ihnen. Nachfolgend ein gelungenes Bild eines prächtigen Exemplars – man beachte das phantastische Muster! – sie in der Hand zu halten, erzeugt ein ähnlich angenehm krabbelndes Gefühl wie von einer Libelle oder Hummel. Wir sollten die kleinen, nützlichen und unscheinbaren Lebewesen mehr achten und nicht gleich verdammen, nur weil sie anders aussehen respektive unserem Denken nach als fremd erscheinen. Ist Respekt vor anderen Lebensformen so schwer?

Illusion. Der Blick vom Damm indes, offenbart noch den grünen Charakter des geliebten Sommers. Gleichwohl täuscht dieser Eindruck, denn auf den zweiten Blick erkennt man im grünen Blätterwald die eine oder andere Bresche. Der Geisterkünstler hat in seiner vollendeten Inbrunst aufkeimende herbstliche Tupfer in den Forst gezeichnet. Noch sind die gelben Töne in der Minderheit, ich muß sie regelrecht suchen. Nur wenige Wochen und sie werden mich finden – auch ohne bewußte Suche meinerseits. Zahllose Blätter liegen auf den Wegen danieder, in allen erdenklichen Farben des Herbstes knistern sie unter meinen Laufschuhen. Während ich über die wechselhaften Jahreszeiten sinniere, springt fünf Meter vor mir ein Reh von links über den Damm, es jagt in Richtung Wiese und verschwindet mit einer hohen Geschwindigkeit. Ein derart großes Reh sah ich noch nie in meinem Laufareal – die Natur überrascht immer wieder auf ein Neues.

Naturschauspiele. Der Weg führt mich zum Ende des Dammes. Ein Schreien in der Luft läßt mich innehalten, ich blicke nach oben. Zahllose Rotten von Graugänsen in V-Formation fliegen über das Hochwasserschutzgebiet hinweg – ihre gefiederten Kommandeure scheinen präzise und knappe Kommandos zu erteilen. Sie sammeln sich für ihre Rückkehr in den Süden, sofern diese überhaupt erfolgt. Nach sechs Kilometern erreiche ich den Wendepunkt meiner heutigen Strecke und spähe auf den See hinaus. Erneut ein Anblick, der der edlen Natur geschuldet ist. Die Sonne sendet ihren goldenen Strahlen direkt in meine Gegenwart, kegelartig glitzert und blinkt es facettenreich auf dem See – die tosenden Wellen tun ihr übriges, um diesen Effekt zu konzentrieren. Der gleißende Lichtkegel des Sonnensegels wird zu beiden Seiten von zahlreichen, ehrfürchtigen Graugänsen flankiert, welche jedoch nicht in das Licht eintreten.

Geborgenheit. So vergeht mein Lauf, die Zeit und das Leben. Bis auf zwei Hundehalter gehört die Einsamkeit mir, niemand macht sie mir streitig – und die Abgeschiedenheit reißt mich erhaben mit sich fort. Bevor ich mich in die Tiefe des Waldes wage und mich dort verliere, halte ich einen Augenblick an, um vier Schwäne zu beobachten – augenscheinlich die Mutter und drei Nachwuchsschwäne. Wachsam beäugen sie mich, um dann ungestört weiter im Wasser zu gründeln. Ich setze den Lauf fort und genieße die sonnigen Farbenspiele des dunklen Forstes. Das undurchdringbare Blätterwerk weist erste Makel auf, gleichwohl schlägt es sich noch wacker. Links raschelt eine Drossel im Unterholz und rechts verschwindet ein putziges Eichhörnchen auf einem Baum, welches vorher geschäftig auf Nahrungssuche war. Der Wald lebt und gewährt mir für einige Zeit seine Zuflucht – ein behagliches Gefühl erwächst in meinem Innern. Ich frage mich, wo die Wildschweine ihren Unterschlupf gefunden haben, denn in diesem Jahr traf ich bisher nicht ein Schwarzkittel – ein völliger Kontrast zum vergangenen Jahr.

Abgesang. Schätzen wir die letzten warmen Tage, die finstere Jahreshälfte streckt längst ihre Fühler nach uns aus. Dennoch sollten wir nicht vergessen, daß erst der Herbst und Winter den Frühling wie Sommer ermöglichen. Wie mit allem im Leben, alles hat zwei Seiten – wie ein hauchdünnes Blatt Papier – auch wenn wir die andere Seite nicht sehen – so ist sie doch da.

Einklang und Frieden

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufberichte. am 13. Juli 2009 von Marcus

Mehrheitlich konzentrieren sich meine Laufberichte auf spannende Witterungsumgebungen und sind nicht selten den Naturgewalten geschuldet. Ein Hohelied auf die natürlichen Elemente unserer planetaren Welt. Heute breche ich mit der nicht vorhandenen Tradition und beschreibe meinen Lauf während Gevatter Helios seine strahlende Aura auf charmante Eroberungen aussandte. Sonntag. Start: 09:52 Uhr. Temperatur: 22 C° im Schatten. Blauer Himmel, wabenartig mit Miniaturwolkenschiffen durchzogen. Eine noch leicht verschlafene Welt, gemessen an der Inaktivität derselben.

Auf der Brücke neigt sich mein Kopf automatisch nach links und blickt auf den See. Zum einen bietet sich mir der wunderbare Anblick des ruhigen Wassers auf dem sich zahllose Yachten und Segelboote tummeln, zum anderen erspare ich mir die stinkenden Blechvehikel; auch als Autos bekannt. Als es neben mir hupt, werde ich brutal aus meinen stillen Gedanken gerissen. Ein Bekannter winkt mir zu und biegt in der Ferne augenscheinlich in den gleichen Weg ein, der auch meine Richtung sein wird. Nur wenig später sehe ich den schwarzen Chrysler auf dem Parkplatz stehen – die Insassen steigen gemächlich aus, im Gegensatz zu ihrem Hund „Emma“, der voller Bewegungsdrang wahrhaftig hinaus schießt. Ich frage den Hundebesitzer mit einem lang gedehnten: „Naaa, heute endlich Laufen?“ – „Nein, wir gehen nur!“, erwidert er lachend. Ich verabschiede mich und gehe im nahen Wald verloren. Unbekümmertes Laufen.

Mutter Sol hinter mir lassend empfängt mich der grüne Hain mit seiner herzlichen Kühle unter seinem atmosphärischen Blätterdach. Wie erfrischend und belebend! Allein schon ein Fest für die Sinne, aber damit nicht genug – das würzige Parfum des Waldes steigt essenzartig in meine Nase; tief durchatmend durchquere ich den Forst im schützenden Schatten. Zu meiner linken Hand schält sich aus dem Nichts ein großes Gebäude, die Zentrale eines Wassersportvereines – mitten im Wald gelegen – welches im rückwärtigen Teil durch ein Schienensystem mit dem Wasser verbunden ist. Eines der Mitglieder grüßend passiere ich den surrealen Bootsverein, eingebettet zwischen Bäumen und setze meinen Weg in die Einsamkeit fort. Riesige Schatten breiten sich aus, fluktuierend mit Halbschatten feinster Nuancen – dazwischen blitzen immer wieder helle Lichtpunkte auf, die durch die Baumkronen brechend ihren angestammten Platz auf dem Erdboden behaupten. Das optische Schauspiel wird durch ein unaufhörliches Vogelkonzert musikalisch begleitet. Welch mühelos inszenierte Symphonie – Ode an die Natur!

Endlich auf dem Damm angekommen, kitzeln mich die viel zu hoch gewachsenen Gräser an den Beinen. Ich suche den Horizont ab und entdecke vier offenbar spazierende Personen. Ich bin stets daran interessiert zu wissen, wer sich in meinem näheren Gesichtskreis aufhält, zudem versichere ich mich, daß mich niemand von hinten überrascht. Ansonsten dominiert die übliche Abgeschiedenheit. Nach wenigen Minuten will ich erneut jene Menschen beobachten, doch sie sind verschwunden. Dafür gibt es nur eine Möglichkeit, sie kennen den gut versteckten Badestrand – der Zugang flankiert von Bäumen und gesäumt von Schilf. Mittlerweile setzt ein liebevoller Wind ein, dessen leiser Hauch mich gefühlvoll willkommen heißt. Die Intensität variiert und mit kraftvoller Macht werden die emporragenden Gräser auf der Mittelwiese zu Boden gedrückt und neigen sich taktvoll in der Brise. Wie ein Meer und doch aus Pflanzen bestehend vollführt es seine eigentümliche Wellenbewegung. Das Seewasser indes, zeigt sich von einer beruhigenden Seite – gefesselte Kraft eines pulsierenden Herzschlages. Ich nähere mich der Örtlichkeit, wo der geheime Pfad nach links zum Wasser führt – als plötzlich ein nackter Mann vor mir auftaucht; für einen Moment guckt er mich groß an, sodann dreht er sich um und beginnt Holz zu sammeln.

Weit entfernt sehe ich einen Hund, gejagt von einem Radfahrer. Huskydame Käthie wird mir sogleich ihre Aufwartung machen; ich grüße den Halter, welcher später ebenfalls ein Bad nehmen wird. Während meines Rückweges stelle ich mit Unbehagen fest, daß die Holzsammelaktion des Nackten leider von Erfolg gekrönt war: Rauchschwaden steigen auf und verpesten die Luft. Unangenehm. Ich erhöhe meine Geschwindigkeit und durchbreche den Rauch. Eine unbewußte Wahrnehmung verleitet mich nach rechts auszuweichen, just in der Sekunde erkenne ich eine Ringelnatter, ca. ein Meter lang, die mit gerecktem Kopf erhaben über die Erde gleitet. Sehr grazil.

2007_Ringelnatter

Nach der nächsten Kurve hält eine mir unbekannte Läuferin auf mich zu, ihr Vorauskommando besteht aus einem mittelgroßen, braunen Hund – dessen Wesen ich nicht gleich einschätzen kann. Ich schwanke, wie ich auf ihn reagieren soll. Etwas unschlüssig beschließe ich, daß er harmlos ist; dennoch erhöhe ich mein Tempo und halte direkt auf ihn zu. Er weicht sofort aus und bestätigt meine Annahme seiner Harmlosigkeit. Sein Frauchen wirkt gequält, aber bei ihrer zu warmen Bekleidung wundert mich das nicht. Natürlich sind meine Maßstäbe diesbezüglich sehr speziell.

Anschließend absolviere ich eine kleine Waldrunde und trete den Rückzug an. Vorbei an den Schafen, wo einige von ihnen träge im Schatten liegen und andere wiederum ihre Rücken emsig an Bäumen schubbern, passiere ich erst den einen Wald; kurz danach einen weiteren und laufe zum Ausgangspunkt meiner täglichen Runde zurück. Es war nicht mein bevorzugtes Wetter und dennoch war der Lauf durchaus angenehm. Viel zu ruhig für einen Sonntag, worüber ich nicht traurig bin. Der Lauf war weder besonders langweilig noch von einer dramatischen Theatralik durchzogen. Ein Lauf im Einklang und Frieden mit mir selbst und der Umwelt. Den unbedeutenden Moment genießen, der dadurch die Unendlichkeit durchbrach und doch einer exponierten Bedeutung gewahr wurde – eben im Genuß des Unscheinbaren und Alltäglichen. Im Hier und Jetzt.

Wolkenschiffe

Veröffentlicht in Fauna, Täglichlaufen. Laufberichte. am 5. Juni 2009 von Marcus

Der Tag begann mit einer tragischen Diskussion in formvollendeter Theatralik. Sturm, Wolken und Sonne debattierten voller Zorn, wer heute den Himmelsthron besteigen darf, um die Welt zu regieren. Doch in ihrer Unentschlossenheit blieb selbiger unbesetzt. Die Leidtragende sollte die Temperatur sein, welche traurig auf 10 C° sank. Ich selbst sah meinem Lauf lustlos entgegen, was sich immerhin nicht auf die Situps auswirkte, die wie immer schnell und ohne Anstrengung vonstatten gingen. Andere Übungen, als da wären Liegestütze mit Berühren der Hände gestalteten sich weitaus widerwärtiger. Als ich die Straße betrat und die frische Luft einatmete, vollzog sich eine Metamorphose. Der Sauerstoff, der sich in meinem Körper verteilte, löste eine Art Initialzündung aus. Pure Energie durchströmte mich, die Muskeln spannten sich an und ich stürmte mit großer Kraft in mein Laufareal. Wie belebend!

Dort sah ich sie. Sie waren zurückgekehrt – die Wolkenschiffe. Der Geisterkünstler malte erneut geschwungene Wolken in den differenziertesten Farbnuancen in die Weite des Horizonts. Und wieder lagen die Wolkenschiffe vor Anker und berührten mit ihren Himmelsleitern den Boden. Scheinbar. Schiff an Schiff – nebeneinander. Von kleinen Booten bis zu großen Mutterschiffen, die allmächtig und erhaben in der Unendlichkeit zu schweben schienen. Die imaginären Offiziere und Mannschaften salutierten und hießen mich willkommen. Als ich auf dem Damm lief und die Gerade vor mir lag, überwältigte mich der Himmel einmal mehr. Inmitten der undurchdringbaren Wolkenfront enttarnte sich ein blaues Tor, welches jedoch nicht statisch blieb, sondern sich ständig modifizierte.

2009_Mai_See

Plötzlich gab die Illusion des Kapitäns ein Signal an seinen Steuermann und dieser bediente den Suchscheinwerfer – äquivalent der Sonne. Ein solarer Lichtkegel schimmerte zwischen den Wolkenschiffen hindurch, erreichte die Erde und kam auf mich zu. Ein Streifen im Hochwasserschutzgebiet erhellte sich – erobernd nach vorne gleitend – während die Flanken melancholisch im Dunkeln verharrten. Als der Partikelstrahl mich berührt, spüre ich eine angenehme Wärme auf meiner schwarzen Bekleidung. Im Bruchteil einer Sekunde verschwindet er wieder im Nichts. Nach diesem Schauspiel, welches sich mehrfach wiederholen wird, vernehme ich durch Wind gedämpfte Stimmen. Sie werden über das Wasser zu mir getragen.

Ich erspähe ein rotes Boot mit mehreren Insassen, die sich rudernd den Sturmböen entgegen werfen. Déjà vu. Sind es die gleichen Frauen aus dem vergangenen Jahr? Erinnerungen aus dem letzten Juni tauchen vor meinem geistigen Auge auf. Ihre unbändige Lebensfreude erzeugt noch heute ein Lächeln in meinem Antlitz. Auf Grund der Entfernung kann ich die Personen jedoch nicht erkennen. Mittlerweile befinde ich mich auf dem Rückweg, mein Blick sucht den Horizont ab und die Wolkendecke hat nichts von ihrer Faszination eingebüßt. In der Ferne berühren sich der See und die Wolken, aufgepeitscht von den Wellen, die wild hin und her wiegen. Die Formation gleicht einem Gebirge mit großen Bergen, schneebedeckt. Sofort muß ich an Brigitte denken, die sich sicher über meinen Vergleich mit den Bergen amüsiert. Schließlich ist hier der größte „Berg“ nur ungefähr 70 Meter hoch. Laut lachend setze ich meinen Weg fort.

Links von mir fühlt sich ein Fischreiher durch meine Anwesenheit belästigt und fliegt mürrisch davon. Durch den Wind höre ich ihn nicht, aber ich weiß, daß er laut schimpft. Nach der Drehung meines Kopfes höre ich ihn tatsächlich lauthals meckern. Auf einmal rudert direkt neben mir das rote Boot vorbei – besetzt mit Kindern, die mit Helmen geschützt sind. Zwischen zwei Bäumen blicke ich für heute zum letzten Mal in die Weitläufigkeit meines Laufgebietes. Die Wolkenschiffe haben ihre Anker eingezogen – die real nicht vorhandenen Besatzungen winken und verabschieden sich, während sie gemächlich von dannen ziehen. Mich dagegen zieht es in die Tiefe des Waldes.

2009_Mai_Wald

Dort werde ich mehrere Waldpolizisten – auch bekannt als Eichelhäher – aufschrecken. Für einen kurzen Moment begleiten mich besonders große Libellen, deren expliziter Name mir leider nicht bekannt ist. Auffällig ist ihre eklatante Größe, der Rumpf ist fast ein Zentimeter breit. In den Baumkronen versteckt sich ein nicht minder großer Raubvogel. Die Krönung manifestiert sich im Besuch eines Hummelschwärmers, der seit Jahren versucht in das Internet zu gelangen. Heute nun ist es soweit. Rückblickend betrachtet, war der heutige Lauf unbeschreiblich schön. Wenn ich es auch versucht habe, die Realität bleibt unerreicht.

2009_Mai_Riesenlibelle
2009_Mai_Hummelschwärmer

Von einem Schreckgespenst, der Sonne, Schafbabys und Sex

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufberichte. am 2. Mai 2009 von Marcus

Mein Laufbericht bezieht sich auf den gestrigen Feiertag. Der Tag stand im Zeichen der Sonne, die Wolken machten sich rar und boten einen blauen Himmel feil. Die meisten Menschen suchten ihr Heil in der Natur, in erster Linie in der Nähe des Wassers. Nicht wenige mit ihren Yachten auf spritzigen Gewässern. Am frühen Morgen startete ich meinen Lauf und bereitete mich mental auf die Verlustmeldung meiner so geliebten Einsamkeit vor – die Bestätigung ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Blick auf den See offenbarte feinste blaue Schattierungen von leisen Wellen, die vom zarten Wind angetrieben wurden. Am Horizont verschmolzen jene Farbtupfer des Wassers mit dem beruhigenden Blau des Himmels. Dazwischen weiße Punkte der Auflockerung, den Segelbooten geschuldet.

Direkt nach der Brücke erkannte ich einen Nachbarjungen, der seinen Hund ausführte. In der Regel hört man mich nicht beim Laufen, so daß meine Begrüßung einen immensen Schreck auslöste. Wahrscheinlich kamen für ihn die Worte aus dem Nichts, entsprechend erbost war er. Nicht ahnend, daß noch weitere schreckhafte Kandidaten unterwegs waren, die nur auf mich warteten, setzte ich lächelnd meinen Weg fort. Das grüne Blätterwerk ist durch den Frühling längst geschlossen; alleeartig bewegen sich die Wege durch die Wälder. An ausgewählten Stellen ist selbst der Himmel komplett verdeckt, nur vereinzelt blitzten blaue Punkte auf. Doch die wahre Aufmerksamkeit zieht die Sonne auf sich, indem sie mit ihren goldenen Strahlen die Baumkronen durchbricht – schwertartig durchstoßen die Solpartikel leuchtend die Aura der anheimelnden grünen Welt. Als Täglichläufer an diesem kongenialen Spektakel teilhaben zu dürfen, bedeutet eine große Gnade. Schritt um Schritt obsiegt die Freude und durchflutet meinen Körper voller Glück.

In der Ferne begrüßt mich lauthals ein Kuckuck, der meine Anwesenheit allen Waldbewohnern ankündigt, so daß die Graugänse mit ihren Küken mich in Empfang nehmen können. Ich freue mich über dieses muntere Willkommensgeläut, welches erst zum zweiten Mal in diesem Jahr stattfindet. Quakende Frösche allenthalben flankieren den Damm – geschäftig diskutieren sie, wer die schönste Froschdame sei. Auf den Bäumen sitzen die Drosseln und stimmen lebensbejahend in den würdevollen Kanon der Natur ein. Natur. Was ist schöner als die Natur? Der Damm indes, ist bereits von zahllosen Menschen bevölkert. Zu diesem Zeitpunkt dominieren noch die Hundehalter, die mir allesamt bekannt sind. Alle paar Meter wird freundlich gegrüßt. Einem Fischreiher wird das bunte Treiben augenscheinlich zu viel – meckernd zieht er von dannen.

Später verlasse ich meinen geschätzten Damm und trete tiefer in die dunkle Welt der Wälder ein. Vor mir taucht ein Mann auf, sein Fahrrad lehnt an einem Baum – und schon ist es passiert, er zuckt zusammen und ich kann Person Numero zwei auf meiner nicht vorhandenen Liste erfassen. Weiter geht es über sandige Wege; die Natur dürstet nur so nach Regen, seit Wochen fiel kein belebendes Naß vom Himmel. Dessen ungeachtet wachsen die Gräser ohne Unterlaß und schießen in die Höhe. Diverse Pfade werden demnächst aus meinem Programm fallen – in das Unterholz wage ich mich auf Grund der latenten Zeckengefahr nicht. Plötzlich erspähe ich knapp 50 Meter vor mir erneut den Mann – diesmal auf seinem Rad fahrend. Bis auf zwei Meter nähere ich mich ihm, als ich beschließe ihn vorher anzurufen. „Nicht erschrecken“ rede ich ihn an und überhole. Er dankt es mir. Auf einem Grundstück begutachten zwei Damen ihre Pflanzen; nachdem ich die Gartenfreundinnen passiert habe, höre ich: „jeden Tag, jeden Tag!“. Unschwer zu erraten, daß nicht ihre Blumen gemeint sind – auch wenn ich dieser Worte höchst überdrüssig bin, nehme ich sie hin.

Ich nähere mich dem Schafgehege und kann einfach nicht vorbeilaufen. Ein süßer Bannstrahl erfaßt und zwingt mich zum Halten. Denn mittlerweile bevölkern zwei weitere Schafbabys unsere Erde. Am 01.05. sah ich das vierte Nachwuchsschaf, welches mich völlig verblüffte. Offensichtlich ist es erst einen Tag alt. Direkt hinter dem Zaun stehend, guckt es mich neugierig an. Es ist ebenso süß und knuffig wie seine drei Geschwister. Es springt umher, wißbegierig, was das Leben an Überraschungen bereithalten mag. Eine wahre Freude, dem Treiben zuzusehen! Ich trete endgültig den Rückweg an und bewege mich in Richtung der Zivilisation, während mir ein Läufer entgegen kommt. Es folgt eine kurze, aber umso freundlichere Begrüßung. Unterdessen neigt sich mein Lauf dem Ende zu. Die Brücke erklimmend, absolviere ich die letzten Meter. Die Dichte der Radfahrer steigt exponentiell an, was ich nur zu gut verstehen kann. Was ich jedoch nicht nachvollziehen will, daß einige Exemplare auf dem Fußweg fahren müssen. Bevor ich die Rad fahrende Frau vor mir überhole, warne ich sie streng: „AAAACHTUUUUUNG! – sie zuckt merklich zusammen; ich ziehe vorbei und weise die Dame daraufhin, daß sich der Fahrradweg links von ihr befindet. Das gleiche Spiel folgt mit ihrem Mann, der vor ihr radelt. Auch ihn ermahne ich, erhalte jedoch keine Antwort.

Wohlan, so endet er also – mein erster Lauf im Wonnemonat Mai. Ein wahrhaft grandioser Lauf, trotz der verlustigen Einsamkeit konnte ich ihn genießen. Einmal mehr habe ich mich als Schreckgespenst bewiesen – Fortsetzung folgt. Die Natur umarmt all jene, die ihr charmant die Aufwartung machen. Sommer, Sonne und Täglichlaufen – eine schöne Kombination.

Ach ja, mein Titel impliziert vier Inhaltspunkte – was ich auch nicht schuldig bleiben werde. Folgendes Bild muß ich nicht kommentieren, es ist aussagekräftig genug. :D