Archiv nach Kategorie "Täglichlaufen. Laufalltag."

Trügerische Sicherheit & Suspekte Fragilität

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufalltag. am 25. November 2009 von Marcus

Trügerische Sicherheit. Welch ein Jahr! Jubiläen ohne Unterlaß. In der Regel assoziiert die menschliche Majorität eine positive Begebenheit mit diesem Terminus. Einmal mehr tanze ich aus der Reihe und definiere ein unschönes Ereignis. Vergangenen Sonntag erlebte ich den zehnten Sturz in meiner Laufkarriere; kurioserweise bereits der dritte in diesem Jahr. Vor ewigen Zeiten gelernte Falltechniken im Judo bewahrten mich vor Schlimmeren. Meine Konstitution ist nur partiell eingeschränkt. Interessant das Zustandekommen des Geschehens, weder Glatteis noch Hundeangriffe zeichneten verantwortlich. Ich lief nicht etwa unkonzentriert, nein, im Gegenteil – ich sah bewußt die Wurzeln, welche einladend den Weg zieren und wich noch einer besonders großen aus – in der nächsten Sekunde erwischte mich eine kleinere. Dabei sind mir sämtliche Pfade en détail vertraut – selbst im Schlaf sollte ein Passieren ohne Probleme eine Option sein. Explizit dies sollte sich jedoch als die Crux in dieser Situation herauskristallisieren. Eine allzu sichere Routine der Gewandtheit, eine trügerische Sicherheit brachte mich schließlich zu Fall. Die Schmerzen werden mich mittelfristig weniger routiniert agieren lassen, was wiederum positiv ist.

Suspekte Fragilität. In den letzten Tagen dominierte eine ungewöhnlich milde Witterung. In der natürlichen Folge marschierten Sturmmanipel, Windkohorten und böige Legionen rauschender Brisen mit bravouröser Macht in mein Laufareal ein und behaupten sich seitdem unangetastet. Sie ritten wild durch die Luft, fegten umbarmherzig durch eine atmosphärisch dichte Welt und tobten sich ohne Rücksicht auf die Wälder kaltherzig aus. Wunderbare Wolkenschiffe flankierten die Sturmfronten und sorgten dafür, daß Mutter Sol ihr graues Verlies am Horizont nicht verlassen konnte. Gleichwohl konnte ich sie am Firmament erahnen, ein verblaßter, sanft schimmernder Kreis in der Ferne, ähnlich einer Energiesparlampe, die immer heller wird – allerdings in meinem Beispiel nicht zur vollen Stärke reifen durfte. Temporär gelang ihr die Flucht und mehrere goldene Strahlen durchbrachen den finsteren Kerker der Ewigkeit und leuchteten auf den aufgewühlten See. Laserstrahlenartig schien sie das Wasser abzutasten, welches wiederum das ungewohnte Licht reflektierte und ein grandioses Naturschauspiel bot – bis das Spektakel urplötzlich seinen Höhepunkt fand und für alle Zeiten abebbte.

Indes der atemlose Sturm seinem Namen alle Ehre machte und ausgelassen herum tollte. Partiell kämpfte ich mit rigoroser Kraft dagegen an und obwohl es sehr warm war, tränten meine Augen. Wie in Zeitlupe kam mir mein Laufen vor, doch nur solange, bis ich wieder geschützte Bereiche erreichte und erstaunt registrierte, mit welch hoher Geschwindigkeit ich in Wirklichkeit lief. Wie befreiend, die eingeschränkte und unsichtbare Wand überwunden zu haben! Mein Damm sah mittlerweile wie ein Schlachtfeld aus, abgefallene Äste allenthalben. Sogar größere Bäume wurden zu ihrem Endspiel gezwungen und werden dereinst meiner damaligen Geliebten nachfolgen. Hier offenbart sich die geschätzte Weisheit, daß nicht Höhe und Kraft Überleben bedeuten, sondern vermeintliche Schwäche und Anpassung. Große Äste werden gnadenlos vom wütenden Sturm gefällt, sobald ihr Zenit überschritten wird, brechen sie in den Tod. Doch anpassungsfähige Zweige – beispielsweise das Schilf – beugen sich leise der stürmischen Macht und richten sich anschließend wieder auf. Die augenscheinliche Schwäche triumphiert über die Stärke.

Zahllose Stolperfallen säumen nun meine Laufstrecke. Eine besonders heikle Gefahr bilden diverse abgeknickte Äste, die noch lose in den Baumkronen hängen. Wann werden auch sie zu Boden fallen? Ein mittelgroßer Zweig schwingt bei Wind wie ein Pendel hin und her – sobald ich diese Örtlichkeit passiere, blicke ich mit Mißtrauen gen Himmel. Nicht minder kritisch ein weiterer Ast, der seit Samstag ein Schattendasein in den Wipfeln führt. Möge ihn die Gravitation anziehen, wenn niemand unter ihm spaziert. So wirken herbstliche Stürme wie meine läuferische Routine eklatant auf mein Täglichlaufen ein, nicht immer im positiven Sinn, doch stets interessant. Und die Konsequenz der stürmischen Kunstfertigkeit etabliert ein unwohliges Gefühl in mir. Die Erinnerung an mich fast erschlagende Äste bleibt in meinem Gehirn präsent, auch wenn jene Situationen längst in die Vergangenheit geflüchtet sind. Täglichlaufen im Herbst, ein spannendes Unterfangen.

Gefallene Liebe. Gefallenes Leben.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufalltag. am 4. Oktober 2009 von Marcus

Sie war schon da. Noch bevor ich kam. Lange vor meiner Zeit. Zu Beginn nahm ich sie nicht bewußt wahr. Ich sah nur die Gesamtheit, nicht die einzelnen Teile. Seitdem lächelte sie mich an, doch ich lief immer vorbei. Vor einigen Monaten begann es. Sie bewegte sich und kam mir näher. Unmerklich, fast schon heimlich. Stück für Stück, unaufhörlich. Irgendwann fiel sie mir auf – ganz plötzlich. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte ich mich auf sie, ja, sie gefiel mir. Hoch gewachsen, eine stolze Haltung und sehr schön anzusehen. Von Tag zu Tag kamen wir uns näher. Ich freute mich sie jeden Tag zu sehen, wenngleich sie sich langsam veränderte. Die anfängliche Zurückhaltung wich einer latenten Zudringlichkeit, immer stärker. Vergangenen Mittwoch kamen wir uns so nah wie nie zuvor – unser Treffen hatte etwas Bedrohliches an sich. Am Donnerstag folgte ein weiteres Stelldichein. Bei unserer Begegnung streichelte sie liebevoll über meine Haare, nicht wissend, wie gefährlich sie wirklich ist. Ich vertraute ihr, ich ließ sie gewähren und sie ließ mich gehen. Dies war unser letztes Treffen in all ihrer Herrlichkeit. Am Freitag ist sie gefallen – gefallene Liebe. Für immer. Verloren.

Nun, man könnte sich jetzt fragen, wovon ich schreibe. Von einer schönen Frau? Natürlich. Meine Zuneigung galt einer Baumdame. Ein großer Baum, welcher auf der rechten Seite den Damm flankierte, einer von vielen. Es gab einmal eine Zeit, da stand sie aufrecht, hoch in den Himmel gewachsen – stolz und unnahbar. Irgendwann begann eine Entwicklung, die zu einer leichten Neigung führte. Selbst für mich, der täglich diesen Ort passiert, entzog sich die Veränderung zu Beginn. Doch eines Tages fiel mir die Neigung auf, ich konnte sie nicht mehr übersehen. Seitdem beobachtete ich den wunderbaren Baum konzentriert. Die Angst vor dem aufrechten Leben trieb die Baumdame in die Besessenheit sich auf die Seite zu legen. Unaufhaltsam. In ihren letzten Tagen erzeugte sie fast ein Dach, welches sich in drei Metern Höhe quer über meinen Damm ausbreitete. Das baldige Ende war jetzt nur eine Frage der Zeit.

Am Mittwoch hatte der Baum noch zwei Meter bis zum Boden zu überwinden. Ohne Probleme konnte ich durchlaufen. Innerhalb weniger Stunden senkte sie sich um weitere fünf Zentimeter, nun berührten die Blätter zärtlich meinen Kopf. Der Anblick war für mich leicht surreal, jedoch faszinierend – wenngleich die Bedrohung ein ungutes Gefühl in mir auslöste. Die Gefahr war nicht zu leugnen. Als ich am Freitag den Damm erreichte und die erste Biegung absolvierte, erspähten meine Augen das natürliche Hindernis. Wohlan, sie war gefallen. Nimmermehr wird sie erhaben die Welt unter sich betrachten können. Für einige Zeit wird der umgeknickte Baum den Weg blockieren, die Blätter verfärben sich und fallen ab. Zahllose Spaziergänger werden Äste abbrechen, um ein leichteres Vorbeikommen sicherzustellen. Bis irgendwann Personen erscheinen, die mit Sägen bewaffnet den Baum in seine Bestandteile auflösen werden und ihn entfernen; so als ob er nie existiert hätte.

Nicht viel anders unser menschliches Dasein. Wie dieser Baum werden wir klein geboren, wachsen neugierig in die Höhe und sind – hoffentlich – stark, um einen temporären Augenblick am Leben zu partizipieren. Bis dereinst der menschliche Körper zerfällt – ebenso der Geist – und wenn der finale Existenzpunkt erreicht ist, fallen wir ebenfalls danieder. Und lösen uns auf. Vergessen und nicht vermißt. Wie der Baum. Staub im Wind. Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Der Lauf der Endlichkeit.

Geliebte Jahreszeiten. Meine Welt.

Veröffentlicht in Contra Wettkampf, Täglichlaufen. Laufalltag. am 29. September 2009 von Marcus

Frühling. Die allseits geliebte Jahreszeit des munteren Erwachens. Müde räkelt sich die verschlafene Welt und streift frohen Mutes ihr kaltes Winterhemd ab. Prächtig grüne Kleider werden nach und nach Einzug in die mürrischen aus dem Schlaf gerissenen Wäldern halten. Glückliche Gesänge der Vogelwelt allenthalben – sie verzaubern uns und heißen den Frühling willkommen. Sie stimmen das Hohelied des Lenzes an und der Forst erblüht und lebt. Das Prosperieren der Natur läßt sich nicht mehr verheimlichen, der Winter zieht beleidigt von dannen. Steigende Temperaturen. Die Sonne besucht uns vermehrt und kitzelt mit ihren goldenen Strahlen, welche fortwährend wärmer werden und uns mitten im Herz berühren. Mutter Sol läßt uns lächeln. Der Nachwuchs der Graugänse läßt nicht lange auf sich warten und die kleinen possierlichen Putzel spazieren neugierig auf meinem Damm. Erwartungsfroh absolviere ich meine Läufe in meiner Lieblingsjahreszeit. Jeden Tag verändert sich das Leben ein wenig mehr, nichts ist wie es war – alles ist anders – und ich bin täglich dabei. Täglichlaufen und Natur – die natürlichste, evolutionäre Synthese überhaupt.

Sommer. Überall grünt und blüht es. Flora und Fauna sind sich einig und feiern das höchste Gut – das Leben. Erste Wärmeausläufer durchbrechen die 30 C° Marke und eine trockene Hitze dominiert meine Läufe. Zuerst etabliert sich in mir eine Art Widerwillen, doch später gefällt mir die heiße Anstrengung und wenn sie sich am Ende der sommerlichen Zeit verflüchtigt, vermisse ich sie. Die Wälder tragen das ihrige zu einer moderaten Kühlung bei, wenn auch nur bis zu einer gewissen Grenze. Unbarmherzig strahlt die Sonne und lächelt doch ganz charmant. Eine latente Zurückhaltung der Piepmätze läßt sich in der Endphase des Sommers ausmachen. Die Zeit, um die lieben Weibchen für die Fortpflanzung gesanglich zu beeindrucken, neigt sich ihrem Schlußpunkt entgegen. Die Liebe scheint zu versiegen. Aber auch hier existieren heimliche Verschwörer, die sich davon nicht abschrecken lassen und das ganze Jahr über singen. Welch Glück!

Herbst. Goldene wie dunkle Tage werden die Herrschaft über den Augenblick an sich reißen. Licht und Schatten liegen nie so dicht beieinander wie in dieser Jahreszeit. Hochtrabende Glücksgefühle wechseln sich mit düsteren Prognosen ab. Jede Phase hat ihre besonderen Reize, gleichwohl bin ich dem Herbst sehr zugeneigt. Sich ausbreitende Finsternis, expandierende Sturmregimenter, die gemeinsam unheimliche Regenfronten kommandieren und über uns herfallen werden. Am Morgen noch durch wabernden Nebel getarnt – ja, diese Tage kann man nur aus tiefstem Herzen lieben – das ist meine Welt. Sich ausdehnende Frische bei 08 C°, prasselnder Regen und wunderbare Sturmböen – ein gefühlter Traum! Ich liebe es, ein kleiner Teil der von mir beschriebenen romantischen Natur zu sein, wenn der Lauf auch immer nur temporär begrenzt sein mag – der Genuß ist vollendet in seiner Existenz. Freilich haben auch die goldenen Tage ihre lieblichen Reize. Das schützende Blätterwerk wechselt stilvoll seine rauschenden Kleider und wertet sie mit gelbroten Farbtupfern auf. In der Luft tauchen plötzlich Zenturien von Graugänsen auf, allesamt in ihrer spezifischen V-Formation fliegend. Ihre Schatten gleiten lautlos über den Boden, um von meinen Schritten verfolgt zu werden – doch werde ich sie nie einholen. Hoffnungslos. Die Anzeichen des Winters sind nicht zu leugnen.

Winter. Stetig sinkende Gradzahlen, aufziehende Wolken am Horizont. Angetrieben und fort getragen von der kalten Hand des erhaben lächelnden Winters. Nun ist er zurück. Leise rieselnde Schneeflocken, die behutsam den Himmel verlassen und sanft zur Erde gleiten. Immer mehr. Immer schneller. Immer konzentrierter. Der wehende Wind erzeugt Verwirbellungen in der Luft und nach einiger Zeit bedeckt ein weißer Schneeteppich unsere wohlige Welt. Jeder Laufschritt wird in einer eigentümlichen Weise knirschend quittiert – das Leben ist weiß geworden. In den Wäldern sind die Zweige stilvoll mit einem leichten Schneeüberzug dekoriert. Eine dämpfende Glocke hat mein Laufrevier fest im Griff, die klare Atmosphäre sucht ihresgleichen. Zahlreiche Tierspuren im Schnee verraten die Anwesenheit der sonst verborgenen Waldbewohner, jener Wesen, deren Gastrecht ich täglich nur zu gern in Anspruch nehme. Ich weiß es zu schätzen. Die einsame Ruhe ist eine andere – als noch im Sommer oder Frühling – sie ist viel intensiver, ja, fast schon greifbar. Der Winter ist einzigartig.

Das eine bedingt das andere. Alles bedingt alles. Keine Jahreszeit kann ohne die vorhergehende existieren. Der Lauf der Welt – fest ineinander verwoben, wenngleich sich diverse Zusammenhänge unserem doch arg beschränkten Geist zu Recht entziehen. Ohne Frühling kein Winter. Aber ohne Winter auch kein Frühling. Als Täglichläufer erlebt man mit jedem Tag einen kleinen Teil dieser beständigen Änderung – was sich letztendlich zu einem Gesamtbild zusammensetzt – dem stimmungsvollen Wechsel der Jahreszeiten. Vor einigen Tagen lief ich auf meinem Damm. Die Sonne wärmte meine schwarze Bekleidung angenehm, ein leiser Wind säuselte vertrauensvoll in mein Ohr. Ich schloß meine Augen einen Moment und gab mich nur den elementaren Empfindungen hin. Für einen vergänglichen Augenblick materialisierte sich vor meinem geistigen Auge das unglaubliche Läuferfeld des Berlin-Marathons, welche zur gleichen Zeit liefen. Ich stellte mir vor, wie es wäre dort mitzulaufen – Abertausende Menschen um einen herum, mitten in der Stadt auf Asphalt ein riesiges Gedränge – der Charakter eines laufenden Volksfestes mit lauter Musik und kreischenden Menschen.

Nicht meine Welt. Ich öffnete die Augen und glücklicherweise umgab mich nur die geliebte Einsamkeit. Vollkommen allein in der Natur. Die faszinierende Stille in der konzentrierten Ruhe. Abgeschiedenheit. Eloquentes Fühlen in meinem romantischen Laufareal, vorbei an zärtlichen Weihern, leicht biegsamen Schilf und an grün verklärten Wäldern. Das Rauschen der Wellen wahrnehmen, die nassen Wogen begrüßen und die peitschende Gischt des Sees beobachten. Melancholisch die geschwungenen Wolken am Horizont verfolgen. Innehalten und nur die pure Natur, sich selbst und das Laufen genießen. Dort wächst die Harmonie und Zufriedenheit. Allein. Zu jeder Jahreszeit. Jeden Tag. Willkommen in meiner Welt.

Begegnungen. Akt I bis III.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufalltag. am 30. Juli 2009 von Marcus

Akt I – Jagd. Dienstag. Ich befand mich mitten im gediegenen Forst auf dem Rückweg. Der Pfad führt gerade aus, flankiert von grünen Bäumen und Büschen mit einem vollkommenen Blätterdach, welches die Sicht in den unendlich weiten Himmel lückenlos verdeckt. In der Ferne leuchtete ein weißes Auto. Als ich mich dem Objekt näherte, verschwand die Illusion des Fahrzeuges und stattdessen materialisierten sich fünf Schafe, die gemächlich in den Wald eintraten. Flüchtlinge! In einer Distanz von zehn Metern redete ich sie leise an. Für einen Moment sahen sie mich groß an, dann drehten sie sich gemeinsam um und sprangen davon. Sie rannten mit relativ hoher Geschwindigkeit los, verfolgt von einem schwarzen Läufer. Ein köstlicher Anblick, diese fünf lustigen Putzels mit ihren wackelnden Hinterteilen. Sie verschwanden im hohen Gras und tauchten später auf ihrer Weide auf. Ich trat laut lachend den Rückzug an.

Akt II – Späße. Mittwoch. Mutter Sol engagiert sich vorbildlich und schickt ihre strahlenden Kinder zur Erde. Während meines Laufes betrug die Temperatur 27 C° im Schatten. Auf den letzten Metern der Brücke spazierte mir ein langjähriger Freund entgegen, der sich sein Grinsen nur schwer verkneifen konnte. Nach der Begrüßung musterte er meinen naß geschwitzten Körper mit abschätzenden Blick und sagte mit einem süffisanten Grinsen: „Sag mal Marcus, ist das gesund, was Du hier machst?“. – Ebenso grinsend antwortete ich: „Nein, natürlich nicht. Wie kommst Du denn auf die Idee?“. Wir setzten die heitere Unterhaltung fort, bis er sich zu seinem Boot aufmachte, um dort die Sonne in entspannter Atmosphäre zu genießen – wie ich bereits 13 Kilometer vor ihm.

Akt III – Flucht. Donnerstag. Ich lief in dem Areal, welches zwischen zwei Wäldern liegt, nebenan ruht die liebevolle Heimat der Schafe. Der Weg neigte sich dem Ende zu, plötzlich hörte ich von rechts ein lautes Geräusch – ich konnte es nicht explizit einordnen. Ich bog links ab und während ich diesen Prozeß vollzog, blickte ich automatisch in die andere Richtung, um vielleicht die Quelle der Laute zu erspähen. Dort sah ich sie. Sie kamen auf mich zu. Die komplette Schafherde galoppierte auf mich zu, begleitet von einer Staubwolke, die nicht zu übersehen war. Sie rächten sich. Am Dienstag jagte ich sie und heute war ich der Gejagte. Fluchtartig sprintete nun ich davon, ich rannte um mein Leben. Halt! Stop! Vorhang! Das eben beschriebene Bild wäre übertrieben. Nichtsdestotrotz kam die gesamte Schaffamilie von rechts auf mich zu gestürmt. Offensichtlich sind sie ihrer Leidenschaft nachgegangen – der Flucht – und wurden wieder einmal gestellt und heute von zwei Kindern nach Hause zurückgetrieben. Der Zufall richtete es so ein, daß ich wieder einmal als Zuschauer dabei war. Erneut eine vergnügliche Begegnung, über die ich nur lachen konnte.

Das sind die besonderen Augenblicke und Erlebnisse, die für mich mein Täglichlaufen ausmachen. Jeden Tag offenbaren sich neue Ereignisse, die einfach nur Freude auslösen. Die Strecke mag zwar oft die gleiche sein und doch ist die Welt jeden Tag eine andere. Aber nicht nur Freude, auch andere Gefühle haben stets ihre Berechtigung. Beispielsweise spektakuläre Himmelsbeobachtungen, die divergierende Gefühle auslösen – wie man auf diesem Photo sehen kann. Jenen Anblick hinterher laufen und latente Veränderungen im Sturm beobachten. So wandelt sich das Laufen zu einer knisternden Spannung. Das ist Täglichlaufen. Nicht zu beschreiben, nicht abzubilden, nicht nachzulesen – es gibt nur einen Weg – zu fühlen. Täglichlaufen ist ein Gefühl.

Winterliche Sommergedanken

Veröffentlicht in Photos, Täglichlaufen. Laufalltag. am 2. Juli 2009 von Marcus

Der Winter naht, Zeit für ausgewählte Impressionen des diesjährigen Sommers. Der Winter? Übertrieben, oder? Ja. Nein. Natürlich dauert es seine Zeit, bis die kaltherzigen Kommandeure der eisigen Legionen zurückkehren und unsere Welt allmächtig in das weiße Winterkleid hüllen werden. Viele Tage müssen noch in das Land ziehen – so scheint es. Doch mit welchem Tempo hat sich die erste Hälfte des Jahres in die unendliche Weite unserer Erinnerungen verabschiedet? Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die an Engagement nicht zu übertreffen ist. Darum sollten wir die heißen Momente genießen.

Zugegeben, derzeit fällt mir das eminent schwer. Temperaturen um die 30 C° im Schatten, dazu die beißende Sonne, eine unwirkliche Witterungslage muß ich derzeit erleben, geschwängert von einer drückenden und schwülen Atmosphäre entlang der Wetterfront. Obwohl ich meine Umfänge leicht reduziert habe, ebenso die Intensität – bereitet mir mein Täglichlaufen aktuell keine Freude. Ich praktiziere es höchst widerwillig. Nach dem Start sehne mich danach endlich die Wälder zu betreten, da sie noch eine kühlende Wirkung erzielen. Bereits nach zwei/drei Kilometern läuft der Schweiß unaufhaltsam. Im Forst anhalten, ist gleichsam erfrischend wie töricht – zahllose Mücken und diverse andere Insekten leiten ihren Großangriff umbarmherzig ein. Wer schnell laufen kann, ist klar im Vorteil. Aber auch dies gilt nur temporär.

Der Damm selbst liegt in brütender Treibhausstimmung, Helios kennt keine Gnade und leuchtet unablässig mit seinem hitzigen Gemüt und schickt Strahl um Strahl auf die Erde und quält einen in schwarz gekleideten Täglichläufer. Dem sonnigen Primat muß ich mich beugen – Widerstand ist zwecklos. Nicht genug, daß ich der Witterung Tribut zollen muß, nein – auch hier warten zahlreiche Insekten auf mich. Unzählige, kleine Fliegen, partiell zu Kugeln formiert in der Luft wartend, heißen mich in einer ungebührenden Distanz willkommen. Und immer wieder größere Fliegen oder Bremsen, die mich begleiten und permanent um meinen Kopf schwirren. Selbst damit ist der Höhepunkt noch nicht erreicht. Obwohl erst vor einem Monat das Gras gemäht wurde, hat es den Verlust beinahe kompensiert und wieder alte Stärke erreicht. Die Gräser kitzeln meine Beine, auf einige scheine ich latent allergisch zu reagieren, in Kombination mit dem Schweiß etabliert sich ein Juckreiz. Vor meinem geistigen Auge erscheinen die Schneelandschaften vom vergangenen Januar, die frostklar, angenehm und ohne Insekten gedanklich an mir vorbei ziehen. Ja, man ist nie zufrieden. Glücklicherweise wurde ich bisher von Gewittern und Starkregen mit der Tendenz zur Überflutung verschont.

Nach nur fünf Kilometern sammelt sich eine trockene Leere in meinem Mund. Die Schneelandschaften lösen sich im fernen Nichts auf. Sie werden ersetzt durch sprudelndes Wasser und meine so geliebte kalte Dusche. Diese geistigen Wirrungen verbanne ich bewußt und hole stattdessen meine Intention des Abhärtens hervor, welche man auch im Sommer hervorragend praktizieren kann, ganz simpel, in dem man auch bei heißen Temperaturen während des Laufens nichts trinkt. Wobei sich diese Frage noch nie für mich gestellt hat. Meine Distanzen bewegen sich nicht in einem Rahmen, als daß eine Wasserversorgung vonnöten wäre. Dennoch kann man das durchaus trainieren und seinen Körper in gewissen Grenzen anpassen, wenngleich das nur für meine Person gilt und ich anderen Menschen davon abrate. Einer adäquaten Wasserversorgung sollte stets Rechnung getragen werden. Indes plädiere ich auch dafür in der größten Sommerhitze eine körperlich intensive Anstrengung wie das Laufen zu vermeiden oder in die Morgen, bzw. Abendstunden zu verlegen. Entsprechend trainierte Personen ausgenommen; gleichwohl wird auch für jene Menschen das Wetter zu einer Herausforderung.

Eine moderate Gewöhnung an den Wechsel der Jahreszeiten scheint mehr und mehr der Vergangenheit anzugehören. Vor wenigen Jahren existierten weiche Übergänge, die einer Gewöhnung dienlich waren. Heute dominiert beständig die Unbeständigkeit, Temperaturunterschiede von 20 C° innerhalb eines Tages sind keine Seltenheit; auf den Winter folgt der Sommer. Nichtsdestotrotz ist man als Täglichläufer der Veränderung besser angepaßt als Normalläufer. Letztlich ist jedwedes Sinnieren zwecklos, da man die Akzeptanz der Realität nicht leugnen kann. In diesem Sinne, genießen wir das Wetter – wie es werden wird – ist irrelevant.

Als krönenden Abschluß meines Artikels folgen nun Impressionen eines Sommers. Mutter Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite und berief erneut den Geisterkünstler an seinen Platz am Firmament, um formvollendete, geschwungene Zeichnungen – Äquivalent den Wolken – am Himmel zu kreieren. Zusätzlich verdingte sich ein namenloser Dichter und gestaltete eine Komposition des natürlichen Glücks für all jene aufmerksamen Betrachter, die dem Hohelied der Natur wohlwollend zugeneigt sind.

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