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Elementare Liebe

Veröffentlicht in Pro Naturgewalten am 20. November 2008 von Marcus

Erneut ein Plädoyer. Mein Hohelied auf die Naturgewalten. Die erlebten Eindrücke, die ich hier formuliere, sind selbstredend während meiner Läufe entstanden; die Photos stammen aus meinem Laufareal. Folgender Artikel soll die Erkenntnis offenbaren, daß auch in der vermeintlichen „Ungemütlichkeit“ stets Schönes zu finden ist, wenn man sich denn die Mühe macht sich damit auseinanderzusetzen. Dafür muß man nicht Laufen; Spaziergänge sind ebenfalls adäquat. Manche Häßlichkeit dient nur dazu, die wahre Pracht dahinter vor oberflächlichen Menschen zu tarnen. Schließlich bereitet die Offensichtlichkeit selten Freude.

November. Kälte. Dunkelheit. Nässe, Stürmische Tage ohne Licht, doch voller Hoffnung. Unbehaglicher Nebel im Herbst. Deprimierend? Nein. Wir haben die Wahl zwischen Liebe und Haß. Jeder Weg mag auf seine Weise richtig sein. Denn das Leben hat Recht und ist grundsätzlich frei von Wertung. So oder so. Wer sich jedoch bewußt für die Liebe entscheidet, wird lernen auch die düsteren Tage des Jahres zu akzeptieren, ja, sie zu lieben! Schließlich sind sie ein essentieller Bestandteil auf dem Pfad in den Frühling. Die Unbarmherzigkeit der finsteren Jahreszeit existiert nur scheinbar. Hinter dieser Maske verbirgt sich eine ungeahnte gefühlvolle Präsenz. Die alles durchdringende Intensität der natürlichen Witterung im November – letztendlich in allen Monaten – kann man nur durch aufmerksames, intensives Betrachten und sinnliches Beobachten wahrnehmen. Nichts für oberflächliche Menschen ohne sensibles Gespür.

Überwältigende Wolken in den erstaunlichsten Schattierungen am Himmel, von der Macht des Sturmes mit aller Kraft über die Erde getrieben. Ungeduldig umarmt der Wind jeden Läufer, der sich dem widersetzt. Er streichelt uns von allen Seiten, umgarnt uns zärtlich sanft oder zieht uns mit brutaler Autorität fort. In steter Verbundenheit mit den liebenswürdigen Elementen der Witterung. Niederschlag als Geschenk des Himmels, welcher schwach und stark jeden Mutigen begrüßt. Gepeitscht vom unendlichen Odem des Sturmes mit seiner durchnässenden Wirkung. Jeder Laufschritt bedeutet tiefe Erfüllung, man muß sich nur vertrauen und diese Liebe zulassen. Nicht zweifeln, nicht hinterfragen, nicht überlegen – ob es gut oder richtig wäre. Nicht denken; besinnlich genießen.

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Sonne. Versteckt am Firmament. Im ununterbrochenen Kampf mit der Wolkendecke, um temporär zu siegen und mit ihren Strahlen den aufschäumenden See zu erleuchten. Widerspiegelnde Glanzpunkte im Wasser. Reflektierende Wellen, die in steten Wogen an das Ufer preschen und in der Brandung ihre weiße Gischt artikulieren. Natürliche Anblicke des Lebens, die einen verzaubern. Mit dem unfaßbaren Hauch der Ebenmäßigkeit rauben sie mir für einen Moment den Atem. Konzentrierend auf diesen einen Augenblick, ohne zu Denken, meinen Geist einfühlsam auf die Natur gerichtet. Die Zeit steht still – ein ruhiger und nachdenklicher Moment im Fluß des Lebens – Stille. Gelassenheit. Erquickung. Laufen wie in Zeitlupe. Schritt für Schritt. Pure Harmonie. Wie aus dem Nichts umfaßt mich plötzlich die Stimme des Windes und holt mich wieder zurück in die Realität. Die Wiederkehr des Daseins in allen Facetten fühlen. Eine kompositorische Situation der Natur in Vollendung. Unsere schönsten Erlebnisse manifestieren sich nur in den stillsten Minuten.

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Schnee. Weiße Wälder mit gedämpften Wegen, die beim Beschreiten dankbar knirschen. Ast um Ast mit weißer Pracht ausstaffiert. Leise rieselnder Schneefall. Kleine und große Flocken, die behutsam zur Erde nieder schweben. Nur gestört vom Atem, der sich sichtbar in der Luft kristallisiert und einzelne Flocken in ihrer Aura reduziert. Sanftes Laufen in einer verhaltenen Traumwelt, den Fokus auf die Winde im Schnee gelenkt. Immer stärker der winterliche Niederschlag, ergreifende Spiele des kristallinen Wassers. Eingefrorene Augenblicke voller Sanftmut geschrieben in der Sprache der Natur, die das Herz berührt und den Alltag vergessen macht.

Diese großartigen Momente kann man in der angeblich ungemütlichen Jahreszeit erleben. Die meisten Menschen verstecken sich in ihren Häusern, gefangen in der Vorstellung, daß man draußen nichts zu suchen hat. Gefangene ihres eigenen Geistes. Ich kenne derer viele. Sie bemitleiden mich, wenn ich im Regen und Sturm laufe. Sie mißverstehen mein Lächeln, weil sie die wahre Bedeutung nicht ermessen wollen. Ich bemitleide sie, weil sie die Herrlichkeit der Natur nicht zu erkennen vermögen. Unwissend, wozu ihr Körper fähig wäre, keine Vorstellung von der Liebe zu der Natur, gerade wenn sie sich von ihrer unwirklichen Seite zeigt, kombiniert mit der Angst vor dem Wetter. Sie definieren es als „Unwetter“. Doch ich lächele sie weiter an – und sie schicken mir weiterhin traurige Blicke hinterher. Schon Heinrich Heine formulierte sehr treffend, daß die Herrlichkeit der Welt immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes ist, der sie betrachtet. An uns liegt es. Lieben oder hassen wir die Witterung. Wir haben die Wahl, doch ändern wird sich das Wetter dadurch nicht. Im Gegensatz zu unserer Einstellung.

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An uns liegt es. Werden wir stark oder bleiben wir schwach? Diese Erkenntnis werden wir nur erlangen, wenn wir sie nicht suchen. Doch erwarten wir sie mit offenen Armen.

Einige Irrwege

Wer sich abwendet von der Schönheit,
der begeht Verrat an der Schönheit des Lebens
und an der Schönheit der Welt.

Wer sich abwendet von der Häßlichkeit,
der begeht Verrat an den Leiden des Lebens
und kämpft nicht mehr gegen Unrecht.

Wer nur noch die Schönheit sieht,
der geht in die Irre.
Wer nur noch die Häßlichkeit sieht,
der geht in die Irre.
Wer nur noch den Kampf gegen Unrecht sieht,
der geht in die Irre.

Wer glaubt nie zweifeln zu dürfen,
an der Schönheit,
an der Häßlichkeit oder sogar
am Kampf gegen Unrecht,
der ist so arm geworden wie der der zweifelt
und glaubt nie mehr glauben zu dürfen.

(Erich Fried)