Täglichlaufen. Wenn ich auch mein Denken diesbezüglich in zahllosen Artikeln auf meiner Seite en détail erläutert habe, so wird folgender Punkt stets mein Bewußtsein dominieren. Eine Thematik mit der ich mich schon viel zu oft beschäftigt habe. Die Zeit. Immer wieder die Zeit. Das Täglichlaufen hat meine Zeitwahrnehmung auf eine gänzlich andere – konzentrierte Ebene gehoben und das Wissen, daß es sich hierbei um ein künstliches Konstrukt des menschlichen Geistes handelt, tangiert diesen Eindruck mitnichten. Diese bewußte Sensibilisierung begann sich im Endstadium meines ersten Täglichlaufjahres zu offenbaren, fokussiert durch die tägliche Dokumentation. Seither rasen die absolvierten Lauftage/Jahre von der Zukunft in die Vergangenheit – mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die ihresgleichen sucht. Tag für Tag, Jahr um Jahr – man ist der Lebenszeit machtlos ausgeliefert. Äquivalent einem Raubtier, welches uns seit der Geburt liebevoll begleitet und langsam verfolgt – bis es uns dereinst immer schneller jagt, die Liebe sich in Kälte wandeln wird, um uns dann routiniert aus dem Spiel zu nehmen. Hoffnungslos.
Wie bereits vor kurzem in meinem Beitrag Staub im Wind angesprochen, sind wir – die Menschen respektive unser Leben – nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Unendlichkeit. Staub im Wind, ein Hauch im Nichts. Dieser Umstand wird mir nicht nur durch das Täglichlaufen sehr intensiv vor Augen geführt. Auch mein genealogisches Hobby trägt das seine dazu bei. Wenn ich beispielsweise Kirchenbucheinträge lese, in denen Heiraten, Geburten und Todesdaten erfaßt wurden, so ist dies ein zutiefst surreales Gefühl. Ich lese von Hochzeiten, von den Paten, von Feiern, der Geburt geliebter Kinder und nicht zu vergessen – das beständige und unaufhaltsame Sterben am Ende. Die Menschen hinter den Einträgen und Buchstaben lebten, liebten und feierten – sich und das Leben. Beim Studieren dieser Daten verliere ich mich nur zu gerne in den Fragmenten meiner Vorfahren, doch dann schlägt die Einsicht erbarmungslos zu. Wie lange ist das her? Wann lebten jene Personen, von denen ich soeben las? Vor 300 Jahren. Vor 250 Jahren. Vor 200 Jahren. Das Lebensglück längst vergangener Zeiten. Erschreckend. Verging für sie damals die Zeit ebenso rasant?
Eine Laune der Natur hat mich zu einem ihrer Nachfahren bestimmt, hineingeworfen in die menschliche Welt. Eine Welt, die mit gebührlichem Abstand zu einer kümmerlichen, absurden Posse mutiert. Lächerliche Probleme, die uns unablässig beschäftigen und dennoch nicht gelöst werden wollen. Gewolltes Leid, globales Elend, Armut im Überfluß und die verinnerlichte, ja, fast schon genetisch bedingte Gier nach Geld und Kriegen. Zu viele Menschen, die sich und ihr Handeln in der jeweiligen Kaste als wichtig definieren und doch nur kleine, hilflose Marionetten sind – und auf Kosten ihrer Kinder, der zukünftigen Generationen agieren. Zerrbilder ihrer selbst. Großunternehmen, Staaten und Organisationen, die letztlich alle vereint den finanziellen Aspekten unseres monetären Lebens hinterher hetzen, um doch nichts Sinnvolles zu erreichen. Und das wirkliche Sein vergessen. Das wahre Leben ist nicht käuflich zu erwerben – das war es noch nie. Gesundheit, Liebe, Familie, Harmonie und Zufriedenheit. Doch man muß den Wert des Lebens erkennen, bevor man leben kann. Ja, ich existiere in der bizarren Welt der Menschen, die ich nie verstehen werde. Ich schließe mit einem nachdenklichen Gedankenspiel, welches sich nahtlos in das Thema einfügt.
Stellen Sie sich vor, Sie haben bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen: Jeden Tag, stellt Ihnen die Bank 86.400 Euro auf Ihrem Bankkonto zur Verfügung.
Doch auch dieses Spiel hat – genau wie jedes andere – gewisse Regeln. Die erste Regel lautet:
Alles, was Sie im Laufe des Tages nicht ausgegeben haben, wird Ihnen wieder weggenommen, Sie können das Geld nicht einfach auf ein anderes Konto transferieren, Sie können das Geld nur ausgeben. Aber jeden Tag, wenn Sie erwachen, stellt Ihnen die Bank erneut 86.400 Euro für den kommenden Tag auf Ihrem Konto zur Verfügung.
Die zweite Regel ist:
Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sagen: Es ist vorbei, das Spiel ist aus. Sie kann das Konto schließen und Sie bekommen kein neues mehr.
Was würden Sie tun?
Sie würden sich alles kaufen, was Sie möchten? Nicht nur für Sie selbst, auch für alle anderen Menschen, die Sie lieben? Vielleicht sogar für Menschen, die Sie nicht einmal kennen, da Sie das nie alles für sich allein ausgeben könnten? In jedem Fall aber würden Sie versuchen, jeden Cent so auszugeben, daß Sie ihn bestmöglich nutzen, oder?
Wissen Sie, eigentlich ist dieses Spiel die Realität. Schon immer.
Jeder von uns hat so eine derartige Bank. Wir sehen sie nur nicht, denn die Bank ist die Zeit. Täglich bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt und wenn wir am Abend einschlafen, wird uns die übrige Zeit nicht gut geschrieben. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren. Gestern ist vergangen. Jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen, aber die Bank kann das Konto jederzeit auflösen, ohne Vorwarnung. Einfach so.
Was machen Sie also mit Ihren täglichen 86.400 Sekunden? Sind sie nicht viel mehr wert als die gleiche Menge in Euro? Vielleicht sollten wir jetzt anfangen zu leben?
