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Einsame Weite der Ruhe am endlosen Horizont

Veröffentlicht in Photos, Täglichlaufen. Laufberichte. am 4. November 2009 von Marcus

Nun ist mein zehnjähriges Täglichläuferjubiläum bereits eine Woche alt; es ist zu einem endlichen Teil der gelebten Geschichte geworden. Von unsichtbaren Händen in das allmächtige Reich der Vergangenheit hinfort getragen. Und so dreht sich das wertvolle Rad des Lebens weiter, die Zeit und ich laufen ehrfürchtig in eine noch nicht geborene Zukunft, die uns mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit besuchen wird, lächelnd für einen Augenblick anhält – um endgültig in das nebulöse Nichts zu verschwinden. Seit Anbeginn der Zeiten.

Der zwielichtige November heißt uns von Herzen willkommen. Dunkle Tage, die nicht wirklich hell werden. Kalte Sturmböen, auf denen Gevatter Regen zauberhaft durch die Welt reitet. Er wütet maßlos; verschlingt mit aller Macht, was sich ihm in den Weg stellt und umhüllt es mit seiner nassen Liebe. Eine trostlose, graue Zeit – bar jeder Hoffnung. So scheint es. Doch der allzu offensichtliche Schein trügt. Die „ungemütliche“ Witterung sorgt dafür, daß oberflächliche Menschen der wahren Erkenntnis fernbleiben. Nur wer mit offenen Armen und freudigen Herzens das Kommende akzeptiert, sich dem Unerwarteten bedingungslos öffnet, wird die Verkörperung der prächtigen Natur verstehen, sie lieben lernen und seinen Frieden mit sich und dem Leben schließen. Er kehrt zu der Quelle seiner selbst zurück.

Meine Lieblingszeit ist gekommen, wenn die Wälder von Menschen gemieden werden. Das Gros der Bäume hat sein Blätterkleid längst abgeworfen und somit die Wege reichhaltig geschmückt. Rotes, gelbes und braunes Laub staffiert die Pfade behaglich aus. Ein leises Rascheln und Knistern ist der Dank für eine behutsame Überquerung. Die einstmals kräftigen Blätter sind mittlerweile welk geworden, verkümmert liegen sie auf der Erde; hier und dort ragen sie wie angespitzt aus dem Boden, um von Regenwürmern in ihr erdiges Reich überführt zu werden. Durch das fehlende Blattwerk erhöht sich die relative Sichtweite im finsteren Forst. Nur den eigenen Herzschlag hörend, laufe ich in aller Stille in die einsame Leere des trüben Waldes. Zahllose Drosseln springen im Unterholz umher, aufgeschreckt suchen sie das Weite. Im Gegensatz zu den mutigen Eichelhähern, die laut schimpfend ihren Unmut kundtun. In der Ferne hämmern fleißige Spechte ohne Unterlaß. Kleine Eichhörnchen lugen hinter großen Stämmen hervor und wundern sich über meine schwarze, vergängliche Präsenz in ihrem Heim.

Ich erreiche den Damm und nach der ersten Biegung erspähe ich – nichts. Abgeschiedenheit. Genau wie ich es liebe. Die von mir so geschätzte Einsamkeit ist mein größter Verbündeter. Gleichwohl ist dieses Jahr anders. Nicht nur der eben erlebte Moment, nein, das gesamte Jahr stellt ein Novum dar. So eine abstrakte Einsamkeit, die regelrecht greifbar ist, habe ich noch nie erlebt. Zwar begegne ich nahezu täglich diversen Personen, als da wären Grußfreunde, Läufer, Walker, Bekannte und Hundebesitzer. Insgesamt betrachtet, hat sich ihre Anzahl jedoch merklich reduziert. Die gelobte Vereinsamung meines Laufareals schreitet voran. Einerseits begrüße ich das sehr, andererseits fehlen sie im gewohnten Bild. Aber das ist das Leben: Menschen kommen. Menschen gehen.

Die dunkelgraue Dominanz der gemalten Wolkenschattierungen setzt sich am Horizont fort und vereinigt sich leidenschaftlich mit dem aufgewühlten Seewasser. Nur der unablässige Bewegungsdrang der rauschenden Wellen enttarnt die jeweiligen natürlichen Elemente – fast bin ich geneigt anzunehmen, es handele sich um eine einzige, kalte Wand. Früher hielt ich selten während meiner Läufe an, doch jetzt kommt das immer öfter vor – zum Ufer spazierend, regungsloses Verharren und auf den See hinaus blickend; der Welle um Welle sein kaltes, klares Wasser an den Strand spült. In dieser weiten Abgeschiedenheit der harmonischen Ruhe lauschen, um das Lied des Lebens zu hören, welches mir der säuselnde Wind vertrauensvoll in mein Ohr flüstert. Nun beschließen die Wolkenheere eine offene Formation und lassen uns Erdenbewohner an ihrem kühlen Naß teilhaben. Ein sanfter Nieselregen setzt ein, der für heute mein treuer Begleiter sein wird. Das ungestüme Wasser sucht sich unaufhaltsam seinen Weg, es rinnt mein Gesicht hinunter, tränengleich perlt es zu Boden und löst sich wieder auf. Tief in mir fühle ich eine belebende Stärke, die sich zögerlich entwickelt, eine geschätzte Kraft von Freiheit, die sich sogleich auf meinen Lauf projiziert.

Das geliebte Laufareal liegt verlassen danieder, nichts bewegt sich. Oder irre ich mich? Vereinzelt leuchten noch grün gekleidete Bäume auf, die sich trotzig der Jahreszeit widersetzen, dennoch! – auch hier demonstriert der Sturm seine Macht und abgetrennte Blätter verlassen für immer ihren angestammten Platz in der Natur. Sie segeln flüsternd herab – wie der stilvolle Tanz der Gezeiten. Plötzlich höre ich ein freudiges Heulen – ähnlich einem Wolf. Beagle Bruno trottet auf mich zu; mit seinem Besitzer führe ich ein kurzes Gespräch. Er winkt leicht mit seinem Regenschirm und fragt mich grinsend, wieso ich so naß wäre. Ich lache und verabschiede mich mit den Worten, daß ich langsam los muß, bevor die Sonne hervor bricht. Doch nicht ohne vorher Bruno zu streicheln, der mich zitternd vor Kälte anguckt. Meine gewohnte Geschwindigkeit aufnehmend, verlasse ich im strömenden Regen den Damm, blicke ein letztes Mal in Richtung des im Wind sich biegenden Schilfes und verliere mich in den Wäldern. Die Intensität der Finsternis vermehrt sich unabänderlich; wohin ich blicke, werde ich Zeuge von der engagierten Aktivität zahlloser Wildschweine. Vermutlich liegen sie im Unterholz versteckt, beobachten mich und fragen sich, wann ich endlich wieder verschwinde.

Ich laufe weiter, mein Körper findet den Rückweg von allein – meine Gedanken schweifen längst in andere Sphären. In vergangenen Zeiten, in alten Erinnerungen und einst absolvierten Läufen mit ihren besonderen Erlebnissen. In direkter Front tauchen die zurückgekehrten Schafe auf, die einmal mehr ihrer Fluchtleidenschaft nachgehen. Später überhole ich schnellen Schrittes einen Radfahrer, der mich entsetzt anstiert, sei es wegen der „Schmach“, weil ein Läufer an ihm vorbeizieht oder ob meiner kurzen Bekleidung, die per definitionem so gar nicht in das allgemeingültige Wetterbild zu passen scheint. Und so endet mein Lauf – ein melancholischer Lauf in einer dunklen Welt voller Ruhe und greifbarer Einsamkeit. Ein Lauf nur für mich, nur für meine eigene Zufriedenheit – geboren in Frieden, Einklang und Harmonie.

Gezeitenwandel

Veröffentlicht in Gedichte & Zitate, Photos am 15. August 2009 von Marcus

Die eiszeitlichen Legionen des schonungslosen Winters ordnen sich dem prosperierenden Rad der Zeit mit einem laut vernehmbaren Knirschen unter und treten ihren Rückzug an, um den gütigen Frühling ihre Ehrehrbietung zu bezeugen. Sie verneigen sich tief, sammeln all ihre Kräfte – von Sturmkohorten über Kältemanipel bis zu den leuchtenden Schneemächten und weichen den vorantreibenden grünen Kleidern des süß duftenden Frühlings. So oder so ähnlich formulierte ich vor weniger als einem halben Jahr mit meiner virtuellen Feder. Mittlerweile hat sich das Kräfteverhältnis erneut gravierend verschoben. Ich kann sie schon fühlen, vielleicht sogar hören. Auf jeden Fall sehen. Die Sendboten der kalten Heeresverbände mit ihren mannigfaltigen Schneeregimentern – sie sind längst in Marsch gesetzt, um uns wieder zu besuchen und unsere Welt zu besetzen, zu beherrschen! Ja, der Winter naht, er ist schon da. Die Zeit wird kommen. Schneller als wir denken. Oder uns eingestehen wollen?

Natürlich, meine Worte sind maßlos übertrieben. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt in ihnen. Der heiße August hat seine Hälfte erreicht, der sommerliche Zenit ist längst überschritten. Die ersten Blätter sind gefallen – liegen danieder, die natürlichen Farben sind gesättigt, ja, partiell übersättigt. Gelbe und braune Farben expandieren. In der Nacht sieht man seinen Atem, die hellen Abende werden kürzer. In den Wäldern sind die stetig singenden Piepmätze bis auf wenige Ausnahmen seit Wochen verstummt. Resignation allenthalben. Wenngleich noch zahllose Pflanzen frohen Mutes ihre Blüten gen Himmel strecken, sind doch viele Blumen endgültig in den Rausch des Todes geraten. Die ersten Graugänse bilden ihre markanten V-Formationen am Horizont, um sich in meinem Laufgebiet zu sammeln. Viele kleine Details deuten unscheinbar darauf hin, der geliebte Frühling, der ersehnte Sommer – sie sind erlebte Geschichte – auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich, daß ich den kühlen Winter mit seiner unnachahmlichen belebenden Luft vermissen werde – nun – da der Herbst langsam aber sicher nahen wird, muß ich zugeben, daß ich die angenehm warmen Temperaturen vermissen werde. Ja, man ist nie zufrieden. Ein Jammer! Schätzen und achten wir daher die kommenden warmen Momente besonders – Gevatter Winter berührt uns mit seinem frischen Hauch bereits; wenn auch nur unmerklich auf der Schulter. Um den diesjährigen Sommer in einer Art Reminiszenz adäquat zu würdigen, folgen nun wenige Impressionen aus vergangenen Tagen. Das Wechselspiel der Jahreszeiten – eine unabänderliche Tatsache, der wir uns nicht verschließen können. Ich bin zutiefst dankbar, daß mich die Vergangenheit in einer absonderlichen Laune unseres komischen Lebens zum Täglichläufer machte – dadurch ist es mir möglich, jedwede Änderung im Wandel der natürlichen Welt viel intensiver wahrzunehmen – denn ich bin immer dabei. Täglich.

Im Sommer

O komm mit mir aus dem Gewühl der Menge!
Aus Rauch und Qualm und tobendem Gedränge,
zum stillen Wald.
Dort wo die Wipfel sanfte Grüße tauschen,
und aus der Zweige sanft bewegtem Rauschen
ein Liedchen schallt.

Dort zu dem Quell, der durch die Felsen gleitet
und dann zum Teich die klaren Wasser breitet,
führ’ ich Dich hin.
In seinem Spiegel schau die stolzen Bäume
und weiße Wolken, die wie sanfte Träume
vorüber ziehn.

Dort laß uns lauschen auf der Quelle Tropfen
und auch der Spechte weit entferntes Klopfen
mit uns allein.
Dort wollen wir die laute Welt vergessen,
an unsrem Herzschlag nur die Stunden messen.
Und glücklich sein!

(Heinrich Seidel)

Winterliche Sommergedanken

Veröffentlicht in Photos, Täglichlaufen. Laufalltag. am 2. Juli 2009 von Marcus

Der Winter naht, Zeit für ausgewählte Impressionen des diesjährigen Sommers. Der Winter? Übertrieben, oder? Ja. Nein. Natürlich dauert es seine Zeit, bis die kaltherzigen Kommandeure der eisigen Legionen zurückkehren und unsere Welt allmächtig in das weiße Winterkleid hüllen werden. Viele Tage müssen noch in das Land ziehen – so scheint es. Doch mit welchem Tempo hat sich die erste Hälfte des Jahres in die unendliche Weite unserer Erinnerungen verabschiedet? Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die an Engagement nicht zu übertreffen ist. Darum sollten wir die heißen Momente genießen.

Zugegeben, derzeit fällt mir das eminent schwer. Temperaturen um die 30 C° im Schatten, dazu die beißende Sonne, eine unwirkliche Witterungslage muß ich derzeit erleben, geschwängert von einer drückenden und schwülen Atmosphäre entlang der Wetterfront. Obwohl ich meine Umfänge leicht reduziert habe, ebenso die Intensität – bereitet mir mein Täglichlaufen aktuell keine Freude. Ich praktiziere es höchst widerwillig. Nach dem Start sehne mich danach endlich die Wälder zu betreten, da sie noch eine kühlende Wirkung erzielen. Bereits nach zwei/drei Kilometern läuft der Schweiß unaufhaltsam. Im Forst anhalten, ist gleichsam erfrischend wie töricht – zahllose Mücken und diverse andere Insekten leiten ihren Großangriff umbarmherzig ein. Wer schnell laufen kann, ist klar im Vorteil. Aber auch dies gilt nur temporär.

Der Damm selbst liegt in brütender Treibhausstimmung, Helios kennt keine Gnade und leuchtet unablässig mit seinem hitzigen Gemüt und schickt Strahl um Strahl auf die Erde und quält einen in schwarz gekleideten Täglichläufer. Dem sonnigen Primat muß ich mich beugen – Widerstand ist zwecklos. Nicht genug, daß ich der Witterung Tribut zollen muß, nein – auch hier warten zahlreiche Insekten auf mich. Unzählige, kleine Fliegen, partiell zu Kugeln formiert in der Luft wartend, heißen mich in einer ungebührenden Distanz willkommen. Und immer wieder größere Fliegen oder Bremsen, die mich begleiten und permanent um meinen Kopf schwirren. Selbst damit ist der Höhepunkt noch nicht erreicht. Obwohl erst vor einem Monat das Gras gemäht wurde, hat es den Verlust beinahe kompensiert und wieder alte Stärke erreicht. Die Gräser kitzeln meine Beine, auf einige scheine ich latent allergisch zu reagieren, in Kombination mit dem Schweiß etabliert sich ein Juckreiz. Vor meinem geistigen Auge erscheinen die Schneelandschaften vom vergangenen Januar, die frostklar, angenehm und ohne Insekten gedanklich an mir vorbei ziehen. Ja, man ist nie zufrieden. Glücklicherweise wurde ich bisher von Gewittern und Starkregen mit der Tendenz zur Überflutung verschont.

Nach nur fünf Kilometern sammelt sich eine trockene Leere in meinem Mund. Die Schneelandschaften lösen sich im fernen Nichts auf. Sie werden ersetzt durch sprudelndes Wasser und meine so geliebte kalte Dusche. Diese geistigen Wirrungen verbanne ich bewußt und hole stattdessen meine Intention des Abhärtens hervor, welche man auch im Sommer hervorragend praktizieren kann, ganz simpel, in dem man auch bei heißen Temperaturen während des Laufens nichts trinkt. Wobei sich diese Frage noch nie für mich gestellt hat. Meine Distanzen bewegen sich nicht in einem Rahmen, als daß eine Wasserversorgung vonnöten wäre. Dennoch kann man das durchaus trainieren und seinen Körper in gewissen Grenzen anpassen, wenngleich das nur für meine Person gilt und ich anderen Menschen davon abrate. Einer adäquaten Wasserversorgung sollte stets Rechnung getragen werden. Indes plädiere ich auch dafür in der größten Sommerhitze eine körperlich intensive Anstrengung wie das Laufen zu vermeiden oder in die Morgen, bzw. Abendstunden zu verlegen. Entsprechend trainierte Personen ausgenommen; gleichwohl wird auch für jene Menschen das Wetter zu einer Herausforderung.

Eine moderate Gewöhnung an den Wechsel der Jahreszeiten scheint mehr und mehr der Vergangenheit anzugehören. Vor wenigen Jahren existierten weiche Übergänge, die einer Gewöhnung dienlich waren. Heute dominiert beständig die Unbeständigkeit, Temperaturunterschiede von 20 C° innerhalb eines Tages sind keine Seltenheit; auf den Winter folgt der Sommer. Nichtsdestotrotz ist man als Täglichläufer der Veränderung besser angepaßt als Normalläufer. Letztlich ist jedwedes Sinnieren zwecklos, da man die Akzeptanz der Realität nicht leugnen kann. In diesem Sinne, genießen wir das Wetter – wie es werden wird – ist irrelevant.

Als krönenden Abschluß meines Artikels folgen nun Impressionen eines Sommers. Mutter Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite und berief erneut den Geisterkünstler an seinen Platz am Firmament, um formvollendete, geschwungene Zeichnungen – Äquivalent den Wolken – am Himmel zu kreieren. Zusätzlich verdingte sich ein namenloser Dichter und gestaltete eine Komposition des natürlichen Glücks für all jene aufmerksamen Betrachter, die dem Hohelied der Natur wohlwollend zugeneigt sind.

2009_Juni_a_Himmel
2009_Juni_Echeveria
2009_Juni_Frosch
2009_Juni_Himmel
2009_Juni_Himmel_2

Die Melodie des Frühlings

Veröffentlicht in Gedichte & Zitate, Photos am 13. April 2009 von Marcus

Es ist an der Zeit, den Damm – stellvertretend für die Primärstrecke meines Laufgebietes – in seiner diesjährigen grünen Pracht vorzustellen. Nach den hier vor kurzem veröffentlichten Winterbildern ist der Kontrast nahezu surreal befremdend, gleichwohl atemberaubend in der milden Güte des Frühlings. In jener Gegend entstehen meine Laufberichte, geschrieben von einer großen Autorin – der Natur höchstselbst. Meine kleine Welt, die ich täglich besuche und in ihrer Einsamkeit so sehr liebe. Folgende Bildimpressionen sprechen für sich. Mit einem Lächeln Meter um Meter die kunstvollen Arrangements der Natur erkunden. Mein bevorzugter Weg, um mit Entschlossenheit zur wahren Ruhe zu gelangen – entspanntes Laufen ohne jedwede Bedeutung. Nur Laufen – nicht Denken. Genießen. In Harmonie.

Man kann die schönen Momente des Lebens im rasenden Rausch der Zeit nicht aufhalten, doch manchmal bleiben sie stehen – nur für einen Wimpernschlag – und dann sollten wir bereit sein, bevor sie endgültig in das Reich der Erinnerungen eintreten.

Was ist wirkliche Weisheit?

Sie ist das ruhige Hinnehmen
des Lebens der Welt,
wie sie kommt und wie es ist.

Das Warten auf die rechte Zeit,
kein Erzwingen eines Ergebnisses,
sondern ein Zulassen.

So daß es sich nach seiner eigenen
Eigenart und Zeit entfalten kann.

Dies ist weder feiger Fatalismus
noch fromme Entsagung:
Es ist viel mehr als nur ein Sich-Ergeben!

Es ist in Wirklichkeit fröhlich,
ein humorvolles Entzücken
an allem, das da Leben zu bieten hat!

(J. C. Cooper)

Der Herzschlag des Frühlings

Veröffentlicht in Photos, Täglichlaufen. Laufalltag. am 3. April 2009 von Marcus

Das Rad der prosperierenden Jahreszeiten hat sich knirschend bewegt. Nach dem Winter folgt der Frühling. Manch einer hat die weiße Zeit des Schnees verflucht und sich sehnsüchtig die warmen Temperaturen herbeigesehnt. Gehofft, ja mit unbändiger Ungeduld erwartet, mit dem geistigen Auge auf wärmende Sonnenstrahlen spekuliert. Die Glatteisphasen verdammt und die Sturmböen bei Minusgraden verfemt. Wohlan, es sei vergessen. Das gefühlvolle Wechselspiel pulsierenden Herzschlages sog einen besonders tiefen Atemzug des Lebens ein, um nun einen Hauch davon der Natur zurückzugeben. Sie ist erwacht, die freundliche Frühlingswelt mit ihrem gutmütigen Antlitz. Prächtige Farben expandieren, in den Wäldern geschäftige Bewegung allenthalben, beispielsweise den Pfad überquerende Ringelnattern, anmutig singende Vögel, blühende Pflanzen, die mit Engagement aus dem Erdreich sprießen, voller Kraft umher springende Rehe, auf das Leben neugierige Schafbabys, durch die Luft sausende Marienkäfer, die von den ersten Hummeln überholt werden – der Lenz ist nicht mehr aufzuhalten – und wer nicht wachsam ist, wird von seiner Schönheit nahezu überrannt.

Wir sollten dem Winter, der fast schon aus der Tür hinaus ist, unsere Dankbarkeit offenbaren, denn er hat mit seiner unbarmherzigen Kälte die warme Jahreszeit erst möglich gemacht. Und selbige läßt sich nicht lange bitten, sie ziert sich nicht im Ansatz und wird das Quecksilber animieren im Laufe des Tages auf 20 C° anzusteigen. Besonders eklatant wirkt sich diese Temperatur beim Laufen aus, der Körper gewöhnt sich langsam an die jährliche Umstellung. Durch die ungewohnte Witterung perlt das Wasser der Anstrengung schneller von der Stirn – aller Schönheit und Hoffnung zum Trotz blicke ich einmal mehr wehmütig in die umarmende Kälte des reizvollen Winters zurück. Melancholie macht sich breit. Vermehrt fallen mir im Internet Frühlingsbilder auf – ich lobpreise den Kontrast und erinnere an den Winter.

2009_januar_damm
2009_januar_wald
2009_marz_weiher

Während meines Laufes kam mir ein Läufer entgegen, der mich sprachlos machte – angesichts 15 C° zu diesem Zeitpunkt; denn er lief in einem langen Laufanzug. Als bekennender Abhärtungsverfechter, was ich deutlich länger als ein Jahrzehnt praktiziere, konnte ich mir einen Kommentar mit einem Grinsen nicht verkneifen: „Ist das nicht zu warm, schließlich haben wir Sommer!?“, er antwortete: „Das habe ich auch schon festgestellt!“ – lachend setzte ich meinen Weg fort. Der Frühling ist nur wenige Tage alt, doch zahllose Mücken und Fliegenschwärme dominieren bereits mein Laufgebiet. Ich will das nicht unbedingt negativ bewerten, immerhin bin ich nur der Besucher in ihrem Heim, dennoch – angenehm ist es nicht.

Der Damm lag einsam und windstill in der Sonne. Überhaupt fiel mir eine berauschende Ruhe auf, nur wenige Vögel trällerten, selbst die Bläßhühner und Graugänse genossen die belebende und leise Atmosphäre. Obgleich ich nur in zehn Metern Entfernung an einer Gruppe Gänse vorbei lief, zeigten sie keine Regung und flüchteten nicht. Das sind die Momente, die ich beim Täglichlaufen liebe. So kommen und gehen die Jahreszeiten. Die eine versinkt im Strudel der Vergangenheit, während die nächste mit Hoffnung erwartet wird. Ein immer wiederkehrendes Wechselspiel. Genießen wir den Frühling.