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Alles hat seine Zeit

Veröffentlicht in Meine Schafe am 7. Oktober 2009 von Marcus

Eine Ära endet. Am 30.09.2009 sah ich sie zum letzten Mal. Die grandiosen Hauptakteure zahlreicher Artikel – meine geliebten Schafe. Auf Grund von zwei Regentagen in Folge dachte ich zuerst, sie schützen sich in ihrer Behausung vor dem nassen Wetter, denn Regen mochten sie noch nie – so erklärte ich mir ihr Verschwinden. Doch auch bei Sonnenschein und Trockenheit – sind sie nicht mehr da. Also entsprach das Gerücht der Wahrheit, welches mir vor einigen Monaten zu Ohren kam. Leider fand ich keine Gelegenheit mich mit dem Schafsbesitzer auszutauschen, um ihn persönlich zu befragen. Aber dies ist auch nicht mehr nötig, die Realität trügt in diesem Fall nicht. Leider. Ihre Abwesenheit löst wehmütige Gefühle in mir aus. Seit Anbeginn meiner Laufentwicklung waren sie die treuesten Zeugen meiner Aktivität. Sie gehörten einfach dazu, mein Täglichlaufen und das damals noch unregelmäßige Laufen sind fest miteinander verwoben. Sie stellten den ersten Höhepunkt meiner Laufstrecke dar. Täglich fragte ich mich, wo werde ich sie heute treffen? Welche Streiche hecken sie nun wieder aus? Und Tag für Tag begrüßte ich sie, „Naaa, ihr Putzels!?“ oder „Wie geht es euch heute, ihr süßen Wutzels?“.

Wenn ich mich an die Anfänge erinnere, sehe ich sie vor mir flüchtend. Im Laufschritt an ihrem Zaun vorbei und sie rannten ebenfalls – ängstlich davon. Im Laufe der Jahre hat sich das komplett gewandelt. Sie blieben neugierig stehen und wenn ich sie anredete, antworten sie auch oft, freilich verstand ich sie nie wirklich. Und wenn sie von ihrer Weide flüchteten – darin waren sie meisterliche Experten – und sich auf dem Weg befanden, durfte ich in einer Distanz von zehn Zentimetern vorbei laufen; manchmal wichen sie auch gar nicht aus. Sie vertrauten mir. Vor kurzem verließ ich den Wald und lief direkt auf die kleine Schafherde zu, welche einmal mehr ihrer Ausbruchleidenschaft nachgingen und sich an den abgefallenen Eicheln gütlich taten. Die Sonne blendete, sie erkannten mich nicht sofort und sprangen schnell in Richtung Waldrand. Als ich näher kam, blieb ein Schaf stehen und guckte, wer da eigentlich auf sie zukommt, es erkannte mich, drehte um und bewegte sich wieder auf den Weg – alle anderen folgten artig. Mittlerweile ließen sie sich sogar von mir streicheln. Gewachsenes Vertrauen.

Wie oft blieb ich stehen und beobachtete sie! Die Putzels waren nicht nur knuffig im Aussehen, sondern auch sehr goldig in ihrer herzigen Art. Etwa, wenn ihnen Futter gebracht wurde und sie aufrecht mit erhobenen Vorderpfoten am Zaun standen, drei nebeneinander. Ein süßer Anblick, der mich zum Lachen brachte. Vorbei laufen? Unmöglich! Fuhr ihr Besitzer vor – liefen alle augenblicklich zum Tor, selbst wenn er sich noch im Auto befand. Oder wenn sie den Rücken an einem Baum oder Ast schubberten, sich also kratzten, um ein juckendes Bedürfnis abzustellen. Einmal standen im Winter acht Schafe nebeneinander an einer Hecke und fraßen an selbiger – ich lief vorbei und sie drehten nur leicht den Kopf, um anschließend synchron weiter zu essen. Im März dieses Jahres gestattete mir mein ehemaliger Lehrer sogar ein Babyschaf auf den Arm zu nehmen – zwei Tage war es zu dem Zeitpunkt alt.

2009_Maerz_Babyschaf

Alles hat seine Zeit. Die Ära der Schafe ist nun vorbei. Die Weide leer, verlassen. Niemand mehr da, der neugierig guckt. Niemand, der flüchtet. Geschichte. Oder mich „jagt“. Keine lustigen Erlebnisse in der Zukunft. In meinen Laufberichten werde ich sie nicht mehr antreffen. Vergangenheit. Ihre Futterkiste direkt am Zaun läuft über, offensichtlich sind die Nachbarn bisher nicht informiert. Jetzt ist es ein seltsames Gefühl dort entlang zu laufen; mein geistiges Auge projiziert sie weiterhin auf die Weide. Die kleine Schafherde war eine eminente Bereicherung meines Laufens – ein täglicher Höhepunkt – der jetzt nicht mehr existiert. Durch ihr Fehlen wird mein täglicher Lauf ein bedeutendes Stück ärmer, einer langjährigen Vertrautheit und lieb gewonnenen Tradition beraubt. Nie hätte ich damit gerechnet, daß sie eines Tages mich nicht mehr begleiten werden. Es ist, wie es ist. Ich wünsche ihnen von Herzen, daß sie in liebevolle Hände gekommen sind und noch lange leben werden. Vielleicht erfreuen sie nun andere Läufer – an einem anderen Ort. In meinen Erinnerungen werden sie weiterhin ein Lächeln erzeugen. Ich danke ihnen für die schönen Jahre, für die wunderbaren Begegnungen. Diese Seite widme ich „meiner“ Schafherde – ich werde euch vermissen!

2009_Oktober_Erinnerung_Schafe