Archiv nach Kategorie "Gesundheit"

Schmerzhafte Akzeptanz

Veröffentlicht in Ausrüstung, Gesundheit, Selbstdisziplin am 7. Dezember 2009 von Marcus

Meine Geduld verflüchtigte sich. Endgültig. Am vergangenen Freitag erwarb ich neue Laufschuhe. Auf Grund der Größenthematik zwar nicht mein favorisiertes Exemplar, doch ein Modell des gleichen Herstellers. Optisch betrachtet, sind die Unterschiede nur nuancenartig. Am Samstag absolvierte ich den ersten Testlauf, 14 Kilometer. Zu Beginn stellte ich keine Unwägbarkeiten fest, vom vierten bis ca. siebten Kilometer liefen sie sich sehr unangenehm, rechts drückte es – um anschließend ein wunderbares Laufgefühl zu etablieren. Sie fühlten sich sehr leicht bis fast nicht vorhanden an. Die Überraschung folgte schnellen Schrittes; just in jenem Moment, wo ich kurz vor Ende das erste Mal anhielt. Mein linker Fuß fühlte sich seltsam an, das eigentümliche Empfinden einer unsäglichen Blase. Als ich die Treppe hinunter ging, spürte ich plötzlich den aufwallenden Schmerz. Nach vielen Jahren problemlosen Laufschuhkaufes mit sich anschließenden perfekten Laufen – war mir dieses Mal das Glück nicht hold. So sei es.

Und so gehe ich derzeit wie ein alter Mann, partiell humpelnd. Die Schmerzen sind nicht unerheblich. Freilich, ich kann nun jammern und sie verdammen, doch was nützt dies? Ändert das etwas? Nein. Schmerzen kommen. Schmerzen gehen. Der weisere Weg kanalisiert sich in der Tatsache sie als das anzunehmen, was sie sind – ein Signal meines Körpers an mich selbst. Natürlich ist das tägliche Laufen dem Heilungsprozeß nicht sonderlich zuträglich; früher legte ich deswegen Ruhetage ein. Aber damals wußte ich das nicht besser und meine Definition von Selbstdisziplin war eine andere, eine schwächlichere Ausgabe meiner selbst. Glücklicherweise sind die Schmerzen im Laufschritt viel leichter zu ertragen – solange keine gravierenden Unebenheiten auftreten, reduzieren sie sich auf ein akzeptables Maß. Weiterhin sorgen sie für ein Trainieren der persönlichen Schmerzintensität, soll heißen, auch in Widrigkeiten sind Chancen verborgen, man muß sie nur sehen.

Ich war schon immer ein Feind von pharmazeutischen Produkten. In meinem bisherigen Leben nahm ich noch nie eine Tablette oder konsumierte sonstige medizinische Erzeugnisse – von flüssiger Medizin als Kleinkind abgesehen. Schon als Kind entwickelte ich eine Abneigung in diese Richtung. Dennoch, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich habe zum ersten Mal eine Wundsalbe benutzt, die Brigitte in intensiver, mühevoller Arbeit hergestellt hat. Wie viele Blasen ich in meinem Läuferleben schon hatte, ist mir unbekannt – es dürften sehr viele gewesen sein. Entsprechend ist mir der Heilungsprozeß en détail vertraut, doch solche Fortschritte, wie ich sie dank der Salbe beobachten durfte, sind mir gänzlich neu. Liebe Brigitte, meinen verbindlichsten Dank für Deine bewährte Wundsalbe – ich bin wirklich begeistert! Und das will etwas heißen.

Wenn sich auch die Schmerzen in einem akzeptablen Rahmen bewegen, ist mir bewußt, daß in meinem aktuellen Beispiel weniger Kilometer mehr sind. Die Erkenntnis daraus, offenbart sich in einer reduzierten Intensität – und das ist die wahre Herausforderung. Gestern im strömenden Regen bei einer unsagbar greifbaren Einsamkeit und heute früh im wunderbarsten Sonnenschein bei belebenden 08 C° sich in seiner Lauffreiheit zu beschränken – fällt mir alles andere als leicht. Demungeachtet sind das die Momente, die den Wert meiner Täglichläuferphilosophie definieren. Sich über die Unzulänglichkeiten des Körpers hinwegzusetzen und die verinnerlichte Selbstdisziplin auch unter Schmerzen fortzuführen, gehören für mich selbstredend auch zum Täglichläuferdasein. Kein Grund zum Verzagen. Wie könnte ich sonst die erhebenden Augenblicke auf den Gipfeln des Täglichlaufens lieben und schätzen, wenn ich nie durch die Täler laufen müßte? Umso größer die Freude, wenn ich zu meiner Standarddistanz zurückkehren werde.

Das fragile Konstrukt in Schieflage

Veröffentlicht in Gesundheit am 13. September 2009 von Marcus

Nun hat es mich also erwischt. Nach zwei Jahren ohne Erkältung erreichten mich diverse Erreger, die einen Schnupfen auslösten. In der Nacht war mir eiskalt, dann wieder sehr heiß. In dieser Phase seinem Körper die dringend benötigte Ruhe zu gönnen, steht außer Frage. Sportliche Aktivitäten sollten vermieden werden – dessen bin ich mir bewußt. Jedoch, ich könnte meine aktuelle Serie nicht leben, wenn ich stets auf die Vernunft setzen würde – das dürfte sich von selbst verstehen. So startete ich meinen heutigen Lauf, absichtlich langsam, was mir aber nur schwer gelang, weil meine Schrittlänge einfach zu weit ist. Nach wenigen Metern wurde mir heiß, ich schwitzte und der Lauf war nicht die Ursache – er verstärkte die Symptome nur. Ich bekam zwar – subjektiv betrachtet – genug Luft, hatte dennoch das Gefühl, daß dies nicht ausreichend ist.

Es setzte ein wundervoller Regen ein, den ich nicht genießen konnte. Enttäuschte Würdigung. Ich beschränkte mich auf zehn Kilometer und war bald wieder zu Hause. Nach einer kalten Dusche fühlte ich mich richtig gut. Leider sollte dieser Zustand nicht lange anhalten. Während des Mittagessens mit meinen Eltern brach ich zusammen und dämmerte in die Bewußtlosigkeit. Als ich wieder zu mir kam, mußte ich mit Erschrecken feststellen, daß bereits ein Rettungswagen alarmiert wurde, der sogleich eintraf. Mediziner! Ich und Mediziner! Das paßt nicht im Ansatz zusammen. Gleichwohl mußte ich mich der sich anschließenden Untersuchung beugen. Als die Sanitäter das Zimmer betraten, riefen sie beide aus: „Ach, der Läufer!“ – was mich nun auch nicht mehr überraschte. Beide kannten mich, einer von ihnen ist auch Läufer, der mich gleich ein wenig mehr verstand. Ein nettes Gespräch entstand – ihre Freundlichkeit kann ich nur lobend erwähnen. Erstaunlich auch ihr Eindruck, den sie bezüglich meiner Laufgeschwindigkeit hatten. Auf Grund der Länge meiner Beine laufe ich nun mal relativ schnell – was sich für mich eher langsam anfühlt – für Außenstehende nicht.

Aktuell geht es mir wieder normal, bis auf die Erkältung. Wer jetzt damit rechnet, daß ich hiermit ein Ende meiner Serie ankündigen werde, den muß ich enttäuschen. Auch morgen werde ich meine Runde absolvieren, wenn auch in einem extrem reduzierten Rahmen. Das ist es, was Täglichlaufen als Lebenseinstellung definiert – man muß schon ein wenig verrückt sein, um die Konzeption über Jahre zu leben. Das Halbjahresjubiläum naht.

Einsamer Schrei

Veröffentlicht in Gesundheit am 8. Juli 2009 von Marcus

In Gesprächen, die mein Täglichlaufen zum Thema haben, wiederholt sich die Erfahrung, daß meine absolvierten Jahre als reine Zahl abstrakt wirken. Zu abstrakt. Man kann sich nichts darunter vorstellen. Manche Menschen denken, daß sich das stets entspannt ohne Probleme gestaltete, während es für andere wiederum unvorstellbar ist. Zuhörer können die Jahre nicht mit Inhalten füllen; persönliche Erlebnisse, Erfahrungen, Ereignisse und am wichtigsten – Gefühle – können sie nicht ermessen. Wie auch. Wirkliches Verständnis erfahre ich nicht; ein Verstehen setzt die gleiche oder ähnliche Konzeption auf einer identischen Ebene voraus. Wenn die letzten Jahre auch ohne größere Zwischenfälle abliefen, kann ich einer gewissen Reibung von Zeit zu Zeit nicht entkommen. So auch vergangen Donnerstag.

Mein Körper hatte sich langsam an die ungewöhnliche Hitze angepaßt; ich konnte mein Laufen wieder genießen. Auf dem Damm trat urplötzlich aus dem Nichts ein stechender Schmerz im Rücken auf. Meine Körperbeherrschung ist im Allgemeinen gut trainiert, in der Regel reagiere ich auf relativen Schmerz nicht mit verbalen Lauten. In dem Fall war die sogenannte Beherrschung jedoch nicht existent; ich gab einen lauten Schrei in die einsame Weite ab und im Bruchteil einer Sekunde stand mein Körper still, fror in der Bewegung ein – und das mitten im Lauf – der vorher entspannt ablief. In der linken Rückenhälfte identifizierte ich den Ausgangspunkt der Schmerzen, eine pulsierende Ruhe, aber doch vorhanden. Ein leichtes Anlaufen wurde von meinem Körper sofort mit Gegenmaßnahmen sabotiert. Gemächlich spazierte ich vorwärts und bewegte meine schwächliche Gestalt in alle Richtungen, Grenzen auslotend.

Nach wenigen Minuten wiederholte ich den Wechsel in den Laufmodus, was in einem sehr langsamen Tempo auf einmal gelang. Der latente Schmerz zog sich offenkundig in die Tiefen meines Innersten zurück und wartete. Später normalisierte sich meine Geschwindigkeit und ich konnte mit 12 Kilometern abschließen. Wenngleich die Angst vor einer erneuten unangenehmen Attacke mitlief. Auf größere Sprungeinlagen verzichtete ich gänzlich – nur nichts herausfordern! Nachts spürte ich die Rückenschmerzen intensiver, doch nach zwei Tagen verschwanden sie endgültig. Hoffentlich ohne die Option auf eine etwaige Rückkehr. Schmerzen kommen. Schmerzen gehen.

Ich habe es bereits oft angemerkt und dieses Erlebnis zwingt mich einmal mehr zu einer Gedächtnisauffrischung. Täglichlaufen ohne Probleme, ohne Herausforderungen und ohne Hindernisse – zumindest temporär – ist zwar schön und gut, ja, es ist grandios! – wenn alles wunderbar läuft. Doch das bereitet nur den Nährboden für eine scheinbar sichere Routine, die in Wahrheit nicht vorhanden ist. Täglichlaufen ist der Gesundheit sehr ähnlich – beides stellt ein fragiles Konstrukt dar. Beeinflußt von unendlich vielen Aspekten; einige können wir kontrollieren, andere nicht. Und erst wenn die vermeintliche Sicherheit bedroht wird oder zerbricht, dann wissen wir sie umso mehr zu schätzen. Wie im übrigen Leben, manche Personen achten wir erst dann besonders, wenn sie nicht mehr da sind. Aus diesem Kontext heraus, bin ich sehr dankbar für gesundheitliche Warnschüsse, wenn sie es denn bleiben. Die individuelle Wertschätzung über acht Jahre täglich laufen zu dürfen – allein aus der gesundheitlichen Perspektive betrachtet – steigt damit für mich in das Unermeßliche. Ein unverschämtes Glück, diese Konzeption so lange zu praktizieren. Dies ist für anderen Menschen nicht greifbar – somit schließt sich der abstrakte Kreis.

Schwierigkeiten – gleich welcher Art – sind es, die den Wert des Täglichlaufens bestimmen. Sie definieren die Bedeutung und bilden eine signifikante Erfahrung für langjähriges Täglichlaufen. Routine führt zu einer illusionären (Selbst)Sicherheit, die Nachlässigkeit heraufbeschwört. Dessen sollte man sich immer bewußt sein. Allzu oft vergesse ich das und nehme mein tägliches Laufen nur zu selbstverständlich hin. Doch das ist es nicht. Es war stets eine Herausforderung und wird auch in der fernen Zukunft von Widrigkeiten bestimmt werden, die ich meistern werde – oder auch nicht. Möge dieser Zeitpunkt noch in weiter Ferne liegen. Schmerzhafte Erlebnisse als erinnernde Warnungen heiße ich daher willkommen, sofern sie sich in einem erträglichen Rahmen bewegen – der sich natürlich meiner Einflußnahme entzieht. Sie anzunehmen, ist nach meiner Betrachtung substantiell, eine Ablehnung derselben kontraproduktiv.

Konstitution im Fokus

Veröffentlicht in Gesundheit am 13. Februar 2009 von Marcus

Krankheiten und Verletzungen habe ich mehrheitlich als Thema vermieden, zudem entspricht „Jammern“ nicht meinem Denken. Die letzten Täglichlaufjahre verliefen ohne gravierende Probleme. Doch nun ist es an der Zeit, daß ich diesen Gegenstand aufgreife. Zum Ende meines gestrigen Laufes spürte ich im linken Knie einen stechenden Schmerz. Nur bei Unebenheiten und wenn das Tempo zu hoch wurde. Normales Gehen anschließend sollte sich als unangenehm herausstellen, vom Treppensteigen gar nicht zu Reden. Besonders heikel sollte die vergangene Nacht werden. Ich konnte mich kaum hinlegen, das Gewicht vom Körper verschwunden, gelang es mir nur schwer mein Bein auszustrecken. Folgende Tatsache fand ich kurios. Um die Schmerzen nicht herauszufordern, wollte ich besonders schonend agieren und behandelte mein Bein sehr rücksichtsvoll, was den Schmerz aber nur förderte. Ein bewußtes Strecken und Auftreten, ohne auf die Schmerzen zu achten, blieb jedoch fast folgenlos.

Mit Bedenken startete ich heute früh meinen Lauf. Die ersten 150 Meter waren unsäglich und der Höhepunkt bildete die Treppe. Wie immer zwei Stufen auf einmal? Nicht möglich. Langsam eine Stufe nach der anderen; ich fühlte mich wie ein alter Mann. Auf der Brücke angekommen, spielte ich diverse Alternativrouten durch, von acht – immer weiter – auf zwei Kilometer reduzierend. Bereits mitten auf der Brücke fiel mein Blick auf den See und ich wurde förmlich von der Sonne erschlagen. Keine Wolken, nur die strahlende Sonne, die mich freundlich begrüßte. Zu diesem Zeitpunkt erschien mir eine kurze Runde absurd. Ich lief weiter und mit jeder weiteren Minute wurde es besser. Unterwegs traf ich mehrfach ein Walker-Ehepaar, die nett grüßten. Auf dem Damm fielen mir Autospuren auf, was mich leicht irritierte, da die Schranke geschlossen war. Später tauchte vor mir ein Fahrzeug auf, besetzt mit drei Arbeitern, die offensichtlich nichts zu tun hatten. Ihre Anwesenheit bedeutet sicherlich nichts Gutes für die Natur.

Ihr Auto blockierte den Weg – ich schlängelte mich vorbei, während eine Person den anderen Bescheid gab, hinter dem Wagen zu warten. Als ich die Örtlichkeit passierte, standen die drei in einer Reihe nebeneinander, alle relativ klein. Ich weiß nicht wieso, aber vor meinem geistigen Auge verglich ich sie mit den Schlümpfen – nur die Mützen fehlten. Sie mögen mir den Vergleich verzeihen. Die Natur war unbeschreiblich schön, voller Leben im Frühling, umrahmt von der grandiosen Sonne. Angesichts meiner Knieprobleme beschränkte ich mich auf 15 Kilometer, wenngleich es mir sehr schwer fiel. Aktuell sind die Schmerzen noch nicht verschwunden, dennoch fühle ich eine eminente Linderung. Meine aktuelle Serie basiert auf einer Verletzung und wenn sich die gesundheitlichen Probleme durch das Täglichlaufen eklatant reduziert haben, so kommen sie dennoch immer wieder mal vor. Natürlich ist das kein Grund nicht zu laufen; ich habe schon andere Erlebnisse hinter mir.

Die Herausforderungen im Täglichlaufen offenbaren sich erst dann, wenn nicht alles „planmäßig“ verläuft. Sie zu meistern, kann und muß belastend sein, vor allem auch mental. Gelingt es – freilich nur in einem gewissen Rahmen, den jeder für sich selbst definieren muß – so bilden diese Erfahrungen eine Basis, um sein Tun auch langfristig zu praktizieren. Auf meine Person bezogen, vollziehe ich die Gratwanderung nun seit bald 10 Jahren – und wenn es noch so schwer war, letztendlich hat es sich immer gelohnt. Ich möchte jene Herausforderungen auch nicht missen, denn sie sind es, die aus mir das gemacht haben, was ich heute bin.