Der berühmte Meister Ikkyu wurde vom mächtigen Kaiser zu einem Festbankett eingeladen. Wie immer sehr ärmlich bekleidet, begab er sich sodann zum Palast. Als er durch das Haupttor gehen wollte, wurde er sofort von den Wächtern aufgehalten: „Wer bist du und was willst du hier?” – „Ich bin Ikkyu, der Zen-Mönch und ich bin vom Kaiser zum Essen eingeladen.”
Die Wächter brachen in lautes Gelächter aus. „Was? Du willst der berühmte Meister Ikkyu sein? Du lügst, du bist nichts weiter als ein armseliger Bettler, gehe weg, verschwinde von hier, hinfort du unbedeutender Nichtsnutz!” Schweigend ging Ikkyu wieder nach Hause. In einer alten Truhe hatte er noch einen wunderschönen Anzug aus reiner Seide mit goldenen Stickereien von früher aufbewahrt. Er hatte ihn noch nie getragen. Er nahm das Gewand heraus, zog es an und spazierte erneut zum Palast. Die Wächter am Eingang sahen ihn schon von weitem daher schreiten: „Ah, da kommt ein wichtiger Gast, das ist sicher Meister Ikkyu, der vom Kaiser zum Essen eingeladen wurde.”
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, schritt Ikkyu an ihnen vorbei. Sie verneigten sich tief. Er begab sich zum Saal, in dem das Bankett bereits begonnen hatte. Dort wurde er vom Kaiser mit Freude empfangen. Aber anstatt sich hinzusetzen, zog er seine Kleider aus – bis er ganz nackt war – legte sie auf seinen Sitz und ging wortlos wieder zur Tür. Alle Anwesenden waren schockiert. Der Kaiser rief ihm fassungslos nach: „Ikkyu, was soll das, was machst du denn da?”
Dieser drehte sich um und antwortete: „Ich bin nur gekommen, um ihnen meine Kleider zu bringen, denn sie haben nicht mich eingeladen, sondern meine Kleider.”
Einmal mehr eine wunderbare Zen-Anekdote. Ein jeder möge für sich den Sinn interpretieren, der in dieser Geschichte verborgen ist. Wie alt der Text auch sein mag, für mich ist dies irrelevant – an Aktualität ist er dennoch nicht zu überbieten. Die zur Schau gestellte Oberflächlichkeit ist auch für unsere heutige Welt symptomatisch. Der auf den ersten Blick arme Bettler – der so gar nicht in die feine Gesellschaft des Kaisers paßt. „Kleider machen Leute“. Oder etwa doch nicht? Werden Menschen in teurer Markenbekleidung zu besseren Menschen? Oder werden sie durch ihr Denken nicht eher ärmer? Wieso haben sie es nötig, sich über ihre Bekleidung zu definieren? Und für wen kleiden sie sich? Für sich? Oder für andere? Und unsere Kinder? Sollten wir nicht lieber für ein gesundes Selbstbewußtsein sorgen – als sie den Weg der fragwürdigen Statussymbole beschreiten zu lassen?
Oberflächlichkeit. Unsere Welt ist ein Hort selbiger. Wer hat noch wirkliches Interesse an seinen Mitmenschen? An seinen Nachbarn – in der anonymen Großstadt? Ist es nicht besser, sich lieber mit sich selbst zu beschäftigen als mit den Problemen anderer? Oder doch lieber mal ein Wort mit der einsamen, alten Nachbarin reden – die sich vielleicht darüber freuen würde? Wer kann noch zuhören? Wirklich zuhören?
Sind wir nicht alle Naturliebhaber? Manche Menschen fahren mit ihren Autos direkt in den Wald – so sehr lieben sie die Natur. Am Seeufer wird gegrillt und weil die Natur so schön ist, wird der Müll gleich vor Ort entsorgt. Oberflächliche Naturliebe? Vor wenigen Tagen wurden hier Kindergruppen in den Wald geführt. Welch ein Erlebnis! In zwei Kilometern Entfernung war ihr Kreischen und Schreien zu hören. Sie werden nicht ein Tier gesehen haben. Ein oberflächlicher Ausflug in den Wald – eine Spur von traurigen, abgeknickten Ästen. Wie trivial. Schade eigentlich. Was hätten diese Kinder in der Natur lernen können? Respekt vor den Waldbewohnern? Die Liebe zu Tieren? Wunderbare Pflanzen und Pilze beobachten, ja, bestaunen? Das Leben achten?
Oberflächlichkeit. Ein Endlosthema. Ein Tribut der heutigen Gesellschaft. Es ist ja auch viel leichter. Oder ist es am Ende gar ein Irrtum? Das Leichtere…
Es ist leichter zu denken
als zu fühlen -
leichter, Fehler zu machen,
als das Richtige zu tun.
Es ist leichter zu kritisieren
als zu verstehen -
leichter, Angst zu haben,
als Vertrauen und Mut aufzubringen.
Es ist leichter zu schlafen
als zu leben -
leichter zu feilschen
als einfach zu geben.
Es ist leichter zu bleiben,
was man geworden ist,
als zu werden,
was man im Grunde ist.
(Hans Kruppa)





