Archiv nach Kategorie "Focus: Täglichlaufen"

Wenn ein Traum Wirklichkeit wird

Veröffentlicht in Focus: Täglichlaufen bei Mai 22, 2008 von blacksensei

Am Dienstag fuhr mir die Bahn vor der Nase weg. Bevor ich nun 20 Minuten warte, entschloß ich mich per Pedes den Weg nach Hause einzuschlagen. Quer durch die Innenstadt – trotz der Erkenntnis, daß die nächste Bahn in jedem Fall schneller ist. Wie dem auch sei, Warten liegt mir nicht – so ging ich schnellen Schrittes los. In normalen Halbschuhen, welche für derartige Distanzen nicht eingelaufen sind. Die Lehre von der Geschichte, nicht weiter verwunderlich, manifestiert sich in Blasen an beiden Füßen. Sehr unangenehm. Unabhängig davon habe ich derzeit noch leichte Rückenschmerzen. Ich will nicht jammern, das ist halb so wild und die Probleme verschwinden bald, hoffe ich. Dennoch, das Laufen wird dadurch nicht leichter. Und ich gebe zu, ich wäre derzeit gern ein normaler Läufer wie früher. Denn dann würde ich pausieren. Ein wenig sehne ich mich danach in die Unregelmäßigkeit zurückzukehren.

Einst war mein Körper schwach und ich habe die Personen in meinem Umfeld beneidet, die sportlich topfit waren; damals war ich alles andere als trainiert. Die Zeiten haben sich geändert, mein Traum von damals ist Wirklichkeit geworden – nicht zuletzt auch durch das Täglichlaufen. Mittlerweile denke ich, daß ich mir nach über sieben Jahren Täglichlaufen (auf die aktuelle Serie bezogen), Tag für Tag, genug bewiesen habe. Ich bin nicht der Streakrunning-Hardcore-Dogmatiker, für den das Täglichlaufen alles bedeutet. Im Gegenteil. Meine Einstellung ist relativ entspannt, aber nach diesen Jahren wird es mit jedem Tag schwerer einen Schlußpunkt zu finden. Das ist der Nachteil meiner Konzeption, sozusagen der Tribut. Ich gebe weiterhin zu, daß ich zu mir selbst sehr rücksichtslos sein kann – eine Grundvoraussetzung.

Der Preis für die Erfüllung des Traumes ist inzwischen recht hoch geworden. Sollte ich aber einen guten Grund finden, aufzuhören, kann ich dem Ende gelassen entgegen sehen und mit stolzem Blick zurückblicken. Ob mir das dann auch gelingen wird, steht freilich in den Sternen. Jahrelanges, ritualisiertes Training kann man nicht einfach beenden. Immerhin stelle ich das mit diesem Beitrag zur Disposition, auch wenn es das Zentrum meiner Philosophie nicht tangieren wird, zumindest nicht im Grundsatz. Noch nicht. Vielleicht bin ich derzeit auch nur in einer schwachen Phase. Wer weiß.

Der heutige Tag wird schön, blauer Himmel und Sonne. Ein langer Lauf wäre angemessen, allerdings muß ich mich auf eine extreme Minirunde beschränken. Einerseits schade, andererseits der Gesundheit geschuldet – doch unumgänglich.

Der Countdown läuft…

Veröffentlicht in Focus: Täglichlaufen bei Februar 18, 2008 von blacksensei

Ein dunkler Tag, ca. 01/02 C°. Leichter Nieselregen. Schwacher Wind. Mein Lieblingslaufwetter, entsprechend traumhaft war auch der Lauf. Ein besonderer. Mit den heutigen 14 Kilometern habe ich die vorletzte Hürde im Sturm genommen. Ein für mich außergewöhnliches Ereignis wirft seine Schatten voraus. Heute ist der 18.02.2008 – meine aktuelle Laufserie begann am 18.03.2001 – seit 6 Jahren und 11 Monaten laufe ich nun jeden Tag. Sofern meine Gesundheit mitspielt bzw. mitläuft, werde ich das, hoffentlich nicht verflixte, siebte Jahr erreichen. Mit diesem Jubiläum erreiche ich eine Ebene, von der eine gewisse Anziehungskraft ausgeht, der ich mich nicht entziehen kann und will.

Im Nachhinein betrachtet, frage ich mich, wie ich das tägliche Laufen in diesen vielen Jahren durchhalten konnte – immerhin habe ich früher das Laufen aus tiefstem Herzen gehaßt. Und nun stehe ich für das Gegenteil – ich liebe es zu Laufen. Das Leben ist schon seltsam, mit einer Einschränkung: es hat immer Recht.

Unser Körper,
ja unser ganzes Leben
ist nichts anderes als ein Spiegelbild
unserer geistigen Situation,
denn es ist der Geist,
der den Körper formt
und unser Schicksal bestimmt.

Kurt Tepperwein

Das, was bleibt

Veröffentlicht in Focus: Täglichlaufen bei Januar 21, 2008 von blacksensei

Mein gestriger 2500–Tages–Jubiläumslauf fand unter perfekten Bedingungen statt. In Nähe der Gewässer leichter Nebel, 06 C° und allerfeinster Nieselregen. Ich traf nicht eine Person, so daß die Einsamkeit komplett mir gehörte. Obwohl ich jeden Schritt genoß, machte sich für einen Augenblick ein Hauch von Melancholie breit. Ich erinnerte mich an die vielfältigen Begegnungen mit Mensch und Tier in den letzten Jahren.

Wenn man jeden Tag im gleichen Areal unterwegs ist, wenn auch zu variierenden Zeiten, begegnet man immer den gleichen Menschen. Am Anfang wird man nicht wirklich wahrgenommen, das entwickelt sich später. Im Laufe der Regelmäßigkeit erntet man Erstaunen, ein Lächeln, irgendwann grüßt man sich und eines Tages ergeben sich Gespräche. Fremde Menschen werden zu treuen „Begleitern“ und ich freue mich, bei meinen täglichen Runden schon erwartet zu werden. So grüßte mich stets ein Mann, der mit seiner Frau täglich spazierte und generell ein heiteres Wort auf den Lippen hatte. Die Jahre gehen dahin, neue Menschen kommen dazu und einige sieht man seltener, bis zu jenem Augenblick, wo deren Abwesenheit unerwartet auffällt. Ein unmerklicher, schleichender Prozeß.

Ich erfuhr, daß der sympathische Mensch verstorben sei, viel zu jung in meinen Augen. Damit wird man beim Laufen mit einem Thema konfrontiert, womit ich nicht unbedingt gerechnet hätte. Die Menschen vergehen und die Zeit ist immer da. Sie war schon da, bevor wir kamen und wird uns alle überleben. Wir können uns dagegen stemmen, mit der Konsequenz, daß es unser Leben kostet. Menschen kommen und gehen – aber das Land bleibt.

Ein wunderbarer Regenlauf und dennoch schwermütige Gedanken. Ein Widerspruch. Scheinbar. Denn gerade Laufen ist prädestiniert zum Nachdenken. Eine schöne Synthese.