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Die Trias der Zufriedenheit: Einsamkeit. Harmonie. Einklang.

Veröffentlicht in Faszination Regenlauf am 5. September 2009 von Marcus

Donnerstag. Sie war schon da. Noch bevor ich den beginnenden Tag begrüßte, war sie schon da – die Dunkelheit. Die nächtliche Finsternis verflüchtigte sich zwar bei Tagesanbruch, gleichwohl wurde die vermeintlich helle Zeit von einer tiefen Schwärze beherrscht. Heimlich gesellten sich ohne Vorwarnung trübe Regenwolken dazu. In meinem Vorgängerbeitrag zogen sie wehmütig von dannen, nun sind sie zurückgekehrt. Gewaltige Flotten von Wolkengaleonen präsentierten sich in einer prächtigen Parade – auf facettenreichen Graunuancen basierend – und demonstrierten der entfernten Erde ein kräftiges Regenkonzert. Eine bis in das kleinste Detail abgestimmte Symphonie, welche stakkatoartig die Regentröpfchen in die ehedem sommerliche Welt entließen. Einmalig komponiert – eine Ode an das Leben. Die Einladung dem kunstvollen Werk als Zuschauer respektive Läufer beizuwohnen, nahm ich nur zu gern an. Bei angenehmen 18 C° begann ich mit großen Schritten meinen täglichen Lauf. Sofort prasselte das kühle Naß unaufhörlich auf mich ein. Ich hieß die Nässe willkommen – so wie sie mich auch – wir wurden eins und das Konzert begann. Mein Hohelied auf den Regenlauf.

Ich rechnete mit einer absoluten Einsamkeit in meinem Laufareal, was sich später jedoch als Irrtum offenbaren sollte. Auf Grund der parkenden Autos am Waldrand wußte ich bereits vor einem etwaigen Kontakt, auf wen ich treffen würde. Wenige Minuten später spazierte auf dem Damm im strömenden Regen eine Grußfreundin mit ihrem Hund. Sie strahlte mich an und sagte, „Nun hast Du Dein Lieblingswetter!“. Sie hatte es vortrefflich erkannt! Déjà vu! Die gleiche Frau, der gleiche Ort, fast der gleiche Satz – wie in meinem letzten Regenlaufbericht. Selbst ungewöhnliche Situationen wiederholen sich. Es sollte für heute die einzige Begegnung mit Menschen sein. Glücklicherweise. Tropfen für Tropfen kostete ich jeden Meter der Laufstrecke aus. Während meines Rückweges hielt ich an dem Zugang zum verborgenen Pfad an, um meinen Lieblingsplatz aufzusuchen.

Auf dem engen, geschlängelten Weg dorthin trat exakt das ein, was ich längst befürchtet hatte. Riesige Pfützen eroberten das Terrain. Es regnete bisher nur wenige Stunden und der Zugang war dennoch kaum passierbar. Bei Dauerregen wird der Weg derart überschwemmt sein, daß der Strand nicht mehr erreichbar ist. Heute aber gelang mir noch der hoffnungsfrohe Durchbruch. So stand ich erstarrt am Ufer des im Sturm aufgewühlten Sees, die Regentropfen suchten sich ebenso wie die unbarmherzigen Wellen ihren Weg und ich sah nur schweigend auf das Wasser hinaus – zugleich streichelte mich unablässig der behagliche Wind. Mein Körper glich einer Dampfsäule, während der liebevolle Niederschlag stetig zunahm. Die Zeit vergessend, sämtliches Denken auf ein absolutes Minirum reduziert. Nur noch fühlend. Was ich in diesen Moment fühlte, läßt sich nicht mit Worten beschreiben – vielleicht erfaßt der Terminus „Traum“ am ehesten die mir offerierte Impression. Mit sanfter Gewalt mußte ich mich zwingen, den Lauf fortzusetzen – sonst würde ich wohl jetzt noch an diesem Platz stehen und die dargebotene anmutige Schönheit der Natur genießen.

Bedecktes Land. Leere Weite. Ungestüme Freiheit. Beherrschende Einsamkeit, trotziger Regen und leiser Sturm arbeiteten Hand in Hand und hielten jeden aufmüpfigen Besucher von meiner Welt entfernt, was ich sehr zu schätzen wußte. Die Tiefe des Waldes wirkte durch die konzentrierten Regentröpfchen weitaus finsterer als es sonst die Regel ist. Eine aussichtslose Dunkelheit streckte ihren Arm nach mir aus – ich wehrte mich nicht – sie umarmte mich und zog mich in den schwarzen Wald. Hier intensivierten sich die wohlriechenden Düfte des Forstes, tief sog ich die würzige und belebende Luft ein – die darin geballte Energie war beinahe greifbar, ja sichtbar! Parallel sondierten weitläufige Pfützen die Wege. In der Ferne leuchtete der blaue Regenschutz der Waldarbeiter – und tatsächlich beherbergte selbiger drei Männer mit ausdruckslosen Gesichtern. Ich musterte sie ebenfalls emotionslos mit versteinerter Miene und ließ mich von der Abgeschiedenheit weiterhin forttragen. Sicherlich empfanden sie die heutige Wetterlage nicht mit den Gefühlen wie ich es tat.

Meine hingegen, waren überaus hochfliegender Natur. Das Gros meiner Läufe absolviere ich in relativer Ruhe und Harmonie. Doch jene Läufe, die besonderen Witterungsverhältnissen geschuldet sind, übertreffen diese angenehmen Gefühle um ein Vielfaches. Das Bewußtsein tritt in den Hintergrund, nur die elementaren Empfindungen sind noch von Bedeutung – durch die Welt laufend, mit dem Geist unbewußt fliegend – stürme ich durch die Wälder, nur die grundlegendsten Dinge fühlend. Ein Genuß der Zufriedenheit par excellence.

Alles hat seine Zeit. Und selbst traumhafte Läufe flüchten in die Vergangenheit. Ich beschloß noch eine zusätzliche Runde anzuhängen und lief ausnahmsweise direkt an der Straße entlang. Selbst gewähltes Kontrastprogramm. Alle paar Meter zierten lustige Wahlplakate die Straßenlaternen. Spöttisch dreinblickende Gesichter auf jedem, in Kombination mit diverser Wahlkampfpropaganda. Beispielsweise „Reichtum für alle!“ – Ich sehe die Politiker regelrecht vor mir, wie sie kaum noch vor Lachen gehen konnten, als sie sich diesen Unsinn ausdachten. Auch die Märchen der anderen Parteien sind genauso absurd, ja, höchst lächerlich. Während ich ein Schild nach dem anderen im Laufschritt passiere, frage ich mich, ob die Initiatoren ernsthaft davon ausgehen, daß nur ein einziger Bürger diese unehrlichen Versprechen auch nur im Ansatz glaubt? Das glauben sie doch selbst nicht! Den unrealistischsten Himmel auf Erden versprechend, um nach der Wahlposse die Kollektivamnesie auszuleben. Immer die gleiche Komödie lethargischer Lügengeschichten einer inkompetenten Kaste. Wie langweilig. Den temporären, absurden Gedankenausflug in die Politik schüttele ich nur zu gerne von mir ab, um die restlichen Meter meines Regenlaufes mit voller Hingabe zu genießen.

So endet mein wunderbarer Regenlauf. Ein Lauf, wie er in diesem Jahr bisher viel zu selten aufgetreten ist. Nichtsdestotrotz keimt in mir die leise Hoffnung, daß mich der Herbst diesbezüglich nicht enttäuschen wird. Doch die Zukunft ist noch nicht geboren.

Elementare Besinnung

Veröffentlicht in Faszination Regenlauf am 24. Juli 2009 von Marcus

Der Morgen zeigte sich von einer zutiefst schrecklichen Seite – blauer Himmel und Sonnenschein. Wie unschön. Zu meiner Beruhigung gastierte das Ensemble der vermeintlichen Sommerschönheit nur temporär, um später eine dramatische Wandlung zu vollziehen. Weißgraue Wolken beharrten auf ihr Recht, setzten selbiges rigoros durch und übernahmen das omnipotente Zepter der allumfassenden Witterung. In brennender Hoffnung auf Regen startete ich meinen täglichen Lauf. Nach wenigen Metern setzte eine kaum wahrnehmbare Verdunkelung in der Wolkendecke ein, nach meinem Eintritt in den ersten Wald wurde dieser Effekt eklatant verstärkt. In der Mitte des Weges bewunderte ich eine weiße Blume, welche kräftig in der Ferne leuchtete. Wieso fiel sie mir früher nie auf? Als ich mich der schönen Pflanze näherte, zerfielen plötzlich ihre Blüten in drei Teile und flogen davon; drei Kohlweißlinge zeichneten verantwortlich für diese herrliche Blume – ein zauberhafter Anblick! Geschuldet einer natürlichen Welt.

Das nächste Erlebnis oder vielmehr ein Fest für die Sinne stellt die kleine Holzbrücke dar. Vor wenigen Tagen wurde der Holzboden erneuert, so daß nun beim Überqueren ein angenehmer Duft von würzigem Holz in die Nase steigt – tiefes Durchatmen ist höchst empfehlenswert. Nach drei Kilometern berühren mich zaghafte – noch vereinzelte – Wassertropfen. Ja, sie offenbaren ihre Schüchternheit. Ich wage nicht auf mehr zu hoffen. Doch manchmal wird ein Traum Wirklichkeit. Innerhalb weniger Minuten alarmierten die nassen Tröpfchen ihre Familien und etablierten damit ein regelrechtes Heer – ich hieß den Sprühregen willkommen. Vor mir erspähte ich eine Grußfreundin mit ihrem Kampfhund; sie strahlte mich an und sagte: „Das ist jetzt Dein Lieblingswetter, oder?!“ – Ich lächelte schelmisch und antwortete, „Wenn es denn regnen würde, ja!“. Zu diesem Zeitpunkt wertete ich das Wetter noch nicht als Regenlauf. Mein Shirt war mehr vom Schweiß als vom Regen durchnäßt und erinnerte noch lange nicht an das von mir so geliebte Wasserkorsett.

Den Himmel beobachtend setzte ich meinen einsamen Weg in den Horizont fort. Kurzzeitig hörte der erfrischende Wolkenbruch auf, um wenige Minuten später zurückzukehren. Immer noch feiner Landregen. Regenlauf? Oder nicht? Das ist hier die Frage! Just in dieser Sekunde verschärften sich die grauen Schatten am Firmament und transformierten sich in schwarze Nuancen. Der illusionäre Regenkünstler bot mir einen nassen Pakt an, den ich nicht ausschlagen konnte. Ich akzeptierte und gestand mir den Regenlauf ein – plötzlich setzte eine Sturmböe ein, strich um mein Gesicht und riß mich willensstark mit sich – vielleicht als Symbol für das soeben vollzogene Bündnis. Der feine Niederschlag wurde durch kräftigen Regen ersetzt; sämtliche Geigen, die vorher den Himmel bevölkerten, entluden sich mit Macht. Ein unaufhörliches Prasseln war die Folge.

Ich reduzierte die Geschwindigkeit und für einen Moment schloß ich meine Augen. Konzentration. Höchste Konzentration auf die elementaren Kräfte – was für ein besinnlicher Augenblick. Tropfen um Tropfen trommelte in einer lange vermißten Intensität zu Boden, rann über die Äste, durch die Baumkronen brechend, suchte sich den Weg auf die Erde, um überall Pfützen zu bilden. Über eine Distanz von einem Kilometer schloß ich wiederholt meine Augen und kostete jede Sekunde davon aus. Welch vollendeter Genuß für mich! Mittlerweile war ich gänzlich durchnäßt, meine Schuhe schmatzten mit jedem Schritt und mein Shirt wechselte den Aggregatzustand des Korsetts in eine Art Ritterrüstung – ähnlich eines Kettenhemdes, nur in einem klebenden Zustand.

Im Wald sangen lauthals mehrere Vögel, Pirol und Eichelhäher waren nicht zu überhören. Die lautmalerische Kulisse kulminierte im grünen und nassen Hain. Geräusche und Klänge intensivierten sich um ein vielfaches. Große Äste, die in den Weg hineinreichen und denen ich normalerweise ausweichen würde, sollten heute ein prickelndes Hindernis darstellen. Ich suchte die Konfrontation und lief direkt auf sie zu – klatschend flogen sie gegen meine Schulter und spritzten ihr Wasser in alle Richtungen. Die kalte Hand des Waldes berührte mich und wollte mich nicht fort lassen. Voller Gefühl rieselte das kostbare Himmelsnaß auf meinem Gesicht und streichelte mein Antlitz im Wechsel mit dem Atem des Windes. Ich wünschte, die Zeit würde anhalten und dieser Augenblick in der Unendlichkeit einfrieren. Das ist das Leben!

Mit einem zufriedenen Lächeln passierte ich die belebenden Wälder mit ihrer atemberaubenden und doch so beruhigenden Kraft und trat den Heimweg an. Augenscheinlich dominierte nun ein Starkregen, meine Sicht schränkte sich leicht ein. Der Autoverkehr brauste an mir vorbei und die weiße Gischt trug die Fahrzeuge mit Heldenmut davon. Partiell stand die Straße unter Wasser, was meiner hochfliegenden Stimmung jedoch nicht trüben konnte. Nachdem mein 162. Regenlauf beendet war, stand ich auf der Straße, ca. eine Minute mit geschlossenen Augen. Regungslos. Mein Geist löste sich augenscheinlich vom Körper und in Gedanken absolvierte ich den Lauf erneut – nur in einer viel höheren Geschwindigkeit. Anschließend spazierte ich sehr langsam im Regen und freute mich auf meine kalte Dusche. Der heutige Lauf war ein Traum, ein wahrhaft gewordener Traum – nichts auf der Welt kann dieses elementare Gefühl von Freiheit aufwiegen. Elementare Besinnung. Manchmal werden Träume wahr.

Leidenschaft

Veröffentlicht in Faszination Regenlauf am 25. Juni 2009 von Marcus

Nach nun mehr als drei Monaten ohne die Option eines Regenlaufes sollte heute meine Sehnsucht endlich erfüllt werden. Der Morgen zeigte sich gnädig bei 15 C° und dunklen Wolken, fast schien es als ob der Tag nicht anbrechen würde. Ich traute dem Frieden nicht, selbst als die ersten Regentropfen fielen, wagte ich mich nicht hinaus. Doch es mußte nicht viel Zeit vergehen, um zu erkennen, daß der Regen von augenscheinlicher Permanenz sein sollte. Nachdem meine Übungen absolviert waren – weitaus schneller als in der Regel – warf ich mich in das würzige Naß.

Nach drei Monaten darben, konnte ich es kaum glauben, welcher Anblick sich mir bot. Regen, Regen und nochmals Regen. Eine unsichtbare Energie durchströmte mich sofort und ich stürmte unbeherrscht von dannen. Ungebeugte Kraft. Unaufhörlich trommelten die Wolkentröpfchen auf die nasse Erde; Rinnsäle und Pfützen allenthalben. Nach 150 Metern wies mein T-Shirt nur noch wenige trockene Punkte auf. Ich erreichte die Brücke und dann sah ich es. Plötzlich kam es auf mich zu. Es kam, um mich zu holen – nein, um mir etwas zu bringen. Ein 40 Tonnen LKW mit geschätzten 60 Kilometern pro Stunde raste auf mich zu – gleich einem schnaubenden Dämon mit roter Schnauze, getragen und flankiert von brausender Wassergischt, die in alle Richtungen nur so davon spritzte. Ich machte mich auf den Einschlag bereit und schloß meine Augen. In der Sekunde traf mich eine volle Breitseite aus Wasser – es war, als ob ich gegen eine Wand laufen würde; große Wassertropfen prasselten auf mich ein, die ich auf meinem Oberkörper durchaus konzentriert fühlte.

Die letzten trockenen Punkte waren somit auch durchnäßt. Mein T-Shirt ähnelte einer glänzenden Lederbekleidung, wie ein Kettenhemd preßte es sich fest an meinen Körper. Enttäuscht über diese grobe Begrüßung erhöhte ich mein Tempo, um die ruhigen Wälder zu erreichen. Die Intensität des von mir geliebten Himmelswassers ließ im grünen Forst sofort nach, dafür intensivierte sich die lautmalerische Kulisse – das Prasseln verstärkte sich. Überall plätscherte und tropfte es von den Bäumen und Blättern. Noch wich ich den vielen Wasserlöchern aus und genoß die Einsamkeit und jene besondere Atmosphäre, die so nur im Wald bei Regen zu finden ist. Wenige Tiere sprangen umher, vereinzelt sang eine Drossel, aber der ganze Wald war dennoch voller Leben, auch er kostete den Regen wahrlich aus. Das kühle Naß suchte sich seinen Weg und rann an mein Gesicht hinunter. Ich verließ den ersten Wald und sofort nahm das nasse Bombardement eklatant zu, was ich mit einem Lächeln gelassen akzeptierte. Die Ruhe und Einsamkeit suchte ihresgleichen – in der Abgeschiedenheit doch nicht allein. Tief in Gedanken versunken, setzte ich meinen Weg zum Damm fort und lebte meine Leidenschaft aus.

2009_Juni_Wald

Der Boden unter meinen Schuhen quittierte jeden Schritt schmatzend. Mittlerweile bestanden meine Laufschuhe nur noch aus Wasser. Nun gab es keinen Grund mehr den Pfützen auszuweichen; ich verfiel in alte Grenadier-Muster – jede Pfütze war mein! Partiell sank ich 30 Zentimeter tief ein, doch das störte mich nicht. Auch der Damm lag verlassen in der Weite des Regens. Aus dem Nichts gesellte sich Gevatter Wind zu mir und umarmte mich fest, um mich gemeinsam mit ihm fortzuziehen; ich ließ mich treiben und folgte ihm. Insgeheim bedauerte ich es, daß es nicht noch 10 C° kälter war, dennoch war ich höchst zufrieden. Die Wolken am Horizont offenbarten für den aufmerksamen Betrachter ihre verschiedenen Graunuancen, ein grandioser Anblick. Mein Körper eroberte Schritt um Schritt mein Laufareal, fast wie eine Maschine – mein Geist abgetrennt vom Körper genoß nur die traumhafte Atmosphäre. Ich erinnerte mich an vergangene Zeiten, wo ich nie auf die Idee gekommen wäre, im Regen zu laufen. An dieser Stelle muß ich nochmals meinen Dank an Hauptfeldwebel Gl. aussprechen, seines Zeichens damaliger Scharfschützenausbilder in meinem Panzergrenadierbataillon, der diese Liebe zum Regenlauf in mir entzündete. Wenngleich er das wohl nie lesen wird, mein verbindlicher Dank ist ihm sicher.

2009_Juni_Regenlauf

Der Weg des Alleinseins führte mich zurück in die Wälder. Mit Staunen entdeckte ich mehrere Waldarbeiter, die es sich unter einer Art Pavillon eher ungemütlich eingerichtet hatten. Schwache Menschen. Nicht ihr Schutzsuchen vor dem Regen, nein, an ihrer Stelle würde ich ebenso handeln. Ihre Augen. Augen sagen mehr als Worte – ihr Entsetzen verrät die Einstellung in ihrem Denken. Sie gucken mich verständnislos an – ich lächele sie ebenso verständnislos an. Wie so oft in ähnlichen Begegnungen. Durch regelrechte Bäche kämpfe ich mich durch den Wald und werde nach insgesamt 15 Kilometern zurückkehren.

Unterwegs mußte ich öfter an Brigitte und Christian denken. Danke für Deinen Regentanz, Christian; Du hättest es ebenso genossen – während Brigitte wohl eher mit dem Kopf geschüttelt hätte. Zu Hause wringe ich meine Bekleidung aus, selbst meine Unterwäsche und die Socken triefen vor Wasser – die Füße sind aufgeweicht. Ein Lauf nach meinem Geschmack – besser geht es nicht. Mit Freuden folgte abschließend die kalte Dusche. Was für ein Tag! Mein Tag! Das zweite Bild zeigt mich direkt nach dem Lauf und das erste Bild entstand während meiner letzten Radtour, die zum Ende buchstäblich ins Wasser fiel, wie jene Wolken implizieren.

Ein Hauch von Melancholie im Regen

Veröffentlicht in Faszination Regenlauf am 1. Oktober 2008 von Marcus

Die ganze Nacht voller Regen und Wind. Der Tagesanbruch kann sich nicht völlig von der nächtlichen Dunkelheit lösen. Früh am Morgen beginne ich meinen täglichen Lauf. Ich passe mich der Finsternis an und wähle ein schwarzes T-Shirt, eine schwarze, kurze Laufhose und meine dunkelblauen Regenschuhe. Unzählige Wolkentröpfchen entwickeln sich zu großen Tropfen und werden somit nicht mehr von der Luftströmung getragen und fallen bei 11 C° auf die Erde. Die erste große Umarmung des Windes erfahre ich auf der Brücke, zu diesem Zeitpunkt bin ich bereits durchnäßt. Nur wenige Menschen sind zu Fuß oder per Rad unterwegs, doch ihre Blicke sind umso entsetzter. Ich registriere ihr Unverständnis und da mich diese Witterung längst in Hochstimmung versetzt hat, kann ich nur lächeln.

Die Waldwege sind nicht wirklich passierbar. Mein Lauf verwandelt sich immer mehr in eine Hüpferei, kaum habe ich eine Pfütze übersprungen, wartet die nächste. Meine Füße versinken im Matsch, bei diesem Wetter läßt sich das nicht vermeiden. Während des gesamten Laufes werde ich nicht eine Person in meinem Laufareal vorfinden, die Wälder gehören mir. Der zweite Wald ist durch seine dichten Bäume besonders dunkel. Ich rechne jede Sekunde damit, daß auch noch das letzte Licht verschwindet. Der Regen prasselt unaufhörlich durch die Baumkronen, von Ast zu Ast, von Blatt zu Blatt, um auf dem Boden kleine Seen zu bilden. Meine Schritte verschwimmen zu einem einzigen Schmatzen. Blätter fallen zu Boden. Auf dem Damm wurde gestern das Gras gemäht, kräftige Reifenspuren haben ihr Profil hinterlassen, welches das Laufen zusätzlich erschwert.

Mein Blick schweift über das Naturschutzgebiet. Der Weg ist noch grün, die Bäume haben mehrheitlich ihr gelbes Blätterkleid angezogen. Am Horizont sind die differenziertesten Wolkenformationen in Grautönen abgestuft. In der Ferne ein goldgelbes Fenster, der Ort, wo sich die Sonne vor dem Regen zurückgezogen hat. Eine melancholische Stimmung erfaßt mich, in Kombination mit einem Hauch Romantik. Ich liebe diese düstere Atmosphäre, mit der Andeutung von Sonnenlicht am Firmament. Licht und Schatten – ein beeindruckendes Naturschauspiel. Erneut begrüßen mich Sturmböen, sie peitschen noch mehr Wasser in mein Gesicht und streicheln meinen Hals. Ein belebendes Gefühl. Einsam hänge ich meinen Gedanken in der Abgeschiedenheit nach. An einer Badestelle hat ein Polizeiboot festgemacht, die Crew versteckt sich unter Deck. Gegen Ende des Dammes wird es noch einmal dunkler, da der Weg von Bäumen alleeähnlich gesäumt ist. Neben der Düsternis verstärkt sich auch der Niederschlag, welcher heute zyklisch auftritt. Ich kehre um und beschließe aufgrund der Unpassierbarkeit der Wege auf meine üblichen Waldrunden zu verzichten.

Ich verlasse die Wälder und laufe ausnahmsweise entlang der Straße, was mir natürlich nicht gefällt. Unendliche Autokolonnen, Abgase und Lärm – nicht meine Welt. An einer Bushaltestelle warten eine Frau und ein Mann im Rollstuhl. In der Regel handelt es sich um starke Charaktere, die mitnichten bedauert werden wollen. Dennoch, der Mann tut mir leid. Blickkontakt. Augen sagen mehr als Worte. Laufen bei dieser Witterung bedeutet für mich die Erfüllung meiner Laufintention schlechthin und dieser Mensch ist augenscheinlich am Rollstuhl gefesselt. Der traurige Blick des Mannes macht mich betroffen. Was mich jedoch über alle Maßen ärgert, ist die Tatsache, daß die besagte Bushaltestelle nicht überdacht ist. Die beiden stehen im Regen, wortwörtlich. Ein eklatant schlechtes Zeugnis für die Stadt. Die Verantwortlichen sollten sich schämen, aber meine Heimatstadt ist ein Hort der Inkompetenz.

Als ich zu Hause ankomme, ist nichts mehr an mir trocken. Die Kleidung ist schwer geworden und klebt am Körper. Der Lauf war schön, ein sehr nachdenklicher Lauf, durchwoben von Melancholie und Freude – die unterschiedlichsten Gefühle. Begegnungen wie die heutige reißen mich aus der Routine und offenbaren, wie fragil die Endlichkeit doch ist. Ich habe unverschämtes Glück, daß ich schon so lange täglich laufen darf. Wir sollten jeden einzelnen Lauf genießen, wer weiß, was das Leben für uns noch bereithält.

Befreit…

Veröffentlicht in Faszination Regenlauf am 4. Juli 2008 von Marcus

…von der Dominanz der Sonne mit ihrem eisernen Hitzegriff der letzten Tage. Meine Verbündeten, Regen und Wind betreten die Himmelsbühne und laden zu einem erfrischenden Schauspiel ein – ungebeugte Kraft. Bereits in der Nacht fing es an zu gießen. Ein extrem dunkler Tag bei 17 C°. Bei einer derartigen Witterung werde ich immer sehr unruhig, als ob mich eine unsichtbare Macht in die Natur zieht. Augenscheinlich wird der Niederschlag anhalten, dennoch starte ich früh am Morgen. Schnell die speziellen Regenschuhe angezogen und los geht es. Die aromatische Luft, welche bei diesem Wetter stets einhergeht, wirkt belebend und beruhigend. Nach 200 Metern bin ich komplett durchnäßt; auf der Brücke breite ich meine Arme aus, gucke in den Himmel, nehme die Wolken in ihren differenzierten Grauschattierungen wahr und kann nur noch lächeln. Die vorbei fahrenden Autofahrer denken sicherlich, „So ein Spinner“. Ja, sollen sie ruhig. Je größer die unverständlichen Blicke, desto mehr sagt das über diese Personen aus und umso ausgeprägter mein Lächeln.

Beim Betreten des ersten Waldes weiche ich den unzähligen Pfützen und Rinnsalen noch aus. Der Wald, eingeschlossen von Stille und Einsamkeit. Nur die Vögel zwitschern unaufhörlich. In den Wäldern wird die Dunkelheit des Tages konzentriert – ein düsterer Anblick. Auf dem Damm nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, ich blicke nach links und erspähe etwas Rotbraunes. Just in der Sekunde springt das Reh auch schon los und flüchtet. Auf dieser Höhe ist es für mich das erste Mal, daß ich ein Reh erblicke. Ich laufe weiter und auf dem Damm bilde ich ein exponiertes Ziel für den Wind, der teilweise in mäßigen Brisen auftritt. Ein herrliches Gefühl, vor allem am Hals in Kombination mit dem Regen – ich liebe das. Vorbei an der Badestelle, mit Blick auf den See. Der Wind peitscht selbigen auf und die kräftigen Wellen schwappen an das Ufer.

Anschließend dringe ich tiefer in den Wald ein, welcher heute verlassen von den Karten spielenden Waldarbeitern in der Dunkelheit liegt, was mich jedoch nicht weiter verwundert. Mittlerweile sind meine Schuhe ebenfalls durchnäßt, so daß ich nun keine Rücksicht mehr nehme, zumal es sich um die alten und kaputten Laufschuhe handelt. In alter Grenadiermanier laufe ich mittendurch und versinke dann und wann 20 Zentimeter tief im Wasser. Insgesamt lief ich 15 Kilometer und während dieser Zeit traf ich nicht einen Menschen. Die Wälder, der Damm – einsam und verlassen im Regen – gehörten mir. Eine grandiose Atmosphäre, um sich nur auf sich selbst zu besinnen. Purer Genuß.

Ich trete den Rückzug an und lasse die vollendete Natur hinter mir und gliedere mich langsam wieder in die Zivilisation ein. Sofort begrüßt mich ein großer LKW und ich bekomme eine volle Wasserladung ab, was mich aber nicht in meiner freudigen Stimmung beeinträchtigen kann. Zu Hause angekommen, verharre ich auf der Straße, mein Blick schweift in den Himmel und ich lasse den Lauf Revue passieren. Im Anschluß wringe ich sämtliche Kleidungsstücke aus – meine Finger und Zehen sind durch das Wasser verschrumpelt. Das Wetter, der Lauf – Freude par excellence – wie für mich gemacht. Laufen macht glücklich. Es war eine reine Wonne, am liebsten hätte ich die Welt umarmt.