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Den Moment der Empfindung verkörpern

Veröffentlicht in Besondere Momente am 6. August 2009 von Marcus

Manchmal erlebt man während des Täglichlaufens – oder als direkte wie indirekte Konsequenz davon – seltene Momente, die ihresgleichen suchen. Das sind besondere Augenblicke, die nicht alltäglich sind und aus dem Laufeinerlei herausragen – man kann sie nicht bewußt suchen – sie entstehen aus dem Nichts und überraschen plötzlich. Zugegeben, der Sinn im Laufen liegt für mich – wie der Name schon impliziert – im Laufen und nicht im Anhalten. Dennoch, während meines Rückweges am Montag passierte ich eine Badestelle und blickte auf den aufgewühlten See hinaus, der mich wahrhaft magisch anzog. Den Lauf unterbrechend spazierte ich zum Ufer. Mein gesamtes Laufgebiet lag verlassen in seiner unbeschreiblichen Abgeschiedenheit. Leichter Nieselregen bei 19 C° wurde durch einen willenstarken Sprühregen ersetzt. Die überragende Einsamkeit nahm mich komplett in Beschlag, in ihre gnädigen Hände. Die finsteren Boten der Dunkelheit versagten dem strahlenden Licht den Eintritt und warfen den Schleier des Zwielichtes und der Schatten auf die bedrückende Erde. Ich liebe diese nasse und dunkle Atmosphäre in all ihren Facetten.

Ein behutsamer Wind peitschte unaufhörlich Wasser in zahlreichen Wellen an das Land. Der graudunkle Horizont intensivierte die vorherrschende Einsamkeit und vereinte sich in der Ferne mit dem wütenden Seewasser und verschmolz zu einer einzigen kaltherzigen Wand, doch voller berauschender Anmut. Ich schritt zum Ende des Strandes, gerade noch außer Reichweite der Wellenbewegungen und schloß meine Augen. Somit konzentrierte ich mich nur auf die verschiedenen lautmalerischen Töne. Das feuchte Naß beherrschte eindeutig die Szenerie, von den Bäumen tropfte es ohne Unterlaß, kleine Regenperlen kullerten aus meinen Haaren und liefen in Rinnsälen mein Antlitz hinab, die tosenden Wogen klatschten an das Ufer; ich fühlte die brausenden Sturmböen, welche ihrer Leidenschaft nachgingen und versuchten mein Hemd aufzublähen, was auf Grund der Nässe nicht mehr gelang. Das Schilf bog sich im Seewind, eine fragile Verbeugung, wenngleich es seine Stärke nicht verbergen konnte. So stand ich da – wie versteinert – die Welt und das Leben genießend, fühlend. Die unbarmherzige Zeit verharrte gleichsam ruhig in ihrer pulsierenden Macht – Minuten vergingen regungslos bis ich meine Augen wieder öffnete.

Das Bild hatte sich nicht wesentlich verändert, der weitläufige See schien nur noch wütender geworden zu sein. Aus meinem linken Gesichtskreis schwammen zwei Schwäne sehr erhaben, ja, regelrecht majestätisch und doch in einer surrealen Beschaulichkeit durch das nicht stillstehende Gemälde. Bevor sie das Zentrum erreichten, schossen von rechts zwei Wildgänse schimpfend durch die Luft, augenscheinlich aus einer anderen Dimension. Die Tiere verschwanden so schnell wie sie gekommen waren und am Horizont leuchteten zwei weiße Yachten als kaum erkennbare Punkte in der Unendlichkeit. Ich wechselte die Position und betrachtete meine Fußabdrücke, die nun von den stärker werdenden Wellen erbarmungslos überrannt wurden, wieder und wieder. Interessant zu sehen, wie die Abdrücke egalisiert wurden, bis sie nicht mehr vorhanden waren. Verflüchtigt. Für immer.

Sinnbildlich wie das Leben. Man wird geboren, für einen kurzen Zeitraum hinterläßt man seine Spuren – bis sie dereinst von der gelebten Zeit absorbiert werden und leise verblassen. Sie werden zu Reminiszenzen – bis auch diese verloren gehen. Andere Menschen kommen und preisen die Natur erneut – ein sich wiederholendes Wechselspiel. Lebewesen kommen und gehen. Die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Zukunft wartet noch auf ihr Engagement – aber hier und jetzt – das ist das Leben. Die Fußabdrücke hinterlassen einen bleibenden Eindruck in meinem Kopf, selbst als sie schon verwischt waren, bestanden sie noch vor meinem geistigen Auge und ich sah jenen gegangenen Weg, der hinter mir liegt – um jetzt an diesem Ort angekommen zu sein. Ein weiter Weg.

Melancholische Erinnerungen materialisieren sich aus den Tiefen meines Gehirns in das höhere Bewußtsein, sie konvergieren nahtlos in die herrschende Witterung. Die Welt scheint nicht existent, das Leben unbedeutend – nur der Augenblick ist von Bedeutung. Sehen, aber nicht mit den Augen. Hören, aber nicht mit den Ohren. Die Luft einatmen, aber nicht mit der Nase. Höchste Konzentration auf sein Inneres, auf das wahre Selbst – die Herrschaft der Sinne an das Herz übergeben und nicht mehr Denken. Allein und einsam. Im strömenden Regen. Von der Welt verlassen. Aufgepeitschte Gischt, von einem liebevollen Sturm mit Inbrunst an das Ufer gezwungen. Ein ganz besonderer Moment, den man weder suchen noch finden kann. Aber man kann ihn mit offenen Armen willkommen heißen. Das ist die gefühlvolle Verkörperung von Zufriedenheit, Vertrauen und Harmonie. Empfindungen. Meine Empfindungen.