Archiv nach Kategorie "Beobachtungen"

Quis custodit custodes?

Veröffentlicht in Beobachtungen am 1. Dezember 2008 von Marcus

Der erste Advent hat bravourös die Vergangenheit erobert. Auch die kommenden Sonntage werden sich ebenso schnell in Nichts auflösen wie sie uns erscheinen werden. Die Zeit treibt uns alle unbarmherzig in die Zukunft. Die interessantesten Begebenheiten schreibt das alltägliche Leben. Folgende Vorkommnisse durfte ich beobachten, die mich ein wenig nachdenklich stimmen.

Ich näherte mich per pedes einer Straßenkreuzung. Aus der Ferne fiel mir ein Mann im Gebüsch auf. Offensichtlich, daß er sich dort versteckte und etwas beobachtete. Meine Augen suchten die Umgebung ab und entdeckten rechtsfeld einen Mannschaftswagen der Polizei; die Beamten waren sehr eifrig mit ihrem Lasermeßgerät beschäftigt. Ich passierte die Straße, saß anschließend in der Straßenbahn und blickte zurück. Eine Frau hastete bei Rot über die Straße, um besagte Bahn noch zu erreichen, als plötzlich ihr Verfolger mit Elan aus dem Gebüsch hervorbrach und sie auf dem Mittelstreifen stellte. Die Intention des Polizisten war evident – belehrende fünf Euro kassieren. Die Dame indes, ärgerte sich sehr, vor allem über sich selbst – wie sie mir später erzählte. Ich würde mir wünschen, daß die Polizei in der Nacht ebenso engagiert wie getarnt agieren würde, um beispielsweise Schmierfinken zu verhaften, die Häuserwände beschmieren. Doch was nützt das, wenn sie nach Feststellung der Personalien nach Hause geschickt werden, um erneut loszuschlagen. Wie dem auch sei.

Vor kurzem überprüften in der Straßenbahn Kontrolleure meine Fahrkarte. Alle zwei Stationen starteten sie erneut und kontrollierten die Neueinsteiger. Wer kein korrektes Ticket besaß, wurde um 40 EURO erleichtert. Rigoros. Keine Regel ohne Ausnahme. Als zwei Männer in Tarnhosen einstiegen, relativ groß, bewaffnet mit Bierflaschen, Stiefel und Glatze kamen die Prüfer zwar ihrer Pflicht nach, doch sie vollzogen ihr Recht nicht. Nach einer kurzen Diskussion ließen sie die Personen ohne Strafgeld ziehen, schlichtweg weil sie ihnen in Aggression und Kampfkraft eklatant überlegen waren. Die Polizei wurde weder informiert noch hinzugezogen.

Ich habe noch das Bild vor Augen, als ein sehr altes Ehepaar bestraft werden sollte, welches wiederholt versuchte in der Bahn eine Karte zu kaufen, ohne Erfolg, denn der Automat akzeptierte ihre Geldstücke nicht. Sie gaben resigniert auf und prompt sprangen die wartenden Kontrolleure auf. Der Tumult war riesig. Exakt diese Ungerechtigkeiten machen mich wütend. Schwache Menschen werden bestraft, aber starke Personen, bei denen mit Widerstand zu rechnen ist, gehen ungestraft aus. Bei kleinen Mädchen oder gebrechlichen Menschen kann man seine Autorität auch viel besser einsetzen. Wie kann ich diese Kontrolleure noch ernst nehmen? Und was denken sie über sich selber? Können sie mit Ergebnissen dieser Art zufrieden sein? Immerhin ist das ihre berufliche Tätigkeit, für die sie bezahlt werden.

Ein letztes Beispiel bildet meine Laufstrecke, ein Thema, welches ich hier nicht zum ersten Mal anspreche. Ich laufe zwar nur temporär an einer viel befahrenen Straße, dennoch offenbart sich dort an einem Stoppschild ein heikler Teilabschnitt. Das Hinweisschild mit der Aufforderung zu halten, wird grundsätzlich von der Majorität der Autofahrer ignoriert; der Blick wandert nach links – den Verkehr beachtend – jedoch ohne die Fußgänger oder Läufer zu bedenken, welche von rechts kommen könnten. Diese Problematik trug ich der Polizei vor, mit dem Vorschlag dort einwirkend Posten zu beziehen. Der Polizist erklärte mir, daß sie an dieser Örtlichkeit einst im Einsatz waren, allerdings dazu angehalten sind sich lieber auf das „Blitzen“ von Geschwindigkeitssündern zu konzentrieren, weil es finanziell lukrativer ist. Ehrliche Worte, die zeigen, daß nicht die Sicherheit im Straßenverkehr relevant ist, sondern einmal mehr der schnöde Mammon. Ein Verhalten, welches einer Vertrauensbildung zwischen Polizei und Bürger nicht förderlich ist. Dazu bedarf es nicht erst Quarzsandhandschuhe für härteres Durchgreifen wie kürzlich bei der Polizei in Berlin.

Die menschliche Geldgeilheit ist omnipotent. Ich wäre ein Narr anzunehmen, es wäre in der Legislative, Judikative oder wie hier formuliert, in der Exekutive anders. Mir liegt es fern, Polizei oder andere Berufsgruppen per se zu diskreditieren. Aber wenn man die in diesem Beitrag beschriebenen Ereignisse im Alltag erlebt, regt das zum Nachdenken an; weil es einfach ein bedenkliches Verhalten ist. Auf wen kann man sich noch verlassen? Ich will nicht explizit bewerten, nur hinterfragen. Die Exekutive hat eine gewisse Macht, die sie ausnutzt, ja, ausnutzen muß. Selbstredend. Doch eine Frage sei mir gestattet.

Quis custodit custodes? – Wer bewacht die Wächter?

In der Rolle des Beobachters – Part II

Veröffentlicht in Beobachtungen am 13. September 2008 von Marcus

Nach langer Zeit reaktiviere ich diese Thematik und fasse ein paar unspektakuläre Beobachtungen aus dem Alltag zusammen, partiell durchaus ironisch formuliert. So geschehen in dieser Woche in Potsdam.

Im Bahnhof auf den Bahnsteigen sind sogenannte Raucherzonen etabliert. Mit gelber Farbe sind Linien eingezeichnet, direkt auf dem Bahnsteig ohne explizite Abgrenzung – ein sinnvoller Schutz für Menschen, die diesem Laster nicht frönen, zumal sich der Rauch natürlich an diese Umrandung hält. Umschlossen von diesen Linien sind besonders viele junge Damen zu erspähen. Rauchwolken verpesten die Luft. Ein Zug fährt ein, Menschen steigen aus und ein. Sehr viele von den Aussteigenden zünden sofort eine Zigarette an, wiederum mehrheitlich Frauen. Rettung in letzter Sekunde. Mir unverständlich. Natürlich kann ich das nicht verstehen, da ich noch nie geraucht habe. Manche sprinten an mir vorbei und sie bemerken nicht einmal die Rauchfahnen, die sie hinter sich herziehen und die mir fast den Atem rauben. Vielleicht sollte die Bundesregierung ihr heuchlerisches „Nichtraucherschutzgesetz“ korrigieren. Bei echtem Interesse, die Bürger davor zu bewahren, hätten sie die Tabakwaren selbst verboten, was natürlich utopisch ist, schließlich ist die Steuer fest im Etat, bzw. Haushalt einkalkuliert. Dazu dieses unsägliche föderale Gezeter auf Länderebene, hochgradig lächerlich – denn sie wissen nicht, was sie tun. Wie dem auch sei, ich hasse diesen Rauch.

Ebenfalls auf dem Bahnsteig fällt mir ein sehr beleibter Mann auf, der beide Hände voll mit Fast-Food- „Essen“ hat, welches er genüßlich konsumiert. Er zählt zu jener Kategorie Mensch, die nur Aufzüge und Rolltreppen nutzen. Bevor ich weiter über seine Gesundheit nachdenken kann, kündigt sich ein Tumult an. Lautes Rufen von mehreren Personen. Prompt tauchen vier Polizisten auf, die einen Mann vor sich herschieben. Er wird in die pseudorestriktive Raucherecke gedrängt und damit er nicht flüchten kann, wird er umringt. Ein kleines Männchen, kaum mehr als Haut und Knochen, lange Haare, vielleicht 165 cm hoch in Jeanskleidung; rauchend und offensichtlich betrunken. Dieser Mensch mag nicht dem Klischee eines „Normalbürgers“ entsprechen, wenn es besagten Bürger denn gäbe, aber eine Gefahr stellte er gewiß nicht dar. Vier Polizisten waren meines Erachtens völlig übertrieben, zumal sie ihre Macht demonstrierten. Er torkelt und wird sogleich von einer Polizistin mit ihrem behandschuhten Finger zurückgedrängt. Oh, welch Heldentat! Vier Ordnungshüter, davon die beiden männlichen sehr korpulent und alles andere als durchtrainiert, halten einen Wehrlosen in Schach. Zweifellos ist mein Eindruck subjektiver Natur, jedoch, die Freude der Polizisten an ihrer eklatant wichtigen Dominanz ist unübersehbar. Wie auch immer, mir tat er Leid, eigentlich bedauernswert. Letztendlich ist dieses Verhalten nicht gerade ein Paradebeispiel für eine vertrauensbildende Maßnahme seitens der Exekutive.

Vom S-Bahn Bahnsteig gegenüber schallt es durch die Lautsprecher: „Nicht einsteigen!!! Bleiben Sie zurück!!! – in einem höchst unfreundlichen Ton. Sinnloses Rufen. Sind die Türen der S-Bahn einmal geschlossen, kann die Aufsicht noch so böse rufen, ändern tut sich damit nichts, theoretisch sollten sie es wissen. Aber grau ist alle Theorie. Später spricht mich eine Chinesin an, mit einem strahlenden Lächeln und einer viel zu großen Brille auf der kleinen Nase. „Nixoding?“ – oder so ähnlich erklingt es in meinen Ohren. Ich versuche es mit „Wie bitte?“ und sie antwortet immer noch lächelnd: „Nixoding??“. Ich frage in Englisch nach, auch das versteht sie nicht. Schade. Sie zieht weiter und würde wohl jedweden Wettbewerb in Freundlichkeit bravourös gewinnen.

Tempus fugit – die Zeit verflüchtigt sich, neue Menschen kommen und gehen. Aber die interessanten Erlebnisse gehen nicht aus, man muß sich nur umsehen und aufmerksam die Welt betrachten. Mögen die Situationen noch so seltsam sein – ich liebe es – die Rolle des Beobachters einzunehmen. Das Leben ist nicht langweilig. Nie.

Alltagsbeobachtungen

Veröffentlicht in Beobachtungen am 20. November 2007 von Marcus

Ich zähle nicht zu den Menschen, welche mit gesenktem Haupt durch die Weltgeschichte ziehen. Im Gegenteil, mit aufrechter Haltung und wachen Augen liebe ich es Menschen zu beobachten. Folgende Eindrücke sind durchaus subjektiv beschrieben.

Ich stehe heute am Bahnhof und beobachte drei Jugendliche beim mehr oder weniger liebevollen Raufen. Als versierter Szenenkenner identifiziere ich die drei sofort als Mitglieder der ABS-Fraktion (Ey Alter!, Basecap und Strickmütze). Zwei erkundigen sich beim Dritten nach Details zu seiner Jacke und ziehen sie ihm fast aus. Als er ein paar Zigaretten spendiert, traben sie ab. Ich vermute, im Ernstfall hätte ich mich motivierend ins Spiel gebracht, schließlich kann man sich bei diesem Wetter nicht ohne Jacke draußen aufhalten.

Der Zug fährt ein, Menschenmassen wuseln hin und her. An meiner Tür steigen ca. 10 Frauen und Männer aus, alle so groß, daß ich hoch blicken muß. Ich bin zwar kein Riese, aber daß ich nach oben gucken muß, kommt auch nicht so oft vor; sicherlich waren die alle um die 2 Meter groß. Im Zug sitzend, erspähe ich eine junge Frau, die es in letzter Sekunde schafft, einzusteigen. Anschließend keucht sie so, als ob sie eine halbe Stunde um ihr Leben gerannt wäre. Sie geht an mir vorbei, mir bleibt die Luft weg solch eine Rauchfahne zieht sie hinter sich her. Schlimm!

Im Bahnhof lasse ich meinen Blick über die Eingangshalle schweifen. An den Rolltreppen bilden sich partiell regelrechte Schlangen und die große Steintreppe? Einsam und verlassen! Ich nehme natürlich die Treppe, zumal man damit noch schneller ist.

Später stehe ich mit verschränkten Armen am Bahnsteig. In der Regel wird diese Haltung ja eher abweisend interpretiert. Ein Mann, der davon nichts wußte, kam auf mich zu und sprach mich an: „Sie strahlen so eine Ruhe aus.“ Ach was!? „Ich möchte Ihnen ein paar CD´s und Bücher schenken.“ Bevor ich aus dem Staunen komme, fragt er mich bereits nach meiner Adresse. Hm, für wie blöd halten einen manche Menschen?

Während meines Laufes lasse ich mir diese Ereignisse noch einmal durch den Kopf gehen und muß dabei lächeln. Ich lebe schon in einer verrückten Welt! Nebenher genieße ich den Sonnenuntergang zur linken, dabei gleichzeitig den Mond im Rücken. Fast am Ende meiner heutigen 13 Kilometer begegne ich einem Nordic-Walker, sicher weit über 70, der anhält, mit seinen Stöcken salutiert und nett grüßt, wie schon so oft. Ich wünsche ihm noch viel Spaß und laufe nach Hause. Ein beobachtungsreicher Tag. :)