Herbstliche Frische. Angenehme Luft. Kalte Sturmböen. Liebevolle Regentropfen. Dunkle Wälder. Ein von Wolken dominierter Horizont. Graue Tage in Serie. Mein Lieblingswetter! Und der Winter naht. Er ist schneller da – als manche Menschen sich vielleicht eingestehen wollen. Nun ist die Zeit gekommen, in der ich weniger durch meine tägliche Präsenz im Stadtbild Beachtung finde, sondern mehr auf Grund meiner Bekleidung. Mein Standardoutfit – wie auf den folgenden Bildern zu sehen – präferiere ich bis ca. -05 C°. Sinkt die Temperatur weiter ab – ersetze ich mein T-Shirt durch ein langes Oberteil. Handschuhe trage ich jedoch schon ab 0 C° – die Hände sind ein neuralgischer Punkt und entsprechend empfindlich.

Die Kommentare der Passanten in der kalten Jahreszeit verraten viel über ihr Denken. Das Gros der ungläubig dreinblickenden Beobachter wundert sich, äußert Unverständnis und sie fragen sich, wie ich das nur ertragen kann? Oder warum tue ich mir das überhaupt an? Sie verstehen meine Intention, mein natürliches Handeln nicht. Doch ich verstehe sie ebenfalls nicht. Warum finde ich diese exponierte Beachtung? Und warum ernte ich derart viele Bemerkungen, daß ich ein Buch schreiben könnte? Abhärtung war schon immer ein Bestandteil in meinem Denken, noch vor meiner Zeit als Läufer. Im Rahmen meines Täglichlaufens verbanden sich beide Aspekte, die wunderbar miteinander konvergieren. Den unabänderlichen Wandel der Jahreszeiten mit einem täglichen Lauf zu würdigen, bedingt das persönliche Wohlbefinden eklatant. Beispielsweise reagiert der Körper auf gravierende Temperaturschwankungen weniger sensibel, wobei dies individuell im Grundsatz von Mensch zu Mensch verschieden ist. Ein tägliches Geschenk an Körper und Geist.
Ich sehe jetzt dick eingemummelte Menschen mit Winterjacken, Mützen und Handschuhen – wie weiland vor einem Jahr. Dabei haben wir erst Oktober! Gestern traf ich einen Läufer in langer Bekleidung und Handschuhe. Dies mag angenehm warm sein. Aber ist das bei 10 C° adäquat? Was tragen diese von mir beschriebenen Menschen bei 0 C°? Oder bei Minusgraden? Erwärmt sich der Körper des Läufers nicht? Sie agieren unbesonnen, da die übertriebenen Wärmemaßnahmen ihr Primärziel konterkarieren. Der Körper ist an nichts mehr gewöhnt, er verweichlicht und wird schwach, weil er schlichtweg nicht mehr gefordert wird. Die Folge kanalisiert sich in Erkältungen und Grippenwellen, die vermieden werden wollten – durch Winterkleidung bei 15 C°. Die Menschen haben keinen Zugang mehr zu den elementarsten Dingen des Lebens. Anstatt den Körper zu trainieren, pflegen sie ihn dank übertriebener Maßnahmen krank.
Heutzutage sind groß angelegte Langzeitstudien vonnöten, um anschließend zu eruieren, daß Bewegung für den menschlichen Körper gesund ist – eine Erkenntnis, über die die Menschen sich vor 200 Jahren köstlich amüsiert hätten. Gleichwohl muß man heute forschen, um festzustellen, was eigentlich jedes Kind weiß, respektive wissen sollte. Nicht viel anders verhält es sich mit der sogenannten Abhärtung. Das Wissen um angemessene Kleidung scheint abhanden gekommen zu sein. Freilich ist mein Pfad der Abhärtung in Kombination mit Täglichlaufen ein Sonderweg, den niemand in der Form beschreiten wird, ja, auch gar nicht soll. Doch letztendlich sollte eine gewisse Verhältnismäßigkeit gewahrt sein. Wenn ich meinen Körper im Herbst mit Winterkleidung verhätschele, brauche ich mich anschließend nicht wundern, daß ich im Winter krank werde und die Kälte schwer bis gar nicht ertragen kann. Unser Körper ist weitaus widerstandsfähiger als die meisten Menschen auch nur im Ansatz erahnen, doch sie werden es nie erfahren, da sie ihn nicht fordern und somit auch keine Grenzen verschieben werden. Sie sind Gefangene ihrer selbst. Ihres Denkens. Und so setzt es sich fort. Die Passanten starren mich ob meiner kurzen Bekleidung an – und ich wundere mich weiterhin, wie man im Herbst Winterkleidung tragen kann. Jedoch bin ich vermutlich derjenige, der sich wohler fühlt.