I. Momentaufnahme. II. Haltlose Perspektive.

I. Momentaufnahme. Ein lieblicher Hauch der weißen Wintermacht prosperiert allenthalben und läßt mich den reinen Duft des Lebens einatmen. Die natürliche Welt hat sich zu Tagesbeginn in wundervoll mit Reif bestickte Gewänder gekleidet. Jedwede erdenkliche Struktur wurde mit fein ziselierten Eiskristallen überzogen, die einen seltsam surrealen Eindruck generierten. Eine dämpfende Märchenwelt in vollkommener Schönheit wurde dem staunenden Betrachter offenbart, in Kombination mit einer greifbaren Stille der Harmonie – nur temporär von den gar nicht wohl tönenden Rufen einiger Raben unterbrochen. Die Temperatur betrug -05 °C; ein Wert, der mich in einen latenten Zwiespalt versetzte. Schlußendlich wählte ich statt des üblichen T-Shirts doch ein langes Oberteil – freilich mit kurzer Hose – und explizit diese Wahl sollte sich später als goldrichtig erweisen.

Der Auftakt im vergangenen Jahr fand in einem gemäßigten Rahmen statt. Ich zollte der Glatteiswelt ihren Tribut und reduzierte damals meine Distanzen, wenn auch widerwillig. Im Januar 2010 absolvierte ich 32 Läufe mit 325 Kilometern. Mit den Kilometern verflüchtigte sich auch ein wenig die Zufriedenheit; mit meiner damaligen Einstellung entfernte ich mich zudem von einem Grundpfeiler, der meinen Weg als Täglichläufer auszeichnet – keine Rücksicht auf die Witterungsverhältnisse. Das Wetter ist irrelevant. In diesem Jahr gelang es mir, die alt gebahnten Pfade wiederzuentdecken, soll heißen – die Witterung interessierte mich nicht im Ansatz, so daß ich unabhängig davon mein präferiertes Standardprogramm praktizierte. Auch im Januar 2011 absolvierte ich 32 Läufe, aber dieses Jahr mit insgesamt 444 Kilometern. Ich ignorierte die Widrigkeiten, nahm die Begebenheiten in der Majorität lächelnd an und genoß die Herrlichkeit des Lebens, welches sich auch in den Herausforderungen verbirgt. Ich hoffe, daß ich meine Schwäche langfristig verbannt habe.

II. Haltlose Perspektive. Das Hochwasser in meinem Laufareal ist weiterhin stetig angestiegen; die Lizenz zum Beschreiten der Wege wurde aufgehoben und die Anwohner sind genervt. Wochen werden vergehen, bis das gewohnte Bild fern der nassen Eisfluten wieder dominieren wird. Mein Morgenlauf neigte sich dem Finale entgegen, ich kostete die geliebte Einsamkeit des Waldes par excellence aus, schweifte mit den Gedanken in den differenziertesten Sphären und konzentrierte mich nicht primär auf die zu passierenden Streckeneigenheiten, was sich prompt rächen sollte. Wie es en Détail dazu kam, ist unbedeutend – jedenfalls stürzte ich während des schönsten Laufens, so daß ich mich sehr überraschend auf dem Waldboden wiederfand. Glücklicherweise gelang es mir, mich relativ gut abzufangen – als Reminiszenz an die einstmals gelernte Fallschule – zusätzlich schützte auch das lange Oberteil vor allzu unangenehmen Schäden. So lag ich ausgestreckt auf der Erde und blickte in den Himmel, ergötzte mich für einen Moment an der haltlosen Perspektive, umrahmt von der grandiosen Winterwelt verbunden mit der Abgeschiedenheit des allumfassenden Seins.

Uneins wie ich die Situation bewerten sollte, entschloß ich mich, den neuerlichen Sturz mit Humor zu betrachten. Allein, welche Alternativen boten sich auch an? In dieser Sekunde hätte ich mir einen Maler gewünscht, mit großem Hut und riesiger Farbpalette, um meine plötzliche Falltechnik mit anschließendem Verharren im zauberhaften Winterwald in einem Gemälde festzuhalten. Wenngleich ich als lebendes Kunstobjekt in dieser Position nicht ausdauernd genug gewesen wäre. Aber auch das ist Täglichlaufen, die Widrigkeiten annehmen und überwinden – denn das macht mich zu dem, was ich bin – ich liebe das ernsthafte Täglichlaufen von Herzen und werde meine Philosophie mit Hingabe auch zukünftig leben. Und ja, der große Tag naht. Bald. Ich freue mich auf morgen, irrelevant unter welchen Bedingungen ich den Lauf erleben werde.

29 Antworten zu “I. Momentaufnahme. II. Haltlose Perspektive.”

  1. Also heute haust du wieder paar Wörter raus, da musste ich gleich mal passen. O_o

    Welche Schwäche meinst du? Dass du statt 15 nur 13 km läufst? *lach*

    Ich bin froh, dass du dich nicht ernsthaft verletzt hast. So kann ich auch herzlich über die Zeilen lachen. Wozu ein Maler, der das festhält?. Nichts wäre in dem Moment besser gewesen, als eine Videokamera!

    Ganz schön viele Kilometer hast du diesen Monat gelaufen – mein Respekt!

    Dass das Hochwasser nicht weggeht ist schon sehr bedenklich.

  2. Nicht ich, die Natur!

    Genau die Schwäche. Wobei ich damals eher acht oder zehn statt 13 Kilometer lief – das wirkt sich entsprechend aus. Der Jahresauftakt 2010 gefiel mir gar nicht und ich habe das nicht bewußt geändert – ich war also schwach.

    Mein rechter Oberschenkel ist etwas geprellt, aber sonst ist der Sturz glimpflich ausgegangen. Diese Impression würde auf einem Gemälde etwas würdiger wirken. Per Kamera, nein, das muß nicht sein. ;)

    Merci, aber so viel ist das gar nicht. Das Hochwasser wird noch Wochen herrschen…

  3. LOL, die Natur haut doch keine Wörter raus, das bist duuuu!

    Da bist du doch nicht aus Schwäche weniger gelaufen, sondern wegen dem vielen Glatteis! *kopfschüttel*

    Echt gut, dass nicht mehr passiert ist. Wobei eine Cam das ganze doch besser festgehalten hätte. Würdig muss es nicht sein, sondern lustig ;)

  4. Mag sein, aber für die Eindrücke zeichnet kausal die Natur verantwortlich.

    Es war schwach, sich dem zu beugen. In diesem Jahr war nicht weniger Glatteis und ich bin auch wie immer gelaufen. Es geht alles, wenn man nur will.

    Das glaube ich! Demonstrierte Falleinheiten beim Täglichlaufen. :shock:

  5. Aber für die wörtliche Wiedergabe du *g*.

    Du bist nicht schwach, sondern das Glatteis zu stark!

    Wer würde sich nicht gerne solche Filmchen ansehen? Ich jedenfalls schon ;)

  6. “Du bist nicht schwach, sondern das Glatteis zu stark!” – *lacht* Das lasse ich so stehen. ;)

    Solange ich nicht der Hauptdarsteller bin, habe ich gegen solche Filme nichts. ;)

  7. Natürlich musst du der Hauptdarsteller sein, ist doch logisch. Sonst ists ja gar nicht lustig :)

  8. RunningOtto Sagt:

    Hey Marcus, deine Schreibe ist wieder super. Thx für deine Momentaufnahme. 325 KM abzuspulen ist alles andere als schwach. Ich hab nicht mal die Hälfte auf dem Konto.

    Dass du gefallen bist, les ich nicht gern. Hoffe, du bist nicht verletzt. Du hast das urkomisch geschrieben. Zum lachen. Sorry! :mrgreen:

    Gute Besserung, dein Tag kommt!

    Keep on STREAKrunning!

    MfG

  9. Wenn man ohne wirklichen Grund seine Distanzen reduziert, kann man das durchaus als schwach interpretieren. Wie auch immer, dieser Jahresauftakt begann doch sehr hoffnungsvoll.

    Ein lädierter Oberschenkel und leichte Schmerzen im Arm – der Preis der Unaufmerksamkeit. Ja, wer den Schaden hat… ;)

  10. Auch im Westen hat sich der Winter mit eisigen Temperaturen zurück gemeldet. Der Raureif hält sich den ganzen Tag über.
    Gut, dass Du Deinen Sturz mit Humor begleiten konntest. Auch ich bin einmal in diesem Monat auf einer leicht abschüssigen Strecke völlig ohne Not ins Straucheln gekommen und konnte einen Sturz gerade noch vermeiden. Über Falltechniken verfüge ich leider nicht; das hätte allein die Schwerkraft erledigt. Hatte meine Augen sonst wohin gerichtet, aber nicht auf den Weg. Also schön aufpassen, lieber Marcus, damit der Tag, auf den Du jetzt zuläufst, nicht noch in Gefahr gerät.
    Ich wünsche Dir weiterhin viele gute Läufe, jeden Tag, versteht sich.
    Liebe Grüße
    Dietmar

  11. Die phantastische Welt, dem Reif geschuldet, sieht einfach herrlich aus. Ich konnte mich an diesem Anblick gar nicht satt sehen. Als ich das letzte Mal in ein stolperndes Straucheln geriet, konnte ich mich noch abfangen – heute hatte ich keine Chance. Aber wie ich so danieder lag, im Sonnenschein wäre das angenehm gewesen.

    Bezüglich meines besonderen Tages hege ich keine Zweifel mehr; mir ist die Vermessenheit dieser Aussage bewußt, dennoch! Dum spiro, spero.

  12. Lieber Marcus,
    es liest sich so, als würde es bei Euch ähnlich schön aussehen, wie hier am vergangenen Wochenende. Man erlebt beim Täglichlaufen immer wieder ganz bezaubernde Momente.
    Nur Dein Sturz paßt nicht ganz in diese Kategorie. Gut, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Aber ich weiß ja selber, wie schnell einem so etwas passieren kann. Es ist gut, dass man in solchen Momenten über sich selber lachen kann. Aber Du solltest diese Stürze trotzdem nicht weiter wiederholen.

    Paß gut auf Dich auf!
    Liebe Grüße
    Kornelia

  13. Der Sturz paßt wahrlich nicht in den heutigen Tag. Aber das haben Stürze so an sich – sie sind nie passend und selten angenehm. Es ist schon erstaunlich, daß es so „behutsam“ ablief; wäre ich allerdings in meiner Standardbekleidung gelaufen, so wäre der Spaß anders ausgegangen. Auch hatte ich Glück, daß ich auf keinen Stein fiel. Manchmal erwischt es einen halt, da kann man noch so aufpassen oder eben nicht und die Wege springen einen regelrecht an. ;)

  14. Was ist denn Morgen? Nun bin ich Neugierig. Regelmäsige Leser wissen es sicher schon..

  15. Lieber Marcus,
    du stürzt und ich muß schmunzeln… :)
    Nein – im Ernst: Gut, daß nix Schlimmes passiert ist. Pass auf dich auf!
    Aber deine Vorstellung mit dem Maler… da mußte ich doch ganz schön lachen! :D
    Viele liebe Grüße
    Petra

  16. Weinend und verletzt harre ich auf dem eisigen Boden aus und werde von allen ausgelacht. Wenn das nicht tragisch, nein, geradezu dramatisch ist! ;) Ich hatte noch Glück – aber aufpassen? Das ist immer so eine Sache…

  17. Lieber Marcus,
    was hast du nur gegen den Gesang der Krähen? Ich liebe ihn, und überhaupt bin ich fasziniert von diesen Tierchen, von deren Intelligenz und Verhalten.
    444 Km im Januar, eine sehr beachtliche Leistung! Ich denke in diesem Jahr wirst du weit vor mir liegen, denn ich war gestern zwar wieder laufen, aber es läuft überhaupt nicht rund. Aber egal, ich bin bescheiden geworden….

    Ich wünsche dir eine grandiose Woche,
    Steffen

  18. Bei den Krähen, die hier leben von Gesang zu sprechen, ist leicht übertrieben, bzw. so viele Ohren kann ich gar nicht zu drücken. Die Intelligenz steht natürlich außer Frage.

    Für Jahresprognosen ist es viel zu früh, warten wir ab. Aber darum geht es auch nicht, letztendlich, was bedeuten die Kilometer schon? Der Genuß des einzelnen Laufes sollte im Vordergrund stehen und die daraus resultierende Zufriedenheit. Daß es bei Dir noch nicht rund läuft, ist klar, auch wenn es noch so schwer fällt, Du mußt die entsprechende Geduld aufbringen. Startest Du zu früh, zu intensiv – erreichst Du nur das Gegenteil. Sei vorsichtig!

  19. Lieber Marcus,
    verzeih, dass ich schmunzeln musste, aber ich konnte mir Dein Missgeschick sehr gut bildlich vorstellen, aufgrund Deiner Beschreibung. Falltechnik hin oder her, vielleicht solltest Du mal Deine Lauftechnik verfeinern ;-)
    Spass beiseite, es scheint doch eine gewisse Gefahr mit dem Täglichlaufen verbunden, sprich absolut gesehen kommt es zu mehr Stürzen, was ja auch nachvollziehbar ist, aber die Streckenauswahl muss doch vielleicht den einen oder anderen Sturz verhindern können, oder?

    Salut
    Christian

  20. Ich habe mich daran gewöhnt, lieber Christian, daß alle über mich lachen oder schmunzeln, während ich mit meinen Kräften am Ende bin. Daß ich den Weg selbst im Schlaf mit all seinen Einzelheiten detailliert kenne, verrate ich an dieser Stelle nicht. ;)

    Als unregelmäßiger Läufer wäre ich gestern vielleicht nicht gelaufen, somit hätte ich den Bodennahkontakt vermieden. Die statistische Wahrscheinlichkeit liegt wahrscheinlich höher, allerdings nur minimal. Stürze kommen halt vor. Und die Strecke hatte ihren Anteil an dem neuerlichen Debakel. Starke Unebenheiten und Wurzeln wie Steine, die halb in die Höhe stehen.

    Wie auch immer, das war nicht der erste Sturz und lange nicht der letzte.

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  22. [...] sorgte für eine spannende Unterhaltung im tiefen Forst. Als weniger angenehm offenbarte sich ein Sturz und ein weiterer Fastunfall. [...]

  23. [...] partiell aufgeschnittene Beine. Der einzige Wildschweinkontakt des Jahres fand im Januar statt. Zum Monatsabschluß stürzte ich ordnungsgemäß, jedoch war dies nicht weiter gravierend – ich habe es mit Humor [...]

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