Land unter. II. Im Zeichen der Flut.
Der lieblich unbarmherzige Winterregent läßt uns nicht allein seine frostige Macht auskosten; in seinem fürstlichen Gefolge wandelt ein weiterer naßlächelnder Tribun mit gewinnender wie gleichsam verdrängender Autorität. Seine fließende Befehlsgewalt erobert mehr und mehr Terrain, er streckt seine kalte und mit Eis behandschuhte Wasserhand triumphierend aus. Getragene Gezeitenfesseln des unumstößlichen Einflusses, denen ich mich beugen muß. Vor drei Jahren thematisierte ich letztmalig das expandierende Hochwasser in meinem Laufareal. Seit geraumer Zeit dehnen sich erneut die Fluten von Tag zu Tag in ungekannten Dimensionen aus. Ein faszinierendes Schauspiel, aufgeführt auf der Bühne des Lebens; von dem meisterhaften Ensemble des Wetterregenten anmutig inszeniert. Sanfte Romantik in formvollendeter Poesie.
Eine beeindruckende und erschreckende Welt. Und nicht zuletzt mit unangenehmen Konsequenzen für die Anwohner behaftet, die jedoch nicht Gegenstand meines heutigen Beitrages werden. Aktuell sind neun Wege meines präferierten Streckennetzes komplett unpassierbar, indes nur zwei Pfade eingeschränkt begehbar sind. Entsprechend mußte ich mich diversen Korrekturen der gewohnten Laufwege hingeben – sofern ich künftig nicht geneigt bin, täglich meine Schwimmkompetenz zu forcieren, wie erst im letzten Artikel beschrieben. Für mich bilden diese Wassermassen ein absolutes Novum, wenngleich die Flut im Jahr 1979 noch weitaus intensiver herrschte – wie ich mir kürzlich habe sagen lassen. Die folgenden Impressionen vermitteln einen minimalen Eindruck der ungewöhnlichen Hochwassersituation.
Vom letzten Bild abgesehen dürfte man regulär gar kein Wasser erspähen. Im ersten Photo ist der versunkene Weg unschwer zu erkennen, der bis zu seinem Finale dem kühlen Element unterliegt. Der scheinbare See im Anschluß thront bewegend auf einer Wiese, während im nächsten Bild der unausweichliche Tribut der Überschwemmung sich im Tod der Eiche manifestiert. Sie war die erste, die für immer in die traurige Vergänglichkeit fiel. Auch im vorletzten Bild ist die Herrschaft des Wassers nur temporär. Und bis heute stiegen die Pegel beharrlich. Die Auswirkungen auf mein Täglichlaufen sind nur kosmetischer Natur; freilich muß ich die Streckenwahl anpassen und auch die Ausweichmöglichkeiten im Kontext auf die Sicherheit werden massiv tangiert, aber schlußendlich obsiegen doch die positiven Resultate, die sich aus der Natur der Sache ergeben. So erwartet mich nun jeden Tag einmal mehr ein großartiges Bühnenstück, mit alternierenden Elementen wie Schauspielern, die detaillierte Veränderungen am Gesamtbild vornehmen oder aber mit gewaltigen Revolutionen ihr Tagwerk vollbringen. Und ich bin dabei. Als aufmerksamer Beobachter. Täglich.





24. Januar 2011 um 08:38
Guten Morgen Spotzl!
Für mich sind jetzt diese Ausführungen und Bilder ja keine Neuigkeit. Jeden Tag erzählst du mir vom Hochwasser und es ist erschreckend. Die Menschen sind in dem Fall richtig machtlos.
Ich würde genau wie du eine Streckenkorrektur vornehmen, als da zu weit raus zu schwimmen *gg*.
Hoffentlich ist der Schaden für die Anreiner nicht zu gross. Die grössten Sorgen mache ich mir doch um die Schafen. So ganz im Trockenen sind sie nun nicht mehr
.
Beeindruckende Bilder von einer Macht, der wir nicht gewachsen sind.
24. Januar 2011 um 08:42
Einen wunderschönen guten Morgen, meine liebe Brigitte!
Machtlos sind sie wirklich. Ein wenig befremdlich wirkt nur, wenn sie ihre Keller leer pumpen und das Wasser zurück auf die Wege leiten – die vorher noch frei waren – und sie damit bewußt fluten. Zumal das Wasser so nicht abfließt. Nun ja.
Manchmal ist so ein Bad sehr belebend; aber wenn ich dies täglich durchführe, habe ich am Ende keine trockenen Schuhe mehr.
Die Schafis sind erprobt im Hochwasserkontext. Momentan basteln sie an Rettungsbooten. Im Ernst, das Oberschaf paßt schon auf.
Wie wahr. Da wird die große Menschheit ganz klein.
24. Januar 2011 um 12:17
Solange das ein nicht betrifft kann man den Reiz darin erkennen. Wenn die Leute absaufen und die Keller volllaufen ist das schei…!
Die Fotos sind trotzdem geil.
24. Januar 2011 um 14:28
Wie wahr. Der Hausbesitzer, dessen Keller voll läuft, wird sich kaum über den malerischen Anblick freuen. So hat alles zwei Seiten im Leben.
24. Januar 2011 um 08:49
Ich kenne Hochwasser bestenfalls von Bildern oder aus TV-Berichten. Ich kann es mir nur unschwer vorstellen. Darum ist das für mich so irreal.
Baden – gut und schön, aber bloss nicht auf irgendwelchen Wiesen *gg*.
Als Oberschaf bist wohl du gemeint gell?
Pass gut auf die Süssen auf!
24. Januar 2011 um 08:53
Ich eigentlich auch nur. Wenn ich auch in einem Hochwasserschutzgebiet laufe, lebe ich in keinem Hochwassergebiet. Daß das Wasser im Frühjahr respektive im Winter sich Richtung Waldrand bewegt, ist normal – aber nicht in diesen Dimensionen, was doch sehr selten ist.
Der Vorteil eines Wiesenbades ist die gegebene Sicherheit. Man hat immer Grund.
Ich meinte das große Oberschaf, das menschliche Chefschaf.
24. Januar 2011 um 08:56
Auch kleine Hochwasser kenne ich nicht. Hier gibt es das einfach nicht. Da bin ich auch dankbar dafür – nicht auszudenken…
Du meinst, man könnte nicht ertrinken? Das wäre gar nicht mal sooo übel. *lach*.
Achso, du meinst den Herrn der Schafe. Ja, auch der wird auf seine Racker aufpassen.
24. Januar 2011 um 08:58
Du lebst auch nicht in einer derart wasserreichen Umgebung. Ich bin gespannt, wann der Höchststand erreicht sein wird.
Es soll Menschen gegeben haben, die sind in einer Pfütze ertrunken, von daher… Zumindest verliert man nicht den Grund unter sich.
Er kontrolliert täglich – die Racker sind also nicht gefährdet.
24. Januar 2011 um 11:13
Diese Wassermassen sind faszinierend und beängstigend zugleich. Ich bin doch sehr erleichtert, dass wir bei uns nicht tangiert sind und wir diese Bilder nur aus den Medien kennen. Mögen sich die Fluten zurückziehen und das Schauspiel sein Ende finden. Dir lieber Marcus wünsche ich eine gute Woche!
24. Januar 2011 um 11:14
Wohl dem, der in Regionen leben darf, die vor dieser Macht geschützt sind. Aber wie so viele Dinge im Leben verfügt der Schrecken doch auch über eine faszinierende Seite. Lange geht das jedenfalls nicht in dieser Intensität weiter und dann werden sich die Hochwassermassen verflüchtigen.
24. Januar 2011 um 12:11
WOW! Das ist ja ein richtiger See. Foto vier sieht aus wie gemalt. Kein Wunder, dass du da täglich läufst. Bei der Gegend!
Der erste Absatz ist genial. Ich würde sagen, **wir haben Hochwasser** und du machst einen super poetischen Absatz draus. Genau das mag ich an den Posts hier. Beneidenswert deine Wortwahl und Dichtkunst. Thx!
Keep on STREAKrunning!
MfG
24. Januar 2011 um 12:12
Ja, das ist ein See, der doch keiner ist. Freilich ist mein Laufareal herrlich, wenngleich auch gewisse Makel auftreten. Siehe rechts die Kategorie „Großbrände“.
Dichtkunst ist übertrieben. Ich beobachte nur und kleide das in Worte. Ganz einfach.
24. Januar 2011 um 18:35
lol *Ganz einfach.*
So einfach, dass ich solch poetische Posts nur hier finde.
25. Januar 2011 um 08:23
Das kann ich nicht beurteilen.
Einen angenehmen Tag,
Marcus
24. Januar 2011 um 12:49
Lieber Marcus,
es ist irgendwie faszinierend und erschreckend zugleich, aber auch hier hat der mensch in den letzten hundert Jahren wahrscheinlich einiges dazu beigetragen, dass sich die Wassermassen stauen und nicht abfließen bzw. keinen Weg mehr finden. Ich habe bisher nur kurze Hochwasserphasen hier erleben dürfen und bereits dabei kam es zu Erdrutschen und unterspülten Wegen und Strassen. Ich frage mich nicht warum das so ist, ich lass mich einfach faszinieren ob der Zerstörungskraft von Wasser…
Trotz der Unbill findest Du noch Wege, die begehbar sind, obwohl mit Deinen U-Boot-Schuhen wärst Du auch in den Neo-Seen gut aufgehoben
Pass auf Dich auf
Salut
Christian
24. Januar 2011 um 14:29
Da hast Du Recht, lieber Christian, das Wirken der Menschen fordert früher oder später seine Konsequenzen. Mittlerweile hat bei einigen aber ein Umdenken eingesetzt und partiell wird eine Renaturierung angestrebt. Sollten wir doch noch dazu lernen? Mein Laufareal ist ein ausgewiesenes Hochwasserschutzgebiet, ergo sollten Überschwemmungen normal sein, aber wie gesagt, in dem Ausmaß ist das für mich neu. Ich finde es sehr schade, daß so großartige Bäume ihr vorzeitiges Ende durch die Wassermassen gefunden haben.
Meine Unterwasserschuhe liegen derzeit auf dem Trockendock und werden bereits engagiert für ihren nächsten Einsatz vorbereitet. Vielleicht sollte ich warten, bis ich recht viele Zuschauer habe, um mich dann lächelnd in die Fluten zu stürzen.
P.S. Mein heutiger Morgenlauf hätte Dir sicher gefallen. Regen. Nebel. Einsamkeit. Eine grandiose Kombination.
24. Januar 2011 um 15:11
[...] This post was mentioned on Twitter by Marcus, Marcus. Marcus said: Täglichlaufen im Hochwasserschutzgebiet: http://tinyurl.com/5razt2l [...]
24. Januar 2011 um 16:52
Hallo Marcus,
ich wunder mich doch sehr, über das viele Hochwasser in Deinem Laufarreal. Ist das in der Nähe der Elbe oder eines anderen großen Flusses? Oder wo kommt das viele Wasser bloß her? Die Schneeschmelze ist doch längst vorbei oder etwa nicht?
Ich wohne ja am Rhein und der hat auch viel Wasser. Aber da sind auch gute Deiche, so dass man das Hochwasser kaum wahr nimmt, wenn man nicht gerade am Fluss entlang geht. Die Bilder, die man aber zu sehen bekommt, auch Deine, sind schon erschreckend finde ich.
Tja, die Natur läßt sich nichts von uns Menschen gefallen. Sie schlägt gnadenlos zurück für alles, was wir Menschen ihr antun.
Ich hoffe sehr, dass Deine Laufrunde bald wieder die alte sein wird.
Liebe Grüße
Kornelia
25. Januar 2011 um 08:20
Momentan sind sicher die meisten, wenn nicht alle Flüsse in einer Hochwasserphase. Entsprechend wirkt sich das auch intensiv auf mein Laufareal aus. Nicht in der Nähe der Elbe, hier fließt die Havel.
Faszinierend wie erschreckend sind die Photos, ja – doch zum Glück sind nur wenige Menschen unmittelbar davon betroffen, ergo ist es nicht wirklich bedrohlich. Wobei die Hausbesitzer mit Schwimmbad-Keller mich sicher verbessern würden.
Bis ich wieder meine Standardrunde absolvieren darf, werden vermutlich noch Wochen in das Land ziehen. Das dauert seine Zeit. Aber da ich das täglich beobachte, wird mir auch ein sanfter Abfall sofort auffallen.
26. Januar 2011 um 10:13
Schön be und geschrieben hast du da deine momentane Flutsituation. Bei uns ist der schnee auch fast weg und die Pegel schon wieder gesunken so dass ich nun erstmalig wieder die Waldwege belaufen kann. Das freut mich riesig. und so wünsche ich dir viel Freude beim erkunden nueer Gegenden.
Liebe Grüße
Marcel
27. Januar 2011 um 08:20
Bisher hat die Wassermacht täglich mehr Land erobert – bis gestern. Wie die Situation heute aussieht, wird sich zeigen. Ergo ist hier noch nichts gesunken; vermutlich wird der Spaß noch länger andauern. Neue Gebiete erkunden, ist natürlich immer wunderbar – viel Spaß dabei.
30. Januar 2011 um 10:05
Lieber Marcus,
eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir und so komme ich erst jetzt dazu, deinen Flutbericht zu lesen. Das sieht ja wirklich ganz schön heftig aus bei euch. Inzwischen ist das Wasser aber bestimmt schon zurückgegangen, oder?
Bei uns hat die Nidda inzwischen wieder einen Normalpegel erreicht, ich kann also den Neoprenanzug zu Hause lassen…
Ich wünsche dir einen schönen Sonntag und einen tollen Lauf ! Bei uns ist es ziemlich kalt – aber die Sonne strahlt vom Himmel. Ich werde die schon etwas wärmenden Strahlen in der Mittagszeit für meinen Lauf nutzen.
Viele liebe Grüße
Petra
30. Januar 2011 um 14:19
Nein, liebe Petra, das Wasser ist bis gestern angestiegen. Zwar sehr langsam, aber dafür umso bestimmter. Allerdings dürfte nun so langsam das Ende erreicht sein. Bis sich das kühle Naß verflüchtigt, werden vermutlich noch Wochen vergehen. Wenn Du Deinen Anzug also weiterhin adäquat nutzen möchtest, solltest Du in meiner Umgebung laufen, Pardon, schwimmen.
Wahrscheinlich hast Du die Sonne längst genußvoll mit einem Lauf gewürdigt. Hier herrscht die Finsternis auf dem Thron der Kälte – was ich jedoch wohlwollend akzeptierte.
30. Januar 2011 um 19:10
Der große Vorteil der Wassermengen ist die Ruhe in den Wäldern. Forstwirtschaft ist auf dem nassen Untergrund nicht möglich.
Entsprechend genieße ich die kurzzeitige Stille im Wald!
31. Januar 2011 um 08:59
Nur finden manche dennoch irgendwelche Wege in mein Laufareal – aber das gilt freilich für mich selbst auch. Doch insgesamt ist es wirklich ruhiger geworden.
18. Februar 2011 um 12:35
[...] letzten Wochen wurden nach wie vor von einer sehr seltenen Hochwassersituation, die ihresgleichen sucht, regiert. Irgendwann lernte ich, die Wassermassen nicht mehr zu negieren, [...]
29. Dezember 2011 um 11:07
[...] Soll heißen, mein Laufareal war allenthalben überflutet – entsprechend standen meine Läufe im Zeichen der Flut. Freilich ließ ich mich von diesem seltenen Schauspiel nicht beirren und nutzte das Eis für [...]