Quis custodit custodes?

Der erste Advent hat bravourös die Vergangenheit erobert. Auch die kommenden Sonntage werden sich ebenso schnell in Nichts auflösen wie sie uns erscheinen werden. Die Zeit treibt uns alle unbarmherzig in die Zukunft. Die interessantesten Begebenheiten schreibt das alltägliche Leben. Folgende Vorkommnisse durfte ich beobachten, die mich ein wenig nachdenklich stimmen.

Ich näherte mich per pedes einer Straßenkreuzung. Aus der Ferne fiel mir ein Mann im Gebüsch auf. Offensichtlich, daß er sich dort versteckte und etwas beobachtete. Meine Augen suchten die Umgebung ab und entdeckten rechtsfeld einen Mannschaftswagen der Polizei; die Beamten waren sehr eifrig mit ihrem Lasermeßgerät beschäftigt. Ich passierte die Straße, saß anschließend in der Straßenbahn und blickte zurück. Eine Frau hastete bei Rot über die Straße, um besagte Bahn noch zu erreichen, als plötzlich ihr Verfolger mit Elan aus dem Gebüsch hervorbrach und sie auf dem Mittelstreifen stellte. Die Intention des Polizisten war evident – belehrende fünf Euro kassieren. Die Dame indes, ärgerte sich sehr, vor allem über sich selbst – wie sie mir später erzählte. Ich würde mir wünschen, daß die Polizei in der Nacht ebenso engagiert wie getarnt agieren würde, um beispielsweise Schmierfinken zu verhaften, die Häuserwände beschmieren. Doch was nützt das, wenn sie nach Feststellung der Personalien nach Hause geschickt werden, um erneut loszuschlagen. Wie dem auch sei.

Vor kurzem überprüften in der Straßenbahn Kontrolleure meine Fahrkarte. Alle zwei Stationen starteten sie erneut und kontrollierten die Neueinsteiger. Wer kein korrektes Ticket besaß, wurde um 40 EURO erleichtert. Rigoros. Keine Regel ohne Ausnahme. Als zwei Männer in Tarnhosen einstiegen, relativ groß, bewaffnet mit Bierflaschen, Stiefel und Glatze kamen die Prüfer zwar ihrer Pflicht nach, doch sie vollzogen ihr Recht nicht. Nach einer kurzen Diskussion ließen sie die Personen ohne Strafgeld ziehen, schlichtweg weil sie ihnen in Aggression und Kampfkraft eklatant überlegen waren. Die Polizei wurde weder informiert noch hinzugezogen.

Ich habe noch das Bild vor Augen, als ein sehr altes Ehepaar bestraft werden sollte, welches wiederholt versuchte in der Bahn eine Karte zu kaufen, ohne Erfolg, denn der Automat akzeptierte ihre Geldstücke nicht. Sie gaben resigniert auf und prompt sprangen die wartenden Kontrolleure auf. Der Tumult war riesig. Exakt diese Ungerechtigkeiten machen mich wütend. Schwache Menschen werden bestraft, aber starke Personen, bei denen mit Widerstand zu rechnen ist, gehen ungestraft aus. Bei kleinen Mädchen oder gebrechlichen Menschen kann man seine Autorität auch viel besser einsetzen. Wie kann ich diese Kontrolleure noch ernst nehmen? Und was denken sie über sich selber? Können sie mit Ergebnissen dieser Art zufrieden sein? Immerhin ist das ihre berufliche Tätigkeit, für die sie bezahlt werden.

Ein letztes Beispiel bildet meine Laufstrecke, ein Thema, welches ich hier nicht zum ersten Mal anspreche. Ich laufe zwar nur temporär an einer viel befahrenen Straße, dennoch offenbart sich dort an einem Stoppschild ein heikler Teilabschnitt. Das Hinweisschild mit der Aufforderung zu halten, wird grundsätzlich von der Majorität der Autofahrer ignoriert; der Blick wandert nach links – den Verkehr beachtend – jedoch ohne die Fußgänger oder Läufer zu bedenken, welche von rechts kommen könnten. Diese Problematik trug ich der Polizei vor, mit dem Vorschlag dort einwirkend Posten zu beziehen. Der Polizist erklärte mir, daß sie an dieser Örtlichkeit einst im Einsatz waren, allerdings dazu angehalten sind sich lieber auf das „Blitzen“ von Geschwindigkeitssündern zu konzentrieren, weil es finanziell lukrativer ist. Ehrliche Worte, die zeigen, daß nicht die Sicherheit im Straßenverkehr relevant ist, sondern einmal mehr der schnöde Mammon. Ein Verhalten, welches einer Vertrauensbildung zwischen Polizei und Bürger nicht förderlich ist. Dazu bedarf es nicht erst Quarzsandhandschuhe für härteres Durchgreifen wie kürzlich bei der Polizei in Berlin.

Die menschliche Geldgeilheit ist omnipotent. Ich wäre ein Narr anzunehmen, es wäre in der Legislative, Judikative oder wie hier formuliert, in der Exekutive anders. Mir liegt es fern, Polizei oder andere Berufsgruppen per se zu diskreditieren. Aber wenn man die in diesem Beitrag beschriebenen Ereignisse im Alltag erlebt, regt das zum Nachdenken an; weil es einfach ein bedenkliches Verhalten ist. Auf wen kann man sich noch verlassen? Ich will nicht explizit bewerten, nur hinterfragen. Die Exekutive hat eine gewisse Macht, die sie ausnutzt, ja, ausnutzen muß. Selbstredend. Doch eine Frage sei mir gestattet.

Quis custodit custodes? – Wer bewacht die Wächter?

23 Antworten zu “Quis custodit custodes?”

  1. Schon traurig wenn man sowas liest! Und das sind Begebenheiten, die dir passiert sind, bzw. die du beobachtet hast. Wie siehts dann bundesweit aus? Schrecklich.

    Aber nicht nur Kontrolleure sind feige, wenn sie sich schwach vorkommen, auch Polizisten und das ist mir passiert. Als vor 2 Jahren bei mir eingebrochen wurde und ich meinte, ev. verstecken sich noch welche im Gartenhaus, lies mich der Polizist vorgehen. Er ging hinter mir her mit gezogener Pistole. Also ich wäre das perfekte Schutzschild gewesen für ihn *hihi*. Aber ich hatte keine Angst, denn hier gings um mein Hab und Gut.

  2. Bundesweit passieren noch ganz andere Geschichten. Ich hätte aus der Medienwelt einiges aufgreifen können, wollte aber nur Erlebtes beschreiben.

    Das perfekte Schutzschild – das ist grotesk! Eigentlich darf man sich derlei Dinge nicht bieten lassen. Na ja, Hoffnung treibt das Schiff der Narren.

  3. Beim 2. Einbruch 2 Monate später, wollte ich ins Haus, wegen meinem Hund. Und was war? Die feigen Polizisten haben auf Verstärkung gewartet und mich nicht reingelassen. Zu Zweit haben die sich nicht ins Haus getraut! Ich war stinksauer und musst 30 Minuten in der Kälte warten und wusste nicht was mit Shari passiert ist!!! Feiglinge.

  4. Na ja, in dem Fall kann das schon gerechtfertigt sein – jedoch die Wahrscheinlichkeit, daß die Täter noch anwesend waren doch sehr gering war, gell? Wie auch immer, Sicherheit geht vor.

  5. Nein, denn die waren schon in anderen Häusern aktiv. Also warum sollten die nochmal in mein Haus zurück?
    Sicherheit ist wichtig, aber das war schon zuviel des Guten. Sicherheit stelle ich mir anders vor… die sollten hier Streife fahren. Ach ich lass, ich reg mich sonst wieder zuviel auf.

  6. Es ist erschreckend, was hier so passiert. Wie Macht ausgenutzt wird. Der Schwache muss wieder einmal darunter leiden. Wie man dabei vor allem mit Kindern und alten Leuten umspringt ist wirklich abartig. Ich habe es hier ab und an mal von den Kindern gehört, wie verschiedene Busfahrer reagieren, wenn sie ihren Schülerausweis nicht mit haben. Dabei wissen die Fahrer, dass die Kinder zur Schule fahren müssen. Das tun sie ja schon seit Jahren. Und trotzdem werden sie „angemacht“ und wird ihnen gegebenenfalls der Bus verwehrt. Und dann wundert man sich, wenn Kinder/Jugendliche aggressiv werden und Sitze demolieren und in den Bussen randalieren.

    Beschützt kann man sich hier allgemein nicht fühlen. :(

    Brigitte, Dir ist aber auch schon ganz schön Schlimmes passiert. Da können wir froh sein, dass wir das bei uns noch nicht erleben mussten. Dein Erlebnis fördert sich nicht das Vertrauen zum „Freund und Helfer“ Polizei.

  7. Brigitte, nicht aufregen, auch wenn es Dich noch so ärgert. Ich will die Polizei nicht in Schutz nehmen, aber um für höhere Sicherheit zu sorgen, fehlt es an Personal und Ausrüstung. Die können nicht überall sein. Dich aber vorzuschicken und er läuft mit gezogener Waffe hinterher ist eine Unverschämtheit sondergleichen.

    Ramona, da fällt mir spontan die Deutsche Bahn ein. Da gab es in letzter Zeit auch mehrere Vorfälle, wo Kinder aus dem Zug geworfen wurden, weil sie ihr Ticket nicht dabei hatten. Ein kleines Mädchen mußte so im Dunkeln den Heimweg durch abgelegene Waldgebiete antreten – so wurde es in den Medien publiziert. Ich finde, daß es in diesen Fällen mit einer Entschuldigung nicht getan ist. Aber es ist wirklich so, der Schwache ist oft der Dumme.

  8. Was ist das für eine Welt, in der sich ein Polizist im Gebüsch verstecken muss, um einer Dame, die den Bus nicht verpassen will, € 5,– abzukassieren?! Anstatt lieber dafür zu sorgen, dass Mädchen/Frauen nachts und an einsamen Ort nicht Angst haben müssen….
    Das mit den Kontrolleuren in Bus oder Bahn war schon zu meiner Kindheit so abartig: auch wenn man seine Monatskarte mal vergessen hatte (man konnte ja belegen, dass man eine hat), musste man in meinem Heimatort gute 30 Minuten mit dem Bus zu deren Büro fahren und die Karte vorzeigen, damit man einer Geldstrafe entkam…und das obwohl man bekannt war und jeden Monat eine Monatskarte hatte…
    Fahre ich mal ein bisschen – wirklich nur ein bisschen – zu schnell mit dem Auto werde ich mit Sicherheit geblitzt, obwohl ich in dem Moment keinerlei Gefahr für irgendjemanden darstellte, und kann Strafe bezahlen, was ich aber alle 8 Wochen auf der Autobahn erlebe, wenn ich da 800 km nach Süddeutschland fahre, lässt mich immer wieder erschauern: wieviele drängelnde Raser gibt es da, die einen wirklich in Gefahr bringen, wie viele LKW-Fahrer, die einfach auf die Überholspur rausziehen, ohne sich drum zu scheren, ob da ein Auto kommt (es ist ja schwächer)……wo ist in all solchen Momenten die Polizei????
    Man könnte diese Liste unendlich fortsetzen – leider!

  9. Eva, genau das habe ich auch gedacht. Zumal dazu kommt, daß die gesamte Fahrbahn zu diesem Zeitpunkt frei war – da fuhr nicht ein Auto. Aber die sind ja auch so clever und installieren Blitzgeräte in Mülltonnen, die sie am Straßenrand aufbauen.

    Ich habe gelernt mit dem Auto nicht mehr schnell zu fahren. Es bringt nichts. Blitzer an allen Orten – das lohnt sich nicht. Dabei rede ich gar nicht vom „Rasen“. Die Autobahnen sind ein einziger Kampfplatz. Vor allem die LKW Fahrer sind da extrem, allerdings muß man auch beide Seiten sehen. Was die für Druck hinter sich haben, ist auch immens. Kein Wunder, daß alle immer aggressiver werden.

    Auch dort versucht die Polizei einzuwirken. Aber bei den Massen an Verkehr ist das kaum möglich. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.

  10. Es ist nichts Neues, das gab es leider schon immer, und wird es auch in Zukunft immer wieder geben, nur du hast das Thema dankenswerterweise wieder einmal ans Tageslicht gebracht.

    Ungerechtigkeiten, Rücksichtslosigkeit , Egoismus und Verlogenheit – in meinen Augen die schlimmsten Eigenschaften, die Menschen haben können, das wird sich niemals ändern.

    Erfreuen wir uns derer, die hier “ aus dem Rahmen fallen “ und sich nicht von der allgemeinen Schlechtigkeit anstecken lassen, sondern im Gegenteil mit gutem Beispiel voran gehen und dazu beitragen, dass unser Weltbild doch noch Menschen freundliche Seiten hat.

  11. Margitta, es ist wirklich nichts Neues. Ich hätte es auch nicht thematisiert, wenn ich nicht zwei Erlebnisse an einem Tag gehabt hätte. Zum einen die Damen, zum anderen die „Rechten“ die ohne Strafe davonkamen.
    Ja, es gibt immer wieder Ausnahmen, die aus dem Rahmen fallen. Und das ist gut so, leider sind es derer viel zu wenige… Mein „menschliches“ Weltbild ist extrem schlecht, um es einmal positiv zu formulieren. Bzw. sehr realistisch.

  12. @Marcus, klar reg ich mich auf, wenn ich dran denke. Ich wohne in einer etwas teureren Wohngegend, wo kein *Gesindel* und dergleichen wohnt und trotzdem ist man nicht mehr sicher in seinen eigenen vier Wänden. Leider ist die Autobahnauffahrt Richtung Osten nicht weit weg. Dieses Diebsgesindel ist in 20 Minuten in Ungarn …

    @Ramona, du kannst mir glauben, das hat keinen positiven Auswirkungen gehabt. Kaum ist es dunkel, bin ich zu Hause, aus Angst vor Einbrechern. aus Angst, dass man meinen Hunden was antun könnte.
    Manche denken sicher, dass ich nen Vogel habe…
    Diesen Schaden bezahlt niemand, das bleibt ewig in mir drinnen. Leider.

  13. Ich weiß, aber es ist ja sinnlos. Verschwendete Energie.

    Du hast keinen Vogel, dieses Erlebnis wird für immer tief in Dir drin bleiben. Solche Gedanken, bzw. die Angst kann man nur sehr schwer überwinden. Es ist ein trauriges Thema. Sei froh, daß Shari nichts passiert ist – da gibt es auch andere Fälle…

  14. Ich möchte ja gar nicht wissen, was die Schweine mit Shari gemacht haben, die war tagelang verstört und das WZ war vollgek.. AHHH ich darf gar ned dran denken.

  15. Brigitte, denke nicht mehr daran – an dieses bittere Erlebnis sollte mein Artikel natürlich nicht erinnern!

  16. @Brigitte, das kann ich mir gut vorstellen. Würde mir genau so gehen. Man vergisst so etwas einfach nicht mehr. Ich wünsche Euch, dass Ihr so etwas nicht mehr erleben müsst!

  17. Jetzt hat es Dich auch erwischt, Holger – WP blockte Deinen Kommentar – warum auch immer.

    Danke – das Video ist wirklich passend. Traurig aber wahr – wenn es auch nicht die Regel ist.

  18. @Marcus, dein Artikel erinnert mich nicht daran, es ist allgegenwärtig, sobald es dunkel wird.

    @Ramona, danke! Ich hoffe es auch. Aber leider wirds nie mehr so sein, wie früher.

  19. Ja das ist die Frage,wer bewacht die Wächter und all die anderen Kontrollorgane. Das beste Mittel das ich kenne ist das was Du machst; darüber schreiben in Deinem Blog. Leider muss ich bemerken, dieses verhalten ist leider menschlich, allzu menschlich, im Grundcharakter ist der Mensch oft feige und im Rudel wird er stark.
    Liebe Grüsse zentao

  20. Brigitte, ich weiß. Ein Eindringen in die intimste Privatsphäre, im eigenen Heim ist eigentlich unfaßbar. Traurig. :( *tröst*

    Zentao, gut erkannt; volle Zustimmung. Darunter fällt auch die Zivilisation an sich, Werte, Moral usw. – alles nur Maskerade. In Notsituationen kann man die Wirklichkeit erkennen, da zählen keine Werte mehr…

  21. Ein problematisches Thema. Es ist auch weniger das Prolem der Überwachung sondern eher das Problem der allgemein zunehmenden Ignoranz gegenüber Regeln.
    Es gibt viele Beispiele für dieses Verhalten. Warum wird zum Beispiel das Fahrradfahren ohne Licht im Winter nicht ausreichend geahndet. Was bringt es die Kinder und die Erwachsenen zu Ermahnen? Ihnen Geld abzunehmen? Warum halten Autofahrer an Stopschildern nicht wenn Sie einen Füßgänger sehen? Warum wird der Hund von Matthias und er selbst von einem rücksichtslosen Biker im Wald fast überfahren?
    Ich weis keine Antwort auf all diese Fragen!

  22. Diese Antworten sind in den Tiefen unserer Gesellschaft versteckt. Ich könnte einige betrachten, aber das würde auch nichts ändern. Wer hier Rad ohne Licht fährt, wird relativ schnell erwischt. Manchmal habe ich den Eindruck, daß unsere Polizei hier nichts anderes zu tun hat, als Fußgänger und Radfahrer zu erwischen. Ermahnen bringt nichts. Geld kassieren, tut weh – aber ein Einsehen, ist damit nicht zu erwarten.

    Mathias? Im Wald überfahren? Da habe ich wohl etwas verpaßt. Klingt jedenfalls schlimm!

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