Herbstlich schimmernde Wogen der Anmut
Ein dunkler Morgen im Herbst mit einer feuchten Ausstrahlung. Immerhin nicht kalt, sondern warme und angenehme 09 C°. Die Straßen – noch relativ leer – lasse ich hinter mir und verschwinde in die Natur. Die farbenprächtigen Wälder, voller Hingabe ihren entblößenden Tanz aufzuführen, entkleiden sich immer mehr von ihren bunten Blättern, die still im Wind wiegen. Nicht mehr lange und ihr schützendes Kleid ist komplett der düsteren Nacktheit gewichen. Verlassen von jeglicher Lebensenergie säumen sie nun den Wegesrand. Wer Geduld hat und sich der Beobachtung hingibt, stellt fest, daß viele Blätter aufrecht im Boden stecken. Dornen gleich, fallen sie sofort aus der breiten Masse heraus. Familie Regenwurm ist mit vollem Eifer dabei, Teile des einstigen Blätterkleides des Waldes in ihr Reich einzuverleiben, in ihre dunkle Unterwelt. Unscheinbare und reinigende Kräfte im Hintergrund. Mutter Natur denkt an alles.
Die Wiesen liegen ebenfalls nackt in der Dunkelheit. Durchzogen von Wassergräben, in denen viele Schwäne den Tag genießen. Am Horizont nur als weiße Punkte sichtbar. Hier und da sind Fischreiher zu erspähen, mit gestrecktem Kopf stolz stehend – in höchster Konzentration ihre Umwelt wahrnehmend und doch in der Bewegung eingefroren, keine Reaktion zeigend. Hält man als Läufer an und guckt in ihre Richtung, erheben sie sich grazil in die Lüfte, jedoch nicht ohne vorher ihren Unmut lauthals kundzutun. Derzeit dienen die Weiden als Aufmarschgebiet der Graugänse. Hunderte sind bereits versammelt und jede Minute rücken – Zug um Zug – weitere an. Die edlen Fischreiher ragen aus der Masse heraus, fast bin ich geneigt ihnen das Kommando über dieses Stelldichein zuzusprechen.
Der Himmel offenbart sich heute von seiner grauen Seite. Nichts als grau. Am Firmament ist eine Art leuchtendweißer Ball zu erkennen. Freilich tut die Sonne das ihrige, um sich machtvoll der grauen Umgebung zu entziehen und mit ihren strahlenden Lichtblitzen die Erde zu berühren. Indes, ihr Vorhaben ist heute zum Scheitern verurteilt. Entlang des Dammes laufe ich weiter und scheuche einige Raben auf. Ungewöhnlich das vielstimmige Vogelkonzert. Flankiert von den unterschiedlichsten Vögeln zwitschert und piept es allenthalben. Ist der Frühling doch zurückgekehrt? Die Wege sind von den Wildschweinen umgepflügt, der Damm wiederum, sieht auch nicht besser aus. Denn hier zeigen sich die Maulwürfe von ihrer kunstvollen Aktivität.
Ich erreiche das Ende des Weges, als mich plötzlich eine auffallende Stille umhüllt. Die Vögel sind verstummt, nur meine Schritte auf dem abgefallenen Laub sind zu hören. Leise. Schritt für Schritt. Anmutig schwappen die friedlichen Wellen des Sees plätschernd an das Ufer. Immer wieder. Ein ruhiges, gleichmäßiges Geräusch in der Einsamkeit. Ich erinnere mich an meine Begegnung mit Charon. Doch niemand ist zu sehen. Allein. Jäh werden meine Gedanken durch einen lauten Schrei unterbrochen. Ein Eichelhäher verkündet seine Anwesenheit. Ich kehre um und fühle einen leichten Wind, der mein Antlitz liebevoll streichelt. Nach einigen Metern beginnen die Piepmätze mit ihren Konzerten von vorn. Herausragend die Drosseln, mit ihren stakkatoartigen Vorträgen, resultierend aus meiner störenden Präsenz. Anschließend die Laute eines Raben, hoch oben im Baum sitzend. Es klingt wie „Schneller! Schneller!“. Doch warum mein Tempo erhöhen? Schnell laufen, kann jeder. Der Genuß liegt im langsamen, gehaltvollen Laufen in Kombination erhöhter Konzentration und Beobachtung.
In dieser dramatischen Einsamkeit sauge ich förmlich die Kraft der Natur in mir auf. Jeder Schritt bedeutet Leben. Ich habe es schon oft erwähnt, ich fühle mich dann, als ob ich dazu gehören würde. Wieder als ein Teil der Natur. Ich weiß, paradox und nur eine Illusion. Wir Menschen stehen genau für das Gegenteil. Wir fliegen zum Mond, während gleichzeitig ganze Völker verhungern. Wir hegen religiösen Fanatismus und zünden Atombomben, um uns selber zu vernichten. Absurd und grotesk. Aber das ist die Realität, eine traurige Realität. Wir Menschen stehen für Tod und Vernichtung, schon immer. Die Natur steht für Leben, schon immer. Dennoch, für die heutigen 13 Kilometer gehörte ich dazu. Ich habe es wahrlich genossen. Nachfolgend zwei bildhafte Beispiele meiner Laufstrecke.
Als ich den Wald verlasse, kommt mir ein Auto entgegen, sofort höre ich lautes Bellen. Emma! Ein kleiner, schwarzer Minihund – mit der ich seit langer Zeit in tiefer Freundschaft verbunden bin. Von Lily, ebenfalls sehr klein, höre ich wieder einmal nichts. Vermutlich kann sie gar nicht bellen. Die Zivilisation hat mich wieder. Ich wechsele die Welten. Von der anmutigen Natur in ihrer atemberaubenden Schönheit – in das unbarmherzige und kalte Reich der Menschen. Ich freue mich auf meinen morgigen Lauf. Täglichlaufen ist ein Geschenk.


22. Oktober 2008 um 12:25
Wenn man bei dir so liest, könnte man meinen der Herbst ist schön – für mich ist er aber nicht schön. Für mich bedeutet der Herbst Tod und Verderben. Mir ist da das Frühjahr und der Sommer viel viel lieber.
Aber sicher war es für dich das reine Vergnügen. Ich wünsche dir noch viele schöne Herbstläufe.
22. Oktober 2008 um 12:27
Klar ist er schön! Nicht so negativ – ohne Herbst kein Frühling!
Merci! Die habe ich sicher…
22. Oktober 2008 um 12:29
Bei dem Nebel der seit Tagen herrscht, kann man nur negativ denken *g*
22. Oktober 2008 um 12:30
Wow, ich wäre froh, wenn hier Nebel wäre. Nebelläufe sind soo wunderschön!
22. Oktober 2008 um 12:34
Dann komm her zum Laufen *lach*
22. Oktober 2008 um 12:37
Bin schon unterwegs…
22. Oktober 2008 um 12:53
Ein wunderschöner Lauf,
wunderschön erzählt!
Ich denke ich kann es auch bald wider genießen.
Wenn auch noch nicht täglich.
Aber man weiß ja nie!
22. Oktober 2008 um 14:56
Genau, das war er: wunderschön!
Ich hoffe, bei Dir paßt das bald wieder – alles Gute!
22. Oktober 2008 um 15:25
Hallo, Marcus,
nicht nur einmal lese ich deinen Text und versinke in deinen Worten, man muss es mehrmals lesen.
Hast du sehr schön in Worte gefasst, was dein Auge sah, was du fühltest.
Das kann man nicht so eben runterlesen wie etwa einen Wetter-Bericht, es bedarf Zeit, Ruhe, Verständnis und Mitgefühl, es ebenso jeden Tag zu erleben, sich daran zu freuen und es weiterzugeben.
Es ist, als liefe man mit dir !
Ähnlich ging es mir heute morgen in anderer Umgebung, aber dennoch in Natur –
- sehen
- hören
- fühlen
- erleben.
Danke !
(Das zweite Bild könnte auch am Meer entstanden sein, gell
)
22. Oktober 2008 um 15:30
Danke Margitta, ich freue mich, wenn Dir der Text gefällt!
Daß Du Deine Läufe ähnlich erlebst, finde ich schön. Wir haben nun mal die gleiche Einstellung, gell?
Ja, das könnte vom Meer sein, aber bei Dir fallen die Wellen sicher gravierender aus. So extrem wird das hier nicht.
22. Oktober 2008 um 15:57
Was für eine Poesie in Deinen Worten und in Deinen Bildern. Wunderbar!
22. Oktober 2008 um 17:26
Merci Ramona! Der wahre Poet ist die Natur.
22. Oktober 2008 um 21:14
Ich weiß, aber das dann so schön in Worte zu fassen. Das kann nicht jeder! Da braucht man eine spezielle Begabung!
22. Oktober 2008 um 22:11
Wunderschön…ich habe deine Zeilen schlichtweg nur genossen!
23. Oktober 2008 um 08:11
Freut mich, daß Dir meine Zeilen gefallen, Eva. Den Lauf hättest Du sicher auch genossen.
Ramona, ich weiß nicht, ich sehe das nicht so. Wenn man sich in einer ruhigen Minute hinsetzt und Erlebtes ausformuliert. Das kann jeder.
23. Oktober 2008 um 20:15
Wunderbar geschrieben – auch wenn ich nicht so poetisch „denke“, so kann ich genau diesen Zivilisationsschock von meiner letztlichen Radtour und der Wanderung so gut nachvollziehen. Und jetzt sitz ich hier wieder mitten im Ballungsgebiet und es ist „normal“. Aber ich zehre extrem von dieser schönen Erfahrung. Klasse, dass Du das jeden Tag genießen kannst. Der Herbst ist toll.
24. Oktober 2008 um 13:29
Wenn ich an Dein Nebelbild denke, weiß ich sofort, was Du meinst. Tja, die „Normalität“ kann man nur akzeptieren. Wahrscheinlich wirst Du Deine Erfahrung bald wieder auffrischen, schätze ich. Der Herbst ist schön, ja, aber langsam wird es frisch.