Ein Hauch von Melancholie im Regen
Die ganze Nacht voller Regen und Wind. Der Tagesanbruch kann sich nicht völlig von der nächtlichen Dunkelheit lösen. Früh am Morgen beginne ich meinen täglichen Lauf. Ich passe mich der Finsternis an und wähle ein schwarzes T-Shirt, eine schwarze, kurze Laufhose und meine dunkelblauen Regenschuhe. Unzählige Wolkentröpfchen entwickeln sich zu großen Tropfen und werden somit nicht mehr von der Luftströmung getragen und fallen bei 11 C° auf die Erde. Die erste große Umarmung des Windes erfahre ich auf der Brücke, zu diesem Zeitpunkt bin ich bereits durchnäßt. Nur wenige Menschen sind zu Fuß oder per Rad unterwegs, doch ihre Blicke sind umso entsetzter. Ich registriere ihr Unverständnis und da mich diese Witterung längst in Hochstimmung versetzt hat, kann ich nur lächeln.
Die Waldwege sind nicht wirklich passierbar. Mein Lauf verwandelt sich immer mehr in eine Hüpferei, kaum habe ich eine Pfütze übersprungen, wartet die nächste. Meine Füße versinken im Matsch, bei diesem Wetter läßt sich das nicht vermeiden. Während des gesamten Laufes werde ich nicht eine Person in meinem Laufareal vorfinden, die Wälder gehören mir. Der zweite Wald ist durch seine dichten Bäume besonders dunkel. Ich rechne jede Sekunde damit, daß auch noch das letzte Licht verschwindet. Der Regen prasselt unaufhörlich durch die Baumkronen, von Ast zu Ast, von Blatt zu Blatt, um auf dem Boden kleine Seen zu bilden. Meine Schritte verschwimmen zu einem einzigen Schmatzen. Blätter fallen zu Boden. Auf dem Damm wurde gestern das Gras gemäht, kräftige Reifenspuren haben ihr Profil hinterlassen, welches das Laufen zusätzlich erschwert.
Mein Blick schweift über das Naturschutzgebiet. Der Weg ist noch grün, die Bäume haben mehrheitlich ihr gelbes Blätterkleid angezogen. Am Horizont sind die differenziertesten Wolkenformationen in Grautönen abgestuft. In der Ferne ein goldgelbes Fenster, der Ort, wo sich die Sonne vor dem Regen zurückgezogen hat. Eine melancholische Stimmung erfaßt mich, in Kombination mit einem Hauch Romantik. Ich liebe diese düstere Atmosphäre, mit der Andeutung von Sonnenlicht am Firmament. Licht und Schatten – ein beeindruckendes Naturschauspiel. Erneut begrüßen mich Sturmböen, sie peitschen noch mehr Wasser in mein Gesicht und streicheln meinen Hals. Ein belebendes Gefühl. Einsam hänge ich meinen Gedanken in der Abgeschiedenheit nach. An einer Badestelle hat ein Polizeiboot festgemacht, die Crew versteckt sich unter Deck. Gegen Ende des Dammes wird es noch einmal dunkler, da der Weg von Bäumen alleeähnlich gesäumt ist. Neben der Düsternis verstärkt sich auch der Niederschlag, welcher heute zyklisch auftritt. Ich kehre um und beschließe aufgrund der Unpassierbarkeit der Wege auf meine üblichen Waldrunden zu verzichten.
Ich verlasse die Wälder und laufe ausnahmsweise entlang der Straße, was mir natürlich nicht gefällt. Unendliche Autokolonnen, Abgase und Lärm – nicht meine Welt. An einer Bushaltestelle warten eine Frau und ein Mann im Rollstuhl. In der Regel handelt es sich um starke Charaktere, die mitnichten bedauert werden wollen. Dennoch, der Mann tut mir leid. Blickkontakt. Augen sagen mehr als Worte. Laufen bei dieser Witterung bedeutet für mich die Erfüllung meiner Laufintention schlechthin und dieser Mensch ist augenscheinlich am Rollstuhl gefesselt. Der traurige Blick des Mannes macht mich betroffen. Was mich jedoch über alle Maßen ärgert, ist die Tatsache, daß die besagte Bushaltestelle nicht überdacht ist. Die beiden stehen im Regen, wortwörtlich. Ein eklatant schlechtes Zeugnis für die Stadt. Die Verantwortlichen sollten sich schämen, aber meine Heimatstadt ist ein Hort der Inkompetenz.
Als ich zu Hause ankomme, ist nichts mehr an mir trocken. Die Kleidung ist schwer geworden und klebt am Körper. Der Lauf war schön, ein sehr nachdenklicher Lauf, durchwoben von Melancholie und Freude – die unterschiedlichsten Gefühle. Begegnungen wie die heutige reißen mich aus der Routine und offenbaren, wie fragil die Endlichkeit doch ist. Ich habe unverschämtes Glück, daß ich schon so lange täglich laufen darf. Wir sollten jeden einzelnen Lauf genießen, wer weiß, was das Leben für uns noch bereithält.
1. Oktober 2008 um 12:01
Also ich muss sagen, bald ist dein 1. Roman fällig gell?
Du schreibst so wunderschön, dass man es miterlebt. Herrlich!
Das mit dem Mann im Rollstuhl hat mich beim Lesen auch betroffen gemacht. Was für uns selbstverständlich ist, ist diesem Mann nicht vergönnt – traurig
*drücktdich*
1. Oktober 2008 um 12:03
Schön, wenn es Dir gefällt. Aber um einen Roman zu schreiben, bedarf es Talent, ich gebe nur Erlebtes wider.
Ja, ich fand das sehr traurig.
Nichts ist selbstverständlich. *auch drückt*
1. Oktober 2008 um 12:04
Trotzdem, wer so schreiben kann….
Eh ist es nicht selbstverständlich, aber wir sehen es als solches an.
1. Oktober 2008 um 12:07
Das kann jeder.
Ja, weil es zu Routine wird…
1. Oktober 2008 um 12:11
Ach ja, lieber Marcus,
man kann so schön im Geiste mit dir laufen, denn auch das kleinste Detail bleibt deinen Augen und Ohren nicht versperrt, du verpackst es in die Worte eines schreibenden Läufers, und wer es selbst immer wieder erlebt, findet alles wieder, was auch wir – vielleicht in anderer Form – bei unseren täglichen Läufen erleben dürfen, ich sage bewusst dürfen, denn es empfiehlt sich, immer so zu leben, wie du in deinem letzten Satz schreibst:
“ Wir sollten jeden einzelnen Lauf genießen, wer weiß, was das Leben für uns noch bereit hält „.
Packen wir es an !
Danke für diesen Beitrag
1. Oktober 2008 um 12:15
Ja, Margitta, die Details, das Unscheinbare sind doch gerade die interessantesten Dinge des Lebens überhaupt. Man muß seine Augen nur aufmachen.
Laufen ist ein Geschenk, genießen wir es, gell?
1. Oktober 2008 um 19:12
Danke für deinen intensiven Bericht…es ist, als ob man dabei wäre; am meisten betroffen gemacht hat mich aber die Sache mit den Rollstuhlfahrern…da wird man sich erst wieder richtig bewusst, wie dankbar und froh man sein sollte, dass man laufen kann, dass man nicht in so einen Stuhl gefesselt ist.
1. Oktober 2008 um 20:04
Wie gesagt, ein nachdenkliches Erlebnis. Damit erscheint, wieder einmal, die Routine in einer anderen Sichtweise bzw. Licht. Erkenntnis: Nichts geht über die Gesundheit!
1. Oktober 2008 um 21:20
Nabend Markus,
mal wieder wunderschön geschrieben.
Es ist immer ein Erlebnis deine Beiträge zu lesen.
Danke dafür.
LG
Marco
2. Oktober 2008 um 08:06
Danke Marco, ich freue mich, wenn es Dir gefällt!
2. Oktober 2008 um 14:48
Man vergisst sehr schnell das es eine Gnade ist das man Laufen kann und darf.
Erst wenn man mal nicht Laufen kann wird einem dies wieder bewusst. Genieße es!
3. Oktober 2008 um 12:27
Mir wird das zum Glück noch vorher bewußt. Nicht Laufen zu können, will ich mir gar nicht vorstellen – unvorstellbar!