Im Wandel der Zeit

Zu Beginn meiner Laufzeit lief ich nicht im Naturschutzgebiet, sondern meistens an einem Kanal entlang. Damals bin ich selten von dieser Laufstrecke abgewichen. Diese Strecke war höchst reizvoll, direkt am Ufer des Kanals bildeten große Bäume eine endlose Reihe. Baum an Baum, dazwischen Büsche. Der Weg indes, bestand aus losem Sand, bei Trockenheit kam man mit dem Fahrrad schwer durch, aus Läufersicht jedoch nicht weiter problematisch. Auf der anderen Seite des Weges säumten ebenfalls Bäume und Büsche den Pfad. In der grünen Jahreszeit war meine Laufstrecke einfach nur phantastisch, Alleeartig, gänzlich von einem Blätterdach überdacht. Ein Traum.

Ich lebe in einer Stadt, in der ausgewiesene Naturfeinde in der Stadtregierung sitzen. Vorrangiges Ziel, so erscheint es mir, auch durch viele fragwürdige Taten bewiesen, liegt in der Vernichtung der Natur wo es nur geht und sei es noch so sinnlos. Obwohl, die Zerstörung der Natur kann grundsätzlich nie sinnvoll sein. Ich untertreibe maßlos, hier geht es nicht um Personen, die mal hier und da einen Baum abholzen lassen, nein, hier agieren die Meister ihres Faches. Später wurde diese Zerstörungskunst auch auf meine Kanalstrecke angewandt. Der Kanal wurde ausgebaut, vertieft und im Zuge dieses Wahnsinns wurden sämtliche Gewächse in Kanalnähe vernichtet. Weiterhin wurde ein neuer Weg angelegt. Am Montag lief ich zum ersten Mal in diesem Jahr auf meiner ehemaligen Strecke, die ich seitdem nur noch selten frequentiere. Ich erinnerte mich an meine einstigen Läufe, das damalige Aussehen vor meinen Augen – die Realität ausgeblendet. Und heute? Ein trostloser Anblick – dafür gerade, ordentlich und steril. Ohne Leben. Was für eine Entwicklung. Traurig.

Ich kenne viele Beispiele im Land Brandenburg. Historisch betrachtet, eine Ironie der Geschichte. Manche Orte, Gebäude, uralte Bäume oder Ähnliches haben zwei Weltkriege und zwei Diktaturen ohne Schaden überstanden, um heute für ein paar Papierscheine mit bunten Bildern, die in falschen Taschen wanderten, vernichtet zu werden. Was menschliche Zerstörungslust, Soldaten und Bomben nicht schafften, wird heutzutage umso bereitwilliger vernichtet. Ich gebe zu, dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Wie dem auch sei, das Wissen, daß sich die Natur von uns Menschen erholen wird, wenn wir uns irgendwann selbst ausrotten, beruhigt mich ein wenig.

Meine Laufstrecke habe ich verlegt, in ein weiteres wunderbares Areal. Nur, was nutzt das, wenn besagte Meister auch dort ihr Unwesen treiben? Wer meine Beiträge verfolgt, der weiß, daß auch dieses Gebiet sehr engagiert bekämpft wird und zwar in einer Art und Weise, die mir die Sprache verschlägt. Deprimierend. Die verantwortlichen Menschen hier lernen es nicht – oder wollen es nicht lernen. Blind für die eigenen Fehler, mit dem Ziel nichts daraus zu lernen. Diesen Wesenszug kann ich den Verantwortlichen jedoch nicht vorwerfen, da er zutiefst in unserer Natur verankert ist. Nicht im Einzelnen, auf die Gesamtheit bezogen. Oder mit den Worten von Werner Mitsch formuliert: „Früher hatten die Menschen Angst vor der Zukunft. – Heute muß die Zukunft Angst vor den Menschen haben.“ Wie wahr. Mittelfristig werde ich dieser naturfeindlichen Stadt den Rücken kehren, wenn auch diese Thematik nicht den Hauptgrund ausmacht, jedoch ein nicht unerhebliches Puzzlestück des Mosaiks darstellt.

8 Antworten to “Im Wandel der Zeit”

  1. Brigitte Sagt:

    Schön geschrieben, aber ein trauriges Thema. Nichts kann man dagegen machen. Da sind wir kleinen Würstchen machtlos!

    Hier am Damm wurden die Tage auch Bäume gefällt und ich hab mich geärgert. Doch bei genauem Hinsehen musste ich feststellen, dass das morsche und hohle Bäume waren. Manchmal ist es notwendig.

    *knutscha*

  2. blacksensei Sagt:

    Ja leider! Nur, hier war es nicht notwendig - im Gegenteil.

    Gestern sah ich auch eine Dame, die Bäume beurteilt hat, einfach nur durch Angucken; sie machte sich Notizen. Ich möchte wetten, daß die alle verschwinden. Und nur durch angucken, kann man das gar nicht abschätzen. Unverschämt! *drückt Dich*

  3. Brigitte Sagt:

    Naja, ob sie das so einfach beurteilen kann, wage ich mal zu bezweiflen. Mein Papa meinte, da muss man schon mal reinbohren um das feststellen zu können.

  4. blacksensei Sagt:

    Sag ich ja - ein reines Alibi, um noch mehr Bäume zu killen. Die haben eh keine Ahnung.

  5. ultraistgut Sagt:

    Lieber Marcus,

    dein Beitrag macht sehr nachdenklich und traurig.

    Oft genug war ich schon wütend auf Menschen, die die Natur rücksichtslos zerstören, nur um ihre Pläne, die meist im Zusammenhang mit Geld stehen, zu verwirklichen.

    Dem Mensch wurde der Verstand geschenkt, er hat die Welt aufgebaut, entwickelt und nochmals entwickelt. Und mit eben diesem Verstand macht er alles wieder kaputt.

    Gott sei Dank gibt es immer wieder Menschen, die sich vehement für die Erhaltung der Natur einsetzen. Leider setze ich mich auch nur in kleinen Dingen für sie ein, indem ich sie respektiere und mich so verhalte, dass sie durch mich nicht mehr zu Schaden kommt.

  6. blacksensei Sagt:

    Du bist immer so schön optimistisch! :-)

    Ich habe in letzter Zeit des Öfteren die Bürgerinitiative besucht und versucht zu verstehen, wie beide Seiten miteinander umgehen - auf den aktuellen Fall bezogen. Das ist wirklich traurig, was da abläuft. Ein wirkliches Engagement ist absolut sinnlos. Vor allem wenn man sieht, was hinter den Kulissen so abläuft. Schlimm! :-(

  7. zentao Sagt:

    Das war bei uns auch so, alle Bäche wurden begradigt und zu Kanälen umgebaut. Heute im Laufe des, zurück zur Natur, wird alles wieder renaturalisiert. Der Bach darf jetzt wieder seine Schlaufen haben und der Bach darf fast wieder so wie früher. Das kostet natürlich viel Geld und alle verdienen 2x.
    Die Politiker sind der überflüssigste Berufsstand, wir sollten sie alle zum Mond schiessen.

    Liebe Grüsse zentao

  8. blacksensei Sagt:

    Aber immerhin sind die bei euch so intelligent, daß sie es sich wieder anders überlegen. Davon sind wir hier meilenweit entfernt. Letztendlich ist das so kontraproduktiv. Die Lebensqualität sinkt.

    Deinen letzten Satz unterschreibe ich sofort! Beruhigend, wenn noch mehr Menschen so denken.

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