Entfesselt

Durch Wolken ausgelöste Dunkelheit. Regen. 13 C°. Wind. Nach nun mehr fast eineinhalb Monaten bietet sich mir der Genuß eines Regenlaufes. Langsam habe ich mich an die Hitze gewöhnt, so daß das Laufen im Prinzip problemlos vonstatten geht, jedoch kostet es weitaus mehr Kraft ein gewisses Level zu halten. Die Lust am Laufen, zwar durchaus vorhanden, verschwand dennoch ein wenig in den Hintergrund. Alleine die heutige Luft, durchdrungen mit der frischen und würzigen Atmosphäre des Regens – phantastisch.

Bereits nach den ersten Metern in denen meine Lungen den Hauch der Regenluft in sich aufnehmen, fühle ich eine Energie, eine belebende Stärke, die durch den ganzen Körper fließt. Entfesselte Kraft. Der Wind peitscht in mein Gesicht, das Wasser umschließt mich mit seiner nassen Anmut. Ein Gefühl, welches sich kaum beschreiben läßt und einfach nur ein Lächeln in mein Antlitz zaubert. Diese Witterungsverhältnisse ermöglichen mir, die nach meinem Verständnis, schönsten Läufe überhaupt. Die Verkörperung puren Genusses. Das mag hochtrabend klingen, aber für den einen oder anderen ergibt diese Sichtweise einen vollkommenen Sinn. Wahrscheinlich können das viele Menschen nicht verstehen, oder doch? Ich lasse mich gerne belehren.

Auf dem Damm treffe ich eine Wanderin, der das Wetter nichts ausmacht. Um sie nicht zu erschrecken, grüße ich mit leiser Stimme. Sie dreht sich abrupt um und fragt: „Sie wohnen wohl hier?“. Ein interessanter Gedankengang. Während meiner gestrigen Radtour im Laufgebiet dachte ich ähnlich. Wenn ich mich in diesem Areal aufhalte, ist das dermaßen beruhigend, so daß ich mich auf eine gewisse Art und Weise heimisch fühle. Indes blicke ich auf den See und erspähe ein rotes Boot, in dem mehrere Frauen sitzen, laut kichern und lachen. Sie rufen: „Steuerbord! – Backbord!“. Wer weiß, was sie genau üben, jedenfalls verbreiten sie eine lustige und angenehme Stimmung, die bis zu mir vordringt, obwohl ich einige Meter entfernt bin.

Der Blick in den Himmel erinnert mich an ein Schachbrett. Vorher noch klar umrissene Grenzen im Wolkenband, unten dunkle und dicke Regenwolken, darüber die hellen. Mittlerweile verwoben zum Schachbrettmuster, schwarze und weiße Felder – die Folge konzentriert sich im nachlassenden Niederschlag. Mein Rückweg findet in völliger Ruhe und Einsamkeit statt, die einzige Ausnahme bildet ein Kuckuck, der die Abgeschiedenheit lautmalerisch unterlegt. Mit diesem Eintrag habe ich versucht, meinen Regenlauf in Worte zu kleiden und trotz meiner Bemühung mein Empfinden wiederzugeben – die Wirklichkeit ist nicht mit Worte zu beschreiben.

19 Antworten zu “Entfesselt”

  1. Also ich bin immer wieder aufs neue Beeindruckt von Deiner Schreibweise.
    Die lässt deine Läufe hier nochmal aufleben, man kann die faszination laufen hier beim lesen mehr als nur spüren.

    Weiter so!

    Ich liebe auch die läufe in Regen und einsamkeit, habe mir aber wohl am Dienstag beim Crosslauf am See mein linkes Knie verknackst.
    Habe da so ein komisches angespanntes gefühl drin das sich nicht lösen lässt.

  2. Dankeschön Marco! Ich habe mich zumindest bemüht, aber die Realität war schöner! :-)

    Daß Du ebenfalls so denkst, habe ich mir gedacht. Du bist der gleiche Naturfreund wie ich. Ein Bruder im Geiste. ;)

    Ich drücke Dir die Daumen, daß Deine Verletzung nicht weiter dramatisch ist. Gute Besserung!

  3. Ein wunderschöner Bericht! Da wäre ich gerne mitgelaufen, bzw. bin ich ja eh mitgelaufen! Deine Schreibweise ist wirklich beeindruckend. Ich liebe es zu lesen :) *hdsssl*

  4. Merci – ich schildere nur meine Eindrücke. :-) *drückt Dich*

  5. Und diese Eindrücke sind dann auch meine Eindrücke :)

  6. Schön! Aber wie gesagt, die Realität war schöner. Mittlerweile verstehst Du es ja auch, weil Du selbst schon im Regen gelaufen bist.

  7. Oh ja und das ist wirklich schön! Ich hoffe morgen regnet es!! *lach*

  8. :D Das ist immer noch ungewohnt für mich. Vor allem Dein Regensatz. ;)

  9. Ich weiß, ich hab mich ja viele viele Jahre erfolgreich gewehrt. :)

  10. Da kenne ich noch jemanden! Ich war doch auch so.

  11. Ja, Regenläufe sind schön – so wortreich kann ich das nicht darstellen – aber schön sind sie auf jeden Fall.

  12. Damit wären wir nun schon vier. Erstaunlich! ;)

  13. Am liebsten mag ich den gleichmäßigen Landregen, ohne Wind. Schöner leichter Regen. Saubere Luft zum Atmen. Herrlich!

    Gruß Gerd

  14. Wind finde ich auch schön. Allerdings keinen Sturm und es muß durchregnen. 30 Minuten Regen und dann Sonne ist eher unschön. Entweder richtig oder gar nicht.

    Es gibt also doch ein paar Regenfans. Dachte ich nicht! ;)

  15. Hallo, lieber Marcus,

    wie schön, wieder daheim und dann gleich bei dir gelandet zu sein.

    Regen, unser Lieblingswetter, wie immer wunderschön in Worte gefasst

    Auch ich werde über einen Regen-Lauf zu berichten haben.

    Danke für diesen Ruhepol ! 8)

  16. Ich habe Deinen Bericht eben gelesen – sehr schön, Margitta! Vor allem die Enten sind soooo süß. Einfach nur herzig. :-)

  17. Der Regen ist schon O.K. aber muss es so kalt sein, Ich bin wie die Insekten, bei Kälte werde ich unbeweglich, ich hoffe nur auf warmes und heisses Wetter.
    Liebe Grüsse zentao

  18. Die heiße Phase wird sicher noch kommen. Aber wer weiß. Wie es derzeit ist, gefällt mir ganz gut.

  19. [...] mehreren Insassen, die sich rudernd den Sturmböen entgegen werfen. Déjà vu. Sind es die gleichen Frauen aus dem vergangenen Jahr? Erinnerungen aus dem letzten Juni tauchen vor meinem geistigen Auge auf. [...]

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